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Searching [2018]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 11. Oktober 2018
Genre: Drama / Thriller

Originaltitel: Searching
Laufzeit: 102 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Aneesh Chaganty
Musik: Torin Borrowdale
Darsteller: John Cho, Michelle La, Debra Messing, Joseph Lee, Dominic Hoffman, Connor McRaith, Briana McLean, Sara Sohn


Kurzinhalt:

Auch zwei Jahre nach dem Tod von Davids (John Cho) Ehefrau Pam (Sara Sohn) versuchen er und seine Teenagertochter Margot (Michelle La), den Verlust jeweils auf ihre Weise zu verarbeiten. Das Verhältnis zwischen Vater und Tochter ist gut und auch tagsüber schreiben sie sich regelmäßig Chatnachrichten. Doch eines Tages antwortet Margot nicht mehr, obwohl sie in der Nacht zuvor mehrmals versucht hatte, ihren Vater anzurufen. Als feststeht, dass seine Tochter nicht bei einem Campingausflug mit Freunden mitgefahren war, verständigt David die Polizei und meldet Margot als vermisst. Während die zuständige Polizistin Detective Vick (Debra Messing) die Ermittlungen aufnimmt, sucht David auf Margots Laptop, in ihrem E-Mail-Postfach und ihren Sozialen Medien nach Hinweisen. Dabei entdeckt er, dass sie regelmäßig auf einer Videocaster-Plattform aktiv war und Kontakte zu Fremden unterhielt. Je mehr sich der Verdacht erhärtet, dass Margot weggelaufen ist, und je mehr ihrer angeblichen Freunde er befragt, umso mehr muss sich David eingestehen, dass er seine Tochter nicht wirklich kannte …


Kritik:
Aneesh Chagantys Spielfilmregiedebüt Searching ist ein so gekonnt aufgebauter und in seiner ungewöhnlichen Präsentation durchgängiger Thriller, dass man darüber schnell vergisst, dass er gleichermaßen technisch brillant umgesetzt ist. In 100 packenden Minuten folgt er einem Vater, der versucht, das Verschwinden seiner Tochter aufzuklären – alles aus der Sicht von Computer-, Handy- und Tabletbildschirmen. Das Ergebnis ist, als würde man einen Blick in das private Leben der Figuren erhaschen und ihnen damit näher sein, als je zuvor.

Das beginnt bereits mit einem Prolog, der die Familie Kim vorstellt. Im Schnelldurchlauf bekommen wir den Werdegang von David, Pam und Tochter Margot präsentiert mit Videoclips und Bildern aus ihrem Alltag, aber auch Auszügen aus E-Mails und Konversationen. Margots erster Tag im Kindergarten, in der Schule, oder Pams niederschmetternde Diagnose sowie ihren Kampf gegen den Krebs. Es ist eine Sequenz, die vom Aufbau her ein wenig an die Eröffnung von Pixars Animationsfilm Oben [2009] erinnert und auf fantastisch unaufdringliche Weise sowohl die Figuren zeichnet und das Publikum gleichzeitig emotional einbindet. Die Kims sind eine Familie wie jede andere auch, mit allen Schicksalsschlägen, die das Leben bereithält.

Zwei Jahre nach Pams Tod haben David und seine Teenagertochter Margot an sich ein gutes Verhältnis, auch wenn der Verlust beide immer noch bewegt. Doch eines Morgens antwortet Margot nicht mehr auf die Chatnachrichten ihres Vaters. Offensichtlich war sie am Abend zuvor nicht nach Hause gekommen. Anfangs vermutet er, dass sie mit Freunden einen Ausflug macht, doch als er erkennt, dass sie gar nicht mitgefahren war, alarmiert er die Polizei.
Erzählt wird Searching, wie bereits erwähnt, ausschließlich, indem die Bildschirminhalte von Computern, Smartphones oder Tablets wiedergegeben werden, die David bedient. Die Idee, auf diese Weise eine Geschichte zu erzählen, ist nicht neu, sondern wurde beispielsweise bei einigen Horrorfilmen bereits aufgegriffen. Aber statt daraus einen Found-Footage-Thriller zu machen, geht Filmemacher Chaganty einen anderen Weg. Er konzentriert die Bildausschnitte mitunter auf die wichtigen Bereiche, die „Kamera“ fährt über den entscheidenden Ausschnitt oder das App-Fenster und auch Ton und Musik entsprechen einer normalen Filmproduktion.

