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Untraceable [2008]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 23. April 2008
Genre: Thriller

Originaltitel: Untraceable
Laufzeit: 100 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2007
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Gregory Hoblit
Musik: Christopher Young
Darsteller: Diane Lane, Billy Burke, Colin Hanks, Joseph Cross, Mary Beth Hurt, Peter Lewis, Tyrone Giordano, Perla Haney-Jardine, Tim De Zarn, Christopher Cousins, Jesse Tyler Ferguson, Trina Adams, Brynn Baron, John Breen


Kurzinhalt:
Im FBI-Quartier in Portland ist Agent Jennifer Marsh (Diane Lane) für die Abteilung für Computerkriminalität verantwortlich. Zusammen mit ihrem Kollegen Agent Griffin Dowd (Colin Hanks) spürt sie elektronische Verbrechen auf und weist die Polizei oder ihre Kollegen an, die straffällig gewordene Person festzunehmen.
Als die Polizei einen anonymen Tipp für eine Internetseite bekommt, auf der der Betreiber die Zuschauer einlädt, mit ihm zusammen einen Mord zu begehen, ahnt noch niemand, was der perfide Täter geplant hat. Wenig später ist dort ein gefesselter Mann zu sehen – und je mehr Besucher die Webseite anklicken, umso schneller wird das Opfer sterben. Das FBI, zusammen mit dem Polizisten Detective Eric Box (Billy Burke), steht zunächst vor einem Rätsel, auch wenn die Identität des Opfers schnell geklärt ist. Was anfangs wie ein schlechter Scherz anmutet, wird bald grausige Realität, als die Leiche des Mannes wenig später gefunden wird.
Während Marsh und ihre Kollegen bemüht sind, den Inhaber der Webseite ausfindig zu machen, der seine Spuren aber gut verwischt, ist ein neues Opfer zu sehen. Und wieder steigen die Besucherzahlen der Site schneller an. Als wäre das grausame Katz-und-Maus-Spiel nicht schon schlimm genug, geraten die Ermittler, Marsh voran, selbst in Visier des Täters ...


Kritik:
Es ist keine neue Diskussion, die momentan in der Politik geführt wird, wenn es darum geht, Gewalt verherrlichende Spiele aus dem Verkehr zu ziehen. Auch wenn die erwachsenen, mündigen Bürger zurecht die Frage stellen, wie sich ein solches Verhalten mit der Zensurfreiheit vereinbaren lassen soll. Früher waren die Actionfilme das Ziel der anklagenden Volksrepräsentanten, davor machte man die Rockmusik für den Verfall der Werte verantwortlich. Doch während ein Videospiel nach wie vor ein künstlich erzeugtes Bild bleibt, das der Spieler selbst steuern kann, und das allem gestiegenen Realismus zum Trotz immer noch künstlich und unrealistisch bleibt, verhält es sich bei den modernen Horrorfilmen etwas anders. Hier wird detailliert gezeigt, wie Menschen grausam gefoltert und getötet werden – alles verpackt als künstlerisch anspruchsvoll. "Folterpornos" wie Saw [2004] und die inzwischen schon unzähligen Ableger zielen dabei immer auf dasselbe Publikum ab.
Von den Fans kriegt man immer wieder zu hören, dass es doch gar nicht um die Brutalität ginge, doch bietet man ihnen an, den Film ohne diese Szenen zu sehen, erntet man nur verstörte Blicke. Welche Gesellschaft eine Wahrnehmung hervorbringt, durch die sich manche am Leid von anderen ergötzen und stimulieren, hätte man sich vor 50 Jahren kaum vorstellen können. Heute ist all das schon Realität. Und sieht man sich einmal aufmerksam im Internet um, wie sich Anhänger jener Gewalt zelebrierender Filme organisieren, um in Deutschland verbotene Filme in ihren Besitz zu bekommen, und mit welcher Vehemenz dort gearbeitet wird, möchte man sich nicht vorstellen, wie ein solches Szenario wie in Untraceable tatsächlich ablaufen würde. Immerhin glaubt sich jeder im Internet anonym – und sicher.

