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Der Blog stellt eine Art Internettagebuch dar, in dem die Mitglieder der Redaktion ihre Gedanken mit den Lesern teilen. Er bietet Einblicke in den Alltag und in die Themen, die die jeweiligen Autoren am meisten beschäftigen.
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Schlechte Ideen bringen den größten Profit
Treffpunkt: Kritik Wäre es nur eine Erscheinung der derzeitigen Wirtschaftskrise, könnte man die Versessenheit der Menschen, überall etwas "billig" abzustauben noch verstehen. Immerhin muss ein jeder sehen, wie er seine Zukunft sichert. Aber das Motto "Geiz ist geil", das nicht zuletzt eine Elektronikkette so populär gemacht hat, ist keine Modeerscheinung. Es scheint vielmehr in den Köpfen der Menschen seit Urzeiten verankert und dabei, da macht das Schönreden keinen Sinn, sind die Deutschen wieder einmal Spitzenreiter.
Wir fahren bereitwillig 40 Kilometer oder mehr zu einer Tankstelle, bei der das Benzin zwei Cent günstiger ist als bei derjenigen um die Ecke in der Überzeugung, wir hätten was gespart. Wir lassen uns immer wieder von Versprechungen einlullen, die Discounter hätten überall die Preise gesenkt, ohne zu vergleichen, dass die Packungen dabei deutlich mehr geschrumpft sind. Und es wählen aus augenscheinlicher Überzeugung Millionen Menschen diejenige Partei in die Regierung, die seit Jahren in der größten Schrift die Steuersenkung auf ihr Wahlplakat geschrieben hat – auch wenn sie keine Ahnung hat, wie das finanziert werden soll. Ahnungslosigkeit scheint dabei inzwischen tatsächlich eine gültige Ausrede zu sein.
So auch für Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, über den unversehens der Spiegle berichtete, Sponsoren könnten den CDU-Minister für wenige Tausend Euro treffen und für 20.000 Euro sogar eine persönliche Unterredung mit ihm buchen. Das ist eine Neuigkeit, die sich kurz vor der Landtagswahl im Mai überhaupt nicht gut auf die Umfragewerte auswirkt – nur gut, dass die Menschen bis dahin genug Zeit haben, die unangenehme Wahrheit wieder zu vergessen. Ob bei den buchbaren Gesprächen, die ja heuer nicht zum ersten Mal angeboten wurden, auch eigene Gesetzesentwürfe der "Spender" mit eingebracht werden konnten, ist nicht bekannt. Aber es verdeutlicht, wie weit die Lobbyarbeit inzwischen schon fortgeschritten ist und wie moderne Politik funktioniert.
Wie könnte es anders sein, wusste Rüttgers von dieser Praktik natürlich nichts, als sei Ignoranz gar eine Grundvoraussetzung, um in der hohen Kunst der Politik überhaupt aktiv sein zu dürfen. Sei es Helmut Kohl gewesen, der derzeitige Finanzminister Wolfgang Schäuble, oder sonst irgendein Minister, der sein Auto mit den Urlaub genommen hat, Spendengelder rein zufällig unterm Kopfkissen fand oder sonstige Zuwendungen erhielt (von Posten in russischen Gasunternehmen ganz zu Schweigen), irgendwie scheint sich kein Minister in seinem Ressort tatsächlich auszukennen. Keiner weiß Bescheid, was dort vor sich geht und wenn es unangenehm wird und die Fragen zu dringend werden, muss man auch nur reagieren wie Jürgen Rüttgers, der nun seinen "verantwortlichen" Generalsekretär gefeuert hat, als wäre damit das Problem selbst aus der Welt. Im Gegensatz zu Bischöfinnen, die selbst zurücktreten, wenn sie ihr Amt entwürdigt haben, wird bei den Regierenden lediglich ein Bauernopfer vorgeschickt.
Da macht sich unter der Bevölkerung doch zurecht die Sorge breit, ob es denn sinnvoll ist, solch unwissenden Figuren so verantwortungsvolle Aufgaben zu übertragen. Oder wären wir vielleicht ebenso gut beraten, wir würden den Umweltschutz in die Hände von Mickey Mouse legen? Die würde immerhin nicht auf die Idee kommen, überfällige Atommeiler länger laufen zu lassen und dafür Investitionen in die Solar-Energie zu kürzen. Dies war immerhin sorgfältig von Lobbyisten vorbereitet worden.

