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Chasing Ice [2012]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 12. Juni 2016
Genre: Dokumentation / Biografie

Originaltitel: Chasing Ice
Laufzeit: 75 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2012
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Jeff Orlowski
Musik: J. Ralph
Personen: James Balog, Svavar Jónatansson, Louie Psihoyos, Kitty Boone, Sylvia Earle, Dennis Dimick, Adam LeWinter, Jason Box, Tad Pfeffer, Suzanne Balog, Jeff Orlowski


Hintergrund:

Naturfotograf James Balog macht sich auf, die Auswirkungen der globalen Erwärmung anhand des Gletscherschwunds zu dokumentieren. Hierfür installiert er mit seinem Forschungsteam Kameras an festen Positionen in Island, Grönland und Alaska. Als es ihnen gelingt, in diesen extremen Wettergebieten überhaupt brauchbare Aufnahmen zu machen, übertreffen die Ergebnisse selbst ihre kühnsten Erwartungen – und größten Befürchtungen.


Kritik:
Kurz vor Schluss gibt es bei Chasing Ice eine Einstellung, die besser nicht verdeutlichen könnte, was die Dokumentation und Fotograf Jame Balog darin zum Ausdruck bringen wollen. Dieses Bild zeigt Blöcke von abgebrochenem Eis am Strand, während im Hintergrund die Wellen ans Ufer schlagen. Was wie eine Großaufnahme kleiner Skulpturen aussieht, wird in Perspektive gerückt, als der Fotograf sich vor einen dieser Eisblöcke stellt, der größer und doppelt so lang sind wie er. Auf gleiche Art rückt die Dokumentation zurecht, welche Auswirkungen die gezeigten Veränderungen unserer Welt haben werden.

Das eigentliche Thema von Jeff Orlowskis Dokumentation ist dabei der Klimawandel, der anhand von Gletscherveränderungen nachvollzogen werden soll. Und wer auf dem Planeten Erde lebt, muss hierzu auch eine Meinung besitzen. Entweder man kann die Argumente von Wissenschaftlern rund um die Welt nachvollziehen, oder nicht. Das oft angeführte Argument, dass sich auch die Wissenschaftler nicht einig wären, ist bereits seit geraumer Zeit nicht mehr richtig: Die Wissenschaft ist sich einig, uneins sind Politiker und die "normale" Bevölkerung auf dem Planeten. Vielleicht gelingt Chasing Ice dabei das, was bei all dem Jonglieren mit Zahlen und Statistiken, bei dem Zitieren von °-Celsius-Veränderungen der Durchschnittstemperatur auf der Welt und bei den vielen Debatten, die sich oft um Details drehen, untergeht. Vielleicht kann diese 75 Minuten dauernde Dokumentation verdeutlichen, wie sich all diese Zahlen auswirken. Auswirken im Laufe einer Zeitspanne, die wir Menschen verstehen können, denn ziehen Geologen Vergleiche von Zehntausenden von Jahren heran, fällt es mir durchaus schwer, einen Bezug zum Hier und Jetzt herzustellen.

Im Kern der Dokumentation steht der Fotograf James Balog, der nach eigenen Aussagen dem vieldiskutierten Klimawandel skeptisch gegenüberstand. Im Jahr 2007 gründete er das "Extreme Ice Survey" (kurz: EIS) Forschungsprojekt und wollte anhand von Zeitrafferaufnahmen darlegen, wie sich der Klimawandel an bestimmten Gletschern auf der Welt nachvollziehen lässt. Zusammen mit einem Team installierte Balog in Island, Grönland und Alaska mehrere Dutzend Kameras, die während des Tages regelmäßig Aufnahmen machen sollten.

Wie komplex die Organisation eines solchen Unterfangens ist, streift Chasing Ice zu Beginn und zeigt auf, mit welchen Schwierigkeiten das Team zu kämpfen hatte. Die Witterung stellt dabei nicht nur die Forscher, sondern auch das Equipment vor ungeahnte Probleme. So interessant diese Hintergrundinformationen sind und so bewundernswert auch der persönliche körperliche Einsatz von James Balog, sie sind nicht notwendigerweise der Grund, weshalb das Publikum hier zusieht.

Wer sich dennoch auf Chasing Ice einlässt, den erwarten Eindrücke, die scheinen, als wären sie auf einem anderen Planeten gemacht. Seen auf der Eisoberfläche von Grönland, Wasserfälle inmitten einer Eisdecke, die ins Nichts zu stürzen scheinen und Aufnahmen eines Gletscherabbruchs, bei denen es einem die Sprache verschlägt.
Die Farben und Formen besitzen eine Faszination und eine so unvorstellbar raue Schönheit, dass man sich kaum vorstellen kann, welche Naturgewalt dahinter steckt.

Dieser Zusammenhang ist es, den Regisseur Jeff Orlowski hier herzustellen versucht, selbst wenn ihm die Verknüpfung zwischen den abschmelzenden Gletschern und den extremen Unwetterkatastrophen dieser Zeit nicht gelingt. Es muss in diesem Fall ausreichen, dass das Publikum erkennt, welche Kräfte notwendig sind, um eine Gletscherzunge von der Fläche Lower Manhattans, nur bedeutend höher, kalben zu lassen und dass was hier freigesetzt wird, die ganze Erde verändern wird. Es muss ausreichen. Und bemerkt man an sich selbst, wie es einem angesichts dieser Eindrücke die Luft wegbleibt, dann kann man nur hoffen, dass es den meisten Zusehern so ergeht.


Fazit:
Auch wenn die vielen privaten Eindrücke von James Balog, seiner Familie und dem EIS-Team auf den ersten Blick für eine solche Dokumentation nicht notwendig erscheinen, sie verdeutlichen, dass nicht irgendwelche Wissenschaftler in klimatisierten Büroräumen Zahlen ausgewertet haben und hier ihr Ergebnis präsentieren. Die deutliche Aussage von Chasing Ice beruht auf Beobachtungen ganz normaler Menschen, die für ihre nie dagewesenen und unvergesslichen Bilder Außergewöhnliches geleistet haben.
Die Zeitrafferaufnahmen sprechen dabei für sich und sorgen angesichts dieser unverfälschten und ebenso berauschend poetischen wie zerstörerisch beunruhigenden Eindrücke für ein beklemmendes Gefühl. Wenn auch nur die geringste Chance besteht, dass wir Menschen dafür verantwortlich sind, wäre es dann ist es in unserem eigenen Interesse und in dem der nachfolgenden Generationen, alles nur Mögliche zu tun, um die Auswirkungen zu verringern? Wie Regisseur Jeff Orlowski treffend feststellt, erdgeschichtliche Veränderungen lassen sich nicht nur in Büchern nachlesen oder anhand von Fossilien erkennen. Sieht man sich diese Bilder in Chasing Ice an, dann wird deutlich, dass wir diese Veränderungen miterleben. Entscheiden Sie selbst, ob man davor wirklich die Augen verschließen kann.    


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