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The Day After Tomorrow [2004]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 27. Mai 2004
Genre: Science Fiction / Unterhaltung / Drama

Originaltitel: The Day After Tomorrow
Laufzeit: 124 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2004
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Roland Emmerich
Musik: Harald Kloser
Darsteller: Dennis Quaid, Jake Gyllenhaal, Emmy Rossum, Dash Mihok, Jay O. Sanders, Sela Ward, Austin Nichols, Arjay Smith, Tamlyn Tomita, Ian Holm, Kenneth Welsh


Kurzinhalt:
Als Klimatologe Jack Hall (Dennis Quaid) und seine Kollegen Frank (Jay O. Sanders) und Jason (Dash Mihok) auf einer Forschungsmission in der Antarktis sind, erleben sie, wie in ihrer Gegenwart eine riesige Eisscholle abbricht – eine Folge der globalen Klima-Erwärmung. Weitere Auswirkungen manifestieren sich nur wenige Wochen später rund um den Erdball, als es in Indien zu schneien beginnt, Tokio von einem Hagelsturm heimgesucht wird, und der Meeresspiegel drastisch ansteigt.
Wie bereits vor 10.000 Jahren steht die Welt vor einer radikalen Klimaveränderung. Die aufgrund der Erderwärmung schmelzenden Polkappen resultieren paradoxerweise in einer Abkühlung des Meerwassers, was wiederum dazu führt, dass Europa unter Schneestürmen begraben wird und in Los Angeles mehrere Tornados gleichzeitig wüten – und der ansteigende Meeresspiegel begräbt New Yorks Straßen unter sich: Eine neue Eiszeit kündigt sich in nicht für möglich gehaltener Geschwindigkeit an.
Während Jack Hall dem US-Präsidenten rät, alle südlichen Bundesstatten zu evakuieren und nach Südamerika auszusiedeln, ist Jacks Sohn Sam (Jake Gyllenhaal) mitten in New York eingeschlossen – und dort wird in wenigen Tagen ein gigantischer Sturm wüten, der die Stadt unter Eis begräbt. Verzweifelt macht sich Jack von Washington nach New York auf, während seine Frau, Dr. Lucy Hall (Sela Ward) versucht, so viele Kranke wie möglich zu evakuieren.
Doch die Zeit wird knapp, und die Klimaumbrüche finden viel schneller statt, als die Forscher es hätten voraussehen können ...


