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Sieben [1995]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 16. Januar 2012
Genre: Thriller

Originaltitel: Se7en
Laufzeit: 127 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1995
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: David Fincher
Musik: Howard Shore
Darsteller: Morgan Freeman, Brad Pitt, Gwyneth Paltrow, R. Lee Ermey, Andrew Kevin Walker, Daniel Zacapa, John Cassini, Bob Mack, Peter Crombie, Reg E. Cathey, George Christy, Endre Hules, Hawthorne James, William Davidson, Richard Schiff


Kurzinhalt:
Eine Woche trennt den erfahrenen Polizisten Somerset (Morgan Freeman) von seinem Ruhestand. Er soll in der Zeit den frisch zugezogenen Detective Mills (Brad Pitt) einarbeiten, der zwar nicht unerfahren ist, doch laut Somerset lässt sich kein Ort der Welt mit dieser Stadt vergleichen. Auch lernt er Mills Ehefrau Tracy (Gwyneth Paltrow) kennen. An ihrem ersten Tag werden die Polizisten zu einem Tatort gerufen, bei dem es so aussieht, als hätte der Täter einen persönlichen Groll gegen die Statur des Opfers gehabt. Somerset vermutet gegenüber seinem Captain (R. Lee Ermey), dass es für den Täter nicht bei einem Mord bleiben wird und gibt den Fall an Mills ab.
Schon tags darauf gibt es eine weitere Leiche mit einer ersten Botschaft des Täters. Für Somerset sieht es so aus, als würde der Täter jeden Mord nach einer der sieben Todsünden gestalten. Stückweise schält er sich wieder in die Ermittlungen ein, doch erst mit jeder neuen Leiche gibt es neue Hinweise auf den Mörder. Und es scheint, als würden sie auch nur das über ihn erfahren, was er sie wissen lässt ...


Kritik:
Es ist beeindruckend, mit welcher Leichtigkeit Regisseur David Fincher bereits in den ersten paar Minuten eine Atmosphäre für seinen Genre prägenden Thriller Sieben etabliert. Über die Figuren erzählt er am meisten ohne Dialog, indem er sie beobachtet und die Zuschauer daran teilhaben lässt. Die beklemmendsten Momente erschafft er in den Köpfen des Publikums, wenn offensichtlich wird, was den Opfern der grausamen Morde geschehen ist – und mit welcher Methodik der Täter vorgeht. Letzteres nimmt man beim ersten Ansehen mehr war, als die facettenreichen Charakterzeichnungen. Die offenbaren sich erst, wenn man den genialen Aufbau des Films zum zweiten Mal miterleben kann. Dass Sieben auch nach beinahe zwei Jahrzehnten nicht nur immer noch als Referenz für viele Produktionen herangezogen, sondern ebenso oft kopiert wird, kommt also nicht von ungefähr.

Erzählt wird der Film aus Sicht der beiden Polizisten Somerset (Morgan Freeman) und Mills (Brad Pitt), von denen Mills als junger, aufstrebender Detective, der neu hinzugezogen ist, den erfahrenen Somerset in einer Woche ablösen soll, wenn dieser sich aus dem aktiven Dienst zurückzieht. Sie arbeiten in einer namenlosen Stadt, in der wie in jeder Großstadt jeder für sich denkt, Frauen, die vergewaltigt werden nicht um Hilfe, sondern "Feuer!" rufen, damit überhaupt jemand hinsieht, und in der eine Verbrechensserie wie diejenige, die auf die Ermittler zukommt, irgendwann unausweichlich ist. Es beginnt mit einem Mord, der nicht nur grausam erscheint, sondern vom Täter über einen so langen Zeitraum geplant war, dass uns allein das Martyrium des Opfers unter die Haut geht. Nach der zweiten Tat, die ebenso methodisch vollstreckt wurde, kristallisiert sich für Somerset, der den Fall an Mills abgegeben hat, ein Muster heraus. Der Täter hinterlässt an jedem Tatort einen Hinweis auf eine der sieben Todsünden. Völlerei, Habgier, Trägheit, Wollust, Hochmut, Neid und Zorn. Für ihn steht also fest, dass man es mit einem Serientäter zu tun hat, bei dem es scheint, dass er sein Werk innerhalb einer Woche zum Abschluss bringen möchte.
Wie die Ermittlungen weiter verlaufen, zu welchen Tatorten die Polizisten hinzugezogen werden, sei an der Stelle nicht verraten. Als sie auf gut Glück einen Verdächtigen ausfindig machen wollen, der unter dem Namen John Doe in einem Apartment wohnt, scheinen sie zwar dem Täter näher zu kommen, doch bleibt die Frage, wer hier wen im Visier hat.

