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Gudrun Pausewang: "Die Wolke" [1987]

Wertung: 2 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 15. Februar 2006
Autorin: Gudrun Pausewang

Genre: Drama / Jugendbuch

Originalsprache: Deutsch
Gelesen in: Deutsch
Ausgabe: Gebundene Ausgabe
Länge: 206 Seiten
Erstveröffentlichungsland: Deutschland
Erstveröffentlichungsjahr: 1987
ISBN-Nr. (gelesene Ausgabe): 3-86615-112-8


Kurzinhalt:
Beinahe hat die Weltöffentlichkeit die Katastrophe von Tschernobyl vergessen, als das Unfassbare mitten in Deutschland geschieht: Radioaktives Material tritt im Atomkraftwerk Grafenrheinfeld aus, der Super-GAU ist geschehen.
Die Eltern der erst vierzehnjährigen Janna-Berta und ihres noch jüngeren Bruders Uli sind noch näher am Atommeiler als der Unfall geschieht als die beiden Kinder. Entgegen der Anweisung der Polizei, aber auf Drängen ihrer Mutter hin, verlässt Janna-Berta zusammen mit ihrem Bruder ihren Heimatort Schlitz und flieht auf dem Fahrrad von der Unglückstelle – die ja immerhin nur 100 km entfernt liegt. Doch die beiden sind nicht allein; auf allen Straßen und Feldwegen bewegen sich die Autokolonnen, tausende Menschen machen sich auf die Flucht vor der radioaktiv verseuchten Wolke, die die Landschaft und die Menschen bedroht.
Inmitten des Chaos geschehen Plünderungen, Überfälle und auch Unfälle und wenig später zählt Janna-Berta zu eben jenen, die zwar vorerst mit dem Leben davon gekommen sind, die Auswirkungen der Katastrophe aber erst noch zu spüren bekommen.


Kritik:
Mit Die Wolke wollte die Autorin Gudrun Pausewang Jugendliche auf die Gefahren der Atomkraft aufmerksam machen – das Buch entstand aus dem Geist der Anti-Atomkraftwerks-Bewegung nach dem verheerenden Zwischenfall im ukrainer Kernkraftwerk von Tschernobyl im April 1986. Zusammen mit ihren Werken Die Not der Familie Caldera [1977] und Ich habe Hunger, ich habe Durst [1981] war Die Wolke ihr größter Bucherfolg bei über 70 erschienen Romanen.
1928 als Tochter eines Diplomwirts in Ostböhmen geboren, absolvierte Pausewang nach dem Ende des zweiten Weltkriegs ihr Abitur und unterrichtete später als Grundschullehrerin. In den 1950er und 1960er Jahren reiste sie mehrmals für Jahre nach Südamerika, kehrte aber 1972 endgültig nach Deutschland zurück und lebt seither in Schlitz, wo sie bis zur Pensionierung als Lehrerin arbeitete. Thematisch wandelte sich Pausewangs Interesse von heiteren Erwachsenenbüchern zu Beginn, zu Werken mit sozialkritischen Themen.; Zudem beschäftigte sie sich mit den Problemen der Dritten Welt, auf die sie bei ihren langen Reisen aufmerksam wurde. 1989 ging sie in den Ruhestand und widmet sich seither alleinig dem Schreiben, wobei sie sich aber noch wie vor für Frieden und Umweltschutz einsetzt. Für Die Wolke erhielt sie zahlreiche Preise, darunter den Deutschen Jugendliteraturpreis, der ihr von der damaligen Familienministerin Rita Süßmuth mit den Worten überreicht wurde, dass "politische Streitkultur ein wichtiger Bestandteil jedes demokratischen Systems" sei.

