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Nicht auflegen! [2002]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 20. August 2003
Genre: Thriller

Originaltitel: Phone Booth
Laufzeit: 81 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2002
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Joel Schumacher
Musik: Harry Gregson-Williams
Darsteller: Colin Farrell, Kiefer Sutherland, Forest Whitaker, Radha Mitchell, Katie Holmes


Kurzinhalt:
Stu Shepard (Colin Farrell) ist der wahr gewordene Traum vieler BWL-Studenten: Er ist ein erfolgreicher PR-Manager, hat mit vielen bekannten Persönlichkeiten zu tun, eine wunderschöne Frau (Radha Mitchell) und einen teuren Anzug. Er gibt sich nur mit Menschen ab, die ihm weiterhelfen können, und seinen Assistenten beutet er nach Strich und Faden aus. Stu Shepard ist ... innerlich ein Wrack, doch bis er das erkennt, muss er die schwierigsten Stunden seines Lebens durchstehen.
Nachdem er einmal mehr aus einer Telefonzelle die junge Pam (Katie Holmes) angerufen hatte, mit der er in Gedanken schon unzählige Schäferstündchen verbrachte, wird er persönlich auf dem Münzfernsprecher angerufen. Der Mann am anderen Ende (Kiefer Sutherland) möchte, dass Stu seine Sünden beichtet – um das zu erreichen, hat er den PR-Manager mit einem Präzisionsgewehr erfasst.
Dass es dem Scharfschützen ernst ist, erfährt Stu, als ein Passant tödlich getroffen wird, und die umherstehende Menge ihn selbst als Schütze gesehen haben will. Dann rückt die Polizei, darunter Captain Ramey (Forest Whitaker) an und Stu muss an allen Fronten um sein Leben reden.


Kritik:
Drehbuchautor Larry Cohen, mittlerweile 65 Jahre alt, entwickelte das Konzept, einen Film vollständig in einer Telefonzelle spielen zu lassen, ansich schon in den 1960er Jahren für niemand geringeren als Spannungsmeister Alfred Hitchcock. Aber keiner von beiden konnte sich eine plausible Story ausdenken, die den ungewöhnlichen Ausgangsgedanken rechtfertigen würde.
Erst Mitte der 90er Jahre kam Cohen auf die Idee eines Scharfschützen und das eigentliche Drehbuch war dann innerhalb weniger Wochen verfasst.
Doch bis es umgesetzt wurde, verging viel Zeit, vor allem weil die Beteiligten – Regisseure und Hauptdarsteller – kamen und gingen; Will Smith war ebenso wie Jim Carrey und Mel Gibson im Gespräch für die Hauptrolle, zeitweise sollte sogar Michael Bay Regie führen. Und auch der jetzige Regisseur Joel Schumacher war mehrmals für das Projekt im Gespräch – beim ersten Anlauf konnte er es zeitlich nicht einrichten, und ein paar Jahre später kam er nun doch noch dazu. Er brachte auch Colin Farrell an Bord, der hier in einer etwas anderen "Talk Show" zu sehen ist und sich mit Bravour schlägt.

Viele mögen sich fragen, ob ein Film, der sich 80 Minuten lang in einer Telefonzelle zuträgt, überhaupt funktionieren kann. Die Frage ist schnell beantwortet: Dank einem ausgefeilten und mit pointierten Dialogen gespickten Drehbuch, einer klaustrophobischen Inszenierung und hervorragender Darsteller funktioniert Nicht auflegen! tadellos.
Dass der Film in den USA von November 2002 auf Frühjahr 2003 verschoben wurde, hat überdies nichts mit Änderungen am Film zu tun, sondern damit, dass dem Vertrieb 20th Century Fox der Film zu brisant war, da zu besagter Zeit in Washington ein Heckenschütze wahllos Menschen ermordete.
Wer allerdings befürchtet, dass Phone Booth, so der Originaltitel, zur sinnlosen Zielübung verkommt, der irrt. Psychologisch überzeugende Charakterstudien gipfeln in der Schluss-Sequenz in einem Seelenstriptease, den man nicht vergisst. Diese Szene war schon nach dem ersten Mal im Kasten, und Hauptdarsteller Colin Farrell bekam zurecht von Passanten und Crewmitgliedern Applaus spendiert.

