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We Want Sex [2010]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 20. Januar 2011
Genre: Komödie / Drama

Originaltitel: Made in Dagenham
Laufzeit: 113 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2010
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Nigel Cole
Musik: David Arnold
Darsteller: Sally Hawkins, Andrea Riseborough, Jaime Winstone, Geraldine James, Bob Hoskins, Lorraine Stanley, Nicola Duffett, Matthew Aubrey, Daniel Mays, Richard Schiff, Rosamund Pike, Roger Lloyd-Pack, Miranda Richardson


Kurzinhalt:
Als sie von der Konzernleitung als ungelernte Arbeiter klassifiziert werden sollen, um so eine Lohnkürzung zu rechtfertigen, gehen die Näherinnen des Ford-Autowerks im britischen Dagenham auf die Barrikaden. Die Vertreterin der Arbeiterinnen Connie (Geraldine James) begleitet zusammen mit Rita O'Grady (Sally Hawkins) den Repräsentanten der Näherinnen Albert Passingham (Bob Hoskins) bei einem Gespräch mit der ansässigen Konzernleitung. Als die Männer davon reden, dass sie wüssten, worum es den Frauen geht, kann Rita sich nicht mehr zurückhalten. Sie macht ihren Standpunkt deutlich und tags darauf beginnen die 187 Näherinnen ihren Streik.
Albert sieht in Rita das Potential, viel mehr zu erreichen und ermutigt sie, sich für eine gleiche Bezahlung von Frauen und Männern einzusetzen. Damit weckt er in Rita einen Wunsch, der sie zu Entscheidungen führt, die nicht nur ihre Ehe mit Eddie (Daniel Mays) unter Druck setzen, sondern schließlich viele Menschen in der Siedlung gegen sie aufwiegeln. Denn ohne die genähten Sitzbezüge kann kein weiteres Auto im Werk mehr gefertigt werden. Nicht erst, als Vertreter des amerikanischen Ford-Vorstandes durch Robert Tooley (Richard Schiff) politischen Druck ausüben, schält sich sogar die Ministerin für Arbeit Barbara Castle (Miranda Richardson) in den Arbeitskampf ein ...


Kritik:
"Rechte sind keine Privilegien", die Aussage entlädt sich in einem Streitgespräch zwischen Rita und ihrem Mann Eddie wie ein Blitz, der viel zu lange auf seinen Einschlag gewartet hat. Auch fässt der Satz die Ungerechtigkeit, die Rita und ihre Kolleginnen und Freunde erdulden müssen so treffend zusammen, dass man sich seiner Wucht kaum entziehen kann. Rita wird, wie all die anderen Frauen im Werk des Automobilherstellers Ford (und wie in allen anderen Brachen auch) schlechter bezahlt. Das nicht, weil sie eine schlechtere Arbeit leisten oder weil sie ungelernt sind – eine solche Rückstufung, die vorgenommen werden soll, kommt angesichts ihrer Qualifikation einem Schlag ins Gesicht gleich. Sie werden schlechter bezahlt, weil sie Frauen sind und Männer darüber entscheiden. We Want Sex schildert den Arbeitskampf der 187 Näherinnen im britischen Dagenham gegen diese Diskriminierung und wie sie damit das gesamte Automobilwerk lahmlegten. Wie der Verleih den deutschen Filmtitel entschuldigt, abgesehen womöglich mit der Begründung, dass so der ein oder andere Zuseher mehr angelockt werden könnte, ist schleierhaft. Er suggeriert ein Thema, das so nicht behandelt wird. Regisseur Nigel Cole (Kalender Girls [2003]) erzählt ein mitunter lustiges, teils bewegendes Drama mit feinen, detailreichen Beobachtungen jener Zeit und der Arbeiterklasse, die das Rückgrat der Industrie ausmachte.

