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Zwei Brüder [2004]

Wertung: 3 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 21. Mai 2013
Genre: Unterhaltung

Originaltitel: Deux frères
Laufzeit: 109 min.
Produktionsland: Frankreich / Großbritannien
Produktionsjahr: 2004
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Jean-Jacques Annaud
Musik: Stephen Warbeck
Darsteller: Guy Pearce, Jean-Claude Dreyfus, Freddie Highmore, Philippine Leroy-Beaulieu, Oanh Nguyen, Vincent Scarito, Moussa Maaskri, Maï Anh Le, Jaran 'See Tao' Petcharoen, Stéphanie Lagarde, Bernard Flavien, Annop Varapanya, David Gant


Kurzinhalt:
Dass der bekannte Großwildjäger und Autor Aidan McRory (Guy Pearce) in Kambodscha gefasst und ins Gefängnis gesteckt wurde, ist dem französischen Gouverneur Normandin (Jean-Claude Dreyfus) gerade recht. Immerhin plant er, sich mit einer Straße quer durch den Dschungel zu verewigen und benötigt hierfür die Unterstützung des Khmer-Prinzen (Oanh Nguyen). Der wiederum möchte unbedingt einen Tiger erlegen, um sich mit dem Tier ablichten zu lassen. Bei seinem letzten Beutezug in den alten Tempeln hat McRory ein Tigerjunges gefunden, das inzwischen bereits an den Zirkusbesitzer Zerbino (Vincent Scarito) weitergereicht wurde. Dort wächst der junge Kumal heran, um Kunststücke zu vollführen.
Bei der von McRory ausgerichteten Jagd entdeckt Normandins Sohn Raoul (Freddie Highmore) einen weiteren jungen Tiger, den er Sangha nennt und bei sich aufnimmt. Doch wenig später muss er das Tier abgeben, auf Drängen seiner Mutter (Philippine Leroy-Beaulieu). Sangha kommt beim Prinzen unter, der ein Jahr später einen großen Kampf zelebrieren will. Als Gegner wird Kumal verpflichtet. Was jedoch niemand weiß, Kumal und Sangha sind Brüder, die durch McRory einst getrennt wurden ...


Kritik:
Mit seinem Film Der Bär [1988] gelang Regisseur Jean-Jacques Annaud ein Abenteuer, das nicht zuletzt auf Grund des temperamentvollen, pelzigen Protagonisten Zuschauer jeden Alters begeistert. Dass darin über weite Strecken nicht gesprochen wird, macht die Aussage des Films nur universeller. Es fällt nicht schwer, sich vorzustellen, was ihm bei Zwei Brüder vorschwebte, immerhin sind beide Werke ähnlich gelagert. Und doch, was er damals erreichte, gelingt ihm hier in keinem Moment. Ganz junge Zuseher werden sich an den Bildern der knuffigen Tigerjungen kaum satt sehen können, aber nicht erst, wenn die Geschichte einen Sprung um ein Jahr macht, verliert sie ihre eigentliche Absicht aus den Augen.

Sie beginnt mit einer Familie bestehend aus vier Tigern, zwei erwachsenen und zwei Jungen. Von den beiden Brüdern ist der später Sangha genannte der verspielte, während Kumal der mutigere der beiden ist. Sie werden in einer verlassenen, alten Tempelanlage im Kambodscha der 1920er Jahre aufgezogen, bis der Jäger McRory, auf der Suche nach alten Figuren, die er aus den Tempeln stiehlt, ihr Schicksal verändert. Bei einer Begegnung wird der Vater der beiden erschossen, während die Mutter mit Sangha flieht und Kumal von McRory mitgenommen wird. Doch auch wenn der von Guy Pearce dargestellte Großwildjäger und Tempelräuber eigentlich unsympathisch sein sollte, oftmals ist er es nicht. Er gibt Kumal an einen Dorfältesten, der ihn wiederum an einen Zirkus verkauft.
Sangha hingegen wird bei einer von McRory organisierten Treibjagd, die zu Ehren eines Khmer-Prinzen veranstaltet wird, vom Sohn Raoul des französischen Gouverneurs Normandin entdeckt und als Haustier mitgenommen. Und es ist in spätestens diesem Moment, da sich erwachsene Zuschauer fragen, in welche Richtung Annaud seinen Film entwickeln will. Zwar zeigt er in Zwei Brüder, welch unterschiedliche Entwicklung die beiden Tigerjungen durchlaufen, ehe sie ein Jahr später wieder vereint werden, doch trifft er seine Aussagen zur gesamten Situation nicht rigoros genug. So zeigt er zwar an Hand des kläffenden Haustiers der Normandins, der sich der in die Ecke gedrängte Tiger eines Tages vorknöpft, dass ein Tiger mehr Kräfte besitzt, als man vermuten würde. Doch wann äußert sich das Skript dazu, dass es schlichtweg falsch ist, sich überhaupt ein Raubtier als Haustier zu halten? Wir sehen, wie Raouls Mutter ihm im Schlaf einen Gutenachtkuss gibt – und dem danebenliegenden Tiger ebenso – doch anstatt das Verhalten der Normandins generell als verantwortungslos und naiv darzustellen, wird es belustigend eingesetzt. Aus dem vermeintlichen Techtelmechtel zwischen der Mutter und McRory weiß das Skript ebenfalls nicht mehr zu machen. Selbst die unzumutbare Tierquälerei, mit der Kumal im Zirkus trainiert wird, beschränkt der Film auf die üblichen Klischees und lässt gleichzeitig die übrigen Tiere vollkommen außer acht.

