skip to content

Das Urteil - Jeder ist käuflich [2003]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 15. April 2004
Genre: Thriller / Drama

Originaltitel: Runaway Jury
Laufzeit: 127 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2003
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Gary Fleder
Musik: Christopher Young
Darsteller: John Cusack, Gene Hackman, Dustin Hoffman, Rachel Weisz, Bruce Davison, Bruce McGill, Jeremy Piven, Nick Searcy, Stanley Anderson, Cliff Curtis, Jennifer Beals, Gerry Bamman, Joanna Going, Marguerite Moreau, Dylan McDermott


Kurzinhalt:
Die Witwe eines bei einem Amoklauf getöteten Börsenmaklers (Dylan McDermott) verklagt den Hersteller der verwendeten Schusswaffe und verlangt Schadenersatz. Ihr Anwalt Wendell Rohr (Dustin Hoffman) ist sogar guter Hoffnung, dass sie den Prozess gewinnen können.
Jedoch könnte der aufsehenerregende Prozess zu einem Präzedenzfall werden, weshalb die gesamte Waffenindustrie natürlich ein großes Interesse an einem entsprechenden Ausgang hat. Aus diesem Grund hat die Verteidigung mit Rankin Fitch (Gene Hackman) einen Spezialisten engagiert, der über jeden einzelnen der zwölf Geschworenen die düstersten Geheimnisse ausgräbt, um sie damit erpressen zu können.
Das Urteil scheint schon so gut wie gekauft, doch Nicholas Easter (John Cusack), der eher unfreiwillig als Geschworener am Prozess teilnimmt, spielt sein eigenes Spiel. Während er in der Jury die Geschworenen beeinflusst, wendet sich seine Freundin Marlee (Rachel Weisz) außerhalb des Gerichts an Rohr und Fitch und bietet ihnen an, für eine stolze Summe das Urteil der Jury vorab zu erwerben.
Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, in dem nie klar ist, wer Gejagter und wer Jäger ist.


Kritik:
Dustin Hoffman
und Gene Hackman haben trotz eines Altersunterschiedes von sieben Jahren einiges gemeinsam: Sie wohnten bereits in New York zusammen und waren Klassenkameraden im Pasadena Playhouse, wo sie beide von ihren Mitschülern als diejenigen gewählt wurden, die "wenig Chancen auf Erfolg haben". Beide waren Fans von Marlon Brando und spielten zusammen auf dem Dach ihres Apartments Schlagzeug.
Und sie haben es in den letzten 40 Jahren ihrer bemerkenswerten Karrieren nicht geschafft, auch nur einen einzigen Film zusammen zu drehen. Es bedurfte einer John Grisham-Verfilmung, die schon seit Jahren in der Mache war, um sie endlich gemeinsam vor die Kamera zu bekommen.
Dabei ist Das Urteil für Hackman bereits der dritte Grisham-Film, da er zuvor sowohl in Die Firma [1993], als auch Die Kammer [1996] mitwirkte. Und doch hat sich das Warten auf ihr Zusammenkommen gelohnt, denn ihr einziger gemeinsamer Dialog in Das Urteil, der zudem noch auf einer Herrentoilette stattfindet, ist sowohl schauspielerisch, als auch dramaturgisch die beste Sequenz im Film.