Das Skript greift dabei die ansich gar nicht so absurde Ausgangslage eines Heckenschützen auf, der durch wochenlange Beobachtung so Einiges über seine Opfer herausbekommen hat und diese anschließend "überreden" möchte, ihre Sünden zu gestehen – oder durch eine Kugel zu sterben. Dass sich der Schütze als Moralist bezeichnet und dabei selbst der größte Lügner ist, ist eine Ironie des Films, die man erst im späteren Nachdenken über das Geschehen richtig erfasst.
Nach nur wenigen Minuten wirft das Drehbuch von Larry Cohen den Zuschauer an die Seite von Stu Shepard, den man bis zum Schluss nicht mehr verlässt. Man lernt ihn als ehrgeizigen Karrieristen kennen, der alle Menschen ausnutzt, die ihm nur irgendwie von Nutzen sein können. Für die wichtigen Leute hat er ein falsches Lächeln auf den Lippen, für alle anderen keine Zeit. Ihn in eine Situation zu bringen, in der er um sein Leben reden soll, ohne lügen zu dürfen, besitzt neben einem gewissen Reiz auch eine Perfidität, die im Verlauf des Films zu spannenden Wortgefechten führt, bei denen nicht immer der Anrufer die Oberhand hat.
Durch das Element der Polizei wird zudem eine neue Front aufgefahren, an der es zu überleben gilt. Doch entgegen der Befürchtung, die uniformierten Helfer würden wie in vielen Filmen als dumme Cops hingestellt, erahnt Captain Ramey recht schnell, dass nicht alles so ist, wie es zunächst scheint. Mehr zu verraten würde den Spaß am Zuschauen verderben – Interessenten sollten sich aber auf die spitzen und intelligenten Dialoge konzentrieren können, ansonsten könnte Nicht auflegen! eine zähe Kost sein.

Getragen wird der Film, neben der klaustrophobischen Ausgangslage, natürlich von den Darstellern, allen voran Colin Farrell, der sich hier endgültig vom "Sunny Boy"-Image löst und beweist, dass er ein ausgesprochen talentierter junger Schauspieler ist, der einen Film auch allein tragen kann. Mimik und Gestik sind beeindruckend, von seiner aufbrausenden Art bis zum zitternden und verunsicherten Jungen ist Alles vertreten. Sollte er in den kommenden Jahren die richtigen Rollen auswählen, kann man noch viel von ihm erwarten.
Nur kurz zu sehen, dafür oft zu hören ist Kiefer Sutherland als Scharfschütze, der (in der deutschen Version durch seine übliche Synchronstimme) eine hervorragende Arbeit abliefert. Ton-Ausschnitte aus der Originalversion bestätigen den Eindruck. Allein durch seine Stimme ist er beunruhigender als manch anderer Bösewicht in Person. Sutherland sollte ansich im Film gar nicht zu sehen sein, sein Auftritt wurde zuerst mit Ron Eldard gedreht, später aber dann durch neue Aufnahmen mit Sutherland selbst ersetzt.
Dass er ein hervorragender Darsteller ist, beweist der charismatische Forest Whitaker (The Crying Game [1992], Panic Room [2002]) in Phone Booth einmal mehr, obwohl er nur eine vergleichsweise kleine Rolle hat. Doch schon zu sehen, wie er – beispielsweise dadurch, dass er verbal in die Ecke gedrängt wird – seine Verunsicherung mit einem kleinen Zucken in der Mimik zum Ausdruck bringt, ist beeindruckend – ebenso die Szenen, in denen man seinen Gesichtsregungen ansieht, dass er das Geschehen ein Stück weit durchschaut hat.
Kleinere Rollen haben dagegen Katie Holmes und Radha Mitchell, die aber beide vollends überzeugen können und in ihren Rollen wirklich aufgehen.
Die Besetzung ist sehr gut ausgeswählt und wirkt in sich stimmig.

Regisseur Joel Schumacher meinte zu den Dreharbeiten, dass die 12 Drehtage die stressigsten waren, die er je absolviert hatte. Gedreht wurde in 10 Tagen in chronologischer Reihenfolge alles, was in der Telefonzelle spielt. Die restlichen zwei Tage verwandten die Macher darauf, die Umgebung aufzunehmen und Szenen aufzuzeichnen, die sich nicht in der Zelle zutrugen – gedreht werden konnte allerdings jeweils nur bis vier Uhr nachmittags, dann wurde das Licht zu schlecht.
Dadurch konnten die Macher das Budget des Films auf insgesamt 10 Millionen Dollar drücken (doppelt soviel bekommt allein Bruce Willis beispielsweise für einen normalen Film), über 45 Millionen spielte er in den USA wieder ein. In New York wurde im Übrigen nur ein Tag lang gedreht. Da es dort bereits November und viel zu kalt für die Crew war, zog man kurzerhand nach Los Angeles um und baute dort neu auf.
Geschadet hat es der Inszenierung von Phone Booth allerdings nicht, Kamera und Schnitt fassen die Enge der Zelle hervorragend ein und bieten dennoch genügend Übersicht. Mit weitwinkligen Aufnahmen und eingestreuten Bildern von Häuserfassaden wird gekonnt die Fülle an Möglichkeiten aufgezeigt, wo der Attentäter sich verstecken könnte.
Etwas gewöhnungsbedürftig sind anfangs die Bild-im-Bild-Ausschnitte, bei denen zwei oder mehr Szenen ineinander hineingeschnitten werden. Dadurch erhöht sich aber auch die Komplexität der Szene und man wird als Zuschauer aufmerksamer. Schumacher zeigt hier eindrucksvoll, dass er Filme wie Flatliners - Ein schöner Tag zum Sterben [1990] und Falling Down - Ein ganz normaler Tag [1993] nicht rein zufällig gemacht hat und man seinen zweiten Batman-Ausflug, Batman & Robin [1997], eher als Ausrutscher betrachten sollte. Hoffentlich stellt er seine Zuschauer nicht erneut auf so harte Proben. Die Kamera- und Schnittarbeit in Phone Booth ist mit Sicherheit nicht zeitlos oder oscarverdächtig, jedoch routiniert und sie lässt den Schauspielern immer genügend Raum offen.