Sally Hawkins spielt Rita O'Grady, Frau des Ford-Arbeiters Eddie, die im Werk als Näherin der Sitzbezüge angestellt ist. Sie wird von Albert (verspielt und pointenreich: Bob Hoskins) zu einem Treffen mit dem Firmenvorstand mitgenommen, wo darüber diskutiert wird, ob Rita und ihre Kolleginnen auf die Stellenbeschreibung von Ungelernten zurückgestuft werden sollen. Dagegen wehren sich die Frauen und Rita ergreift die Initiative und verkündet einen Streik der Näherinnen. Erst Albert lenkt ihre Aufmerksamkeit darauf, dass Frauen immer schlechter bezahlt werden als Männer. Er ist es, der in ihr den vielleicht schon schlummernden Gedanken weckt, für die gleiche Bezahlung der Frauen einzutreten. Nicht nur, dass der Firmenvorstand mit streikenden Frauen zu kämpfen hat, sie wollen ab sofort auch die gleiche Bezahlung. Und als Rita vor den Frauen anderer Ford-Werke redet und sie wachrüttelt, springt der Gedanke wie ein Lauffeuer weiter.
Dabei interessiert es nicht, ob Made in Dagenham, so der passende Originaltitel, in jeder Minute widerspiegelt, was sich genau zugetragen hat, oder ob hinzugedichtet wurde. Sally Hawkins spielt so gut, dass sie nicht allein Rita zum Leben erweckt, sondern die Frustration eines ganzen Geschlechts angesichts einer offen ausgelebten Ungerechtigkeit. Im Streit mit ihrem Mann findet sich das ebenso wie in ihren improvisierten Reden, bei denen man nicht weiß, ob sie ganz leicht zittert, weil sie aufgeregt ist, oder weil das, was sie sagen möchte schon so lange in ihr brodelt, dass sie es kaum mehr im Zaum halten kann. Geraldine James, Andrea Riseborough, Jaime Winstone und viele andere Darstellerinnen verkörpern ein authentisches Bild im England des Jahres 1968. So auch Rosamund Pike, die als Frau des Firmenvorstands trotz eines ausgezeichneten Geschichtsstudiums zuhause gehalten wird und das Essen kochen soll. Wenn sie durchblitzen lässt, welche Ideen in ihr schlummern, welches Potential sie hat, wird dies von ihrem Mann, gespielt von Rupert Graves, sofort wieder unterdrückt. Miranda Richardson verkörpert eine Ministerin, die sich in einer von Männern geleiteten Welt behauptet und lernen musste, mit Kompromissen zu leben. Es lässt sich nicht sagen, ob Rita sie daran erinnert, wer sie einmal war, oder wer sie sein wollte. Der tadellose, engagierte Cast macht den kleinen Film zu einer Perle des Genres.

Tausende Streiks plagten das Vereinigte Königreich in jener Zeit jedes Jahr. Die Produktivität litt darunter ebenso wie der Zusammenhalt der vielen verschiedenen Gewerkschaften. Doch während von den Frauen erwartet wurde, zu ihren Männern zu halten im Falle eines Streiks, war die umgekehrte Situation etwas völlig Neues. Rita und ihre streikenden Näherinnen legen schließlich das gesamte Autowerk lahm und haben fortan mit den Konsequenzen zu leben – denn auch die mehreren Zehntausend männlichen Arbeiter mussten darum vom mageren Streikgeld leben.
Made in Dagenham ist ein ruhiger aber nicht langsamer Film. Regisseur Cole schart glaubwürdige Darsteller um sich, um greifbare Figuren zum Leben zu erwecken. Ein erwachsenes Publikum wird sowohl mit den lustigen Momenten umgehen können, als auch mit den tragischen. Auch wird es verstehen, was damals tatsächlich auf dem Spiel stand und wie aktuell manche Parallelen heute noch sind. We Want Sex ist ein erfrischendes Porträt, beinahe ein Denkmal denjenigen, die sich trotz Anfeindungen dafür einsetzen, dass Rechte eben keine Privilegien sind.


Fazit:
Es stand eine Menge auf dem Spiel, als die Näherinnen im Ford-Werk in Dagenham 1968 die Arbeit niederlegten. Was sie erreichen wollten, sollte das Schicksal vieler Frauen verändern. Ob We Want Sex eine akribische Rekonstruktion der Ereignisse ist, sei dahingestellt. Es ist ein sehr unterhaltsames, mitunter aber auch nachdenkliches Drama um den Kampf von Rita und ihren Kolleginnen. Mit allen Höhen und Tiefen. Regisseur Nigel Cole vergisst nicht, einen Blick auf die Konsequenzen zu werfen und diejenigen Frauen, die dadurch womöglich inspiriert wurden.
Für ein reiferes Publikum ist das nicht nur unterhaltsam und dank der erstklassigen Darsteller greifbar, sondern weist auch viele Parallelen zu aktuellen Themen auf. Von den pointenreichen Dialogen ganz zu schweigen. Made in Dagenham ist ein sehr guter Film, dem die Besetzung und der überlegte Umgang mit dem Inhalt Authentizität verleiht, so dass man sich als mitdenkender Beobachter dem Arbeiterkampf und dessen Bedeutung nicht entziehen kann.


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