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Baraka [1992]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. März 2012
Genre: Dokumentation

Originaltitel: Baraka
Laufzeit: 96 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1992
FSK-Freigabe: ohne Altersbeschränkung

Regie: Ron Fricke
Musik: Michael Stearns


Hintergrund:
Von den 1950er bis hin zu den 70er Jahren wurden manche Hollywoodfilme auf einem speziell entwickelten 70mm-Film aufgenommen. Gegenüber dem herkömmlichen 35mm-Filmstreifen bietet der 70mm-Film dreimal so viel Fläche, was sich wiederum in deutlich mehr Details bemerkbar macht, von der einfacheren Möglichkeit für Vergrößerungen ganz zu schweigen. Einer der bekanntesten Vertreter jener Filmaufnahmen ist Cleopatra [1963] mit Hauptdarstellerin Elizabeth Taylor. Der letzte Film jener Art war Das vergessene Tal [1971]. Seither nutzten allenfalls IMAX-Produktionen wie Hubble 3D [2010] die verwandte 65mm-Filmtechnik. Selbst Leinwandepen wie Der mit dem Wolf tanzt [1990] oder Titanic [1997] entstanden auf herkömmlichem 35mm-Film.
Für seinen Bilderreigen Baraka griff Filmemacher Ron Fricke 1992 auf 70mm-Film zurück. Von dem gewonnenen Detailreichtum profitiert man verständlicherweise am meisten, wenn der Film auch in einem dafür ausgerüsteten Kino gezeigt wird. Im Jahr 2007 wurden die Originalnegative in einem aufwändigen Verfahren in einer so genannten 8K-Abtastung digitalisiert. Zum Vergleich, die inzwischen etablierten HD-Fernseher mit entsprechenden Blu-ray-Abspielgeräten weisen eine 2K-Auflösung (von 1920 × 1080 Pixeln) auf. Die 8K-Auflösung soll der übernächste Schritt in einer Weiterentwicklung höherer Auflösungen werden und wird auch als Ultra High Definition bezeichnet. Die Auflösung ist hier 16 Mal so hoch wie bei HDTV – dementsprechend mehr Bildinformationen und Details sind zu sehen. Die Restaurierung dauerte beinahe eineinhalb Jahre, ehe Baraka 2008 erneut im Heimvideobereich veröffentlicht wurde. Insbesondere die restaurierte Blu-ray-Ausgabe wartet mit einer Detailtreue, einem Farbspektrum und einer Schärfe auf, die beispiellos bleibt. Es kommt dem vielleicht am nächsten, wie Regisseur Ron Fricke beabsichtigte, dass man Baraka erleben sollte ...


Kritik:
Es gibt Filme, die entziehen sich jeder Kategorisierung. Baraka als Dokumentation zu bezeichnen, ist grundsätzlich nicht richtig, doch es kommt dem Film am nächsten. Streng genommen ist es ein bisweilen meditatives Bilderkaleidoskop, das in nicht unbedingt geordneter Reihenfolge Eindrücke unseres Planeten zusammenstellt. Deren Bedeutung immer zu erfassen ist nicht leicht, oder gar nicht möglich, und es mag auf jeden Zuseher anders wirken, je nachdem, in welcher Stimmung er/sie sich befindet. Dass Regisseur Ron Fricke, der über einen Zeitraum von 14 Monaten in 24 Ländern auf allen Kontinenten filmte, etwas damit aussagen möchte, ist unbestritten. Was ihm zweifelsfrei gelingt ist, Emotionen durch seine Bilder zu erzeugen. Diese reichen von Freude, Neugier, Verwunderung, Staunen und Dankbarkeit bis hin zu Wut, Trauer, Scham, Melancholie und Zorn. Und er erreicht dies, ohne ein Wort zu sagen, und ohne vorzustellen, in welchen Teilen der Welt die Bilder entstanden sind.

Eingerahmt wird die Erzählung mit einem Blick auf die unberührte Natur und Kulturen, die mit ihr in Einklang leben. Von Vulkanen über die Galápagos-Inseln, bis nach Afrika, Tibet und am Ende nach Indien. Im Mittelbereich findet sich nach einer buchstäblichen Zäsur ein Abschnitt, in welchem die Menschen und was sie bewirken im Mittelpunkt stehen. Mit Zeitrafferaufnahmen gelingt Baraka dabei eine mitunter lustig anmutende, aber in ihrer Symbolik sehr tragische Beobachtung. Mit Leichtigkeit wechseln sich Naturaufnahmen mit Bildern viel belebter Metropolen ab, die aus heutiger Sicht nur die erschreckende Frage offen lassen, um wie viel stärker die Bevölkerungsdichte nach nun 20 Jahren sein muss – und wie wenig von der unberührten Natur heute noch übrig ist.
Wenn Regisseur Fricke Menschen in seinen Bildern zeigen will, dann tut er dies mit Bedacht. Gleichzeitig gelingen ihm Aufnahmen, in denen es so aussieht, als hätte er Orte gefunden, in welche die Menschen noch nicht vorgedrungen sind. Auch wenn jener Raum bereits ebenso erschlossen ist.

