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8 Blickwinkel [2008]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 01. März 2008
Genre: Thriller

Originaltitel: Vantage Point
Laufzeit: 90 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Pete Travis
Musik: Atli Örvarsson
Originalstimmen: Dennis Quaid, Matthew Fox, Forest Whitaker, Bruce McGill, Edgar Ramirez, Saïd Taghmaoui, Ayelet Zurer, Zoe Saldana, Sigourney Weaver, William Hurt, James LeGros, Eduardo Noriega


Kurzinhalt:
Im spanischen Salamanca geht ein Anti-Terror-Gipfel mit dem US-Präsidenten Ashton (William Hurt) zu Ende. Doch die beiden Secret Service Agenten Thomas Barnes (Dennis Quaid) und Kent Taylor (Matthew Fox) können ein Attentat auf den Präsidenten nicht verhindern. Im danach entstehenden Chaos offenbaren sich viele Augenzeugen, die das Geschehen aus einem anderen Blickwinkel wahrgenommen haben. So hat der Tourist Howard Lewis (Forest Whitaker) auf seiner Videokamera den Attentäter aufgezeichnet und der spanische Polizist Enrique (Eduardo Noriega) erkennt in den Momenten danach, dass er für ein Komplott benutzt wurde.
Doch auch wenn jeder ein Teil des Puzzles hat, um das Attentat zu verstehen, fehlen ihnen allen wichtige Informationen. Zumal der Anschlag noch nicht vorbei ist, und Barnes in kürzester Zeit das Rätsel lösen muss, um den Präsidenten zu retten ...


Kritik:
Grundsätzlich bringen die großen Filmstudios in den USA ihre Hoffnungsträger in Bezug auf das Einspielergebnis im Sommer in die Kinos – wobei der amerikanische Kinosommer bereits im Mai beginnt und bis August dauert. Dass hierfür die Werbemaschinerie nochmals kräftig angetrieben wird, ist selbstverständlich, und es ist beinahe schon ein kleines Wunder, dass Filme wie I Am Legend [2007] mit einer solchen Geschichte im Winter einen so großen Erfolg einbrachten. Vantage Point, so der Originaltitel von 8 Blickwinkel, wurde schon lange vor seinem Kinostart in den USA angekündigt. Mehr noch, die Dreharbeiten begannen im Juni 2006 in Mexiko – das würde bedeuten, dass der Film vom ersten Drehtag bis zur Veröffentlichung in den Lichtspielhäusern ganze 20 Monate benötigt hätte. Eine solch intensive Nachbearbeitung kann sich eine 40 Millionen Dollar teure Produktion an sich nicht leisten. Es ist also eindeutig, dass das Studio Columbia Pictures – eine Sparte der Sony-Gruppe – dem Film keine so großen Erfolgschancen zutraute. Die insbesondere in den USA durchweg negativen Kritiken und der verhaltene Start an den Kinokassen scheinen dies auch zu bestätigen.
Dabei verbirgt sich hinter 8 Blickwinkel ein routiniert umgesetzter, durchaus gelungener und spannend inszenierter Politthriller, bei dem viele aber nicht alle Storytwists absehbar sind.

Das Skript stammt dabei aus der Feder des ehemaligen Religionslehrers und Fernsehproduzenten Barry Levy, der seine Geschichte aus acht verschiedenen Perspektiven erzählt, dabei allerdings immer in Schlüsselmomenten aufhört, dem Zuschauer wichtige Erkenntnisse vorenthält und alles in einem großen Finale, das die verschiedenen Blickwinkel umfasst, zum Abschluss bringt. Tatsächlich umfasst das Geschehen dabei eine Zeitspanne von nicht einmal 40 Minuten, die allerdings so in einander verschachtelt sind, und durch die unterschiedlichen Perspektiven an Tiefe gewinnen, dass die 90 Minuten des Films schnell vergehen. Zu lange ist Vantage Point damit nicht geraten, zu kurz aber glücklicherweise auch nicht.
Es scheint beinahe wie die Cliffhanger älterer TV-Serien, wenn das Skript den Zuseher mitten aus dem Geschehen reißt, um dann wieder 23 Minuten zurück zu spulen und die Story von einer anderen Figur aus erzählen zu lassen. Was die Figuren jeweils sehen in den letzten Momenten der aktuellen Perspektive, bleibt dem Zuseher vorenthalten, sonst wäre die Auflösung auch schon viel zu früh verraten worden. So unterhaltsam das bei den ersten beiden malen sein mag, mit der Zeit stört diese Taktik ein wenig, insbesondere das tatsächliche "Zurückspulen" der jeweiligen Episode erscheint effekthascherisch und billig. Hier hätte man sich auf ein simples Ausblenden und dem erneuten Einblenden der Uhr im linken unteren Bildrand einigen können. So bliebe einem auch jeweils eine weitere Vermarktung der durchaus gelungenen Explosion erspart, bei der man sich hier beinahe schon wie ein Schaulustiger fühlt.
Die Dialoge sind durchaus gelungen, wenn auch nicht übermäßig natürlich oder innovativ. Dem Genre entsprechend sind die Bösen wirklich böse, die Guten wirklich gut und einige noch nicht so recht entschieden. Überraschend bleibt dies aber nur bis zu einem gewissen Punkt und die Ohnmacht und das Erschrecken angesichts eines mit so wenigen Mitteln eingefädelten, durchdachten und umgesetzten Präsidentenattentats überwiegt am Ende mehr, als dass die Storytwists mitreißen könnten. Die vermögen das zwar mitunter schon, scheinen nach mehreren Staffeln der Terroristenserie 24 [seit 2001] alle bekannt.

