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Wenn einer trägt des anderen Last [2006]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 21. November 2011
Genre: Krimi

Originaltitel: The Inspector Lynley Mysteries: Chinese Walls
Laufzeit: 88 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2006
FSK-Freigabe: -

Regie: Robert Bierman
Musik: Andy Price
Darsteller: Nathaniel Parker, Sharon Small, Isabella Calthorpe, Paul Hickey, Shaun Parkes, Samuel West, Lindsey Coulson, Georgia Mackenzie, Catherine Russell, Ciaran McIntyre, Diana Hardcastle, David Yelland, Blake Ritson, Joe Armstrong, Wayne Foskett, Roland Oliver


Kurzinhalt:
Die erst 23jährige Emily Proctor (Isabella Calthorpe) wird im Hyde Park ermordet aufgefunden. Als Inspector Lynley (Nathaniel Parker) und Sergeant Havers (Sharon Small) zu ermitteln beginnen, erfahren sie, dass die junge Frau erst vor kurzem ihren Arbeitsplatz bei dem bekannten Menschenrechtsanwalt Tony Wainwright (Samuel West) aufgegeben hatte. Auf diese Anstellung hatte sie sich jahrelang gefreut und vorbereitet. In Emilys familiärem Hintergrund scheint es allerdings ebenfalls Spannungen gegeben zu haben, auch wenn sie sich mit ihrer Stiefschwester Lisa (Georgia Mackenzie) noch kurz vor ihrem Tod unterhalten hatte.
Doch weswegen hatte Emily ein modernes Sicherheitssystem in ihrer Wohnung einbauen lassen? War jemand, den sie bei ihrer neuen Arbeit kennengelernt hatte, ihr ins Privatleben gefolgt? Je weiter die Polizisten forschen, umso mehr erhärtet sich der Verdacht, dass zwischen ihr und Wainwright mehr als nur ein kollegiales Verhältnis herrschte, selbst wenn dessen Assistentin Hester Reed (Lindsey Coulson) ihren Chef vor jeder Befragung in Schutz zu nehmen scheint ...


Kritik:
Für einen Autor bietet eine Krimireihe mehrere Herausforderungen. Nicht nur, dass über die Jahre hinweg die Protagonisten entwickelt werden wollen, in jedem Fall müssen neue Figuren vorgestellt, ihre Beziehungen untereinander, ihr Werdegang und ihre Motive freigelegt werden. Bei der Inspector Lynley-Reihe hat dies leider oft nicht gut funktioniert. Wenn einer trägt des anderen Last ist jedoch eine willkommene Abwechslung. Zwar begeht das Drehbuch den Fehler, eine halbe Stunde vor Schluss den entscheidenden Hinweis zu offensichtlich einzustreuen, sodass man als Zuseher den Täter schon entlarvt hat, doch bis zum Ende ist der Fall durchgängig und stimmig erzählt. Das Einzige, was negativ in Erinnerung bleibt sind die reißerischen und vollkommen unnötigen Rückblenden zur Tat selbst, die immer wieder eingeblendet werden.

Der Krimi beginnt wie so oft mit dem Mord, bei dem wir dem Opfer Emily Proctor begegnen. Über sie erfahren wir in den eineinhalb Stunden sehr viel, dabei auch intime Details, die ein wenig vermitteln, wie unangenehm die Recherchen für die Polizisten mitunter sein müssen. Wir werfen einen Blick zu ihren Eltern, bei denen nicht alles so makellos ist, wie es scheint. Und zu ihrer Stiefschwester Lisa, bei der sie zuletzt gearbeitet hat. Ihr voriger Arbeitgeber und Mentor, der Menschenrechtsanwalt Wainwright ist bei weitem kein solcher Saubermann, wie er ausgibt zu sein, wobei seine Assistentin Hester ihn immer zu decken scheint. Die Spuren führen sowohl in das familiäre Umfeld des Opfers, wie auch in das berufliche, wobei Wenn einer trägt des anderen Last den Ermittlern Havers und Lynley erfreulich viel Feingefühl zutraut im Umgang mit den Befragten. Anstatt Anschuldigungen gegen jeden Verdächtigen laut werden zu lassen, forschen sie weiter nach, bis sich die Beweise erhärten – und selbst dann zögern sie noch.
Die Geschichte entwickelt sich nicht unbedingt überraschend, vertieft jedoch die Figuren auf eine persönliche Art und Weise. Geradezu unbeholfen scheinen angesichts dessen die privaten Entwicklungen bei Lynley und Helen. Vor allem stellt sich die Frage, weswegen Havers nicht auch endlich etwas Neues erleben darf, sondern so stiefmütterlich behandelt wird.

