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Alles Geld der Welt [2017]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 13. Januar 2018
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: All the Money in the World
Laufzeit: 132 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Ridley Scott
Musik: Daniel Pemberton
Darsteller: Michelle Williams, Christopher Plummer, Mark Wahlberg, Charlie Plummer, Romain Duris, Timothy Hutton, Charlie Shotwell, Andrew Buchan, Marco Leonardi, Giuseppe Bonifati


Kurzinhalt:

Im Jahr 1973 wird in Rom der Enkel von Ölmagnat und Kunstsammler J. Paul Getty (Christopher Plummer), seines Zeichens reichster Mann der Welt, entführt. Der erst 16jährige Paul (Charlie Plummer) wird nach Süditalien verschleppt, seine Entführer verlangen 17 Millionen US-Dollar Lösegeld. Nicht nur, dass Pauls Mutter Gail (Michelle Williams) so viel Geld gar nicht besitzt, sie hat sich nach der Scheidung schon vor Jahren von der Getty-Familie abgewendet. Als sie ihren früheren Schwiegervater um Hilfe bittet, lehnt dieser ab, schließlich würde er sich dann erpressbar machen. Während Paul in dem Kidnapper Cinquanta (Romain Duris) zumindest eine Person findet, dem sein Schicksal nicht vollkommen egal ist, sind die Kidnapper dennoch gewillt, alle Mittel einzusetzen, um an das Lösegeld zu bekommen. Zusammen mit Gettys Sicherheitsberater Fletcher Chase (Mark Wahlberg) versucht Gail, ihren Sohn zu befreien, dabei bringen Gettys Versuche, das Lösegeld herunterzuhandeln, seinen Enkel nur in noch größere Gefahr …


Kritik:
Ridley Scotts Alles Geld der Welt ist ein Film, der noch vor Kinostart die mediale Aufmerksamkeit aus den falschen, wenn auch keineswegs weniger wichtigen Gründen bekam. Nach den im Herbst 2017 öffentlich gewordenen Missbrauchsvorwürfen durch Darsteller Kevin Spacey, entschied Regisseur Scott, dessen tragende Rolle als Ölmagnat J. Paul Getty neu zu besetzen. So verkörpert nun Christopher Plummer die Figur. Ob der Film dadurch gewinnt, oder verliert, sei dahingestellt, denn so beeindruckend das Ergebnis angesichts der Umstände zweifelsohne ist, die Schwachpunkte des Thriller-Dramas liegen an anderer Stelle.

Dabei verheißt die Nacherzählung einer der aufsehenerregendsten Entführungsfälle der letzten 50 Jahre ein durchaus packendes Filmerlebnis. Im Jahr 1973 wird in Rom der 16jährige Paul entführt. Er ist dabei niemand geringeres, als John Paul Getty III, Enkel des Öl-Tycoons Jean Paul Getty, seines Zeichens der reichste Mann der Welt. Die Entführer verlangen ein hohes Lösegeld, das Getty nicht bereit ist, zu zahlen. Vor der Presse bringt er an, dass er noch 13 weitere Enkelkinder habe und wenn er sich ein Mal zur Zahlung eines Lösegelds bewegen lasse, würde er dies wieder und wieder tun müssen. Bedenkt man, dass sich die Entführung Pauls beinahe ein halbes Jahr hinzog, ist es wenig verwunderlich, dass Alles Geld der Welt das Geschehene nicht als temporeichen Thriller präsentiert. Allerdings scheint der Filmemacher auch nur wenig bemüht, diesen Aspekt der Ereignisse in den Mittelpunkt zu rücken.

