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Roman J. Israel, Esq. [2017]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 26. Februar 2018
Genre: Drama / Krimi / Thriller

Originaltitel: Roman J. Israel, Esq.
Laufzeit: 122 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Dan Gilroy
Musik: James Newton Howard
Darsteller: Denzel Washington, Colin Farrell, Carmen Ejogo, Lynda Gravatt, Amanda Warren, Hugo Armstrong, Sam Gilroy, Tony Plana, DeRon Horton, Amari Cheatom


Kurzinhalt:

Roman J. Israel, Esq. (Denzel Washington) ist Anwalt in Los Angeles und arbeitet in der Kanzlei von William Henry Jackson schon seit vielen Jahren. Er wusste Romans Talent einzusetzen, auch wenn er „nur“ für die Hintergrundarbeiten zuständig ist und nicht vor Gericht erscheint. Dass Roman besonders ist und auch einen besonderen Umgang erfordert, wird nicht daran offensichtlich, dass er allein lebt und seine Arbeit mit nach Hause nimmt. Er hat vielmehr Schwierigkeiten, sich an andere Menschen anzupassen. Als Jacksons Kanzlei notgedrungen von dessen ehemaligem Schüler George Pierce (Colin Farrell) übernommen und aufgelöst wird, kommt Roman widerwillig in dessen erfolgreicher Kanzlei unter. Dort trifft er bei einem Mandanten eine folgenschwere Entscheidung, die er nicht mit Pierce abstimmt. Sie hat dabei nicht nur Auswirkungen für den Mandanten, sondern auch für Roman selbst, der inzwischen der sozial engagierten Maya (Carmen Ejogo) näherkommt …


Kritik:
Bereits die ersten Minuten von James Newton Howards überaus hörenswertem Soundtrack besitzen eine Tragik, die man im Laufe von Roman J. Israel, Esq. – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit auf die Titel gebende Hauptfigur bezieht, nur um letztlich festzustellen, dass der Komponist damit einen anderen Aspekt von Dan Gilroys zweiter Regiearbeit (nach Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis [2014]) gekonnt einfängt. Diese mutet an, als würde sie mehrere Genres vermischen, ist jedoch im Kern eine Charakterstudie, die ebensoviele trocken humorvolle wie tragische Momente enthält. Beide dieser Pole sind jedoch leise dargebracht und durch eine Darbietung von Denzel Washington zum Leben erweckt, die den größten Reiz des Dramas ausmacht.

Er schlüpft in die Rolle des Anwalts Roman J. Israel, ESQ., der viele Jahre für die kleine Kanzlei von William Henry Jackson gearbeitet hat. Dabei war Roman stets für die Hintergrundarbeiten zuständig, die Recherchen, die juristische Aufarbeitung, während William Jackson selbst vor Gericht die Fälle vertrat. Es war eine Position, mit der er überaus zufrieden war, bis ihn eines Morgens die Nachricht erreicht, dass Jackson einen Herzinfarkt erlitten hat und er seinen Arbeitgeber bei den Gerichtsterminen des Verhandlungstages vertreten müsse. Dabei soll Roman, wie ihm Jacksons Assistentin einbläut, auf eine Vertagung pochen und keine Entscheidungen treffen. Und sehen wir Roman bei der ersten Verhandlung, verstehen wir auch, wieso.

So brillant Roman J. Israel in seinem Fachbereich sein mag, dadurch, dass er auch im Gespräch mit dem Richter stets sagt, was er denkt und seine Meinung mit allen Mitteln durchsetzen möchte, eckt er schnell an. Obwohl es nie direkt angesprochen wird, es würde nicht überraschen zu hören, dass Roman autistische Charakterzüge bzw. das Asperger-Syndrom hat. Ihm fehlt ganz offensichtlich ein Feingefühl, das seine soziale Kompetenz ebenso schärfen und ihn für Empathie öffnen würde, wie ihm sein verblüffendes Erinnerungsvermögen auf Jahr und Tag genau hilft. Er ist an Routinen gebunden, sei es jeden Abend, oder in seinem Aussehen oder seiner Kleidung, und sobald diese Routinen unterbrochen werden, fühlt er sich unwohl.

