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Victoria & Abdul [2017]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 14. September 2017
Genre: Biografie / Drama / Unterhaltung

Originaltitel: Victoria and Abdul
Laufzeit: 112 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt

Regie: Stephen Frears
Musik: Thomas Newman
Darsteller: Judi Dench, Ali Fazal, Eddie Izzard, Tim Pigott-Smith, Olivia Williams, Fenella Woolgar, Robin Soans, Julian Wadham, Simon Callow, Michael Gambon, Adeel Akhtar, Sukh Ojla


Kurzinhalt:

Es ist das Jahr 1887. Königin Victoria (Judi Dench) von England herrscht über ein riesiges Reich. Zum 50. Thronjubiläum soll der Kaiserin von Indien, welches gleichzeitig einer ihrer Titel ist, eine Ehrenmünze überreicht werden. Hierfür werden die Inder Abdul Karim (Ali Fazal) und Mohammed (Adeel Akhtar) nach London gesandt. Dort angekommen, wird die unnahbare und abweisend auftretende Königin auf Abdul aufmerksam und macht ihn zu einem Diener am königlichen Hof. In dem jungen Mann findet sie einen unerwarteten Gesprächspartner und bittet ihn, sie zu unterrichten. Sie möchte sowohl seine Sprache lernen, als auch mehr über die Kultur Indiens erfahren. Dass die mächtigste Frau der Welt eine Freundschaft zu einem Diener unterhält, bringt nicht nur ihr Gefolge am Hof gegen sie auf. Selbst ihr Sohn Bertie (Eddie Izzard), Prinz von Wales, der seit langem Ambitionen der Thronfolge hegt, intrigiert gegen sie …


Kritik:
Obwohl Regisseur Stephen Frears (Die Queen [2006]) in Victoria & Abdul mehr die Geschichte des jungen Bediensteten Abdul Karim als diejenige der britischen Königin Victoria erzählt, ist es Judi Denchs großartige Darbietung, die am meisten in Erinnerung bleibt. Das heißt nicht, dass Ali Fazal keine bemerkenswerte Auftritte hat, sondern lediglich, dass das eindrucksvoll ausgestattete, humorvolle Drama auf eine so unnachahmliche Weise von seiner Hauptdarstellerin geprägt wird, dass es einem den Atem nimmt.

Angesiedelt im Jahr 1887 erzählt Frears die (nach eigenen Worten der Filmemacher "mehr oder weniger wahre") Geschichte, wie die britische Königin, die damals bereits in einem betagten Alter war, von dem jungen Inder Abdul fasziniert war und sich eine Freundschaft zwischen beiden entwickelte. Dieser hatte ihr zu den Feierlichkeiten anlässlich ihres 50. Thronjubiläums eine Münze überreicht. Daraufhin bestellt die Königin Abdul zum Diener am königlichen Hof und findet in ihm einen Gesprächspartner abseits des Standesdünkels und der machtversessenen Aristokraten. Als wäre dies nicht bereits Affront genug, wird Abdul ihr "Munschi", ein Lehrer, der ihr die fremde Kultur und Sprache näher bringt.

Im Kern ist Victoria & Abdul damit die Geschichte einer Freundschaft, die damals wie heute undenkbar scheint. Es wundert somit nicht, dass sich schnell Widerstand regt gegen diese "Verbindung", der bis hin zu einer offenen Revolte am Hofe reicht. Doch selbst wenn dieser Verlauf ernste Momente bereithält, diejenigen, die am meisten in Erinnerung bleiben, sind stille, leise Szenen, in denen Judi Dench – in einer Oscar-würdigen Verkörperung der Königin – unerwartete Facetten dieser Figur offenlegt.

Bei ihrem ersten Auftritt, den Regisseur Stephen Frears lange hinauszögert und mit dem Pomp des gesamten Hofstaates inszeniert, wirkt die Queen müde, verbittert und angesichts ihres Verhaltens auf eine geradezu trotzige Art und Weise mürrisch. Es ist der Austausch mit Abdul, dessen Offenheit einen so grundlegenden Gegensatz zum ständigen Taktieren der übrigen Minister und Mitglieder der königlichen Familien darstellt, der sie auftauen lässt und Szenen ermöglicht, in denen man die Königin ohne Maske (im wörtlichen und übertragenen Sinn) zu sehen bekommt.
Eine der eindrucksvollsten Momente ist dabei bereits früh, als Victoria und Abdul am Zufluchtsort der Königin ankommen und sie von der Bürde erzählt, zu der ihr Leben geworden ist. Das ist berührend, ohne rührselig zu sein.

Um die behutsam erzählte Geschichte zum Leben zu erwecken kann Victoria & Abdul zudem auf eine umwerfende Ausstattung zurückgreifen, zu denen die Kostüme wie die Bauten und die malerischen Landschaftsaufnahmen zählen. Selbst das raue Wetter der schottischen Highlands wird Teil der Erzählung und spiegelt das Gemüt der Protagonistin passend wider. Dass der Ausgang der Geschichte nicht überrascht, kann man dem mit viel Humor gespickten Drama nicht zum Vorwurf machen. Dafür ist die Umsetzung zu leichtfüßig. Die Lehren, die insbesondere für unsere Gesellschaft hierin verborgen liegen, spielen sich auf dem Weg zum Ende gekonnt und unaufdringlich ab.

Doch so gelungen Frears' Inszenierung ist, sie geht keine großen Risiken ein und reißt trotz der angenehmen Atmosphäre, der man gern beiwohnt, nur selten mit. Zu sehr gehören die Figuren einer anderen Epoche an, als dass man sich in sie vollkommen hineinversetzen könnte. Das wird umso mehr erschwert, da keine der beiden Protagonisten detailliert beleuchtet wird. Der Film scheint wie eine ausgedehnte Momentaufnahme, in der man sich gern verliert, die sich jedoch erst zum Ende hin bewegt.
Dass dies nichtsdestoweniger sehenswert bleibt, liegt zum größten Teil an der Besetzung. Vollkommen gerecht wird dieser Ausschnitt aus dem Leben Königin Viktorias der Monarchin allerdings nicht. Dafür ist der Einblick schlicht zu klein.


Fazit:
Als wäre das Aufblühen der einsamen Monarchin im Laufe der ersten Filmhälfte nicht bereits eindrucksvoll genug, fällt sie nach der Enttäuschung durch Abdul auf eine erschreckend sichtbare Weise in sich zusammen. Judi Dench verleiht der eingangs verbittert erscheinenden Königin eine Komplexität, die einen sprachlos macht. Die Rolle krönt eine Filmografie voll von preiswürdigen Darbietungen. Damit stellt sie die übrige, ebenso gelungen agierende Besetzung zwar in den Schatten und sie verleiht Victoria & Abdul eine getragen erscheinende Größe, der die berührende Geschichte nicht ganz gerecht wird. Sie ist ebenso tragisch wie amüsant erzählt, dabei unterhaltsam und toll ausgestattet. Und dennoch fehlt Stephen Frears Erzählung der Mut, weiterzugehen, als andere Biografien dieser Art bereits gegangen sind. Doch das ändert nichts daran, Victoria & Abdul ist einfach ein schöner Film für diesen Kinoherbst.
 


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