Dass McRory nicht durchweg bösartig ist, beweist er in seiner absehbaren Wandlung, so dass er dem jungen Raoul schließlich beichtet, dass er die Bedrohung durch die beiden Tiger beseitigen, und dann nie wieder zum Gewehr greifen will. Dass den beiden Tigern im dem Moment nicht geholfen ist, wird nicht weiter erwähnt. Andererseits wird vorgestellt, dass immer wieder Menschen von Tigern angefallen und schwer verletzt oder gar getötet werden – doch wer wessen Lebensraum eingenommen und beschnitten hat, verschweigt das Skript ebenso.
Man wird das Gefühl nicht los, dass Jean-Jacques Annaud in Zwei Brüder beide Seiten dieses Konflikts beleuchten will, sich aber letztlich auf die Seite der Jäger stellt, ihnen seine Titelfiguren aber nicht opfern möchte. Sein Engagement für die Tiere wirkt dabei ebenso halbherzig wie das für die Figuren, denen sie gegenüber stehen und über die man kaum etwas erfährt. Und ist man der Meinung, dass die Raubtiere in den ersten beiden Dritteln schon stark verharmlost wurden, zeigt der Regisseur im letzten Akt Raoul, der sich einem beinahe ausgewachsenen Tiger gegenüber stellt und ihn immer noch als das Haustier von einst verklärt. Diese Tiere als wild anzuerkennen, heißt nicht, sie geringzuschätzen, sondern vielmehr, ihren Platz in der Natur zu würdigen. Dies gelingt Zwei Brüder leider nie, es scheint aber auch gar nicht die Absicht der Filmemacher gewesen zu sein.


Fazit:
Von der lebendigen Landschaft und den beeindruckenden Tigern abgesehen, fällt an Jean-Jacques Annauds Film als erstes das Aussehen der Bilder auf. Diese wirken, als wären sie beim Urlaub mit einer heimischen Videokamera entstanden. Das ist den frühen Digitalkameras geschuldet, die einen solchen Look häufig produzierten. Es rundet einen Film ab, dessen Story sich nie entscheiden kann, in welche Richtung sie gehen soll. Einerseits wird aufgezeigt, in welch kleinen Käfigen die Tiere gehalten werden, wie ihnen in Gefangenschaft auf grausame Weise Tricks beigebracht werden, die dann eine handvoll Zuschauer bewundern sollen. Andererseits weckt das Drehbuch Verständnis für diejenigen, die bei Tigerangriffen verletzt wurden.
Es scheint, als wollte der Regisseur mit Zwei Brüder keine der Seiten verärgern und wandert darum unentschlossen zu einem absehbaren Ende. Der Weg dorthin wartet mit schönen Eindrücken der majestätischen Geschöpfe auf, die aber häufiger putzig sind, als dass sie in ihrer natürlichen Umgebung gezeigt werden. Jüngere Zuschauer wird das nicht stören, auch werden sie sich nicht wundern, weshalb die Geschichte von einem Moment zum nächsten plätschert, ohne wirklich mitzureißen. Die blassen Figuren tun hier ihr übriges. Man sieht zwar, was dem Filmemacher wohl vorgeschwebt sein mag, aber erreicht hat er hiervon kaum etwas.


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