Kritik:
Bereits mit seinem Abschlussfilm an der Filmhochschule, Das Arche Noah Prinzip [1984], prägte Roland Emmerich den Begriff der Superlative: eine Million DM kostete die Produktion damals, der teuerste Film, den je ein Filmstudent gedreht hatte. Er wurde dank der guten Trickeffekte in 20 Länder verkauft und ein voller Erfolg. Emmerich, der am 10. November 1955 in Stuttgart geboren wurde und an der Münchner Filmhochschule für Film und Fernsehen Produktionsdesign studiert hatte, gründete daraufhin seine Produktionsfirma Centropolis und landete im darauffolgenden Jahr mit dem übersinnlich angehauchten Fantay-Horror-Werk Joey [1985] einen respektablen Hit, wenngleich Kritiker und Zuschauer nicht durchweg begeistert waren.
Die actionlastige Science-Fiction-Story, die er in Moon 44 [1990] umsetzte, brachte ihn mit Darsteller Dean Devlin zusammen, der kurzerhand das Fach wechselte und Emmerich fortan als Autor und Co-Produzent zur Seite stand. Durch Moon 44 wurde zudem Mario Kassar von Carolco auf Emmerich aufmerksam, der ihn kurzerhand nach Hollywood holte. Ihre erste Aufgabe war hier, das von Regisseur Andrew Davis verlassene Projekt Universal Soldier [1992] zu leiten, das allerdings schon weit in der Produktion gewesen war, als Emmerich und Devlin übernahmen. Bei einem Budget von nur 20 Millionen Dollar spielte der Science-Fiction-Film über 100 Millionen wieder ein – für Emmerich und Devlin ein riesiger Erfolg, obwohl beide mit dem Film, der zu brutal geraten war, und auch sonst nicht ihren Erwartungen entsprach, bis heute nicht zufrieden sind.
Doch das Jean-Claude Van Damme-Abenteuer ermöglichte ihnen, für Emmerichs Traumprojekt Stargate [1994] das notwendige Kleingeld in der Traumfabrik locker zu machen. Die Geschichte über ein Tor zu den Sternen, das zur Zeit der Ägypter und Pharaonen entstanden war, hatte Emmerich seit langem beschäftigt. Mehr oder weniger unerwartet wurde der Science-Fiction-Film weltweit ein Hit und zog sogar inzwischen zwei TV-Serien nach sich. Dabei sah es anfangs gar nicht gut aus, denn Produzent Kassar gefiel die Schnittfassung der beiden Autoren und Produzenten überhaupt nicht und ließ das Werk umschneiden, damit der Schwerpunkt weniger auf der Story, stattdessen mehr auf der Action liege – nach katastrophalen Testvorführungen holte er die beiden dann aber wieder an Bord und ließ sie den Film ihren Vorstellungen entsprechend fertig schneiden. Es wurde klar, dass Devlin und Emmerich das seltene Talent besaßen, aus einer ansich eher zweitklassigen Geschichte mit platten Charakteren dank einer guten Inszenierung und gelungenen Trickeffekten einen sehenswerten und erfolgreichen Film zu machen.
Für ihr nächstes Projekt schien das neue "Dream-Team" ihr Glück zunächst allerdings übermäßig zu strapazieren: Mit Independence Day [1996] kombinierten Emmerich und Devlin das klassische Invasions-Szenario durch Außerirdische aus drittklassigen 50er-Jahre Filmen mit dem Katastrophen-Ambiente aus 70er-Jahre Streifen. Es hagelte Kritiker-Schelte und sogar viele Zuschauer beschwerten sich über die teils dämlichen Dialoge und die farblosen Charaktere – dennoch spielte der Film allein in den USA rund 300 Millionen Dollar ein, außerhalb sogar nochmals knapp 500 Millionen, und am reinen Unterhaltungswert gibt es nur wenig auszusetzen; ein Erfolg, den das Produktionsstudio Fox gerne wiederholt hätte, zumal ID4, so die offizielle Abkürzung, mit einem Budget von 70 Millionen Dollar geradezu ein Schnäppchen war.
Im gewohnten Zwei-Jahres-Rhythmus brachten Devlin und Emmerich anschließend die berühmteste Riesenechse der Welt unter dem Banner der Sony-Pictures auf die Leinwand, doch trotz des sichtbaren Aufwands und einem enormen Budget von 125 Millionen Dollar konnte Godzilla [1998] die Erwartungen nicht erfüllen. Die Tricks waren zwar gewohnt sehr gut, inhaltlich bewegte sich die Story aber auf Laichebene. Dennoch spielte die Materialschlacht ihre Kosten wieder ein.
Mit dem Misserfolg fand außerdem die enge Zusammenarbeit zwischen Emmerich und Devlin ein Ende, der zwar weiterhin Projekte von Emmerich produzierte, seitdem aber an keinem Drehbuch mehr beteiligt war.
Nach dem durchaus erfolgreichen Bürgerkriegs-Action-Drama Der Patriot [2000] wagt sich Roland Emmerich, der dank seines Erfolgs hierzulande als das "Spielbergle aus Sindelfingen" bezeichnet wird, wieder an ein Projekt, das bisweilen an Das Arche Noah Prinzip erinnert. Konnte das Wetter auf der Erde in jenem Film durch eine Raumstation gesteuert werden, ist es in The Day After Tomorrow völlig außer Kontrolle geraten. Und auch wenn der neue effektgeladene Katastrophenfilm wieder bei den Charakterisierungen schwächelt (das Drehbuch stammt einmal mehr von Emmerich selbst), handwerklich und spannungstechnisch gibt es nicht viel auszusetzen – und dank der moralisch wertvollen Botschaft und dem Aufruf zu mehr Umweltschutz sind ihm auch Seitenhiebe auf die Politik der US-Regierung gelungen, die dort in einem Wahljahr ganz und gar nicht gern sehen werden.