Mit dem Ausfall seines Arbeitgebers und den düsteren beruflichen Aussichten steht Romans Welt Kopf. Roman J. Israel, Esq. – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit beschreibt seine Entwicklung, wie er damit umgeht, aus dieser gewohnten Umgebung herausgerissen zu werden. In der neuen Situation von Pierces Kanzlei zerbricht er und lernt, sich an die Veränderungen anzupassen. Aber wie gerade bei der behutsam dargebrachten Liebesgeschichte mit der sozial engagierten Maya (Carmen Ejogo in einer kleinen, aber nichtsdestoweniger fordernden Rolle) deutlich wird, ist dieser neue „Roman“ nicht mehr er selbst. Die Veränderung geht über die offensichtlichen Merkmale wie seine Frisur, die neue Kleidung, der Umzug und dergleichen hinaus. Er verändert seine Persönlichkeit und die Frage ist, wie lange es dauern wird, ehe er selbst erkennt, dass er diese neue Person gar nicht sein möchte. Ohne etwas vorweg zu nehmen, als es soweit ist, holt ihn eine fatale Entscheidung ein, die den Film bereits von der ersten Minute an prägt.

So geschliffen die Dialoge sind, bei denen man stets aufmerksam bleiben sollte, dank seines Hauptdarstellers sagt Regisseur Dan Gilroy so viel mehr aus, auch wenn er nicht spricht. Denzel Washington ist schlicht fantastisch. Er bringt Romans überschwängliche Euphorie, als er Pierce von einer Sammelklage erzählt, die er vorbereitet und mit der er die Ungleichbehandlung der Angeklagten vor amerikanischen Gerichten offenlegen will, ebenso hervorragend zur Geltung, wie seine Verletzlichkeit, als er im Angesicht an die Veränderungen in seinem Alltag zerbricht. Wir sehen Roman buchstäblich am Boden liegen und wie er sich wieder aufrappelt und jemand anderes wird. Die Bandbreite dieser Figur ist beeindruckend und wird auf so vielschichtige Art zum Leben erweckt, dass es einem den Atem raubt.

Allerdings steht dem ein dramaturgischer Aufbau gegenüber, der die Schwerpunkte des Films mehrmals nachhaltig verändert und es dauert beinahe die halbe Laufzeit, ehe sich herauskristallisiert, was für eine Art Film Roman J. Israel, Esq. – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit tatsächlich ist. Anfangs augenscheinlich ein Gerichtsdrama oder gar ein Krimi, könnte sich das letzte Drittel zu einem Thriller wandeln. Dabei bleibt der Film doch durchgehend und im Kern eine Charakterstudie, die zwar nicht weniger interessant ist, aber nicht in dem Maße mitreißt wie die anderen Genres. Doch das sollte ein anspruchsvolles Publikum nicht abschrecken. Ganz im Gegenteil.


Fazit:
Insbesondere für ein Publikum außerhalb der USA ist Dan Gilroys zweite Regiearbeit an manchen Stellen recht trockene Kost. Er geht sehr detailliert auf die Mechanismen hinter dem amerikanischen Rechtssystem ein, was die Materie mit viel juristischem Jargon schwer zugänglich macht. Dabei wartet das Drama mit einer tollen, vielsagenden Optik auf und pointierten Dialogen, die von einer erstklassigen Besetzung eben so dargebracht sind. In der Rolle der Titel gebenden Hauptfigur brilliert Denzel Washington mit einem preiswürdigen Spiel. Zu sehen, wie viele Charaktere, selbst der augenscheinliche „Bösewicht“ der Geschichte in Form von George Pierce, der jedoch nur verstehen muss, wer Roman ist, um seine Stärken und das Beste in ihm fördern zu können, sich hier entwickeln, ist bemerkenswert. Roman J. Israel, Esq. – Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ist eine sehenswert gespielte Charakterstudie, bei der die Entwicklung der Hauptfigur erst dann abgeschlossen ist, wenn sie wieder am Anfang ankommt. Das ist zwar nicht in dem Maße packend, wie es sich die Macher womöglich erhofft hatten, auch weil der Filmemacher sich lange nicht entscheidet, in welchem Genre er seinen Film erzählen möchte, doch das macht die einzelnen Aspekte nicht weniger beeindruckend.
 


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