Insbesondere die Darsteller hatten unter der Kritikerschelte zu leiden, dabei macht allen voran Dennis Quaid eine wirklich gute Figur, gibt sich ebenso stur wie verbittert, dabei aber freilich schauspielerisch nicht im Mindesten so gefordert wie in seinen jüngsten Rollen. Dennoch nimmt man ihm die Rolle des alternden Bodyguards mehr ab, als Clint Eastwood in In the Line of Fire – Die zweite Chance [1993], auch wenn er bei weitem nicht dessen Charisma besitzt. Gerade jedoch seine Unsicherheit, wenn er wie gelähmt mit ansieht, dass der Präsident getroffen wurde, und auch seine Unnachgiebigkeit bei der Verfolgungsjagd veredeln den Film um einen bekannten Filmstar, dem der ganz große Durchbruch nie gelungen ist.
An seiner Seite scheint Matthew Fox (bekannt aus Lost [seit 2004]) deutlich weniger zu tun zu haben. Seine wenigen Szenen meistert der Golden Globe-nominierte Darsteller allerdings routiniert, wenn auch ohne bemerkenswerte Momente.
Dahingegen hat Forest Whitaker wichtigere Moment zu füllen und macht seine Sache wie gewohnt sehr gut. Er scheint auch natürlicher als seine Kollegen agieren zu können, gleichwohl durch den fehlenden Hintergrund seine heldenhaften Entscheidungen etwas weit her geholt erscheinen. Nichtsdestotrotz ist es eine Freude, ihm zuzusehen, zumal er eine der sympathischsten Figuren des Films verkörpert.
Von den übrigen Prominenten im Film ist leider nur wenig zu sehen, auch wenn Sigourney Weaver in den ersten 10 Minuten mehr zu tun hat, als ihre Kollegen in jenem Erzählabschnitt. Sie teilt ihre Szenen mit der aufstrebenden Zoe Saldana, deren Talent man aber nicht an ihrem wenig überzeugend gespielten Schock festmachen möchte. Bruce McGill und James LeGros wirken routiniert, ebenso William Hurt, der grundsätzlich unterfordert wirkt.
Interessanter sind dahingegen schon die Auftritte von Ayelet Zurer, die unter anderem bereits in München [2005] zu sehen war, von Saïd Taghmaoui und Edgar Ramirez. Alle drei verkörpern ihre Rollen durchaus überzeugend und verleihen der Undurchsichtigkeit ihrer Figuren genügend Realismus, ebenso Eduardo Noriega, dem eine der tragischsten Rollen zufällt.
So zusammen gewürfelt der Cast erscheinen mag, und auch wenn keine der ganz großen Namen Hollywoods vertreten sind, sie wirken alle gut besetzt und spielen ihre Figuren auch entsprechend, so dass zumindest keine Wünsche übrig bleiben, auch wenn keine oscarreifen Leistungen gefordert werden.