Das Drehbuch kommt glücklicherweise schnell zum Punkt und wirft den Zuschauer mit einem wirklich beeindruckenden Szenario in der Antarktis mitten ins Geschehen. Es beeindruckt zweifelsohne, dass die meisten Ereignisse, die im Film beschrieben werden (das Steigen der Ozeane, die Wirbelstürme und die einsetzende Eiszeit), durchaus realistisch vorbereitet und auch begründet werden. Einzig völlig absurd ist der kleine Zeitrahmen, in dem sich alles abspielt. Dass Emmerich sich hier die künstlerische Freiheit genommen hat, zugunsten einer packenderen Geschichte eine Komprimierung vorzunehmen, anstatt alles in einer Zeitspanne von 10 bis 100 Jahren zu protraitieren, sei ihm verziehen.
Was die Naturkatastrophen angeht, und die Art und Weise, wie sie sich gerade auf unsere dicht besiedelten Städte und unsere Zivilisation auswirken würden, hat er ganze Arbeit geleistet – und dabei immer noch bissige Pointen gefunden, die die Ironie eines solchen Klimawechsels treffend zum Ausdruck bringen: Wenn US-Amerikaner illegal nach Mexiko emigrieren (statt wie bisher anders herum), und die Dritte-Welt-Länder den Menschen aus den nördlichen Breiten Hilfe und Unterschlupf gewähren müssen und das auch tun, sind das Bilder, die sich einprägen. Sein provokativster Moment (und in gewissem Sinne der gefährlichste) ist aber, wenn die Menschen um das Überleben ihrer Spezies zu sichern, Bücher verbrennen müssen – Erinnerungen an eine Epoche kommen dabei wieder hoch, die man so nicht unbedingt in einem Unterhaltungsfilm erwarten würde.
Neben seiner positiven und gegenüber der derzeitigen US-Regierung äußerst kritisch eingestellten Aussage zum Umweltschutz (das Kyoto-Abkommen, das Abgas-Emission-Reduzierungen vorsieht, und das die Amerikaner bis heute nicht unterzeichnet haben, wird sogar namentlich erwähnt) – Präsident George W. Bush und seine Berater stehen wie der Präsident im Film viel zu sehr unter dem Einfluss der Wirtschaftslobbyisten, als dass sie nur eine Minute an die fatalen Auswirkungen der Ausbeutung der globalen Ressourcen denken würden – findet Autor Emmerich jedoch auch die Zeit, einige aufgrund der Wetterszenarien äußerst spannende Momente einzubauen. Wenn in China erst einmal ein Hagelsturm einsetzt hat, steigern sich die Schreckensmeldungen rund um den Globus im Minutentakt: Wirbelstürme, die Los Angeles (samt Hollywood-Schriftzug) in Schutt und Asche legen, ein derart gewaltiger Eissturm über England, der in seinem Zentrum die Temperatur in Sekunden auf 100 Grad unter Null abkühlt und alles in Windeseile gefrieren lässt, und Flutwellen, die New York 10 Meter unter Wasser setzen – das sind Szenarien, bei denen es nicht nur Amerikanern Angst und Bange wird, denn man sieht an Schottland, dass auch ganz Europa unter einer vier Meter hohen Schneedecke begraben wird – dieses Schauspiel verschont keinen Fleck der Nordhalbkugel!
Gerade in einer Zeit, in der Wetterumschwünge in einem fast schon halsbrecherischen Tempo folgen – mit Gewittern im Dezember, 20 Grad im Schatten im März und Stürmen im August, sowie buchstäblich tödlichen Hitzewellen und Überschwemmungen im Sommer, trifft ein solches Schreckensbild ins Mark der Zuschauer, zumal in den USA gerade wieder die Tornado-Saison angefangen hat und der erste Hurrikan sicher nicht lange auf sich warten lässt.
Es wäre allerdings übertrieben zu behaupten, Emmerich winke mit dem grünen Zeigefinger und möchte alle Menschen zu Greenpeace-Aktivisten erziehen, doch äußerte er sich in einem Interview sehr beunruhigt darüber, dass in Europa zumindest ein Bewusstsein zum Umweltschutz vorhanden sei, dieses in den USA aber völlig fehlen würde. Aus eigener Tasche zahlte der Filmemacher übrigens 200.000 Dollar, um die Produktion "kohlenstoff-neutral" zu machen, das heißt alle ausgestoßenen Kohlenstoffe wurden durch das Pflanzen von Bäumen und Investitionen in erneuerbare Energien wieder aufgefangen – in Hollywood war Emmerich damit bislang der erste.
Mit seinem Drehbuch, das von dem wissenschaftlichen Buch "The Coming of the Global Superstorm" von Art Bell und Whitley Strieber (Roman zu Wolfen [1981]) inspiriert wurde, fand der deutsche Filmemacher ein interessantes und immer aktueller werdendes Thema, das zudem Raum offen ließ für seine gewohnten tricktechnischen Leckereien, mit denen er bisher in ansich jedem Film (bis auf Der Patriot) geglänzt hat. Dass bei den grundsätzlich fundierten Naturkatastrophen (abgesehen vom "Super-Freeze"-Wirbelsturm) und der pädagogisch wertvollen Botschaft leider erneut die Charakter-Entwicklung arg kurz kommt, scheint irgendwie ein Fluch von Emmerich zu sein.
Zwar sind die Figuren, so wenig sie zu tun haben mögen, stets sympathisch, so dass man mit ihnen mitfiebern kann, abgesehen von den beiden Hauptdarstellern Jake Gyllenhaal und Dennis Quaid reduziert sich der restliche Cast aber auf reine Stichwortgeber. Die Charakterisierungen sind durchweg vorhersehbar und auch die Dialoge, darunter das gefühlsduselige Gefasel zwischen Laura und Sam, laufen nach bekanntem Schema ab. Macht ein Satz den Anfang, weiß man als Zuschauer schon, wie das restliche Gespräch ausgehen wird.
Auf den ersten Blick mag das ziemlich frustrierend wirken, für die kurze Zeit, die die Darsteller aber letztendlich vor der Kamera haben und der Tatsache, dass ihr Schicksal ohenhin kaum jemanden vom Hocker reißt, reicht ihre Leinwandpräsenz aber locker aus – und im Vergleich sowohl mit Independence Day, als auch mit Godzilla hat Emmerich auf der Natürlichkeitsskala bei den Figuren und Gesprächen einen deutlichen Sprung nach vorne geschafft.
Wer ein charaktergetriebenes Drama sehen möchte, ist hier also sicher fehl am Platz; um bei den spannenden Szenen mitfiebern zu können, bieten die Filmfiguren aber allemal genug Material.

