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Narziss und Goldmund [2020]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 12. Februar 2020
Genre: Drama

Laufzeit: 110 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2020
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Stefan Ruzowitzky
Musik: Henning Fuchs
Besetzung: Jannis Niewöhner, Sabin Tambrea, Emilia Schüle, Roxane Duran, Henriette Confurius, Elisa Schlott, Kida Khodr Ramadan, Jessica Schwarz, Uwe Ochsenknecht, Johannes Krisch, André Hennicke, Sunnyi Melles, Georg Friedrich


Kurzinhalt:

Im Mittelalter bereitet sich der junge Narziss (Oskar von Schönfels / Sabin Tambrea) als Novize im Kloster auf sein Leben im Orden vor. Von den übrigen Jungen wird er oft gehänselt, weil er nicht an den Dingen interessiert ist, mit denen sie ihre Zeit vertun. Als dem Kloster der noch jüngere Goldmund (Jeremy Miliker / Jannis Niewöhner) übergeben wird, ist es Wunsch des Abtes, dass sich Narziss um den Jungen kümmert. Obwohl sie beide augenscheinlich nichts gemeinsam haben, Goldmund, der abenteuerlustig ist und die Welt sehen möchte, sowie Narziss, der strebsame und disziplinierte, entwickelt sich zwischen ihnen eine enge Freundschaft. Als sie älter sind und sich Narziss seiner Gefühle für seinen Freund bewusster wird, zieht es Goldmund in die Welt. Dort erlebt er an der Seite vieler Frauen alle Höhen und Tiefen, die das Leben zu bieten hat, ehe er in Lene (Henriette Confurius) jemanden findet, mit dem er sesshaft werden könnte. Doch es sind finstere Zeiten und die Wege zwischen Goldmund und Narziss unausweichlich miteinander verbunden …


Kritik:
Basierend auf der gleichnamigen Erzählung von Hermann Hesse, erschienen im Jahr 1930, erzählt Narziss und Goldmund von der Freundschaft und dem Werdegang der beiden auf diese Namen hörenden Männer, die sich im Mittelalter als Kinder begegnen und einander für ihr ganzes Leben prägen. Dabei orientiert sich Regisseur Stefan Ruzowitzky zwar an der Vorlage, bietet aber in manchen Aspekten eine spürbar moderne Interpretation. Hierin liegen auch die auffälligsten Schwachstellen der Produktion.

Eine weitere ist die Struktur der Erzählung, die zwar mit dem ersten Aufeinandertreffen der beiden grundverschiedenen Jungen beginnt, nach einem kleineren zeitlichen Sprung jedoch 15 Jahre überspringt und was dazwischen geschehen ist, in ausladenden Rückblicken erzählt, während die Rahmenhandlung weiter voranschreitet. Würde Narziss und Goldmund als ein langer Rückblick nach dem Wiedersehen der beiden Jugendfreunde erzählt, hätte auch dies seinen eigenen Reiz. Allerdings entscheiden sich die Macher, an manchen Stellen des Rückblicks in einem entscheidenden Moment abzubrechen und die Auflösung in dem Dialog der beiden älteren Männer zu präsentieren. Das beraubt die jeweilige Szene jedoch der emotionalen Zugkraft, die sie hätte entwickeln können, hätte man sie unmittelbar in ihrem Kontext aufgelöst.

Die Geschichte beginnt, wie bereits gesagt, als sich die Titelfiguren im Kindesalter zum ersten Mal begegnen. Narziss ist Novize eines Klosters und weiß mit anderen Menschen wenig anzufangen. Diszipliniert, strukturiert und gläubig, ist er überzeugt, seine Zukunft im Kloster zu verbringen, bis er dem Knaben Goldmund begegnet. Der ist in vielerlei Hinsicht das genaue Gegenteil, extrovertiert, abenteuerlustig und neugierig. Er ist im Kloster, wie der Abt Narziss anvertraut, wie ein Vogel in einem Käfig. Selbst als sie junge Männer sind, haben sie auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam, außer ihrer Freundschaft – und einer Zuneigung für einander, die von Seiten Narziss’ größer ist, als sie in den Klostermauern sein darf. Während sich Narziss im Glauben vergräbt, sich kasteit und geisselt, um ein Mönch zu werden und Goldmund zu vergessen, zieht dieser hinaus und lebt ein bewegtes Leben. Eines, in dem er liebt, geliebt wird, begehrt und lernt. Ein Leben, in dem er einen Verlust erfährt, an dem man zerbrechen könnte.

