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Joe Haldeman: "Old Twentieth" [2005]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 28. Mai 2013
Autor: Joe Haldeman

Genre: Science Fiction

Originaltitel: Old Twentieth
Originalsprache:
Englisch
Gelesen in: Englisch
Ausgabe: Taschenbuch
Länge: 285 Seiten
Erstveröffentlichungsland: USA
Erstveröffentlichungsjahr: 2005
Erstveröffentlichung in Deutschland: noch nicht veröffentlicht
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 978-0-441013-43-2


Kurzinhalt:
Sieben Milliarden Menschen starben im großen Krieg. Es war derjenige Teil der Bevölkerung, der nicht durch den Becker-Cendrek-Prozess unsterblich geworden war. Die Behandlung war reichen Menschen vorbehalten und als sich die Armen auflehnten, griff die Oberschicht zu Lot 92 – und beging einen verheerenden Völkermord. Jahrhunderte später macht sich die Menschheit auf zu weit entfernten Sternen. Beta Hydrii bietet mindestens einen erdähnlichen Planeten und auch, wenn er wenigstens 1.000 Jahre entfernt ist, für die unsterbliche Besatzung der Schiffsgruppe Aspera stellt die Reise kein Hindernis dar.
Die beliebteste Freizeitbeschäftigung des unendlichen Lebens der Menschen ist die "Zeitmaschine", eine Virtual Reality-Erfahrung, bei der die meisten Besucher Perioden des 20. Jahrhunderts nacherleben. Jacob Brewer ist einer der leitenden Techniker der Zeitmaschine und gleichzeitig bester Kunde. Seine Frau Kate ist dagegen, dass er so viel Zeit in der Vergangenheit verbringt und Erinnerungen nachhängt, die nicht einmal seine eigenen waren. Als eine Person während der Benutzung der Virtual Reality stirbt, wird die Sicherheit der ganzen Technik in Frage gestellt. Dann erhält Jacob eine Nachricht, die offenbar von der Maschine selbst stammt ...


Kritik:
Das Genre Science Fiction, wie es oft geschieht, auf Weltraumschlachten, Roboter und die seltsamen Namen von fremden Planeten zu reduzieren, wäre gleichbedeutend, als wenn die Mona Lisa auf die Leinwand und die verwendeten Ölfarben beschränkt würde, ohne sich dem eigentlichen Motiv zu widmen. Seit jeher nutzten Autoren des Genres die Möglichkeit, in ihren Geschichten von Menschen zu erzählen und sahen ihre Bücher als Rahmen, in dem sie nicht nur zukünftige und mögliche Technologien und ihre Gefahren erkunden konnten, sondern auch den jetzigen oder möglichen Zustand des Menschseins allgemein. Das klingt philosophisch und soll es auch sein. In jedem Fall in Joe Haldemans Roman Old Twentieth, der wie viele Klassiker erstaunlich kurz ist.

Er erzählt von Jacob Brewer viele Jahrhunderte in der Zukunft. Dabei ist der Roman in der Ich-Perspektive verfasst und gleitet mühelos aus der Präsenzerzählung in bestimmten Momenten oder der Beschreibung einiger Tätigkeiten in die Vergangenheitsform. Dies macht es für mich meist schwieriger, mit den Figuren mitzufiebern, da ich in einer Vergangenheitserzählung so das Gefühl bekomme, als wäre dem Protagonisten alles bereits widerfahren – als hätte er (also "ich") keine Entscheidungsmöglichkeit. Wie Haldeman dies jedoch für sich nutzt, erfährt man spätestens bei der zweiten Beschreibung der "Zeitmaschine". Diese ist nicht im klassischen Sinne zu verstehen, sondern als Virtual Reality und somit als wahrscheinlichste Form einer Zeitmaschine überhaupt. Nach der Entwicklung eines Medikaments, das die Behandelten unsterblich werden lässt, entbrennt ein Klassenkrieg auf der Erde, den die unsterblichen, reichen Menschen für sich entscheiden. Milliarden sterben, die Welt und die Gesellschaft selbst werden neu aufgebaut. Die Population auf der Erde wird in engen Grenzen gehalten. Jahrzehnte nach der Entdeckung des erdähnlichen Planeten Beta Hydrii startet mit Aspera eine Zusammenstellung aus fünf einzelnen Raumschiffen mit insgesamt 800 Besatzungsmitgliedern. Die Reise dauert 1.000 Jahre, doch Aspera ist kein Generationenschiff, da die Passagiere die Wartezeit eigentlich überleben werden.