Hätte man ebenso viel Sorgfalt beim Bau der Kölner U-Bahn walten lassen, befände sich nun nicht eine ganze Branche in Verruf. Stahlträger, die entwendet wurden (und deren Fehlen niemandem bemerkte), Betonmischungen, die nicht halten, was sie versprechen und eine Bauaufsicht, die lediglich vom Büro aus überprüfte, ohne je an der Baustelle gewesen zu sein. Die Abgründe, die sich Berichten zufolge hier auftun, lassen nicht nur die betroffenen Anwohner sprachlos zurück.
Auch hier fragt man sich, was ist passiert und wie viel mehr hätte noch passieren können, wenn nicht irgendwo irgendwer endlich aufgewacht wäre. Als gleichzeitig Meldungen auftauchten, die Deutsche Bahn könnte mit ihrer Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Nürnberg und München ebenfalls betroffen sein, wollte man sein Haus am liebsten gar nicht mehr verlassen. Die Bahn beteuert unterdessen, dass es keine Hinweise auf solche Pfuscharbeiten an der ICE-Trasse gebe, auch wenn die Züge auf dem immerhin 3,6 Milliarden Euro teuren Streckenabschnitt seit Inbetriebnahme nur gedrosselt fahren. Inzwischen wurden Proben genommen, die erst noch ausgewertet werden müssen. Diesbezüglich weiß man bei der Bahn gar nicht, wo man zuerst kämpfen soll, immerhin wurde jüngst bekannt, dass die Probleme mit den Achsen der ICEs noch lange nicht ausgestanden sind. Sollten sie letzten Sommer bereits behoben sein, wird sich die Austauschwelle vermutlich bis 2013 oder sogar länger hinziehen. Die Folge sind Ersatzzüge und Ausfälle, für die Fahrgäste aber nicht weniger unangenehm sind die auf eine Garnitur beschränkten ICEs, in der nun doppelt so viele Fahrgäste Platz haben sollen wie geplant.
Auch hier bleibt der Verdacht bestehen, dass aus Profitgier und zur Gewinnmaximierung nicht diejenigen Achsen verbaut wurden, die auch tatsächlich gehalten hätten, immerhin scheint das bei den älteren ICEs auch kein Problem darzustellen. Nur wie mit jeder neuen Version wird versucht, durch Einsparungen ein größeres Plus zu erzielen. Das Endergebnis spricht für sich selbst.

Wenn es uns tröstet, wir sind im unendlichen und ins Verderben rennenden Sparwahn nicht die einzigen. In den USA scheint man derzeit darum bemüht, mit möglichst originellen Ideen Gelder in die öffentlichen Kassen zu spülen.
Dazu zählt beispielsweise, dass die Gelbphase an Ampeln verkürzt wird, um so schneller Strafzettel für das Überfahren einer roten Ampel ausstellen zu können. Die gefährliche Nebenwirkung für Autofahrer und Fußgänger wird hierbei durch den Mehrwert der Einnahmen sicherlich aufgewogen. Eine mögliche Weiterentwicklung für Deutschland wäre es doch, wenn man sporadisch die Gelbphase ganz überspringt, und direkt von grün auf rot wechselt. Das würde gerade in Großstädten mit aggressiven Autofahrern ein Ventil für die angestaute Wut mit sich bringen. Oder zumindest die Automobilindustrie ankurbeln, die dieses Jahr ohnehin in Schwierigkeiten geraten ist/wird.
Ein weiteres Highlight (im doppelten Sinne) aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten bekommt man bei Roger Ebert zu lesen. Er berichtet von einer Neuerung einer kalifornischen Stadt, die für jeden Feuerwehreinsatz ohne Brand 300 $ verlangt. Sei es nun, dass ein Kind im Auto eingeschlossen wurde und keine Luft mehr bekommt, oder eine vom Baum zu rettende Katze. Die 300 $ werden von der Versicherung selbstverständlich nicht übernommen und wer auf Nummer sicher gehen möchte, kann bei der Feuerwehr ein Jahrespaket für 48 $ abschließen. Auch Los Angeles überlegt derzeit angeblich ein solches Vorgehen. Wer also demnächst die Feuerwehr wegen eines nicht brennenden Notfalles benötigt, sollte sich in manchen Gegenden Kaliforniens überlegen, zusätzlich ein Zimmer in Brand zu stecken, um das Feuerwehraufgebot überhaupt zu rechtfertigen.

Wer es angesichts solcher Entwicklungen schwierig findet, die Beherrschung zu wahren, der sei getröstet: wenn die Erfahrung eines gezeigt hat, dann dass sich ein solcher Fortschritt nicht aufhalten lässt. Sobald es eine schlechte Idee gibt, mit der sich irgendwo Geld einsparen lässt, wird sich sicherlich jemand finden lassen, der dafür spendet, diese Idee durch die Politik in die Realität umgesetzt zu sehen.
Und während in anderen Ländern zehntausende Menschen auf die Straße gehen, wenn ein Sparkurs überhaupt nur angekündigt wird, werden wir unser selbst gewähltes Schicksal tapfer und still ertragen. Denn es gibt hierzulande nur eine Gruppe, die keine Lobby besitzt: wir.
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