Im Gegensatz zum letzten Fall, Denn sie sollen getröstet werden [2006], werden wir nicht zu einer Milieustudie mitgenommen. Die Menschen, die hier beleuchtet werden stammen aus unterschiedlichsten Schichten und mit unterschiedlichen Hintergründen. Auch werden viele von Ihnen, wie der Familienvater, der seiner Internetbekanntschaft hinterherschnüffelt, nicht in dem Maße behandelt, wie es hätte passieren können, doch wirft der TV-Film einen Blick auf enttäusche Existenzen. Einen Triebtäter gibt es nicht, vielmehr jemand, der nach Aufmerksamkeit und Zuneigung schreit. Fernab von der High Society versucht sich Wenn einer trägt des anderen Last an einem Schnitt durch die Gesellschaft, der alles andere als unglaubwürdig ist.

Statt auf karge Landschaftsaufnahmen und raue Wettersituationen setzt Regisseur Robert Bierman auf die Unscheinbarkeit des Alltags. Er hätte London in grellen Farben oder in einem verwaschenen Grau einfangen können, um die Tristesse der Figuren zum Ausdruck zu bringen. Doch stattdessen zeigt er die Stadt, als wäre nichts bewegendes Geschehen. Würden andere Krimis einen Blick auf die Größe des Areals werfen, zeigt er das Geschehen meist in den Räumen, beinahe als würde man darin Existenzen finden, die sich sonst nicht nach draußen wagen.
Ob das so beabsichtigt war, sei dahingestellt, handwerklich gibt sich der Krimi tadellos umgesetzt, bleibt aber hinter der Aussagekraft des letzten Films zurück. Wie schon erwähnt stören die Rückblicke zum Mord das Erzähltempo, das so künstlich angezogen wird, aber im Gegensatz zu Serien wie C.S.I. - Tatort Las Vegas [seit 2000] nicht bedacht eingesetzt, sondern nur des Effekts wegen eingestreut scheinen.


Fazit:
Sieht man von den ungünstig platzierten und auch unpassenden Rückblicken zum Mord ab, ist Wenn einer trägt des anderen Last ein klassisch erzählter und stimmungsvoll gespielter Krimi, bei dem sich zwar von Beginn an viele Verdächtige präsentieren und sogar der Hintergrund von Nebenfiguren überraschend ausgebaut wird, aber erst als der entscheidende Hinweis nach etwa einer Stunde genannt wird, der Täter für den aufmerksamen Zuschauer feststeht.
Immerhin brauchen auch die Ermittler nicht viel länger, um dahinter zu kommen, auch wenn die Zusammenhänge noch nicht geklärt sind. Die zahlreichen Figuren und ihre Beziehungen untereinander sorgen für eine glaubhafte Ermittlungsarbeit, die von den Protagonisten mit dem notwendigen Feingefühl ausgeführt wird. Das Drehbuch findet eine gute Balance zwischen Zurückhaltung, Anteilnahme und bestimmtem Vorgehen bei Lynley und Havers. Schade ist nur, dass letztere keine private Entwicklung erfahren darf, während Lynleys bei weitem nicht so fesselt, wie der Fall selbst.


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