Das klingt, als würde Narziss und Goldmund eine bunte Geschichte um selbige Figuren erzählen, tatsächlich jedoch wiederholt sich bei der Beschreibung von Goldmunds Leben das Kernelement sehr oft. Innerlich auf der Suche nach seiner Mutter, derentwegen er ins Kloster geschickt worden war, ist er sehr dem weiblichen Geschlecht zugetan und dabei lange Zeit ausgesprochen naiv, sodass ihm nach seiner Zeit im Kloster mehr Prügel widerfahren, als während seiner Kindheit. Es wäre durchaus reizvoll zu sehen, wie dieser junge Mann die Welt zum ersten Mal entdeckt, welche Erfahrungen er nach den Jahren im Kloster macht. Einen Hauch davon gibt es ganz am Ende des Films zu sehen, in einem Rückblick, den Goldmund mit den Worten begleitet, er wäre ans Ende der Welt gereist. Umso bedauerlicher, dass das Drama mehr daran interessiert ist, ihn von einer Frau zu anderen reisen zu sehen.

Da Narziss, der in der Zeit selbst zum Abt aufgestiegen ist, das Kloster nie verlassen hat und man ihn gewissermaßen an dem Punkt in seinem Leben wiedersieht, an dem ihn Goldmund einst zurückließ, wird wenn, dann nur durch Goldmunds Erfahrungen deutlich, worauf der Glaubensbruder verzichtet hat. Dessen Figur bleibt jedoch erstaunlich blass, wäre es nicht um Dialogzeilen wie wenn er über sein Leben spricht und feststellt, „[a]ber es ist arm an Liebe gewesen. Es hat mir am Besten gefehlt.“
Goldmund hingegen erlebt alle Höhen und Tiefen in einer Welt, die von Armut, der Pest und dem Überfluss der Reichen gleichermaßen geprägt ist. Dass er darin lange kein wirkliches Ziel zu verfolgen scheint, außer sein Leben zu leben, ist kein Kritikpunkt. Auch ist dieser Aspekt nie langweilig und durchaus gut gespielt. Nur scheint Narziss und Goldmund mehr darauf aus, den Darsteller Goldmunds, Jannis Niewöhner, möglichst leicht oder un-bekleidet zu zeigen, anstatt ein Bild jener Zeit zu zeichnen. Dass der Film für das Ende auf geradezu aufdringlich kitschige Momente zurückgreift, schadet dem, was zuvor gewesen ist, spürbar.


Fazit:
Gibt es an der sichtbar aufwändigen, handwerklichen Umsetzung über weite Strecken nichts zu beanstanden, sind es Szenenkompositionen wie wenn Goldmund im Rausch ein Fest wahrnimmt, oder er von seinem Bildhauermeister Niklaus aus dem Haus gejagt wird, die durch die Inszenierung nicht zum Rest passen wollen. Dazu zählen auch die perfekt gestylten Frisuren und Bärte, die mit den muskulös durchtrainierten Körpern, die alle paar Minuten gezeigt werden, mehr an ein Hipster-Kostümfest erinnern, als die Verfilmung einer Geschichte aus jener Zeit. Was vielleicht am stärksten auffällt, ist Stefan Ruzowitzkys Entscheidung, die Erzählung auf diese Weise zu strukturieren. Eine klarere Linie hätte der Dramaturgie merklich geholfen. Die Besetzung ist durchweg gelungen und in den richtigen Momenten auch gefordert. Narziss und Goldmund findet öfter als nicht den richtigen Ton und erzählt nie langweilig eine getragene Geschichte um zwei Seelen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und sich dabei in dem, was sie sich wünschen doch so ähneln. Aber dadurch, dass mehr auf Schauwerte, denn den emotionalen Ausdruck der Charaktere gesetzt wird, mehr laute als leise Beobachtungen gemacht werden, lassen ich die Macher hier eine große Chance entgehen.
 


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