Obwohl dies den Darstellern durchaus bekannt gewesen muss, ist von einer etwaigen Verärgerung darüber nichts zu spüren.
Dennis Quaid kommt von Anfang an sympathisch rüber und passt in seine Rolle als Klimatologe recht gut, ebenso Ian Holm, der aber nur eine Nebenrolle verkörpert.
Mehr zu tun hat da schon Jake Gyllenhaal, der mit seiner natürlichen Schüchternheit von Anfang an Punkte machen kann. Seine Mimik und Gestik sind stimmig und mit seinem verschmitzten Lächeln schafft er es auch, klischeehafte Szenen gut zu überstehen.
Emmy Rossum hat dahingehend weniger Glück, scheint allerdings recht unterfordert. Für ihre Rolle spielt sie dennoch überzeugend genug, obgleich sie bisweilen bei allem Chaos zu beherrscht und naiv wirkt.
Die Nebendarsteller können zumindest mit ein paar wichtigen Szenen und einigen interessanten Zeilen aufwarten, wobei besonders Arjay Smith, Austin Nichols und Jack Halls Kollegen Dash Mihok und Jay O. Sanders hervorstechen.
Ausgesprochen blaß und lustlos ist hingegen Sela Ward, deren Rolle ansich komplett hätte gestrichen werden können. Dies hätte für Jacks Charakter außerdem die Möglichkeit offen gelassen, dass er den Rest seiner Familie nicht auch noch verlieren möchte – viele Szenen hätte man dafür gar nicht neu drehen müssen.
So nebensächlich auf den ersten Blick die Darsteller bei einem solchen Projekt erscheinen mögen, sie sind es doch, die die Zuschauer durch die Handlung tragen. Es ist Quaid und Gyllenhaal zu verdanken, dass man am Geschehen teilhaben kann, und sie sind es, die ihre Panik und ihren Unglauben angesichts der Naturkatastrophen am besten zum Ausdruck bringen. Die gesamte Besetzung ist aber genügend motiviert, um routiniert und nicht allzu überdreht zu erscheinen, obwohl die Dreharbeiten zweifelsohne sehr anstrengend waren.