Nicht nur bei den schweißtreibend spannenden Szenen tritt die Musik in den Vordergrund, Harry Gregson-Williams überrascht hier mit pochenden Beats und atmosphärischen Geräuschen, die glücklicherweise immer zu den Bildern passen und sehr viel zum Flair des beengten Schauplatzes beitragen.
Wenn sie zum Finale hin ausbleibt, erahnt man als Zuschauer bereits, dass etwas Größeres folgen wird.
Der Score ist zwar ungewöhnlich, dennoch passt er dem Film wie angegossen und erinnert bisweilen leicht an denjenigen von Spurwechsel [2002].

Eine kleine, auf den ersten Blick unangenehme Überraschung, erlebt der deutsche Zuschauer, wenn Forest Whitaker zum ersten Mal auf der Leinwand erscheint, denn seine gewohnte Synchronstimme gibt es leider nicht zu hören. Dem Synchronstudio kann man dafür allerdings keinen Vorwurf machen, denn Whitakers deutscher Sprecher, Tobias Meister, synchronisiert üblicherweise auch Kiefer Sutherland – und der hat in Nicht auflegen! nicht nur die richtige Stimme, sondern ist auch bedeutend öfter zu hören.
Insgesamt kann man dem deutschen Tonstudio zur Synchronfassung nur gratulieren, gerade in Anbetracht von unterdurchschnittlichen Lokalisierungen wie Terminator 3 – Rebellion der Maschinen [2003] und Matrix: Reloaded [2003] ist es verwunderlich, dass kleinere Filme heute meistens deutlich besser synchronisiert sind, als die großen Blockbuster. So geschehen bei Der stille Amerikaner [2002] und besonders eindrucksvoll bei dem brilliant synchronisierten One Hour Photo [2002] (ebenfalls 20th Century Fox).
Auch wenn man allein auf Grund von Kiefer Sutherlands Stimmdarbietung im Original am besten zur englischen Sprachfassung greifen sollte, ist Phone Booth auf deutsch immer noch ein guter Film, den man in jeder Sekunde gnießen kann.

In einem Sommer der kleineren (Matrix: Reloaded) und größeren (Terminator 3 – Rebellion der Maschinen, Lara Croft: Tomb Raider – Die Wiege des Lebens [2003]) Kino-Enttäuschungen ist es immer wieder eine Freude, positiv überrascht zu werden. Regisseur Joel Schumacher hat den Stoff bestmöglich umgesetzt und ein bedrückendes, spannendes Szenario geschaffen, das so abwegig gar nicht ist.
Dank hervorragender Darsteller und der spannenden Inszenierung ist Nicht auflegen! sicherlich ein Tipp für all diejenigen, die zur Abwechslung einen den Verstand beanspruchenden Thriller anstatt nicht überzeugende Actionreisser sehen wollen.


Fazit:
80 Minuten in einer Telefonzelle zu verbringen, ist eine lange Zeit und ein Experiment, das erfreulicherweise geglückt ist. Als Zuschauer muss man aber bereit sein, mitzudenken, ansonsten hat man den Anschluss verloren.
Die Dialoge sind erstklassig, treffen oft in das Mark des Zuschauers und können dank der Schauspieler in jeder Sekunde überzeugen. Wer (wie Colin Farrell im wahren Leben) Telefone auf den Tod nicht ausstehen kann, wird hier ein eindrucksvolles Beispiel finden, wieso. – Alle anderen werden in Zukunft zweimal überprüfen, ob die Akkus ihres Mobiltelefons voll aufgeladen ist, wenn sie das Haus verlassen.
Phone Booth ist ein Thriller mit vielen einprägsamen Momenten, die in unserer heutigen Zeit so fiktiv leider gar nicht mehr sind.


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