The Menu [2022]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 24. November 2022
Genre: Komödie / Horror / Thriller

Originaltitel: The Menu
Laufzeit: 106 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2022
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Mark Mylod
Musik: Colin Stetson
Besetzung: Ralph Fiennes, Anya Taylor-Joy, Nicholas Hoult, Hong Chau, Janet McTeer, John Leguizamo, Reed Birney, Judith Light, Paul Adelstein, Aimee Carrero, Arturo Castro, Rob Yang, Mark St. Cyr, Rebecca Koon, Christina Brucato, Adam Aalderks, Matthew Cornwell, Peter Grosz


Kurzinhalt:

Tyler (Nicholas Hoult) verspricht Margot (Anya Taylor-Joy) einen unvergleichlichen Abend, als er sie einlädt, bei Starkoch Julian Slowik (Ralph Fiennes) zu dinieren. Auf einer Privatinsel liegt dessen Restaurant Hawthorne, bei dem die Gäste mit kulinarischen Köstlichkeiten verwöhnt werden, zelebriert in einem geradezu rituellen Akt. Zusammen mit zehn weiteren Gästen, darunter Restaurantkritikerin Lillian Bloom (Janet McTeer), der ehemalige Filmstar George Díaz (John Leguizamo) und das ältere Ehepaar Anne (Judith Light) und Richard Liebbrandt (Reed Birney), zu dem Margot Verbindungen hat, erleben sie und Tyler einen Chefkoch, der seine Küchencrew nebst Maître d’ Elsa (Hong Chau) wie einen Kult eisern im Griff hat. Die Stimmung nimmt einen zunehmend düsteren Verlauf, bis es den Gästen dämmert, dass sie nicht zufällig dort zusammengekommen sind …


Kritik:
In seiner ebenso chicen wie bissigen Gesellschaftssatire The Menu filetiert Filmemacher Mark Mylod verschiedenste Eigenschaften des menschlichen Zusammenlebens. Das mutet zunächst seltsam an, da lange nicht absehbar ist, worauf die Geschichte um ein edles Dinner bei einem so brillanten wie exzentrischen Starkoch auf einer abgelegenen Insel hinausläuft. Lässt man sich jedoch darauf ein und nimmt den teils bösen Humor an, ist das, um ein weiteres Wortspiel zu bedienen, absolut köstlich.

Die Geschichte beginnt mit einer überaus erlesenen Gruppe an Menschen, die ein unvergesslicher Abend im auf einer abgelegenen Insel befindlichen Restaurant Hawthorne des Starkochs Julian Slowik erwartet. Mit einem kleinen Boot auf die Privatinsel übergesetzt, lassen sich die teilnehmenden zwölf Personen das Event durchaus etwas kosten. Mehr als 1.000 Dollar – pro Person. Für ein mehrgängiges Abendessen. Auch wenn alle Figuren mehr oder weniger ausführlich vorgestellt werden, steht im Zentrum der Geschichte neben Maître Slowik selbst die bereits hinsichtlich ihrer Einstellung zu dem Abend aus dem Rahmen fallende Margot. Sie begleitet den wohlhabenden Tyler, selbst ernannt größter Fan Slowiks, der glaubt, dass ihn das Ansehen unzähliger Kochvideos und Reportagen zum Feinschmecker und Küchenexperten macht. Welcher Art Tylers und Margots Beziehung genau ist, wird nie ausgesprochen, aber es deutet sich an, dass er sie für den Abend als Begleitung gebucht hat. Die übrigen Gäste umfassen eine Restaurantkritikerin nebst Verleger, ein Schauspieler, dessen Erfolge lange zurückliegen und seine Assistentin, drei junge Geschäftsleute für die Geld keine Rolle spielt, und ein älteres Ehepaar, das solch exklusive Abende in einem Maße gewöhnt ist, dass sie am Ende nicht mehr exklusiv sind. Ihrer aller Anwesenheit im modern und gleichermaßen reduziert eingerichteten Hawthorne ist kein Zufall, der Abend wie das Menü eine Komposition, die bis ins letzte Detail geplant wurde. Mit einer unbeabsichtigten Abweichung.

