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Restrepo [2010]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. November 2011
Genre: Dokumentation

Originaltitel: Restrepo
Laufzeit: 93 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2010
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Tim Hetherington, Sebastian Junger
Musik: -
Mitwirkende: Juan 'Doc Restrepo, Dan Kearney, LaMonta Caldwell, Aron Hijar, Misha Pemble-Belkin, Miguel Cortez, Sterling Jones, Brendan O'Byrne, Joshua McDonough, Kyle Steiner, Angel Toves, Mark Patterson, Stephen Gillespie, Marc Solowski, Kevin Rice


Kurzinhalt:
15 Monate dauerte der Einsatz des Platoons der 173. US-Luftlandebrigade im Korengal-Tal in Afghanistan. Die meisten Bomben, die während des gesamten Afghanistan-Einsatzes eingesetzt wurden, wurden in jenem Tal abgeworfen. Die Dokumentation folgt diesem Einsatz, dessen Ziel es war, das Tal von Aufständischen zu befreien und das Vertrauen der Zivilbevölkerung zu gewinnen.
Früh während der Mission starben die Soldaten Restrepo und Vimoto. Es wird nicht die einzige Prüfung für die Soldaten sein, die in Interviews nach dem Einsatz zu Wort kommen. Die Filmemacher verweben diese mit den authentischen Aufnahmen des Einsatzes zu einem vielleicht nicht ungeschönten, aber sehr persönlichen Blick auf die Männer jenes Platoons, und darauf, wer sie nach ihrer Rückkehr sind.


Kritik:
Es erinnert an bekannte Klischees aus (Anti-)Kriegsfilmen, wenn eine Gruppe Soldaten miteinander obszöne Scherze macht, zum Kräftemessen ringt, oder nach einem Feuergefecht prahlt, welch ein überlegenes Gefühl die Waffe ihnen verleiht, und welchen Adrenalinstoß das Wissen, beschossen zu werden, ihnen verschafft. Dem gegenüber stehen verängstigte junge Männer, die sich in der Gruppe meist nur nach dem Einsatz groß fühlen, währenddessen jedoch verunsichert zum nächst höheren Offizier schauen, in der Hoffnung, von ihm gesagt zu bekommen, was zu tun ist.
In Restrepo entstammen diese Momente keinem Drehbuch. Die Dokumentarfilmer Tim Hetherington und Sebastian Junger begleiten ein Platoon bestehend aus 15 Soldaten der 173. US-Luftlandebrigade ein Jahr lang mit der Kamera während deren Einsatz, der insgesamt 15 Monate dauert. Die Einheit ist im afghanischen Korengal-Tal stationiert, einer Hochburg der Taliban und Al-Qaida. In keinem anderen Kriegsgebiet gab es so viele Feuergefechte wie dort.

Zwischen den Dokumentaraufnahmen finden sich Interviews mit den zurückgekehrten Soldaten, die über ihre Erfahrungen berichten. Auch wenn die Gesichter der Männer dabei aus den übrigen Aufnahmen bekannt vorkommen, ihre Augen sprechen eine andere Sprache, als sie es während des Einsatzes getan haben. Sie unterhalten sich mit den Filmemachern darüber, was sie während der verschiedenen Missionen empfunden haben, mit welcher Erwartung sie nach Afghanistan flogen, und mit welchen Verletzungen, die über das Physische weit hinausgehen, sie wieder zurückgekehrt sind. Es gibt keine ruhmreichen Rechtfertigungen für den Einsatz selbst, weder hochrangige Militärs, noch Vertreter des Diplomatencorps werden interviewt. Restrepo ist aus Sicht der Soldaten erzählt, die an die vorderste Front gesandt werden und meist nicht einmal wissen, wieso sie dort sind.

