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Nächster Halt: Fruitvale Station [2013]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 31. Mai 2014
Genre: Drama

Originaltitel: Fruitvale Station
Laufzeit: 85 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2013
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Ryan Coogler
Musik: Ludwig Göransson
Darsteller: Michael B. Jordan, Melonie Diaz, Octavia Spencer, Kevin Durand, Chad Michael Murray, Ahna O'Reilly, Ariana Neal, Keenan Coogler, Trestin George, Joey Oglesby, Michael James, Marjorie Crump-Shears


Kurzinhalt:
Es ist Silvester 2008. Der junge Vater Oscar (Michael B. Jordan) hat seinen freien Tag. Was er seiner Freundin Sophina (Melonie Diaz) nicht gestanden hat: Er weiß bereits seit zwei Wochen, dass er seinen Job verlieren wird. Sein Versuch, bei seinem Boss eine Wiedereinstellung zu erreichen, bleibt ohne Erfolg. Die Drogen, die er im Haus hat, könnte er verkaufen, um zumindest die Miete für den kommenden Monat zu bezahlen. Doch er weiß, dass ihn dieser Weg wieder zurück ins Gefängnis bringen kann.
So entschließt sich Oscar für einen Neuanfang, auch für seine Tochter Tatiana (Ariana Neal). Sie alle besuchen die Geburtstagsfeier seiner Mutter Wanda (Octavia Spencer), ehe Sophina und er am Abend rausfahren, um sich mit Freunden zu treffen.
Es ist der letzte Tag in Oscars Leben. Er wird um wenige Stunden nach Mitternacht angeschossen und stirbt noch am Neujahrsmorgen an seinen schweren inneren Verletzungen.


Kritik:
Wie sagt man einer Vierjährigen, dass ihr Vater gestorben ist, nachdem er von einem Polizisten in den Rücken geschossen wurde, während er bereits wehrlos am Boden lag – festgehalten von zwei weiteren Gesetzeshütern? Filmemacher Ryan Coogler beginnt seinen ersten Spielfilm mit Handyaufnahmen der Tat, die 2009 in der Bay-Area, Kalifornien für Bestürzung und Wut sorgte. Man hofft darauf, dass Nächster Halt: Fruitvale Station eine Erklärung dafür liefert, wie um alles in der Welt eine Situation derart außer Kontrolle geraten kann. Es ist eine Hoffnung, die wie Oscar Grants gute Vorsätze in jener Neujahrsnacht mit ihm starben.

Dass Oscar die Nacht nicht überlebt, ist dabei schon deshalb kein Spoiler, da das Drama auf wahren Ereignissen beruht und wie erwähnt diese Bilder in den ersten Minuten zu sehen sind. So schockierend sie sind, die emotionale Wucht entfalten sie erst, wenn man Oscars letzten Tag mit ihm verbracht hat.
Sieht man den 22-jährigen, der bereits im Gefängnis saß, eine kleine Tochter zu Hause hat, erst vor kurzem seine Freundin Sophina mit einer anderen Frau betrog und bereits seit zwei Wochen vor ihr verheimlicht, dass er seinen Job in einem Supermarkt verloren hat, dann fragt man sich, was einen guten Menschen ausmacht. Mehr noch, da er selbst Drogen nimmt und sogar welche in seiner Wohnung aufbewahrt, um sie zu verkaufen. Die Miete ist in wenigen Tagen fällig und ohne Job sieht es düster aus, nur mit Sophinas Gehalt. Umso mehr, da Oscars Schwester ihn um finanzielle Hilfe bittet, da auch bei ihr das Geld nicht reicht.

Die Antwort auf die Frage, was jemanden zu einem guten Menschen macht, beantwortet Oscar selbst, der sich vornimmt, ein besserer Vater zu sein, der die Drogen ins Meer schüttet, um lieber auf ehrliche Weise Geld zu verdienen, und nicht seine Tochter erneut im Stich zu lassen. Er hat sich entschieden, dass im kommenden Jahr sein Leben anders verlaufen soll – vielleicht würde er Sophina sogar einen Heiratsantrag machen. Schon diese Entscheidung macht ihn zu einem besseren Menschen.

Es ist bewegend zu sehen, wie viele Leben wir an einem Tag berühren können. Oscar gelingt das bei seiner Mutter, die an Silvester Geburtstag feiert, und auch mit einer jungen Frau im Supermarkt, die für ihren Freund ein Abendessen zubereiten möchte, aber nicht weiß, wie. Die Stimmung, die Regisseur Coogler über zwei Drittel einfängt, verspricht so viel Potential für Oscar, der mehr Mensch ist, als die meisten Filmfiguren der so genannten Sommerblockbuster zusammen. Bis innerhalb weniger Momente alles kippt – zuerst mit einem Streit in der Schnellbahn, weswegen an der nächsten Station die Polizei alarmiert wird, und schließlich mit der kaum vorstellbaren Konfrontation selbst.

Nächster Halt: Fruitvale Station ist einer der stärksten Filme des vergangenen Jahres, eingefangen in authentischen Bildern, die in den Aufnahmen der Stadtteile gleichermaßen eine Milieustudie darstellen, wie Oscars letzter Tag. Der dokumentarische Touch der bewegten, grieseligen Kamera unterstreicht, dass was wir sehen keine Erfindung ist, sondern wie jene Handyvideos, die der Film eingangs zeigt, tatsächlich so stattgefunden hat. Die fatalen Momente wurden sogar an jener Haltestelle Fruitvale Station gedreht – dort, wo heute noch die Spuren der tödlichen Kugel im Boden zu sehen sind.


Fazit:
Michael B. Jordan und Melonie Diaz tragen den Film ebenso, wie die großartige Octavia Spencer. Wie erschütternd gut Ariana Neal die junge Tatiana trifft, wird erst deutlich, wenn Filmemacher Ryan Coogler am Ende Bilder vom 01.01.2013 vorstellt, in denen die wirkliche Tatiana zu sehen ist. Sie verleiht Nächster Halt: Fruitvale Station zusätzliches Gewicht, das den Film zu einem der wichtigsten und bewegendsten der jüngsten Zeit machen.
Der Blick auf den letzten Tag von Oscar Grant mag bisweilen klischeehaft erscheinen, mit dem jungen Mann, der sich ändern möchte, ehe alles für ihn zusammenbricht. Dabei sollte uns seine Geschichte inspirieren. Zum einen dazu, nicht zu spät damit zu beginnen, uns zu ändern. Zum anderen, eine solche Willkür und Ungerechtigkeit, wie sie hier von Passanten festgehalten wurde, offen anzuprangern und Gerechtigkeit zu fordern. Denn wen hätten die Umstehenden zu Hilfe rufen sollen? Die Polizei? Auch diese Frage wird sich Oscar Grants Tochter eines Tages stellen.


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