Die Optik, die Fincher für Sieben gewählt hat zu beschreiben, ist schwieriger, als es auf den ersten Blick aussieht. Mit düsteren Sets, einem ständigen Regen und dem Großstadtlärm als Hintergrundbegleitung könnte man beinahe übersehen, wie detailliert und bildgewaltig allein die jeweiligen Schauplätze ausfallen. So subtil sind bestimmte Elemente untergebracht, dass man sie beinahe übersehen kann – so auch, wie stückweise der Einzug von Mills und seiner Frau Tracy (Gwyneth Paltrow) in ihrer neuen Wohnung voran geht. Sie erscheint mit ihren blonden Haaren und ihrer hellen Kleidung wie ein Engel in einem Sumpf aus dunklen Impressionen, ihre Momente mit Mills wie ein letzter Funke Glück in einer trostlosen Welt.
Somerset hingegen benutzt ein Metronom, um abends die Welt um sich herum verdrängen zu können, um zur Ruhe zu finden – bis wir ihn später beobachten, wie er voller Wut reagiert, als hätte er erkannt, dass das Böse so auszublenden es nicht wird verhindern können. Wir sehen, wie Mills die Akten des Falls mit nach Hause nimmt, ihm so Einlass gewährt, während Somerset für die Recherche in die Bibliothek ausweicht. Außer dem, was er am Körper trägt gibt es in der Wohnung des erfahrenen Polizisten nichts zu beobachten, was auf seine Arbeit schließen lässt.
Hilflos müssen wir mit ansehen, wie John Doe die Ermittlungen genau dorthin lenkt, wo er sie haben möchte. Wie – je mehr die Detectives glauben, ihm überlegen zu sein – er seine Schlinge enger zieht. Es macht einen sprachlos, wenn man einer Unterredung beiwohnt, die von einem Moment auf den anderen kippt, der agierende und der reagierende Gesprächspartner unbemerkt ausgetauscht werden.

Am Drehbuch schrieb Autor Andrew Kevin Walker angeblich zwei Jahre lang, und hatte auf Grund des düsteren Themas Schwierigkeiten, ein Studio zu finden, das es produzieren wollte. Für erwachsene und anspruchsvolle Zuseher verbirgt sich hinter Sieben ein moderner Klassiker des Thrillergenres. Mit verstörenden Bildern und einem unterschwellig beunruhigenden Score erzählt, bleibt die Aussage so zeitlos und die Auflösung so packend, wie vor 17 Jahren. Nach Alien3 [1992] erschafft David Fincher in Sieben erneut eine Welt, in der die Apokalypse beinahe schon wie eine Erlösung erscheint.


Fazit:
Ohne Worte und mit wenigen Einstellungen gelingt es der herausragenden Besetzung, eine feine Linie zu ziehen zwischen Teilnahmslosigkeit und Selbstschutz (Somerset) oder zwischen Naivität und Eifer (Mills). Die entsetzliche Mordserie von John Doe bekommt umso mehr Gewicht, wenn wir erkennen, wie überlegt und methodisch er dabei vorgeht. Seine überlegene Teilnahmslosigkeit gegenüber der Wut der Ermittler macht ihn als Widersacher nur noch unnahbarer und gefährlicher.
Regisseur David Fincher zeichnet ein dunkles, letztlich hoffnungsloses Bild einer Gesellschaft, in der das Gute nicht obsiegt, sondern geopfert wird – auf beiden Seiten. Die ausweglosen Entscheidungen der Figuren machen die jeweilige Situation nicht nur ergreifend, sondern regelrecht zermürbend. Sieben erscheint auch nach so vielen Jahren überraschend zeitlos, sowohl in seiner genialen Umsetzung, als auch in der Erzählung.
Beunruhigend und packend ist es ein Meisterwerk des Genres, aber nur für ein erwachsenes Publikum geeignet.


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