Handwerklich hat Roland Emmerich seit Stargate nicht mehr enttäuscht und überzeugte stets mit einer gelungenen Kameraarbeit und einem besonnenen Schnitt – deshalb war das Interesse groß, ob er dem seit einigen Jahren grassierenden Trend zu Kamera-Mätzchen, Zeitlupenorgien und anderen MTV-artigen Krankheiten trotzen, oder sich vielen Kollegen anschließen würde, die gerade die Sommerfilme im letzten Jahr so unerträglich gemacht haben.
Film-Fans können beruhigt aufatmen, sie werden dahingehend nicht enttäuscht: Mit spannend aufgebauten Höhepunkten, verschwenderisch langen Kamerafahrten und interessanten Blickwinkeln, sowie einer fast schon klassischen Inszenierung bleibt Emmerich seinem Stil treu, und ihm gelingt das Künststück eines handwerklich perfekt gemachten Katastrophenthrillers. Schon zu Beginn hat er ein Auge für Panoramaeinstellungen mit malerischem Licht und dies verliert er auch nicht, wenn die Szenen zwangsläufig großteils mit Spezial-Effekten aus dem Computer versehen werden mussten. Zwar zieht er die Schnittgeschwindigkeit deutlich an, wenn eine Actionszene ansteht, tut dies aber glücklicherweise ohne Einbuße an Übersichtlichkeit.
Dass Emmerich bisweilen melancholische und sehr düstere Bilder gelungen sind, liegt in der Natur der Sache, schlicht atemberaubend ist ohne Frage der Aufbau der Flutwelle, die durch New York prescht und eine Menschengruppe in der Bibliothek einsperrt. Allgemein sind hier so viele beeindruckende Sequenzen vereint, dass von diesem Moment an das Finale konstant vorbereitet wird.
Bewegt sich schließlich das Auge des Sturms über New York und verwandelt alle Häuser binnen Sekunden in einen gigantischen Eispalast, passen Kamera und Schnitt so hervorragend zusammen, dass dem Zuschauer im Sekundentakt kälter wird und man weiter nach vorne im Sessel rutscht. Inhaltlich mag die Idee mit dem "Super-Freeze" noch so bescheuert sein, sie ist technisch und filmisch erstklassig umgesetzt. Ein zutiefst beunruhigendes Gefühl hinterlässt auch der geisterhafte Tanker, der stumm durch die überschwemmmten Häuser-Schluchten von New Yorks Innenstadt fährt – ein Bild, das man wirklich nicht schnell vergisst.
Das eigentliche Finale, bei dem zuvor aus dem Zoo geflohene Wölfe eine Hauptrolle spielen, ist ebenfalls stimmungsvoll in Szene gesetzt und exzellent gefilmt, so dass im Kinosaal zur Abwechslung mal alle Zuschauer die Klappe gehalten haben.
Insgesamt betrachtet geht Emmerich deutlich mehr auf die globen Auswirkungen seiner heraufbeschworenen Apokalypse ein, anstatt wie in Independence Day das Ganze auf die USA beschränkt abzuhandeln – dennoch bekommen Interessierte leider wieder kein eingeschneites Berlin zu Gesicht.
Handwerklich gelang ihm trotz der unterschiedlichen Sets, der zahlreichen Computereffekte und Miniaturaufnahmen eine hervorragende Optik, die den Film zweifelsohne veredelt und über die inhaltlichen Schwächen hinweg hilft. Sein Film geriet spannend und mitreißend.

Obwohl viele reale Sets für den Film erstellt wurden und diese (die Bibliothek, der verlassene Tanker und das verwüstete Los Angeles) wirklich beeindruckend sind, lebt The Day After Tomorrow allerdings zugegebenermaßen in erster Linie von den herausragenden Spezialeffekten, an denen sage und schreibe zehn Effekt-Firmen beteiligt waren.
Sowohl der Super-Freeze, als auch die Flutwellen sehen bombastisch und absolut realistisch aus, die Aufnahme von New York aus der Vogelperspektive, wenn die Wassermassen die Haupt- und Nebenstraßen überfluten, machen einen schon erschreckend realen Eindruck. Die Aufnahmen in der Antarktis zu Beginn stehen dem jedoch in nichts nach.
Hat man in dem gut gemachten Sommerfilm Twister [1996] vor rund acht Jahren die Tornados nur auf dem Land gesehen, treten sie hier in dem dicht besiedelten Los Angeles in Aktion und verwüsten dabei sogar den Flughafen – und in der Tat, so einen Anblick hat man noch nicht erlebt. Das Gleiche gilt für die völlig vereiste und zugeschneite New Yorker Skyline.
Zwar erreichen nicht alle Effekte auf denselben hochgesteckten Standard, aber sie befinden sich alle auf einem sehr guten und viele sogar ausgezeichneten Niveau – und angesichts der schieren Masse sieht The Day After Tomorrow zudem deutlich teurer aus, als die 125 Millionen Dollar, die er tatsächlich gekostet hat.