Handwerklich kann TV-Regisseur Pete Travis auf Kameramann Amir M. Mokri (Das Vermächtnis des geheimen Buches [2007]) und Cutter Stuart Baird (James Bond 007 – Casino Royale [2006]) bauen, die beide ihr Handwerk beherrschen und die leicht chaotischen Momente von 8 Blickwinkel entsprechend umsetzen.
So scheinen die verschiedenen Perspektiven jeweils auf etwas Anderes Wert zu legen, die Kamera wirkt von Person zu Person mit einer ruhigeren, oder bewegteren Hand geführt und auch in Bezug auf den Filmschnitt verpassen die Macher der jeweiligen Episode eine eigene Handschrift – ehe alle Beteiligten im letzten Filmdrittel bei eine der am besten fotografierten und geschnittenen Autoverfolgungsjagden durch eine (vermeintlich) spanische Innenstadt ihr Handwerk unter Beweis stellen.
An der Umsetzung gibt es insofern nichts zu bemängeln, die Bilder harmonieren gekonnt miteinander und lassen den Zuschauer jeweils nur das sehen, was die Filmemacher ihm auch zeigen wollen. Das erklärt auch das hohe Erzähltempo des eineinhalb Stunden langen Films.

Für die Musik zeichnet der isländer Atli Örvarsson verantwortlich, der als Teil von Hans Zimmers Media Ventures-Gruppe (die inzwischen unter dem Namen Remote Control Productions bekannt ist) bereits mehrfach im Hintergrund zu hören war – zuletzt auch bei Pirates of the Caribbean – Am Ende der Welt [2007]. Auch er kann auf weitere Komponisten der Firma zurückgreifen, weswegen es nicht verwundert, dass einem viele Teile des Soundtracks sehr bekannt vorkommen.
Teilweise erinnert der Score verteufelt an den ehemaligen Media Ventures-Komponisten John Powell, und Atli Örvarsson versieht die rhythmischen, sehr temporeichen Stücke mit eben jener Mischung aus Elektronik und richtigem Orchester, dass sich die Musik auch zum Hören ohne den Film eignet.
Dank der südländischen Elemente passt die Musik auch gekonnt zur Stimmung in Spanien und fügt sich sowohl zu den ruhigeren Szenen, als auch zu den vielen actionreichen Momenten nahtlos ein.

Mit deutlicher Verspätung und weniger Lobeshymnen, als die Darsteller und Macher sich das im Vorfeld gedacht hatten, kommt 8 Blickwinkel nun doch noch ins Kino; manch einer hatte schon vermutet, dass der Film (wie beispielsweise Al Pacinos jüngster Thriller 88 Minutes [2007]) im Ausland nur auf DVD erscheinen wird, ohne zuvor im Kino gelaufen zu sein.
Dabei ist Vantage Point deutlich besser als sein Ruf, auch wenn sich bei näherer Überlegung sicher das ein oder andere Logikloch offenbart und man ohne Zweifel Schneidefehler bei den unterschiedlichen Perspektiven erkennen wird. Es mag auch sein, dass die Geschichte nicht immer Sinn ergibt, einem viele Hintergrundinformationen fehlen, um das Puzzle selbst zusammensetzen zu können und man das Geschehen nicht unbedingt so oft hätte erzählen müssen, da die Technik einfach an Zugkraft verliert. Doch dank der routinierten Darsteller, der tadellosen handwerklichen Umsetzung und der angenehm kurzen Lauflänge überzeugt der Politthriller weniger durch seine inhaltliche Aussage, als vielmehr durch die Inszenierung. Und auch das ist angesichts manch zerschnippelter Werke oder durchweg enttäuschender Thriller mit Starbesetzung wie The Sentinel - Wem kannst du trauen? [2006] durchaus eine Erwähnung wert.


Fazit:
Wenn das Kinodebüt eines Fernsehregisseurs zusammen mit vielen bekannten, aber nicht den ganz großen Hollywood-Darstellern so lange verschoben wird, macht sich eine düstere Vorahnung bei den Kinogängern breit. Auch die Tatsache, wie 8 Blickwinkel beworben wird, und dass das Studio so sehr um einen weltweit gleichzeitigen Starttermin bemüht war, verheißen nichts Gutes.
Dabei entpuppt sich der clever konstruierte, zweifelsohne abwegige Thriller als gut gefilmte, spannend geschnittene und routiniert gespielte Agentenhatz, deren Wiederanschauungswert allerdings vermutlich sehr gering ist. Beim ersten Mal allerdings entdeckt man durch die verschiedenen Perspektiven neue Facetten des sehr durchdacht ausgeführten Attentats und so erschreckend das Szenario ist, völlig abwegig ist es leider nicht. Die politische Aussage des Films entspricht dabei so überhaupt nicht der momentanen Administration – vielleicht zeigen die Zuseher dem Film ja deswegen die kalte Schulter.
So schlecht wie sein Ruf ist Vantage Point sicher nicht und dabei auch durch das ernste Thema großteils spannend und immer unterhaltsam.


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