Die Tatsache, dass ein ähnliches Szenario zur erschreckenden Realität wurde und auch in letzter Zeit immer wieder Sicherheitsmängel bei Atomkraftmeilern auftauchten, verleiht dem Roman zugegebenermaßen eine Brisanz, die nicht viele Bücher nach beinahe 20 Jahren innehaben.
Doch konzentriert sich die Autorin inhaltlich leider überhaupt nicht auf die Unglückskette, die letztlich zum Zwischenfall im Atomkraftwerk Grafenrheinfeld führt, sondern wirft den Leser schon nach wenigen Seiten in eine gegebene Situation, in der sich die Jugendliche Janna-Berta mit ihrem Bruder auf der Flucht vor einer radioaktiven Wolke befinden, die aber weder die einzige, noch die größte Gefahr darstellt, wenn sich die Menschenmassen in den betroffenen Gebieten erst einmal in Bewegung setzen.
Doch während es der Autorin überzeugend gelingt, die Landschaft vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen und die Autokolonnen zu beschreiben, die sich auf die Flucht vor dem radioaktiven Fallout machen, und sie die Bereitschaft der Menschen schildert, über ihre äußersten moralischen Grundsätze hinaus zu gehen, gelingt es ihr aber leider nicht, ihre ohnehin nur wenigen Figuren mit dem notwendigen Feinschliff zu versehen. Janna-Bertas Odyssee durch die Blechlawinen und durch verlassene Dörfer beobachtet man als Leser hauptsächlich unter dem Aspekt, dass die übrigen Menschen ihre verzweifelten Versuche unternehmen, der radioaktiven Strahlung zu entkommen., Janna-Bertas Schicksal selbst lässt einen aber überraschend kalt. Selbst dann noch, wenn zuvor im Roman eingeführte Figuren die Flucht nicht überleben.
Recht früh wird im Roman allerdings deutlich, weswegen das früher im Schulunterricht gern gelesen Buch heutzutage nur noch selten zum Einsatz kommt. Bereits im Vorwort (das dieser Ausgabe nicht beilag) verglich die Autorin angeblich die Atomenergie mit den Gefahren des Nationalsozialismus und rief zum Widerstand gegen die "Atommafia" auf. Was im Roman zum Thema allerdings zu finden ist, ist nicht weniger drastisch überzeichnet: Wenige Momente, nachdem klar wird, was in Grafenrheinfeld geschehen ist, sind auch schon die Schuldigen an dem Desaster ausgemacht – die Politiker. Diese nicht enden wollende Reihe von Anschuldigungen gegenüber den Regierungsrepräsentanten, wiederholt sich dabei pro Seite mitunter ein Dutzend Mal, kulminiert sogar in einer Passage, in der Kleinkinder Sprüche wie "Es lebe das Leben!" nicht verstehen, aber bei "Zum Teufel mit den Politikern!" zustimmend nicken. Die Hetzkampagne gegen die Minister hat dabei nur die Grundlage, dass die Politiker nicht gegen die Atomkraft gestimmt haben, sie willkommen hießen und ihre Gefahren unterschlugen. Diese kurzsichtige, naive und beinahe schon erschreckend plakative Sichtweise spiegelt allerdings genau jene Engstirnigkeit wieder, mit der die vermeintlichen Atomkraftbefürworter im Roman für ihre Sache einstehen, wodurch sich Pausewang den Objekten ihrer Kritik weit mehr annähert, als es ihr womöglich bewusst war oder sie gar beabsichtigte.
Inhaltlich bleibt der Roman damit nicht nur hinter den Möglichkeiten zurück, sondern enthält dem Leser einen Dialog zum Thema vollkommen vor, erzählt nur einen Standpunkt, ohne sich auf eine Diskussion einzulassen. Mit "politischer Streitkultur" hat dies nichts zu tun, vielmehr mit Polemik.

Bei aller Schelte gegen die Politiker und die Atomenergie vergisst die Autorin überdies, ihre Figuren in irgendeine Richtung zu entwickeln; beinahe schon in einem Nebensatz werden vermeintliche Hauptfiguren aus dem Roman geschrieben, wird erwähnt, welche für den Hauptcharakter wichtige Personen gestorben sind, und die Trauerbewältigung beschränkt sich zuerst auf apathisches Schweigen und (beim Stichwort Politiker) in Hetzparolen geäußerte Wut samt anschließender Rehabilitierung und fortan aktiver Anti-Atomkraft-Aktivität.
Selbst Janna-Berta, deren Hintergrund ansich reichhaltig beschrieben wird, wirkt wie eine eindimensionale Pappfigur ohne charakterliches Profil, sondern ist derart in ihrem klischeehaften Universum gefangen, dass man sie eher dafür bemitleiden möchte, als für ihren Verlust. Die übrigen Personen besitzen stellenweise immerhin einige wenige Charakterzüge, die aber allesamt nur einen Aspekt darstellen, anstatt sich im Zwist befindliche Figuren zu verkörpern.
Die Figuren erwecken durchweg den Eindruck, als wären sie am Reißbrett entstanden und dienten nur dem Zweck, die Botschaft der Autorin so eindrucksvoll wie in Worten grell-leuchtend darzubringen. Das persönliche Leid der Beteiligten interessiert dabei schon gar nicht mehr.

Werden in den meisten Katastrophengeschichten die Figuren zuerst in ihrer normalen, idyllischen Umgebung geschildert und anschließend ihre Veränderung in der auf den Kopf gestellten Umgebung aufgezeigt, nimmt sich Pausewang hierfür gar nicht die Zeit, sondern wirft Figuren, mit denen man als Leser noch gar keine Beziehung aufbauen konnte, in eine für sie ungewohnte Situation. Dies beraubt einen allerdings der Möglichkeit, wirklich abschätzen zu können, inwieweit ihr Verhaltensmuster von ihren Gewohnheiten abweicht und in welchen Situationen sie über sich hinaus wachsen.
Dramaturgisch gibt die Autorin zu Beginn eigentlich ein gutes Tempo vor, verzettelt sich dann aber in einer Reihe eher belanglos erzählter Mitfahrgelegenheiten Janna-Bertas, denen die Figur selbst nur autistisch beiwohnt. Fortan scheint auch die Bedrohung für die Charaktere nicht mehr real oder spürbar, und wenn die Wochen immer schneller verstreichen, verliert man auch den Bezug zum Gefühlszustand der Figuren. Spannend ist der Roman damit nur im ersten Drittel, wird im letzten Drittel bei Janna-Bertas Heimkehr nach Schlitz aber insofern wieder interessant, als dass man die veränderte Landschaft geschildert bekommt, die geisterhaft verlassenen Häuser und Dörfer. Dies gelingt Pausewang dabei zugegebenermaßen sehr gut, hätte sie sich allerdings nur auf die Flucht aus dem Katastrophengebiet beschränkt, hätte sie die beiden Figuren zu Beginn getrennt werden und sich sicher wieder finden lassen, wäre ein spannenderer, kohärenterer und weit dichterer Roman möglich gewesen.
In vorliegender Form scheint Die Wolke eher, als hätte die Autorin das Thema so schnell wie möglich abschließen – und dabei auch im letzten Abschnitt auf ihre Aussage beharren wollen.