Dies ist verständlicherweise ebenso den beiden Schauspieler-Legenden zu verdanken, wie dem tadellosen Drehbuch, das infolge seines Alters von einem halben Dutzend Autoren überarbeitet wurde, denn nachdem der Roman 1996 erschien, waren die Filmrechte ansich schon verkauft. Die ersten Drehbuchfassungen behandelten entsprechend der Romanvorlage das Thema eines Prozesses gegen die Tabakindustrie, das durch Michael Manns hervorragenden Thriller Insider [1999] allerdings einige Jahre früher erfolgreich auf die Leinwand gebracht wurde, wodurch die Thematik nun einfach nicht mehr passen wollte. Die folgenden Drehbuchversionen änderten die Grundvoraussetzungen auf Waffenhersteller ab, die vor den Kadi gezerrt werden – kein Wunder also, wenn der Film vom Roman über weite Strecken abweicht.
Der Gerichtsprozess selbst spielt in der Geschichte ohnehin nur eine untergeordnete Rolle. Das Skript verlässt sich stattdessen mehr auf die actionreiche und überaus spannend umgesetzte Frage, welche der drei Parteien denn nun am Ende der Verlierer sein wird.
Gespickt ist das Ganze mit wirklich einfallsreichen und amüsanten Manipulationen an den Geschworenen, die bisweilen gerade wegen ihrer Unverfrorenheit ein Schmunzeln beim Zuschauer hervorrufen. Wie Nicholas Easter die Mitglieder der Jury um den Finger wickelt, ist bisweilen derart originell und fast zu einfach, dass man selbst vermutlich auch darauf reingefallen wäre.
Dem gegenüber steht der nicht weniger hinterhältige, dafür weitaus professioneller arbeitende und mit High-Tech ausgerüstete Rankin Fitch, der bei jedem der Geschworenen ein Geheimnis findet, und damit natürlich eine Möglichkeit zur Erpressung. Als krassen Gegensatz dazu gibt sich Wendell Rohr, der Anwalt der Kläger, als ein ehrenwerter Jurist, der sich auf solche Spiele nicht einlassen möchte – bis er keine andere Wahl mehr sieht.
Die Parteien sind ausgewogen und bieten genügend Zündstoff für Diskussionen, vor allem aber sind ihre Motive und Entscheidungen beim Finale ziemlich überraschend geraten. Die Autoren haben hier eine überzeugende Arbeit abgeliefert, um die Figuren eindeutig zu charakterisieren, ohne in allzu bekannte Klischees abzudriften; zwar sind viele Storydetails schon altbekannt, dafür immer gut gewürzt und so abgewandelt, dass sie dennoch Spaß machen.
Das Intro von Gene Hackmans Charakter ist verblüffend, wie bezeichnend für sein späteres Verhalten und ebenso gelungen, wie das von Nicholas Easter und Wendell Rohr. Alle Hauptfiguren haben eine schöne Einleitungsszene zugeschrieben bekommen, die zudem durchaus witzig anzusehen sind.
Beklemmend hingegen ist der Anfang des Films geraten, in dem der Amoklauf aus der Sicht des Opfers geschildert wird. Statt hier auf reißerische Action zu setzen, war den Machern mehr daran gelegen, die Umstände zu zeigen, aus denen ein Opfer eines solchen Verbrechens mitten aus dem Leben herausgerissen wird. Von den privaten Sorgen eingenommen, sieht man sich urplötzlich einer Situation gegenüber, die man selbst nicht kontrollieren kann und deren Endgültigkeit erschreckend und niederschmetternd ist.
Hier offenbart sich, dass Das Urteil trotz der vielen eher amüsanten – und teilweise äußerst sarkastischen – Bemerkungen ein ernstzunehmender Thriller ist, der eigentlich nur einen Makel hat: Neben der schon utopischen Ausgangssituation, dass eine Waffenfirma für die Verbrechen, die mit ihren Produkten verübt werden, haftbar gemacht werden kann, ist die Auflösung des Prozesses leider gerade im Hinblick auf die Verhältnisse in den USA völlig unrealistisch und viel zu versönlich. Auch die Methoden, mit denen die Verteidigung die Geschworenen kontrolliert und durchleuchtet, wirken schlicht übertrieben.
Dem enormen Unterhaltungswert und der Spannung tun diese Kritikpunkte natürlich keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: Trotz der unzähligen Köche, die hier am Werk waren, ist das Drehbuch wirklich gut geraten und kann dank eines wohl durchdachten Aufbaus, einiger echter Überraschungen und intelligenter Dialoge überzeugen. Der (englische) Untertitel des Films könnte dabei nicht treffender sein: "Prozesse sind zu wichtig, um sie von Geschworenen entscheiden zu lassen."
Für Kenner des Buches sind zudem einige Anspielungen zur eigentlichen Thematik der Romanvorlage eingebaut worden: So rät Easter seinem Hausmeister, dass er besser mit dem Rauchen aufhören sollte, ganz und gar kein Nikotinpflaster wird hinter das Ohr des Verteidigers geklebt, und auch der rauchende Geschworene bekommt von allen Seiten Standpauken zu hören.