Wie sich der Abend in The Menu entwickelt, sollte man nicht weiter verraten, um die Überraschungen nicht zu verderben. Es soll genügen zu sagen, dass die Gäste ihn sich wohl anders vorgestellt haben. Regisseur Mylod nutzt den Mikrokosmos jenes Restaurants, dessen Aussehen und Ambiente vom ersten Moment an so exklusiv anmutet, als hätte man die Anwesenheit dort selbst dann nicht verdient, wenn man sie sich leisten könnte, um seine Figuren Stück um Stück zu entblättern. Angefangen bei Tyler, der seinem Idol auch dann auch dem Mund redet, wenn der seine Gäste ganz offenbar verhöhnt. Seine Begleitung ständig korrigierend und verbessernd, ist er ein Abziehbild des „Mansplainers“, eines Besserwissers, dessen Erfahrungsschatz doch nur auf Hörensagen beruht. Gepaart mit einem Reichtum, der es ihm ermöglicht, andere Personen wie eine entbehrliche Ware zu behandeln, ist seine Überheblichkeit nicht so sehr amüsant wie gefährlich. Was mit ihm geschieht, vor den Augen aller anderen, kann einem durchaus ein sardonisches Lächeln auf die Lippen zaubern. Vor allem jedoch steht er, wie die gesamte Situation, nur stellvertretend für den verbissen perfektionistischen Küchenchef, der die Hingabe und Freude an seiner Passion längst verloren hat, und die nacheifernd talentlosen Experten, die um ihrer selbst willen alles interpretieren und zerreden, und sich damit an eigener Bedeutung ereifern. Die Beobachtungen der Satire lassen sich auf viele Bereiche übertragen: Die Obsession mit der Kunst, mit Sport und Kommentatoren – überall dort, wo sich leidenschaftliche Profession in um einen künstlichen Kult gescharte Profitgier verkehrt.

An anderer Stelle widmet sich The Menu der schieren Dekadenz der Gäste, die weder das Essen, noch dessen Exklusivität tatsächlich zu schätzen wissen. Auf Grund der eigenen Überhöhung deuten sie die offene Verachtung des Maîtres als Herausforderung, interpretieren bedeutungsschwanger in die kulinarischen Kompositionen, wenn diese an sich nur ein direkter Vorwurf an die Ignoranz der konsumierenden Anwesenden ist. Vieles hieran ist zynisch und bitterböse, aber auf eine so einnehmende Art zum Leben erweckt, dass man sich der Dynamik des Dîners kaum entziehen kann. Das liegt nicht nur an der fantastischen Ausstattung und dem geradezu brillant-süffisanten Soundtrack, sondern maßgeblich an der Besetzung und einem Drehbuch, dessen geschliffene Dialoge sich oftmals wie Nadelstiche anfühlen. Insbesondere Ralph Fiennes und Anya Taylor-Joy stechen dabei mit ihren fantastischen Darbietungen hervor. Letztere, die die zunehmend getriebene Margot verkörpert, während Fiennes als Chefkoch Slowik auch in seinen Ritualen eine Melancholie durchblitzen lässt, die von dessen Zynismus meist überlagert wird, bis ihn am Ende so etwas wie eine Erlösung erwartet. Nicholas Hoult und Hong Chau bleiben ebenso in Erinnerung wie die übrige Besetzung.

So temporeich und ungewöhnlich der Auftakt, so stimmig die Atmosphäre im Hawthorne an jenem alles andere als unbeschwerten Abend. Dass The Menu das anfängliche Tempo nicht ganz halten kann, die Geschichte im letzten Drittel eine Abzweigung nimmt, die nicht wirklich notwendig erscheint und zu einer Konfrontation führt, die gar nicht mehr thematisiert wird, ist etwas schade. Doch rechtzeitig für das Dessert zieht Filmemacher Mark Mylod nochmals sämtliche Register und präsentiert einen passenden Abschluss. Dem beizuwohnen scheint auf Grund der dargestellten Exklusivität sowie der Besetzung beinahe wie ein Privileg.


Fazit:
Alles an The Menu ist auf das Notwendigste reduziert. Angefangen von der minimalistischen Musik, dem „einfachen“, edlen Design des Hawthorne-Restaurants nebst der offen einsehbaren Küche, der klaren Inszenierung und nicht zuletzt der sagenhaften Gerichte, die kaum die Teller ausfüllen. Doch sieht man genauer hin, erkennt man, wie bedacht, wie bewusst, all dies zusammengestellt ist. Mark Mylod komponiert eine ebenso zynische wie schneidende Gesellschaftssatire, deren inhaltliche Aussagen zwar nicht wirklich neu sind, die diese aber so treffend wie gelungen präsentiert. Der böse Humor und die von einer erstklassigen Besetzung fantastisch zum Leben erweckten Dialoge tun ihr Übriges, um dieses Abendessen zu etwas Besonderem zu machen. Dass sich das Skript schließlich auch der Fadenscheinigkeit des Maîtres annimmt, ist noch das Tüpfelchen auf dem i. Für ein Publikum, dessen Humor hier getroffen wird, ist dies ein Fest(essen). Klasse!