Der populärste Zeitvertreib der Menschen nach dem großen Krieg ist der Besuch der "Zeitmaschine", dem Virtual Reality-Erlebnis, das 20 Stunden dauert, dem Besucher aber länger vorkommt. Dabei ist das 20. Jahrhundert das beliebteste Reiseziel und Jacob Brewer als Techniker einer der Spezialisten auf dem Gebiet an Bord des auf der Reise befindlichen Schiffes. Jenes Jahrhundert ist geprägt von ständigen Kriegen, von Gegensätzen wie ungeheurem Fortschritt und großer Armut. Haldeman liefert für die Beliebtheit als Grund die Tatsache, dass viele der Überlebenden den Genozid, beziehungsweise die Zeit danach erlebt haben und dagegen die Schrecken des 20. Jahrhunderts vergleichsweise gering seien. Doch stellt sich bei der Ausgangslage von Old Twentieth auch die Frage, wie man sich am Leben fühlen kann, wenn einen der Tod nicht mehr bedroht? Sämtliche Szenarien, in die Jacob mit der Zeitmaschine springt, führen ihn in verschiedene Kriege, in denen ihm das sichere (virtuelle) Ende droht. Womöglich ist dies der größte Magnet für die Besucher.

Jahrhunderte lang haben Menschen diese künstliche Wirklichkeit genutzt, ohne Schaden davon getragen zu haben – bis auf Aspera eine Person während eines Besuches stirbt. Und noch während die Untersuchungen laufen, tritt eine Projektion in dieser virtuellen Welt an Jacob heran mit der Aufforderung "Wir müssen reden".
Es ist seit langem eine Schreckensvision von Erzählern wie Wissenschaftlern gleichermaßen, dass wir eines Tages eine künstliche Intelligenz erschaffen, die wir nicht mehr kontrollieren können. Auf einer Mission, Milliarden Kilometer von der Erde entfernt, ohne eine Möglichkeit auf Unterstützung, ist diese Vorstellung zweifellos noch Furcht einflößender. Doch konzentriert sich Joe Haldeman nicht allein darauf. Selbst auf die Ursache der unerwarteten Todesfälle geht er nicht weiter ein, außer dass er festhält, in welchem Maße Unsterblichkeit ebenso ein Gefängnis darstellt, aus dem man nicht entkommen kann – mehr noch als das vergängliche Leben selbst. Auf diese existenziellen Aspekte liefert Old Twentieth auch Antworten, während die technischen nur am Rande interessieren.


Fazit:
Nicht nur, dass Haldeman seine Sprache den Jahren 1918, 1933 oder 1957 anpasst, die unter anderem besucht werden, er schildert in den ersten Abschnitten der Zeitmaschine noch, wie sich der Erzähler der Tatsache bewusst ist, dass er sich nur in einer Simulation befindet, ehe sich dieses Bewusstsein danach in der täuschend echten Virtualität verliert. Die sprachliche Finesse insbesondere in diesen Kapiteln ist ebenso bemerkenswert wie die geschilderten Kriegsszenerien intensiv. Doch nachdem der Science Fiction-Anteil um die sich selbständig weiterentwickelnde Zeitmaschine in Fahrt kommt, hätte ich mir gewünscht, hierüber auch mehr zu erfahren. Gerade dann jedoch verlagert Autor Joe Haldeman den Schwerpunkt auf die philosophische Bedeutung des Ganzen. Genau das ist in der Auflösung jedoch weniger packend, als ich erwartet hatte und die Konfrontation, die ich mir ausgemalt habe, somit verpufft.
Die dichte Erzählweise macht Old Twentieth zu einem schnellen Lesevergnügen, das sich – das sollte man im Hinterkopf behalten – aber nicht um die tausendjährige Reise zu einem neuen Planeten dreht. Stattdessen rückt der Roman, wie viele andere seiner Art, die Aussage ins Rampenlicht, dass wir im Zweifel nur uns selbst finden können. Durch die facettenreiche Erzählung und die durchaus anspruchsvolle Geschichte ist dies für (klassische) Science Fiction-Fans in jedem Fall empfehlenswert. Einzig die Tatsache, wie sich der Autor als Erzähler auf die Seite derjenigen stellt, die den Genozid an der ärmeren Bevölkerung rechtfertigen, stößt sauer auf – es sei allerdings unterstellt, dass er hier lediglich für seine Romanfigur gesprochen hat.


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