Hier sollen sie sich dafür einsetzen, die Bevölkerung zum Bau einer Straße zu motivieren, auch wenn der befehlshabende Offizier stärker damit beschäftigt ist, einen guten Ruf seiner Einheit zu etablieren. Wir erfahren nicht viel über seinen Vorgänger, doch erahnen wir, dass dessen Handlungen bei den ansässigen Ältesten mehr für Spannungen sorgten, als dafür, solche abzubauen. Jeder Schritt, den das Platoon auf die Zivilbevölkerung zugeht, wirft sie letztlich zwei wieder zurück. Seien es unbedachte Handlungen der Soldaten, welche die Bauern dort ihre Existenz kosten, oder gar ein befohlener Luftangriff, bei dem zwar mutmaßliche Taliban-Anhänger sterben, aber auch Menschen bei der Zivilbevölkerung verletzt und sogar getötet werden.
Restrepo lässt diese Eindrücke unkommentiert. Es gibt keinen Erzähler, der Hintergründe zur Mission oder den einzelnen Einsätzen liefert. Was wir erfahren, hören wir durch die Soldaten selbst. Dabei auch, wie sie unter Feindbeschuss einen neuen Außenposten errichten, den sie nach ihrem Kameraden Doc Restrepo benennen – er war einer der ersten, die im Einsatz gefallen waren.

Das Klischee, bei dem sich die Soldaten gegenseitig anstacheln oder ihre Nerven verlieren, gibt es nicht. Keine philosophischen Diskussionen, weswegen sie überhaupt hier sind, und dass sie nicht an das glauben würden, was sie tun. Was würden solche Unterredungen helfen? Wären die Männer motivierter? Wie würde sich das auf den Zusammenhalt der Truppe auswirken? Bei den Interviews, die nach dem Einsatz geführt wurden, sprechen sie das an. Während des Einsatzes jedoch nicht.
Es muss auch für die Filmemacher ein einschneidendes Erlebnis gewesen sein, als das Platoon bei einer mehrtägigen Mission in einen Hinterhalt gerät. Von heroischen Einzeltaten ist jedoch nicht die Rede. Im Gegenteil, einer der angesehensten Kameraden fällt als erster, weitere werden verletzt. Die Regisseure unterlegen jene Momente glücklicherweise nicht mit Musik, oder schneiden sie so, um das Gefühl einer Actionszene zu erzeugen. Es ist erstaunlich, wie es Restrepo gelingt, einen persönlichen Blick in den Alltag der Soldaten im Einsatz zu werfen, und dabei doch nur zu beobachten, nicht zu werten und nicht zu verurteilen. Manchmal klingen die Gespräche, als würden sie einem klischeehaften Drehbuch entspringen. Doch wie sonst sollten die Soldaten mit der Situation auch umgehen?

Filmemacher Tim Hetherington starb am 20. April 2011 bei Aufnahmen, die er während des Konflikts in Libyen machte.


Fazit:
Eine moralische Rechtfertigung für den Krieg in Afghanistan wird nicht gegeben. Weder durch die Filmemacher, noch durch die Soldaten. Spielt es für sie eine Rolle, wo und weswegen sie dorthin geschickt werden? Als sie erfahren, dass sie im Korengal-Tal stationiert sind, müssen viele von ihnen schlucken. Es galt als einer der tödlichsten Orte der Erde. Restrepo verdeutlicht, weshalb dem so war und auch, weswegen die Zivilbevölkerung, zum Teil aus Angst vor der Macht der Taliban, aber auch aus Angst vor den US-Soldaten, stets zwischen den Stühlen steht. Der erste Eindruck, den der Militäreinsatz bei den Menschen dort hinterließ, war verheerend.
Die Dokumentation begleitet das Platoon und versetzt uns an die Seite der Soldaten. Dabei gibt es keine Heldenverehrung, Einzelkämpfer oder Überlebenskünstler, sondern junge Männer, die der Einsatzbefehl dorthin sandte. Sieht man sie in den Interviews, die danach aufgenommen wurden, bemerkt man, dass von ihrer Jugendlichkeit oder Unbeschwertheit nichts zurückkam.


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