Neben der Geschichte lebt Das Urteil wie schon die erfolgreichen und vielfach eher ernüchternden Grisham-Verfilmungen in besonderem Maß von seiner Besetzung – und die ist bei Gary Fleders Film so hochkarätig wie schon lange nicht mehr.
Gene Hackmans und Dustin Hoffmans Mitwirkung ist bereits ein freudiges Ereignis für sich, auch wenn Hackman mit mehr Engagement als sein Kollege spielt. Der inzwischen 74-jährige Hackman überzeugt in der Rolle des durchtriebenen Rankin Fitch vollends und kommt gerade in seinen aufbrausenden Szenen hervorragend zur Geltung. Das Gespräch mit Hoffman in der Herrentoilette gehört schauspielerisch zum Besten, was er in den letzten Jahren auf die Leinwand brachte.
Hoffman hingegen wirkt in manchen Szenen beinahe schon zu aktiv und zu zappelig; zwar spielt er wirklich gut, dass er aber grundsätzlich zu mehr in der Lage ist, hat er schon oft bewiesen. Im Vergleich mit Wag the Dog - Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt [1997] sieht sein Spiel hier eher ein wenig blaß aus, was vielleicht auch daran liegt, dass er ansich Hackmans Part haben wollte.
Ihnen gegenüber stehen John Cusack und Rachel Weisz als undurchschaubares Pärchen, die beide mit genügend Engagement mimen, um ihre Charaktere glaubhaft zu verkörpern. Die Chemie zwischen den beiden stimmt, und obwohl John Cusack in Identität [2003] etwas interessierter wirkte, scheint er hier gerade in den ernsteren Szenen und auch bei seinen Manipulationen der Jury-Mitglieder großen Spaß gehabt zu haben. Weisz hat nicht ganz so viel zu tun, überzeugt in ihrer Rolle aber ebenfalls problemlos.
Bei einer derartigen Riege in den ersten Reihen geraten andere Darsteller fast zwangsläufig in den Hintergrund: Bruce Davison (bekannt unter anderem aus X-Men [2000]) und Bruce McGill (Last Boy Scout – Das Ziel ist Überleben [1992]) bekleiden beide zwar nur Nebenrollen, sind aber immer wieder gern gesehen und wurden passend besetzt.
Einen sehr kurzen Auftritt (er wird nicht einmal im Vor- oder Abspann genannt) hat Dylan McDermott, der seit seinem Ausstieg als Hauptdarsteller der Serie Practice - Die Anwälte [seit 1997] zwar wieder häufiger im Kino zu sehen ist, aber meist eben leider nur in Nebenrollen. Der überaus charismatische Schauspieler könnte dabei auch problemlos in vorderster Reihe mitwirken; dass er das Zeug dazu hat, beweist er hier in den ersten vier Minuten.

Die Inszenierung von Regisseur Gary Fleder ist großteils routiniert und sauber gelungen, doch auch er hätte wie Schauspieler Dustin Hoffman von einer ruhigeren Gangart deutlich profitiert.
Der inzwischen 38 Jahre alte Filmemacher machte zum einen durch den Thriller ...denn zum Küssen sind sie da [1997] (mit Morgan Freeman) auf sich aufmerksam, konnte den Erfolg mit dem ansich besseren Sag' kein Wort [2001] aber bedauerlicherweise nicht wiederholen.
In Das Urteil zeigt er über weite Strecken, dass eine besonnene Inszenierung grundsätzlich kein Problem für ihn ist, gerade die Gespräche unter den Geschworenen oder im Prozess sind natürlich eingefangen und bieten trotz der raschen Schnittfolgen und des Erzähltempos immer genügend Übersicht.
Selbiges wandelt sich aber, wenn das Geschehen durch die Fotografen der Verteidigung gezeigt wird; dann wechseln sich Zooms mit ständig unscharfen Bildern und einem enormen Wackelgehalt ab, die mit Sicherheit nicht jedermanns Sache sind. Am ärgerlichsten ist jedoch, dass bei wirklich jeder kleinen Actionszene, jedem Stunt – sei es nun, wenn einer der Charaktere herumgewirbelt wird, oder eine Windschutzscheibe zerbricht – eine Zeitlupe eingesetzt wird. Das sieht nicht nur reißerisch aus, sondern macht aufgrund der Tatsache, dass die Zeitlupe nicht schon beim Dreh mit mehr Bildern pro Sekunde aufgenommen, sondern erst nachträglich im Schneideraum künstlich erzeugt wurde, einen unprofessionellen Eindruck. Statt einer flüssigen Bewegung, die eben durch die Slow-Motion-Kamera langsamer abläuft, bekommt der Zuschauer – wie unter anderem aus Lara Croft: Tomb Raider [2001] bekannt – eine schneller ablaufende Diashow zu sehen. Das ist bisweilen nicht nur peinlich, sondern schlicht billig.
Das französische Ambiente der Umgebung in New Orleans wird dagegen gut eingefangen; was man aber vermisst, ist die für diesen Teil der USA bekannte chronische Hitze und Schwüle, die zwar als ein Klischeeelement bezeichnet werden könnte, aber sicher auch noch mit in Easters Manipulationen der Geschworenen hätte einfließen können (zum Beispiel durch einen Ausfall der Klimaanlage).
Ansonsten gibt es an Farben und Bildkomposition (beispielsweise bei der Einführung von Rankin Fitch) nur wenig besser zu machen, nur die allzeit präsente Hektik ist in Hinsicht auf die Dramaturgie nicht immer von Vorteil.

