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Wenn der Wind weht [1986]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 18. Mai 2019
Genre: Animation / Drama

Originaltitel: When the Wind Blows
Laufzeit: 84 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 1986
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Jimmy T. Murakami
Musik: Roger Waters
Stimmen: Peggy Ashcroft (Brigitte Mira), John Mills (Peter Schiff), Robin Houston


Kurzinhalt:

In den Zeitungen liest Rentner Jim (John Mills / Peter Schiff), dass sich ein Konflikt der Ost- und Westmächte zuspitzt und auch ein atomarer Präventivschlag nicht ausgeschlossen ist. Informationsbroschüren der Regierung nach, sollen Bürger Vorbereitungen treffen. Seine Frau Hilda (Peggy Ashcroft / Brigitte Mira) ist davon wenig begeistert, aber als sie im Radio hören, dass es innerhalb weniger Tage soweit sein könnte, beginnen sie damit, einen „Schutzraum“ zu bauen und Vorräte anzulegen. Obwohl sich Jim gegenüber seiner Frau wissend gibt, müssen sie erkennen, dass sie keine Vorstellung dessen haben, was ein Atomschlag tatsächlich bedeutet, oder was für Auswirkungen die Strahlung haben wird. Nachdem die Bombe gezündet wurde, sehen sie sich mit einer neuen Welt konfrontiert – und spüren bald die ersten Auswirkungen der Verstrahlung …


Kritik:
Der Animationsfilm Wenn der Wind weht ist eine überaus ungewöhnliche Produktion, in vielerlei Hinsicht. Es ist ein Zeichentrickfilm für Erwachsene, obwohl es diese Art Filme vor über 30 Jahren nicht sehr häufig gab. Und er nimmt sich eines wichtigen Themas auf sehr ungewöhnliche Weise an: Das Erleben und die Auswirkungen eines Atomschlags werden aus Sicht eines abgeschieden lebenden Rentnerehepaars in England geschildert. Das klingt nach schwerer Kost – und das ist es auch (immer noch).

Basierend auf dem Comic Strahlende Zeiten [1982] von Raymond Briggs, der auch die Drehbuchvorlage schrieb, ist die Geschichte zu einem nicht näher bezifferten Zeitpunkt in den 1980er-Jahren angesiedelt. Die Filmumsetzung folgt dabei mitunter wörtlich der Vorlage, was bereits Briggs’ Werk umso bemerkenswerter macht. Dass es gelang, eine so ernste und facettenreiche Geschichte in Form eines, von der Art der Zeichnungen her sogar für Kinder geeigneten, Comics zu veröffentlichen, lässt einen nachdenklich werden.
Im Zentrum von Wenn der Wind weht steht das Ehepaar Bloggs, Hilda und Jim. Sie sind beide in Rente und wohnen an sich im idyllisch ländlichen England. Nachdem sich Jim in der Stadtbibliothek informiert und erfahren hat, dass es politisch kriselt, hat er sich mit offiziellen Broschüren und Pamphleten eingedeckt, in denen das Landratsamt und die Regierung Hinweise geben, was die Bürgerinnen und Bürger im Fall eines Atomschlags zu ihrem Schutz unternehmen können. Nachdem der Nachrichtensprecher im Radio ankündigt, dass innerhalb weniger mit einem Angriff zu rechnen sei, beginnt Jim mit den Vorbereitungen.

Die beinhalten beispielsweise, dass der aus Türen im Haus, die in einem 60°‑Winkel zur Wand fixiert werden sollen, einen „Schutzraum“ errichtet. Die Anweisung, Lebensmittel zu horten, kommt für ihn und Hilda zu spät, die Menschen haben mit Hamsterkäufen die Läden bereits geplündert. Während Hilda immer wieder anzweifelt, ob es überhaupt zu einem Konflikt kommen wird, bekräftigt Jim, der die Anleitungen akribisch befolgt, dass die Regierung wisse, was zu tun ist. Es ist ein Thema, das Wenn der Wind weht immer wieder aufgreift – dass die Mächtigen zum Wohle der Menschheit handeln würden. Wenn Jim gefühlt zwei Dutzend hochtechnologische Warn- und Abwehrsysteme, die einen Angriff verhindern sollen, aufzählt, und Hilda lediglich festhält, dass sie alle nicht verhindert haben, dass die Bombe abgeworfen wurde, dann trifft diese Aussage wie ein Tiefschlag. Denn bei den Vorbereitungen bleibt es nicht: Eine Atombombe wird gezündet und die Welt des Ehepaars verändert sich für immer.