Das erste Drittel des Films beschäftigt sich stattdessen mit der Figur J. Paul Getty und seinem Werdegang. In Rückblenden wird erzählt, wie er zu seinem enormen Reichtum gekommen und was er für ein Mensch gewesen ist. Getty ist dabei ein Mann, der selbst auf seinem Anwesen in England für Gäste eine kostenpflichtige Telefonzelle hat installieren lassen. Dass ihm seine Familie nicht wichtig wäre, kann man andererseits jedoch nicht behaupten. Noch als Paul ein Kind ist, stellt Getty Pauls arbeitslosen Vater ein und gibt ihm einen verantwortungsvollen Posten. Doch der ist diesem nicht gewachsen und als sich Pauls Mutter Gail scheiden lässt und abgesehen von Unterhalt für die Kinder und dem alleinigen Sorgerecht nichts für sich selbst verlangt, empfindet das Getty gleichermaßen als Affront wie als Niederlage.
Gettys nach außen gerichtete Kälte scheint somit nur eine Front, seine Enkel sind ihm nicht egal. Offen bleibt anfangs, ob dieses Interesse ehrlich oder nicht nur vorgeschoben ist. Schließlich sendet er seinen Sicherheitsberater Fletcher Chase, um Paul aus den Fängen seiner Entführer im süditalienischen Kalabrien zu befreien.

Erst ab der Hälfte, wenn sich Regisseur Scott auch vermehrt auf den entführten und von Charlie Plummer stark gespielten Paul konzentriert, wandelt sich Alles Geld der Welt zumindest streckenweise zu einem Thriller und zeigt den dramatisierten Verlauf dieser Entführung samt eines gescheiterten Fluchtversuchs oder der Tatsache, dass Paul von einer Erpressergruppe an eine andere verkauft wurde. Wie bei dem Filmemacher nicht anders zu erwarten, ist die Ausstattung durchweg hervorragend und erweckt die frühen 1970er-Jahre auf authentische Weise zum Leben, ohne zu sehr auf nostalgische Elemente zu setzen. Allerdings versäumt es das Drehbuch, ein wirkliches Gefühl für die verstrichene Zeit zu entwickeln. Zwar wird einmal erwähnt, dass Paul bereits seit Monaten entführt ist, aber wie lange tatsächlich, verrät der Film nicht. Anfangs noch von eingrenzenden Bildunterschriften begleitet, die sowohl die Orte als auch die Zeit konkretisieren, verliert sich dieses Detail im Verlauf zusehends.

Schon aus dem Grund fällt es schwer, das Verhalten von Gail Harris, deren Sohn wer-weiß-was angetan wird, vollkommen nachzuvollziehen. Die Darbietung von Michelle Williams ist dabei durchaus gelungen und steht der von Christopher Plummer als Getty nicht nach, doch wirkt sie auf eine Weise unterkühlt, dass ihr Martyrium nie mitreißt. Es sind vielmehr die nüchternen geschäftlichen Überlegungen Gettys, die einen sprachlos werden lassen.
Wenn der Filmemacher das Tempo anzieht, oder Paul in einer Szene der blanken Gewalt der entschlossenen Kidnapper ausgesetzt wird, beeindruckt Alles Geld der Welt auf eine Weise, wie man es insgesamt erwarten würde. Doch von diesen Momenten gibt es nur wenige und sie liegen weit auseinander.


Fazit:
Bedenkt man, in welch kurzer Zeit Regisseur Ridley Scott seinen Film teilweise neu drehen und schneiden musste, dass die beteiligten Darstellerinnen und Darsteller nochmals erscheinen und die Szenen mit Christopher Plummer als Jean Paul Getty neu aufnehmen mussten, ist es das vielleicht größte Kompliment zu sagen, dass man dies Alles Geld der Welt ein keinem Moment anmerkt. Im Gegenteil, Plummers Darbietung als Oberhaupt des Familienimperiums, der doch nie versteht, was Familie bedeutet und der seinen Reichtum nie genießen kann, ist ergreifend. Selbst in den Szenen, in denen er nicht zu sehen ist, spürt man seine Präsenz. Handwerklich gibt es nichts zu bemängeln, doch will der Filmemacher wohl zu viel: Die Vermischung von Charakterstudie, Drama und Thriller findet nur selten in den richtigen erzählerischen Abschnitten den richtigen Schwerpunkt und lässt dadurch – unterstützt von den kalten Farbfiltern – eine emotionale Zugkraft vermissen. So bleibt man durch die ruhige Erzählgeschwindigkeit stets nur Zuschauer, anstatt mitgerissen zu werden.
 


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