Komponist Christopher Young ist ein sehr wandlungsfähiger Musiker, der unter anderem den Science Fiction-Horror Species [1995] und das Drama Murder in the First - Lebenslang in Alcatraz [1995] vertonte; auch sein Score zu Hard Rain [1998] ist wirklich hörenswert; bei Runaway Jury, so der Originaltitel des Films, wirken seine Themen aber wie aus allen möglichen Gerichtsfilmen zusammengeklaut. Hier und da erinnert eine Passage an Thomas Newman, und ab und zu könnte man vom Elektronischen her beinahe an Insider von Lisa Gerrard denken, auch Elliot Goldenthals Score von Die Jury [1996] meint man bisweilen heraushören zu können.
Für das Geschehen auf der Leinwand eignen sich die teilweise schon mechanisch anmutenden Klänge aber gut und vermitteln auch das passende Geschwindigkeitsgefühl in den schnelleren Passagen. Eine durchgängige Melodie und Instrumentenauswahl hätte man sich dennoch gewünscht, zumal manche Abschnitte ein wenig zu fröhlich und witzig klingen, und die Musik insgesamt für sich allein gesehen uninspiriert und identitätlos erscheint.

John Grisham ist in Mississippi auf die Universität gegangen und machte 1981 seinen Abschluss in Rechtswissenschaften, daraufhin arbeitete er 10 Jahre lang als Anwalt. Bereits 1984 begann er die Arbeit an seinem ersten Buch, Die Jury, das 1988 veröffentlicht wurde.
Inzwischen hat er den Anwaltsberuf an den Nagel gehängt, allein in den 1990er Jahren über 60 Millionen Bücher verkauft und damit ein Vermögen gemacht.
Wenn man sich die Themen seiner Romane ansieht, sei es nun der Blick hinter die trügerische Fassade einer Anwaltskanzlei in Die Firma oder einen Anwalt, der in Der Klient [1994] in den Selbstmord getrieben wird, ganz zu schweigen von den schmutzigen Methoden, mit denen eine Jury beeinflusst werden soll, oder sein Plädoyer gegen die Todesstrafe in Die Kammer, dann kann man auch bei Das Urteil nicht umhin zu bemerken, dass Grisham offensichtlich kein allzu großes Vertrauen in die amerikanische Justiz hegt, von seinem Bekenntnis gegen die Tabakindustrie ganz zu schweigen.
Vielleicht haben gerade aufgrund seiner kritischen Einstellung die jüngsten Verfilmungen, darunter auch Das Urteil immer weniger Erfolg gehabt. Letzterer spielte seine Kosten von immerhin 60 Millionen Dollar in den Staaten nicht ganz wieder ein - angesichts fehlender Konkurrenz im Kino eher unverständlich.
Möglicherweise stoßen die durchaus kritischen Standpunkte gegenüber der Handhabung der Gesetze in den USA aber gerade im Ausland, das die berühmt-berüchtigten Verfassungszusätze im Land der unbegrenzten (manchmal jedoch mehr als gefährlichen) Möglichkeiten eben nicht als Allheilmittel ansieht, eher auf offene Ohren.
Es wäre zu hoffen, denn hinter Gary Fleders Film versteckt sich ein interessantes und spannendes Drama, das dank dem umwerfenden Gene Hackman auch im Kino sehenswert ist. Zwar ist die Auflösung leider völlig realitätsfern, am Unterhaltungswert rüttelt dieser Umstand aber glücklicherweise nicht.


Fazit:
Jeder Mensch ist käuflich, es bedarf nur eines bestimmten Preises – oder aber eines Geheimnisses, das der- oder diejenige nicht veröffentlicht sehen will – um Meinungen zu erwerben. Die John Grisham-Verfilmung spielt gekonnt mit der Verwundbarkeit des amerikanischen Rechtssystems, das auf Geschworenengerichten basiert, und zeigt in einer manchmal gar nicht so abwegigen Weise auf, welche Macht von der allseits präsenten Waffenlobby tatsächlich ausgeht.
Dass die Macher vielerorts mit technischen Spielereien übertreiben, ist nicht von der Hand zu weisen, dennoch ist Das Urteil ein intelligenter, überaus unterhaltsamer und vor allem von Hackman, Hoffman, Cusack und Weisz wirklich gut gespielter Thriller, der seine Höhepunkte in der Manipulation der Jury findet.
Zwar nicht ganz so gelungen wie Die Jury, aber beinahe – und seither zweifelsohne die beste Grisham-Verfilmung.


Treffpunkt: Kritik empfiehlt TEUFEL LAUTSPRECHER GmbH – für den perfekten Heimkino-Sound!
Ok. Treffpunkt: Kritik verwendet Cookies, um den Internetauftritt bestmöglich an die Besucher anpassen zu können.
Sofern Sie auf dieser Seite bleiben, stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung.