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Akte X: "Die Wahrheit" [2002]

Wertung: 3.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 19. Februar 2003
Genre: Science Fiction / Thriller

Originaltitel: The X Files: "The Truth"
Laufzeit: 84 min.
Produktionsland: USA / Kanada
Produktionsjahr: 2002
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Kim Manners
Musik: Mark Snow
Darsteller: David Duchovny, Gillian Anderson, Robert Patrick, Annabeth Gish, Mitch Pileggi


Kurzinhalt:
Fox Mulder (David Duchovny) dringt in einem geheimen Militärkomplex ein, immer noch auf der Suche nach der Wahrheit. Dort tötet er in Notwehr den Wachmann Knowle Rohrer (Adam Baldwin) – zumindest wird ihm das vorgeworfen, denn eigentlich ist Rohrer einer der unverwundbaren Supersoldaten.
Mulder wird gefangengenommen, und in einem Prozess mit hochrangigen FBI-Beamten als Richtern, der auf Drängen von FBI Deputy Director Kersh (James Pickens Jr.) hin geführt wird, soll Mulders Schuld erwiesen werden.
Der Alienjäger bittet FBI Assistant Director Walter Skinner (Mitch Pileggi) darum, ihn zu vertreten. Mulders langjährige Partnerin und enge Freundin Dana Scully (Gillian Anderson), die FBI Agenten John Doggett (Robert Patrick) und Monica Reyes (Annabeth Gish) sagen ebenso wie viele andere für Mulder aus und wollen beweisen, dass hinter alledem eine Verschwörung der US-Regierung steckt, die eine außerirdische Invasion vorbereiten.
Mulder wird schuldig gesprochen und soll hingerichtet werden; doch ebenso sehr wie die Mitarbeiter der X-Akten für die Wahrheit kämpfen, kämpfen sie nun um das Leben ihres Freundes Mulder ...


Kritik:
Im September 1993 feierte in den USA eine Fernsehserie ihren Einstand, die nicht nur im Fernsehen neues Land betrat. Die von Chris Carter ins Leben gerufene Reihe um zwei FBI-Agenten, die Verschwörungen und Alieninvasionen auf der Spur sind, war beispiellos in Sachen Erfolg, Innovation und Produktionsaufwand – eine Zeit lang.
Weder die Produzenten, noch Carter selbst glaubten zu Anfang, dass das Format Erfolg haben würde – und alle waren überrascht, als nach den ersten 10 Episoden vom Studio neue geordert wurden. Dies gab den Autoren Gelegenheit, eine Hintergrundgeschichte um Haupfigur Fox Mulder aufzubauen, die viel weiter reichte, als die anfängliche Information, dass seine Schwester von Aliens entführt wurde und er sich seither beim FBI um die kleine Abteilung der X-Akten kümmerte, die sich mit paranormalen oder ungelösten Fällen beschäftigte. Beim FBI wurden die X-Akten zwar geduldet, man versuchte aber ständig, Gründe für die Einstellung der Tätigkeit zu finden. Dem wäre wohl auch schon viel früher so gewesen, hätten nicht im Schatten verweilende Gönner Mulder (David Duchovny) unter ihre Fittiche genommen.
Dem überzeugten "Gläubigen" an die Seite gestellt wurde die Wissenschaftlerin und Ärztin Dana Scully (Gillian Anderson), die Mulders Arbeit überwachen und letztendlich Beweise liefern sollte, dass die X-Akten eingestellt werden können. Doch sie konnte nicht umhin, Mulder Glauben zu schenken, einerseits auf Grund seiner Energie und seiner Überredungskunst, andererseits, weil sie selbst viele unerklärliche Dinge erlebte und mitansehen musste, wie zahlreiche Menschen, die das Team über die Machenschaften der Regierung aufklären wollten, vor ihren Aussagen zum Schweigen gebreacht wurden, wenn nötig auch endgültig.

So begannen damals die X-Akten, von vielen Zuschauern fasziniert verfolgt, von anderen auf Grund der "Hirngespinste" und der "lächerlichen Verschwörungstheorien" verachtet; 1998 schaffte es das Format sogar auf die große Leinwand und versprach viele Antworten auf die zahlreichen Fragen der Fans. Anschließend wurde die Serie fortgesetzt, allerdings mit weniger Erfolg.
Als David Duchovny 2001 aus der Serie ausstieg und nur noch in wenigen Episoden sozusagen als "Gaststar" zu sehen war, fielen die Quoten unaufhaltsam ins Bodenlose. Daran konnten auch die beiden neuen Gesichter Doggett (Robert Patrick) und Reyes (Annabeth Gish) nichts ändern. So kam es, dass Akte X im Mai 2002 in den USA endete – mehr oder weniger unfreiwillig, denn Carter wollte ansich eine zehnte und möglicherweise elfte Staffel folgen lassen. Das Studio Fox zog allerdings bei dem akuten Zuschauerrückgang die Konsequenzen; und den Stecker.

Wenn Fans einer Serie Jahre lang treu ergeben waren und keine Episode verpasst haben, besteht oftmals die große Gefahr, dass man nach den vielen Stunden (bei Akte X waren es umgerechnet fast 150 Stunden, die Werbung nicht eingerechnet) die Objektivität verliert und vieles, was anderen Zuschauern als minderwertig vorkommen mag, im Geiste verklärt. Etlichen Zusehern ging es offensichtlich nicht so, denn sie schalteten einfach nicht mehr ein. Wenn man allerdings in einschlägigen Foren nachsieht, wird man zuhauf Kommentare finden, die jegliche Kritik an Akte X als Blasphemie abtun und nicht den geringsten Zweifel an der Genialität der Serie lassen.
Leider ist dem in Wirklichkeit aber nicht so.

Die erste wirkliche Enttäuschung für die wahren Fans der ersten Stunde, kam mit dem Kinofilm, der nach vollmundigen Versprechungen nicht nur finanziell hinter den Erwartungen zurückblieb, sondern auch inhaltlich mehr an einen guten Dreiteiler erinnerte, der ebenso gut (abgesehen von einigen technischen Bonbons) für's Fernsehen hätte produziert werden können, ohne wirkliches Kinoformat zu bieten.
Am Ärgerlichsten war daran allerdings, dass den Fans endlich Antworten versprochen worden waren, stattdessen gab es aber nur noch mehr Fragen und eine Storyline, die mehr und mehr ins Uferlose abzudriften begann. Selbst hochkarätige Nebendarsteller wie Martin Landau konnten darüber nicht hinweg täuschen.

Die anschließende sechste Staffel versuchte mehr oder weniger, am Leinwandauftritt anzuknüpfen, allerdings war bereits dort ersichtlich, dass die bislang oft innovativen und interessanten Ideen nicht mehr frisch wirkten, sondern sich die Fälle einfach wiederholten. Als wäre das nicht schlimm genug, beschritt man fast wöchentlich neue Rekorde was die Brutalität im Fernsehen anging, und das, obwohl Akte X bislang nie besonders zimperlich gewesen war.
Chris Carter soll anfangs keine weiteren Staffeln nach dem Kinofilm gewollt haben, ließ sich dann aber vom Studio dazu überreden – zumal Akte X - Der Film [1998] bei einem Budget von 70 Millionen Dollar und einem Einspielergebnis von 80 Millionen Dollar in den USA nicht die hochgesteckten Ziele erfüllt hatte. Bei auf dem Gipfel des Erfolgs knapp 20 Millionen Fernsehzuschauern wöchentlich hatte man einfach auf eine größere Akzeptanz des Big-Budget-Films gehofft.

So ging Akte X also in die nächste Runde. Die hauptsächliche Hintergrundgeschichte – das Verschwinden von Mulders Schwester – wurde bereits Mitte der siebten Staffel aufgelöst. Wer allerdings dachte, dass die X-Akten nun geschlossen würden, irrte. Die Autoren hatten mit formwandelnden außerirdischen Kopfgeldjägern, sich selbst entstellenden Alien-Rebellen, Entführungen und Befruchtungen von Frauen durch Aliens, Klonexperimente an Zivilisten, mit Alienviren infizierten Bienen, einem in Afrika abgestürzten UFO, Scullys Schwangerschaft und Sohn mit Alien-DNA, einer UFO-Sekte und nicht zuletzt mit den unsterblichen und unverletzbaren Supersoldaten zu viele Handlungsstränge erfunden, zu viele Geschichten begonnen, als dass man so einfach aufhören konnte.
So sahen es auch die Zuschauer, und ein harter Kern von acht Millionen in den USA, blieben der Serie trotzdem treu.
Doch dass sich zwischen den ganzen Storylines und den unzähligen begonnen Geschichten immer neue Widersprüche eingeschlichen haben, scheinen viele Fans nicht zu erkennen – oder erkennen zu wollen. Allerdings werden einem diese Missstände in Die Wahrheit von den Machern selbst vor Augen geführt. Wer aufmerksam zusieht, wird einge Mal verwundert den Kopf schütteln (müssen).

Die Rahmenhandlung für diese Episode ist so plump wie altbekannt: Fox Mulder steht vor Gericht, er soll einen Mann getöet haben, einen Supersoldaten (die bekanntlich nicht sterben können, es sei denn man schlägt ihnen den Kopf ab). Aber anstatt, das das Militär Mulder beseitigen würde (viele mächtige Männer in der Regierung wollen ihn ohnehin tot sehen), wird der Fall an die große Glocke gehängt.
Mulder steht ein fairer Prozess zu, in dessen Verlauf – in Rückblenden vorgeführt – seine gesamte Zeit bei den X-Akten und seine Vergangenheit (und auch die von Agent Scully) aufgerollt wird.

Dabei kommen viele alte Bekannte durch Aussagen zu Wort.
Aber nicht nur in den Rückblenden kommen beinahe alle wichtigen Nebendarsteller noch einmal zum Tragen. Da nach Chris Carterscher Tradition aber in jeder Doppelepisode ein Dauer-Gaststar getötet wurde (womit sich der kreative Kopf selbst Boden abgrub), konnten die Echtzeitauftritte einiger Beteiligter nur mit Mühe eingefädelt werden: Mulder sieht sie in Visionen. Mehr noch, sie sprechen mit ihm, er mit ihnen und von einem "Geist" erhält er sogar einen Zettel mit einer wichtigen Adresse.
Als Fan ist man angesichts einer solchen hanebüchenen Umsetzung zuerst verwundert, anschließend geschockt und als wäre das nicht genug, scheint sich keiner der Autoren auch nur Gedanken gemacht zu haben zu erklären, wieso Mulder urplötzlich (einem Filmzitat folgend) "tote Menschen sieht" – sogar die Einsamen Schützen bekommen einen letzten Auftritt spendiert. Dies ist ein übersinnlicher Touch der anhand der Science-Fiction-lastigen Story nicht nur unnötig war, sondern einfach nicht gepasst hat.

Der Rest plätschert vor sich hin, geizt mit spannenden oder actionreichen Sequenzen und wirkt alles in allem, als hätte man die gesamte Episode schon einmal gesehen.
Tatsächlich innovativ ist kein Element des Zweiteilers. Das Konzept erinnert dagegen eher an eine der üblichen Rückblicksepisoden einer 80er-Jahre Serie, um Budget zu sparen.

Lücken gibt es aber nicht nur in der Story, auch in der Mythologie selbst haben sich zahlreiche Schlenker eingeschlichen.
So wird zum Beispiel während einer Aussage behauptet, dass Mulders Schwester Samantha in Wahrheit im Alter von 22 Jahren im Jahr 1987 verstorben sei – das stimmt allerdings nicht, sie verstarb laut der Episode Sternenlicht im Alter von 14 Jahren.
Wenn in kürzester Zeit die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Verschwörungsstories wieder aufgerollt werden, erfahren die Zuschauer, die die Serie neun Jahre begleitet haben, ansich nicht viel Neues. Womöglich wird die eine oder andere Verbindung hergestellt, insgesamt bekommt man aber keine neuen Antworten serviert. Sicherlich fällt aber auf, wie abstrus und absurd manche der Verbindungen erscheinen und man beginnt sich zu Recht zu fragen, ob man als Zuseher die Jahre über wirklich so blind gewesen ist.
Die meisten unlogischen Verstrickungen setzen allerdings erst im Zeitraum nach dem Kinofilm ein. Wenig später beginnt – das stellt der Ankläger in der Episode treffend fest – aber ein völlig neues Kapitel. Urplötzlich waren die Außerirdischen vom Anfang der Serie nicht mehr wichtig. Stattdessen gibt es neue Aliens: Die Supersoldaten! Wieso und weshalb, wird nie geklärt.
Während der Gerichtsverhandlung kommt heraus, dass einer der "Richter" ein Außerirdischer ist – doch von den Anwesenden scheint das nach kurzem Protest ebenso wenig zu interessieren, wie die Tatsache, dass keine Leiche des Mannes, den Mulder getötet haben soll, existiert. Als Skinner dagegen Einspruch erhebt und ansich erwiesen wäre, dass Mulder niemanden getötet hat, wird er dennoch verurteilt (es scheint, als gebe es die Regel "unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist" nicht mehr).
Später häufen sich die Fehler innerhalb der Geschichte dann noch eklatanter, so soll Mulder von Skinner und Doggett befreit werden – aus einem Militärgefängnis – doch wie die beiden in den Komplex überhaupt erst hinein gelangt sind, wird nicht erklärt. Woher wissen die Verfolger wohin Muder gehen will? Immer wieder gibt es kleine Momente, in denen man das Gefühl nicht los wird, als hätten die Macher sich nicht hingesetzt und sich angesehen, was sie eigentlich fabriziert haben. Selbst einem Gelegenheitszuschauer müssen solche Logikfehler auffallen, einem Fan aber erst recht.

Auch wenn es sicherlich interessant und für die Fans ein Fest ist, in der letzten Episode beinahe alle Gaststars nochmal auftreten zu lassen, wenn diese Auftritte nicht richtig in Szene gesetzt und ausgekostet werden, nützt das alles nichts.

Charaktere wie Alex Krycek (Nicholas Lea), X (Steven Williams) oder Marita Covarrubias (Laurie Holden) hätten ebenso wie Gibson Praise (Jeff Gulka) weiter ausgebaut werden können, ja fast müssen. Aber ihre wenigen Screenminuten, die meistens ohnehin nur schweigend absolviert werden, führen wie jener Auftritt von Jeffrey Spender (Chris Bradley Owens) leider nirgendwo hin. Auch die offensichtlich allerletzte Rückkehr des kettenrauchenden C.B. Spender (William B. Davis) wirkt im Kontext nicht nur überflüssig, sondern sie führt in den wenigen Minuten auch noch jegliche Motivation des Rauchers, die Carter in neun Jahren aufgebaut hat, ad absurdum. Aus dem gegen das Böse mit falschen Mitteln kämpfenden Einzelgänger ist ein hasserfüllter Sadist geworden, der seine eigenen Söhne leiden und sterben sehen möchte – aber warum?

Die Hauptdarsteller David Duchovny, Gillian Anderson, Annabeth Gish, Robert Patrick und Mitch Pileggi stehen dafür offensichtlich im Mittelpunkt, allen voran Mulder und Scully.
Sie spielen alle überzeugend, wirken aber zugleich matt und erschöpft, bei Duchovny wird man überdies das Gefühl nicht los, dass es ihm keine wirklich Freude bereitet, einmal mehr in die Haut des FBI-Agenten zu schlüpfen. Gillian Anderson darf, wie für ihren Charakter typisch, viel Zeit auf dem Bildschirm mit Heulen und Weinen verbringen, aber insgesamt bringt sie mehr Elan ein, als während der Staffeln acht und neun. Gish und Patrick scheinen, das kann man ihnen fast ansehen, etwas traurig zu sein, dass sie nach recht kurzer Zeit ihre Filmcharaktere wieder aufgeben müssen; leider bekommen sie nicht allzu viel zu tun, als Zuschauer hätte man sich gerade von diesen beiden, die in der letzten Staffel viel an Sympathie und Charme gewonnen haben, mehr gewünscht. Mitch Pileggi stand einige Male während der Serie bei bestimmten Episoden im Mittelpunkt – seine Nebenhandlung mit Alex Krycek wurde zwar nie weitergeführt, aber er blieb immer ein leicht undurchschaubarer Charakter, der Scully und Mulder, vor allem aber die X-Akten unterstützte. In Die Wahrheit ist er allerdings nicht viel mehr als Staffage, leider.

Bereits die fünfte Staffel vor dem Kinofilm 1998 und alle folgenden wurden in 16:9 gedreht, um das hohe Produktionsniveau auch in visueller Hinsicht ausnutzen zu können; die deutschen Zuschauer müssen für diesen Genuss allerdings zur DVD greifen, da das Bild für das einheimische Fernsehen auf das übliche Vollbild 4:3 aufgebläht wurde und an den Rändern beschnitten ist. Umso ärgerlicher ist das, da besonders das Bild bei den Fernsehausstrahlungen grieselig und leicht unscharf ist – bei der DVD von Die Wahrheit kann man allerdings sehen, dass die Macher das Kinoformat auszunutzen wissen und es dem Bild und der Episode zumindest in technischer Hinsicht deutlich zugute kommt. Einzig ein paar Szenen sind auch weiterhin "unscharf" aufgenommen, das Bild selbst ist allerdings bedeutend ruhiger und weniger grieselig.
Kamera und Schnitt des Serienfinales können großteils überzeugen, besonders zum Schluss hin gibt es aber einge Ungereimtheiten; insgesamt gesehen war die Episode Zum Wohle des Kindes, die als Bonus auf der DVD enthalten ist und bei der David Duchovny Regie führt, nicht nur inhaltlich, sondern auch handwerklich deutlich besser.
Fans sollten sich die DVD schon auf Grund der originalen Tonspur ausleihen oder kaufen, die der deutschen einiges voraus hat. Während besonders die Sprecher von Deputy Director Kersh und Dana Scully lustlos und monoton klingen, können die Darsteller in der englischen Fassung schon durch ihre Stimme überzeugen. Insbesondere die FBI-Agentin verliert in der Synchronisation immens viel von ihrer "Lebendigkeit". Gut getroffen sind allerdings im Deutschen David Duchovny und Mitch Pileggi.

Was sich Regisseur Kim Manners bei den wirklich schlechten Effekten des in Gestein fliegenden Supersoldaten oder der Feuerwalze am Ende gedacht hat, bei der ein Mann zu Tode kommt, wobei in Zeitlupe comicartig die Haut vom Totenschädel weggebrannt wird, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Weder stilistisch, noch handwerklich wird es der restlichen Episode gerecht und bringt einen unwirklichen cartoonähnlichen Touch hinein, der bei Akte X nichts zu suchen hat.
Der Schnitt ist ordentlich, war vor einigen Staffeln aber sichtlich besser. Zumindest wird trotz fehlender Innovationen die Übersicht beibehalten – ein Pluspunkt, wenn auch ein kleiner.
Die Musik von Mark Snow markierte 1993 einen Meilenstein in der Geschichte der Fernsehserien. Das Thema war eingänig und fremdartig zugleich, ebenso wie die musikalische Untermalung der einzelnen Episoden. Doch nach dem Kinofilm ließ auch seine Begeisterung erkennbar nach: Die Themen wiederholten sich, vielerorts wirkte die Musik unpassend und aufgesetzt, in manchen Fällen sogar unfreiwillig komisch. Für den Abschluss hat sich der Künstler allerdings nochmal ins Zeug gelegt und präsentiert einige interessante neue Melodien, darunter ein gutes Actionthema und ein ruhiges, vertrautes Liebesthema am Ende der Doppelfolge. Vielleicht waren 202 Episoden der Mystery-Serie insgesamt auch für ihn zuviel.

Produktionstechnisch mag dieser Zweiteiler auf den ersten Blick recht aufwändig erscheinen, bei genauerem Hinsehen verblasst dieser Eindruck allerdings schnell: Bis auf eine Militärbasis zu Beginn und den Showdown mit zwei Helikoptern am Schluss gibt es keine nennenswerten Ausstattungspunkte. Angesichts von überzeugenden früheren Sets wie dem U-Boot in der Arktis, einem erschütternd realen Flugzeugabsturz oder Raumschiffen, wirkt die Ausstattung von Die Wahrheit regelrecht billig.
Hier hatten die X-Akten schon tiefer in die Trickkiste gegriffen und Orte präsentiert, die es in dem Detailreichtum nie in einer Fernsehserie zu sehen gab; in der letzten Episode, scheint es, werden einem bekannte Orte präsentiert, die minimal abgewandelt wurden. Neuartig ist hier leider nichts.
Man darf allerdings nicht vergessen, dass allein das Aufgebot an Darstellern ein kleines Vermögen gekostet haben muss.

Man kann ruhigen Gewissens sagen, dass das Finale von Akte X keine schlechte Episode ist und von der Machart und dem Aufwand her deutlich über dem Durchschnitt liegt. Doch das tröstet nicht soweit, dass man vergessen könnte, um wie vieles besser die Episoden noch vor einigen Jahren gewesen sind.
Wirklich ärgerlich ist, dass Chris Carter den Fans mit Die Wahrheit keinen Abschluss gönnt. Sämtliche Handlungsfäden hängen am Ende in der Luft: Was wird aus Doggett und Reyes, die endlich eine Chemie entwickelten und diese auf den Zuschauer übertragen konnten? Was ist mit Kersh und Skinner, ganz zu schweigen von Brad Follmer (Cary Elwes), der zwei Episoden zuvor noch eine wichtige Rolle spielte und bei dem nie geklärt wurde, was letztendlich mit ihm passierte? Selbiges gilt für Scullys und Mulders Kind William. Dass sie ihren eigenen Sohn so schnell aufgeben würden – wo das alles doch nun ohnehin keine Rolle mehr spielte – ist einfach unfassbar und kostet die beiden Charaktere einiges an Glaubwürdigkeit und Sympathie.
Aber auch bei ihnen beiden stellt man sich als Zuschauer die Frage, wie es weitergehen soll. Und ob es überhaupt weitergehen kann.

Eine einzige von Carters Storylines wurde  im Laufe der Serie zum Abschluss gebracht; und zwar diejenige um das Verschwinden von Mulders Schwester, die zusammen mit Klonexperimenten und der Episode Sternenlicht dann ohnehin in Wirrungen und Abstrusitäten endete.
Im Kinofilm ließ der Schöpfer des Franchise den Mann mit den "gepflegten Händen" das letzte Mal auftreten, führte dann gleichzeitig aber den interessanten Charakter von Armin Müller-Stahl ein, der nie wieder auftreten durfte. Die Geschichte um die Kopfgeldjäger, um die Rebellengruppe und auch jüngst die Sekten ist nie zum Abschluss gekommen. Stattdessen begannen die Autoren immer wieder neue Handlungsstränge, darunter auch das später nur einmal erwähnte Raumschiff in Afrika und die obskuren Supersoldaten. Zig verschiedene Außerirdische wurden eingeführt, noch mehr Verschwörungen begonnen und beendet. Kershs Motive sind ebenso wie diejenigen von Skinner unklar geblieben und was Scully Baby ansich ist, wird auch nicht völlig aufgelöst.
All diese Storylines werden in Die Wahrheit angesprochen und stolz präsentiert – und wer aufmerksam zuschaut wird die Widersprüche und Verstrickungen erkennen; doch anstatt wenigstens etwas hiervon zum Abschluss zu bringen, wird dem Zuschauer lediglich ein neues Datum präsentiert. Ein Datum, das so weit in der Zukunft liegt, dass weiterhin alles offen bleibt und sich die Fans fragen müssen, warum dann jetzt bereits ein dermaßener Aufwand betrieben wird.
Vor allem erscheint die Motivation des Menschen, der das Datum verrät, umso lachhafter, da noch genügend Zeit besteht, das Kommende zu verhindern.

Die Darsteller können überzeugen, handwerklich gibt es nur wenig zu beanstanden; einzig inhaltlich ist der Abschluss der Akte X mehr als dürftig. Der konstruierten Ausgangslage folgt eine Gerichtsverhandlung voller Löcher und Widersprüche, die einzig von dem unbefriedigenden Finale noch übertrumpft wird.
Es ist traurig, dass Chris Carter nicht einmal den treuen Fans der ersten Stunde, wie beispielsweise mir, einen vernünftigen Abschied zugesteht und die Serie so enden lässt, dass es das Ende sein könnte. Er betrügt die Zuschauer sogar darum, nur um zu gewährleisten, dass man sich den geplanten zweiten Kino-Film ansieht. Ob darin die Handlungen fortgeführt, oder gar zu Ende gebracht werden? Es darf kollektiv daran gezweifelt werden. "Akte X" dürfte er jedenfalls nach dem Ausgang von Die Wahrheit nicht mehr heißen.

Nach einigen erfrischenden und aufregend aufwändigen Staffeln folgte der tiefe Sturz, bis nach knapp zehn Jahren die X-Akten für die Zuschauer geschlossen werden. Nach über 200 produzierten Episoden und zahlreichen Nachahmern und Plagiaten hat sich das Verschwörungsgenre in diesem Stil womöglich auch einfach totgelaufen.


Fazit:
Die Wahrheit ist, dass die X-Akten schon lange zu Ende waren. Sämtliche innovativen Ideen von Erschaffer Chris Carter endeten mit dem 1998 angelaufenen Kinofilm. Seither überschlugen sich die Löcher in den Stories und die Widersprüche in der Geschichte.
Produktionstechnisch sicher nicht billig, markiert Die Wahrheit aber nicht viel mehr als einen viel zu späten Abschluss der Akte X, der – wie zu erwarten war – beinahe keine neuen Antworten liefert und schlimmer noch, alle Charaktere im Ungewissen hängen lässt. Als Abschluss der Serie zwar lange erwartet, aber doch eine Enttäuschung. Da ein kommender zweiter Akte X-Kinofilm ungewiss ist und mit Sicherheit nicht alle Charaktere fortgeführt werden, hätte Chris Carter wenigstens hier einen vernünftigen und zufriedenstellenden Abschluss bringen können – ohne, dass Mulder dabei hätte tote Menschen sehen müssen.
Für Fans ohnehin ein Muss, alle anderen werden sich an der fehlenden Action und den scheunentorgroßen Storylöchern stören.


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