Die Prämisse von Gregory Hoblits Cyberthriller scheint trotz einiger neuer Elemente allzu vertraut, was auch daran liegen mag, dass das Drehbuch scheint, als wäre es aus zahlreichen anderen Projekten zusammengeschrieben.
Insbesondere die Charakterzeichnungen erinnern frappierend an viele andere FBI- und Polizeithriller und wecken dabei Erinnerungen an selbige Genrekollegen aus den 1990er Jahren. Erstaunlich wenig Action wird geboten, dafür ruhigere Momente und – ab der Hälfte – leider ein Klischee nach dem anderen. Statt den Killer bis kurz vor Schluss im Dunkeln zu belassen, um ihn erst dann zu enthüllen (so dass den Zuschauer die Erkenntnis ebenso überrascht und trifft, wie die Ermittler im Film), wird die Identität recht früh gelüftet. Die letztlichen Hintergründe werden zwar erst später genannt (und sind in gewissem Sinne durchaus originell), doch verhaspeln sich die drei Autoren wie so oft dabei, dass das Katz-und-Maus-Spiel persönlich wird, Ermittler ins Fadenkreuz des Täters geraten und somit vom ganzen Flair des Films schon früh absehbar ist, wer den Abspanns noch erleben wird, und wer nicht.
Charakterentwicklungen werden nur angedeutet, die Figuren auch nur im begrenzten Maße tiefer gezeichnet. Immerhin bekommt man Lichtblicke aus Jennifer Marshs Leben zu sehen und kann sich den Rest selbst ergänzen. Über Griffin Dowds Werdegang wird kein Wort verloren und auch der ruppige Detective Box scheint von einigen lässigen Sprüchen und seiner harten Schale abgesehen ohne Persönlichkeit auskommen zu müssen. Auch der vernachlässigte Vorgesetzte Richard Brooks hat bis auf seinen Namen nicht viel vorzuweisen und als endlich klar wird, wer der Täter ist, drängen sich die Fragen auf, womit er sein Unternehmen finanziert, beziehungsweise wo er seine verschiedenen Fertigkeiten erworben hat.
So bleibt das Skript von Untraceable, von der unübersehbaren Aussage gegenüber den Medien abgesehen, viele Antworten schuldig. Immerhin ist der Rest überaus kurzweilig geraten, so dass dies nicht allzu sehr stört.

Für einen Großteil entschädigen hier die Darsteller, die von einer sympathischen und ebenso starken wie verletzlich scheinenden Diane Lane angeführt werden. Sie bringt die Doppelrolle als FBI-Agentin und Mutter gut zur Geltung, auch wenn die Beziehung zu ihrer Mutter und ihrer Tochter etwas oberflächlich erscheint. Selbst wenn sie hier nicht im geringsten so sehr gefordert ist, wie in Untreu [2002] – zurecht erhielt sie für ihre Leistungen eine Oscarnominierung – sie verleiht ihrer an sich recht eindimensionalen Figur Tiefe und veredelt den Film dadurch merklich.
Colin Hanks hatte zuletzt in King Kong [2005] eine größere Rolle, scheint aber bei den aktuellen Produktionen meist auf Nebenrollen festgelegt – oder auf seichte Komödien. Bleibt zu hoffen, dass ihm der Sprung in ernsthafte Produktionen wie seinem Vater Tom Hanks gelingen wird. Dass er spiele kann hat er unter anderem in Band of Brothers – Wir waren wie Brüder [2001] bewiesen. Und auch hier macht er eigentlich eine gute Figur, auch wenn der Verlauf seiner Filmfigur Griffin Dowd nicht überrascht und er grundsätzlich unterfordert scheint.
Raubein Billy Burke, der abgesehen von Filmauftritten wie Im Feuer [2004] oder Das perfekte Verbrechen [2007] hauptsächlich aus Fernsehrollen bekannt ist, wird hauptsächlich durch die Vorlage eingeschränkt, die ihm nicht mehr gibt, womit er spielen kann. Sympathisch bleibt er dennoch und scheint auch motivierter, als Joseph Cross. Er verkörpert seine Rolle weder als abgrundtief bösartiger Verbrecher, noch als Moral getriebener Verblendeter, noch mit ausdrucksloser Gewissenlosigkeit. Irgendwie kann ihm keine Eigenschaft wirklich attestiert werden.
Der restliche Cast, darunter auch Peter Lewis oder die junge Mary Beth Hurt, machen ihre Sache gut, auch wenn keine Darbietungen dabei sind, die dauerhaft im Gedächtnis bleiben.