Sprachlich findet sich in dem Jugendroman wenig, was für Jugendliche in irgend einer Form schwer zu erfassen wäre, auch wenn sich Pausewang an manchen Stellen zu sehr auf eine grafische Darstellung von Unfällen oder Opfern verlässt und andererseits die Beschreibungen wieder sehr allgemein hält. Dennoch bleibt Die Wolke gut verständlich und liest sich vor allem sehr schnell.
Dass erwachsene, informierte Leser trotz des ernsten Themas mitunter resigniert oder leicht amüsiert den Kopf heben, liegt allerdings an der inhaltlichen Darbringung der Geschichte, die stellenweise so überspitzt geraten ist, dass nicht klar wird, ob die Autorin sich ihrer Übertreibung tatsächlich bewusst war. Damit bleibt der Roman zwar als Zeitdokument interessant und steht für eine Bewegung, die heute zwar nicht abgeflacht, aber immerhin weniger populistisch geworden ist und sich mit vernünftigen Argumenten – und vor allem Alternativlösungen zur Atomkraft zu wehren weiß.
Darauf verwendet die Autorin jedoch keine Zeit, und so bleibt neben dem post-Tschernobyl-historischen, ansich interessanten Stoff des Romans der größte Vorteil bei Pausewangs Die Wolke, dass der Roman nach nur 200 Seiten schon wieder zu Ende ist – und sich auch Jugendliche einem vielschichtigerem Werk mit mehr Inhalt widmen können.


Fazit:
Nach den Vorschusslorbeeren und der interessanten Prämisse, war meine Enttäuschung dementsprechend groß. Zwar schien es mir im ersten Moment bereits befremdlich, ein solch erschreckendes Szenario aus den Augen eines Kindes zu schildern, die Art und Weise, wie die Autorin ihre Geschichte aber voran bringt und entwickelt, erinnert bisweilen an eben jene Naivität, die sie gleichzeitig im Bezug auf die Atomkraft anprangert.
Die charakterlichen Entwicklungen der Hauptfigur Janna-Berta lassen jede Feinfühligkeit, jede fein abgestimmte Nuance vermissen. Stattdessen überwindet sie ihre Trauer (die ohnehin kaum heraus gearbeitet ist) in einem Ruck und stimmt fortan in den allgemein im Roman vorherrschenden Kanon ein, dass die Politiker die Schuldigen sind und Atomkraft ein Werkzeug, das nur zur Vernichtung der Menschen dient. Dies ist dabei so engstirnig wie polemisch, gleichzeitig aber so plakativ, dass man aus heutiger Sicht über manche Abschnitte, in denen zig Mal gesagt wird, wie sehr die Politiker an allem Schuld sind, unfreiwillig schmunzeln muss.
Die Hintergründe der Katastrophe werden überhaupt nicht ausgelotet, die langfristigen Entwicklungen ebenso wenig, die gesellschaftlichen nur angedeutet, und zieht man in Betracht, dass der Roman trotz seiner nur 200 Seiten über ein halbes Jahr an Handlung umspannt, wird klar, dass viele Lücken entstehen, in denen Gudrun Pausewang andere Figuren hätte einführen und das Geschehen aus einer anderen Perspektive hätte zeigen können. So entbehrt Die Wolke stellenweise nicht einer gewissen Komik, dies aber nicht aus inhaltlicher Sicht, sondern durch die Nachhaltigkeit, mit der die Autorin ihre Botschaft zu transportieren gedenkt. Sie provoziert damit gleichzeitig bei informierten Lesern ein Gedankenspiel, dem sich die Autorin nie stellt: Was wäre 1987 gewesen, hätte man alle Atomkraftwerke der Welt abgestellt und die Elektrizität aus anderen Quellen beziehen wollen? In welchem Maße wäre heute die Luft mit all jenen Abgasen belastet, die der Menschheit noch immer zu schaffen machen?
Pädagogisch unausgereift und mit einem künstlich erzwungenen Konfliktpotential, das einer näheren Betrachtung in der dargebrachten Form schlicht nicht standhält, fehlt es Pausewangs Roman vor allem an Substanz, gleichwohl die Ausgangslage in einem kritischen, facettenreichen Roman spannend und ergreifend ausgearbeitet werden könnte.


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