Für die Musik verpflichtete Emmerich nicht wie in Godzilla und ID4 David Arnold, der ansich ein Gespür für solche Scores hat – oder zumindest hatte, wenn man sich dessen uninspirierten Dudelei für James Bond 007 – Stirb an einem anderen Tag [2002] in Erinnerung ruft –, sondern er nahm den österreichischen Komponisten Harald Kloser unter Vertrag, der in diesem Jahr auch das Science-Fiction-Horror-Crossover Alien Vs. Predator [2004] vertonen wird.
Für The Day After Tomorrow schuf Kloser zwei wirklich interessante und melancholische Themen; zum einen ein ruhiges, düsteres, mit einem weiblichen Chor begleitetes Motiv, das die Verzweiflung und die Ausmaße der Katastrophen zur Geltung bringt, und zum anderen ein kraftvolles, actionreiches Thema, das gut zu den jeweiligen Szenen passt und letztendlich sogar hoffnungsvoll klingt.
Klosers Score ist stimmig und bisweilen auch angemessen episch – dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass ein anderer Komponist wie Arnold, Jerry Goldsmith oder James Horner einen etwas mitreißenderen Soundtrack für den Film geschrieben hätten.
Störend oder aufgesetzt ist er jedoch glücklicherweise in keinem Moment.

Möchte man nach zwei Stunden seine Gedanken zu The Day After Tomorrow – was übersetzt weit weniger spektakulär "übermorgen" heißt – zusammenfassen, so bleibt objektiv zu sagen, dass die Darstellerleistungen sicher nicht oscarreif sind, und die Dialoge bisweilen so platt, dass man sie eher in einem Waschmittelwerbespot vermuten würde; gleichwohl die Geschichte in manchen Momenten moralschwanger daherkommt und dem Zuschauer die Botschaft mit dem Aufruf zum Umweltschutz regelrecht eingehämmert wird, ist das Drehbuch inhaltlich zudem bisweilen arg haarsträubend.
Und doch (oder gerade deshalb) ist Emmerichs Film einer der unterhaltsamsten der letzten Monate und bietet tolles Actionkino mit sensationellen Spezialeffekten und einer mitreißenden Inszenierung. Nebenbei bekommt der Zuschauer noch einmal gezeigt, wieso die globale Erwärmung eine Eiszeit zur Folge haben kann, und wieso es keine gute Idee ist, in heutiger Zeit einen Jeep zu kaufen, der auf 100 Kilometer 30 Liter Benzin schluckt.
Pädagogisch in gewissem Sinne wertvoll, atmosphärisch, spannend und nie langweilig, gehört The Day After Tomorrow zu den wenigen Sommerfilmen, die halten, was sie versprechen – und das ist mehr, als man im letzten halben Jahr im Kino zu sehen bekam.
Dean Devlin gestand in einem Interview, dass das "Wichtigste, das Roland mir einmal gesagt hat war, 'Schau, Dean, Du bist kein Genie, und ich bin auch kein Genie, und wir werden nie Genies sein. Aber wenn wir hart genug arbeiten, dann werden wir eines Tages hoffentlich einen guten Film machen'". Emmerich gelang das bisher schon mehrfach – und The Day After Tomorrow ist sein wohl bester und reifster, dabei aber nicht weniger unterhaltsam.
Wer sich übrigens im Vorfeld vor einem völlig abstrusen und übereilten Happy End gefürchtet hat, liegt in Bezug auf die Eiszeit glücklicherweise falsch, mehr oder weniger.


Fazit:
Wenn Roland Emmerich eine neue Eiszeit anbrechen lässt, dann macht er das auf eine Art und Weise, wie man es bisher noch nicht gesehen hat – und in der Tat wartet The Day After Tomorrow mit Bildern auf, wie man sie sich bislang nicht einmal vorstellen konnte, und die ideal für die große Leinwand sind.
Die wissenschaftlich großteils untermauerte (und doch für den Unterhaltungswert angepasste) Geschichte mit einem eindeutigen Aufruf zum globalen Umweltschutz verpackt der Autor und Regisseur hier in perfekt gemachtes Popcorn-Kino, das es mit den ganz Großen im Katastrophen-Genre wie zum Beispiel Erdbeben [1974] zwar nicht aufnehmen kann, dafür in seinem Weltuntergangsszenario bisher ohne Konkurrenz dasteht.
Die Darsteller sind gut gelaunt, die Effekte erstklassig und der Film selbst ebenso unterhaltsam, wie spannend und mit einigen denkwürdigen Szenen bereichert. Dafür verzeiht man auch Drehbuchschwächen gern.
Man kann nur hoffen, dass andere Blockbuster diesen Sommer die Qualität von Emmerichs Film erreichen können. Angefangen hat die Saison jedenfalls überaus sehenswert.


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