Vor dem Abwurf der Bombe erzählen sowohl Jim als auch Hilda von ihren Erinnerungen des Zweiten Weltkriegs, den sie beide erlebt haben. Von den eindrucksvollen politischen Figuren, dem sympathischen Josef Stalin, an den sich Hilda gern auf Grund seines Schnurrbarts erinnert. In ihrer Erinnerung verklären sie den Zweiten Weltkrieg auf geradezu romantische Art und Weise, dass ein aufgeklärtes Publikum nur ungläubig den Kopf schütteln kann. Kommen die teils absurden Aufgaben hinzu, die Jim von den Informationsbroschüren der Öffentlichen Stellen auferlegt werden, weiß man nicht, ob Wenn der Wind weht ein Drama, eine Komödie oder eine Satire sein soll.
Doch sieht man, wie Hilda und Jim nach der Katastrophe ihre Umgebung wahrnehmen, sie versuchen, mit der Situation klarzukommen, dann wird deutlich, wie wenig sie tatsächlich über diese Waffe und ihre Auswirkungen wussten. Beinahe bis zum Ende gehen sie davon aus, dass die Infrastruktur wieder aufgebaut würde, der Briefträger oder die Zeitung am nächsten Tag kommen werde. Dass es keinen Strom, kein Wasser gibt, stellt sie vor ungeahnte Probleme – und sie gehen davon aus, dass Regen getrunken werden könnte, weil man ihm nichts Schlimmes ansieht.

Man mag dieses Paar belächeln angesichts seiner Blauäugigkeit, aber spätestens, wenn Raymond Briggs die Auswirkungen der Strahlenkrankheit zeigt, schmilzt die vermeintliche Distanz des Publikums dahin. Dass dies ein anderer Krieg werden würde, war den Bloggs nie bewusst, ebenso wenig, dass es vermutlich der letzte sein wird. Auch dass die zu treffenden Schutzmaßnahmen der Behörden das Unausweichliche im besten Fall verzögern nicht. Filmemacher Jimmy T. Murakami zeigt dies, ohne auf diese Figuren herabzublicken, sondern aus ihrem Blickwinkel heraus. Die Vermischung von teils realen Aufnahmen mit der handgezeichneten Animation mag mitunter seltsam erscheinen, bekräftigt jedoch den Realismus, sowohl der Auswirkungen des atomaren Niederschlags als auch der Empfehlungen der Behörden. Wenn der Wind weht ist kein Film für Kinder, allein schon, weil sie die vielen kleinen Andeutungen an gängige Vorurteile nicht verstehen würden. Doch die Aussage des Animationsfilms sollte an sich von Menschen allen Alters gehört werden: Es eben nicht so weit kommen zu lassen. Den Volksvertretern im Film ist dies nicht gelungen. Bleibt zu hoffen, dass die wirklichen erfolgreicher sind.


Fazit:
Die teils ungewöhnliche Inszenierung mit der Vermischung verschiedener Animationsstile, oder auch die subtile Verblendung von 3D- und 2D-Animationen heben die Zeichnungen selbst, die in den wesentlichen Bildbereichen überaus detailliert sind, merklich hinaus. Selbst wenn der Stil an sich nicht immer gelungen sein mag. Das Porträt dieser beiden Figuren, die nicht ahnend, was sie erwarten wird, versuchen, einen Atomschlag zu überleben, trifft nach einigen geradezu amüsanten Beobachtungen ihres Verhaltens unvermittelt ins Schwarze. Nicht nur Hildas und Jims Erinnerungen an den letzten Krieg, den sie erlebt haben, lassen das Publikum in Unglauben, auch wie wenig aufgeklärt sie sind, wenn es um den Schrecken nach der atomaren Bedrohung geht. Wenn der Wind weht ist ein treffendes und sehenswertes Plädoyer, diese Waffen niemals mehr zum Einsatz zu bringen. In den vergangenen 20 Jahren mag das selbstverständlich gewesen sein, aber wie zur Zeit des Kalten Krieges ist es auch heute offensichtlich geboten, sich daran zu erinnern. Unvermittelt berührend, ohne rührselig zu sein, ist dies ein starker und wichtiger Film.
Auch der Titelsong von David Bowie, „When the Wind Blows“, hat nichts von seiner Wirkung verloren.
 


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