Nachdem David sich Zugang zum Laptop und auch dem E-Mail-Postfach und den Konten seiner Tochter bei Sozialen Medien verschafft hat, muss er erkennen, dass er seine Tochter im Grunde nicht kannte. Margot war nicht die beliebte Mitschülerin, sondern wie ihm berichtet wird, verschlossen und in sich gekehrt. Durch seine Recherchen lernt das Publikum wie er seine Tochter genauer kennen und muss sich am Ende fragen, wer sie war und was mit ihr geschehen ist. Sieht man Texte, die im Chatfenster geschrieben, aber vor dem Absenden wieder gelöscht werden, gibt das Einblick in die Gedankenwelt der Charaktere. Dabei erliegt Searching nicht den üblichen Klischees: Auch wenn David das soziale Leben und Verhalten seiner Tochter nicht bekannt war, wird er nicht als uninteressiert oder nachlässig dargestellt. Und wenn von fast 300 von Margots Facebook-Freunden kein einziger bestätigt, dass er sie wirklich kannte, sich manche nach ihrem offiziellen Verschwinden aber selbst als schockiert und „beste Freunde“ auf YouTube & Co. inszenieren, dann entlarvt Regisseur Aneesh Chaganty diese falschen und oberflächlichen „sozialen Kontakte“, ohne jedoch den Zeigefinger zu erheben.

Dafür inszeniert er durch diese ungewöhnliche Perspektive einen der packendsten und einfallsreichsten Thriller des Jahres, dessen Präsentation im besten Sinne makellos ist. Betriebssysteme wie Windows XP oder Apples macOS werden regelrecht Teil der Erzählung und verdeutlichen subtil, wie neu oder alt bestimmte Informationen sind, auf die zurückgegriffen wird. Videochats mit pixeligen Bildern, kurzen Aussetzern und Verzögerungen, sind wie aus dem Leben gegriffen und unterstreichen die Authentizität.
An dieser Stelle darf man auch dem deutschen Verleih ein großes Lob aussprechen: Sämtliche der gezeigten Monitorbilder, bei den Betriebssystemen bis hin zu Kontextmenüs, und auch alle Webseiten, darunter bekannte wie Facebook, YouTube oder eBay, aber ebenso Werbeanzeigen am Rand, vollständig in deutscher Sprache zu präsentieren, muss ein unvorstellbar aufwändiges Unterfangen gewesen sein. Doch die Mühe hat sich gelohnt und zeichnet Searching ebenfalls aus.


Fazit:
Allein aus der Perspektive von digitalen Alltagsbegleitern erzählt, behandelt der Thriller dabei doch im Kern die menschlichste aller Emotionen. Durch die scheinbar fest verbauten Kameras, die nicht wegdrehen, wenn es „unbequem“ wird, und lange Kameraeinstellungen, erzeugt Regisseur Aneesh Chaganty eine Spannung, die für das Publikum geradezu greifbar wird. Hervorragend, einfallsreich und ebenso effektiv inszeniert, wird Searching von zwei Darbietungen besonders getragen. Als zunehmend verzweifelter Vater ist John Cho fantastisch besetzt, während Michelle La in der Rolle der verschlossenen Margot ebenfalls hervorsticht. Die Story nimmt viele Wendungen, von denen doch keine zu abwegig klingt, als dass sie nicht glaubhaft wäre. Searching ist einer der besten und bis zur letzten Minute spannendsten Thriller dieses Kinojahres und allein schon durch die glaubhaft erschaffenen virtuellen Schauplätze preiswürdig in Szene gesetzt. Dabei sprechen die Filmemacher viele aktuelle Themen an, ohne die moderne Technik jedoch zu verteufeln. Sie zeigen aber auch, dass wir heute unser gesamtes Leben, wenn auch nicht in diesen Geräten wie Laptops oder Smartphones verbringen, dann zumindest darin festhalten. Auch das sollte zum Nachdenken anregen.
 


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