Während viele Bilder von Canyons, Landschaften oder Vegetation etwas Friedliches besitzen, und insbesondere das Porträt von Mönchen von Zufriedenheit, Friedfertigkeit und doch einer gewissen Neugierde geprägt ist, scheinen die Bilder der "zivilisierten" Städte mehr von organisiertem Chaos und Traurigkeit zu sprechen. Von den Errungenschaften der modernen Welt wie Massenbeschäftigung in Fabrikhallen, bis hin zur Massentierhaltung oder zum Massentransport in den öffentlichen Verkehrsmitteln, ist es nur ein kleiner Schritt. Und von den Zeitzeugen der Konzentrationslager hin zu den aktuellen Kriegsgebieten und Waffenfriedhöfen ein fließender Übergang. Es ist, als wollten die Bilder von Baraka einem vor Augen führen, wozu die Menschen im Stande sind, dass sie sowohl die Natur als auch sich selbst bestimmten Strukturen unterwerfen und sich dabei der Schönheit des Natürlichen berauben. Und dass sie trotz des Leids, das sie sich angetan haben, nicht in der Lage sind, daraus zu lernen. Doch vielleicht lassen wir uns ja von der falschen Seite aus inspirieren?

Das Schöne an jedem Kunstwerk ist, dass es keine ganzheitlich richtige, oder falsche Interpretation gibt. Ein jeder wird darin etwas finden, was er/sie wiedererkennt, weil man die Erkenntnis hierfür bereits mitgebracht hat. Nichtsdestotrotz besitzen manche Passagen eine Wirkung, bei der einem unwohl wird durch die Bilder und Klänge, mit denen man konfrontiert wird. Der halb gesprochene, halb gesungene Dialog mit den zwei Männergruppen zählt dazu. Ohne zu wissen, wovon ihr Diskurs handelt, ist es schwer, ihn einzuschätzen.
Gleichzeitig machen einen Aufnahmen von Jahrhunderte (oder Jahrtausende) alten Tempelanlagen sprachlos. Wie privilegiert muss ein Mensch sein, der in für bestimmte Glaubensgemeinschaften heilige Hallen eintreten darf und dem dort Aufnahmen von prunkvoll verzierten Altaren gestattet werden? Sieht man von den halb von der Natur zurückeroberten, steinernen Gebäuden aus über die Sumpflandschaft in den Sonnenuntergang, kann man Erkenntnisse förmlich spüren, die einem sonst immer vorenthalten bleiben.

Dank der Technik, in welcher Baraka aufgenommen wurde, vibrieren die Bilder vor Leben und Details. Manchmal, sei es bei eben jenen Tempeln oder aber Bildern der Canyons, der Sternenhimmel oder Wolkenzüge, hat man das Gefühl, die Bilder wollten den Rahmen des Fernsehers sprengen, als wäre zu wenig Platz, darzustellen, was sich darin verbirgt. Es würde nicht überraschen, würde der Rauch des betenden Bärtigen urplötzlich über den Bildschirm hinaussteigen. Von Rand zu Rand besitzen die Aufnahmen eine Schärfe und eine Plastizität, die das Marketing-Instrument der Filmindustrie von heute, 3D, vollkommen überflüssig machen. Von dem abgebildeten Farbspektrum ganz abgesehen.
Die musikalische Untermalung von Michael Stearns sorgt dafür, dass die Bilder vom ersten Anblick an eine gewisse Stimmung besitzen. Mit den Kulturen angemessenen Klängen und Instrumenten gibt er sich alles andere als minimalistisch und doch nie aufdringlich. So hypnotisierend die Bilder ohne die begleitenden Geräusche sind, erst durch sie werden sie inspirierend.


Fazit:
Möchte man Baraka beschreiben, kommt man um Superlative nicht herum. Und doch ist es verständlich, wenn Zuschauer mit dem ungewöhnlichen Filmerlebnis nichts anzufangen wissen. Regisseur Ron Fricke geht es nicht darum, wie in einer Dokumentation üblich, möglichst viele Informationen zu einem Thema unterzubringen. Er möchte mit seiner Bilderauswahl und dem dazugehörigen Tongewand sein Publikum an Atmosphäre teilhaben lassen. So allgemein der Blick auf unsere Welt ist, bedeutet es jedoch nicht, dass er damit keine Aussage treffen möchte.
Sieht man sich die Aufteilung von Baraka an, ist kein Szenenwechseln, kein Übergang zwischen den einzelnen Aufnahmen willkürlich oder zufällig. Bisweilen stellt er Kontraste oder Ähnlichkeiten hervor. Zeigt Parallelen und bietet Raum für Interpretationen. Beiläufig macht er Beobachtungen, die eine universelle Gültigkeit besitzen. Doch vor allem öffnet er einem interessierten und begeisterungsfähigen Publikum die Augen angesichts der Vielfalt und der Eindrücke, die überall auf einen warten.
Das ist nicht nur wichtig, sondern als meisterhaftes Kunstwerk zeitlos gültig und vor allem in einer technischen Brillanz dargebracht, dass es kaum möglich ist, sich dem zu entziehen. Inspirierend und faszinierend zugleich zählt Baraka zu den ungewöhnlichsten Filmerlebnissen. Doch ist es eines, das man auf keinen Fall verpassen sollte.


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