Handwerklich bleibt Gregory Hoblit, der zuletzt mit Das perfekte Verbrechen im Kino vertreten war und zu dessen bekannteren Filmen Frenquency [2000] und Zwielicht [1996] gehören, dem Zuseher nichts schuldig, kleidet seinen Thriller in kühle, gut zusammen gestellte Bilder, die trotz der Folterszenen und des Ekelfaktors die gezeigten Grausamkeiten nie auswalzen, sondern rechtzeitig wegdrehen.
Das mag zwar eben jene Zuschauer stören, die in der Hoffnung auf explizite Darstellungen den Film betreten haben, ist jedoch ein Segen für alle anderen, denen die schiere Idee hinter der öffentlichen Hinrichtung im Internet bereits zu schaffen macht. Von den grausamen Folterszenarien ganz abgesehen.
Kamera und Schnitt ergänzen sich gekonnt, erzeugen im rechten Moment Spannung, ohne auf bekannte Schockeffekte zu setzen und ohne dem Zuseher zuviel zu zeigen. Allenfalls das Finale hätte etwas besser aufgebaut und verständlicher ausfallen können. Davon abgesehen gibt es an der routinierten und überraschend altmodischen Inszenierung nichts zu bemängeln, die glücklicherweise auf die überall präsenten, effekthascherischen Mätzchen verzichtet, durch die Serien wie C.S.I. – Tatort Las Vegas [2000] weltweit bekannt geworden sind.

Für die Musik zeichnet einmal mehr Christopher Young verantwortlich, der vor nicht allzu langer Zeit mit Spider-Man 3 [2007] im Kino zu hören war, und dessen Kompositionen für Untraceable nicht nur dem Film sehr angemessen sind. Das Hauptthema bleibt auch im Gedächtnis und passt sehr gut zu den ruhigen – wie abgewandelt zu den spannenden – Momenten.
Durch eine sehr zurückhaltende, atmosphärische Musik untermalt der Komponist das Geschehen, ohne je negativ aufzufallen, oder durch falsche Einsätze eine Szene künstlich effektiver gestalten zu wollen. Mehr kann man nicht erwarten.

Natürlich scheint es etwas anmaßend von Hollywood, diejenige Mentalität der Zuschauer an den Pranger zu stellen, durch die sie (mit den billig zu produzierenden "Folterpornos") einen so großen Umsatz macht.
Doch ist eine so öffentliche zur Schaustellung der Sehgewohnheiten eines Großteils der Zuschauer heute, bei denen das Gaffen am Unfallort ebenso zählt, wie die seelische Entblößung der Menschen bei zahlreichen Castingshows, durchaus angebracht. Dass es einen immer größeren Markt für diese Art der Unterhaltung gibt, steht außer Frage – und dass man mit genügend Recherchen im Internet beinahe alles finden kann, leider auch. Hätten die Macher diese Aussage von Untraceable in einen etwas spannenderen und überraschungsreicheren Film integriert, würde sich auch niemand beschweren.


Fazit:
Weswegen viele das Leid oder das Leiden ihrer Mitmenschen als unterhaltsam empfinden, ist zweifelsohne ein Themengebiet für Sozialpsychologen. Wie Gregory Hoblit in seinem Cyberthriller einmal festzuhalten, dass eine solche Mentalität unter dem Deckmantel der Anonymität des Internets nochmals aufleben wird, ist durchaus löblich – und es wundert in der Tat, wie viel des Internets nicht gefiltert wird, dass man so etwas nicht schon lange zu sehen bekommen hat.
Doch hätten frische Ideen Untraceable nicht geschadet. Die Darsteller, allen voran Diane Lane, mögen noch so sympathisch erscheinen und die handwerkliche Umsetzung ebenfalls gelungen, der Thriller bleibt nach dem ersten Drittel durchweg vorhersehbar und damit überraschungsarm. Der 90er Jahre Charme tut der Umsetzung zwar merklich gut und hebt sie auch vom Genredurchschnitt ab, doch von Meisterwerken wie Sieben [1995] ist man hier meilenweit entfernt.
Wen das nicht stört, der kann an den 100 Minuten charmanter und gelungener Unterhaltung mit moralischer Aussage durchaus Gefallen finden; auch wenn es nicht wirklich Spaß macht, die Ermittler beim im Dunkeln Tappen zu erleben.


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