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Memento [2000]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 15. März 2011
Genre: Thriller

Originaltitel: Memento
Laufzeit: 113 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2000
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Christopher Nolan
Musik: David Julyan
Darsteller: Guy Pearce, Carrie-Anne Moss, Joe Pantoliano, Jorja Fox, Mark Boone Junior, Stephen Tobolowsky, Harriet Sansom Harris, Callum Keith Rennie, Larry Holden, Kimberly Campbell, Russ Fega, Thomas Lennon, Marianne Muellerleile


Kurzinhalt:
Der Hinweis unter einem Polaroidfoto sagt Leonard (Guy Pearce), dass er den Mann, der gleich ins Gebäude kommt, töten muss. Es ist Leonards eigene Handschrift, er hat das Bild selbst gemacht. Und auch wenn er sich an beides nicht erinnern kann, gehorcht er. Seit einer Verletzung besitzt Leonard kein funktionierendes Kurzzeitgedächtnis mehr. Er kann sich keine neuen Informationen merken, seine Aufmerksamkeitsspanne beträgt nur ein paar Minuten, auch wenn er sich an alles erinnert, was vor dem Vorfall gewesen ist. Dabei wurde seine Frau (Jorja Fox) getötet, und er selbst ist auf der Suche nach dem zweiten Täter, den die Polizei aufgegeben hat.
Dabei unterstützt ihn Teddy (Joe Pantoliano), doch was führt er im Schilde, und wieso steht auf seinem Foto, dass Leonard ihm nicht trauen soll? Auch Natalie (Carrie-Anne Moss) scheint Leonard zu benutzen, doch um was zu tun? Es beginnt ein Puzzle, bei dem man das letzte Teil gesehen hat, sich das Bild aber erst erschließt, wenn das erste Stück an seinen Platz fällt ...


Kritik:
Memento ist ein cleverer Film für ein anspruchsvolles Publikum. Es ist ein Thriller, der beim zweiten Ansehen gewinnt, und dessen Dynamik sich erst dann erklären lässt, wenn man den Figuren richtig zuhört. Regisseur Christopher Nolan erzählt auf mehreren Ebenen verschachtelt eine Geschichte mit erstaunlich wenig Figuren, die aber so miteinander verknüpft sind, dass daraus ein komplexes Katz-und-Maus-Spiel entsteht. Nur wer wen jagt (oder jagte), das wird erst am Ende ersichtlich.
Dabei beginnt der teilweise in schwarzweiß gedrehte Film mit dem eigentlichen Ende und arbeitet dann rückwirkend auf, wie es überhaupt bis dahin gekommen ist. Das bietet sich nicht zuletzt auf Grund des Zustandes der Hauptfigur Leonard an, der seit einer Verletzung kein Kurzzeitgedächtnis mehr besitzt. Er weiß, wer er ist und wie die Welt funktioniert, doch seit jenem Moment kann er sich keine neuen Dinge mehr merken. Darum notiert er sich alles auf Notizzettel, Fotos, denen er mit seinen Bildunterschriften eine Bedeutung verleiht, und er lässt sich die wichtigsten Informationen auf den Körper tätowieren. Diesen Informationen glaubt er vertrauen zu können und zieht daraus seine Schlussfolgerungen. Wenn er also unter dem Bild eines Mannes die Aufforderung findet, dies sei derjenige, den er gesucht hat, er solle ihn töten – und dies ist auch noch in Leonards Handschrift geschrieben –, dann führt er diesen Befehl aus. Selbst wenn er sich nicht mehr daran erinnern kann, er hatte ihn sich selbst erteilt. Es ist eine gefährliche Ausgangslage, in der man den Botschaften an sich selbst mehr vertraut als der Erinnerung. Dabei befindet sich Leonard auf einem für ihn sehr wichtigen Rachefeldzug. Seine Frau (Jorja Fox) wurde getötet, als er dazu kam, wurde er so am Kopf verletzt, dass ihm die schmerzliche Erinnerung nicht genommen wurde, aber alles, was danach kam. Die Polizei glaubte Leonard auf Grund seines Zustandes nicht, dass ein zweiter Mann beteiligt gewesen sein musste. Einen Täter hatte Leonard selbst getötet, und so machte er sich daran, den zweiten Mann auf eigene Faust ausfindig zu machen.

Wie lange der brutale Überfall zurückliegt, weiß er dabei selbst nicht. Ohne Erinnerungen beginnt die Zeit an Bedeutung zu verlieren. Der undurchsichtige Teddy taucht dabei immer wieder auf und gibt Leonard Hinweise, oder rettet ihn aus brenzligen Situationen. Und doch steht auf Leonards Foto von ihm, er solle seinen Lügen nicht trauen, während bei einem Schnappschuss von Natalie steht, sie würde ihm aus Mitleid helfen, da sie auch jemanden verloren hätte. Nur in welchem Zusammenhang entstanden diese Notizen? Und wieso hilft Teddy Leonard überhaupt? Und was hat Natalie überhaupt mit der Angelegenheit zu tun?
Nolan rollt den Thriller vom Ende her auf, teilt ihn in die Fragmente ein, in denen Leonard sich etwas merken könnte und die je nach Stressfaktor auch kürzer ausfallen. Er wechselt dabei mit einer zweiten (in schwarzweiß gehaltenen) Erzählebene ab, in der Leonard in seinem Hotelzimmer sitzt und Notizen vorbereitet, während er einen Anruf erhält. Dass diese beiden Storystränge irgendwann zusammenführen werden, ist abzusehen, und der Reiz bei Memento besteht darin, zuerst die Bedeutung einer Szene zu erfahren und erst im Nachhinein ihre Ursache. Leonard selbst vergleicht es mit einem ständigen Aufwachen. Treffender könnte man das Gefühl der Orientierungslosigkeit nicht erfassen, das Protagonist wie Zuschauer im Rhythmus von wenigen Minuten hier widerfährt. Insofern offenbaren sich Details beim zweiten Ansehen, die beim ersten Mal gar keinen Sinn ergeben würden, selbst wenn man darauf geachtet hätte. Dafür ist jenes Gefühl der ständigen Überraschung, des ungewohnt Neuen beim zweiten Anschauen wenn nicht verschwunden, dann zumindest verändert. Die Wirkung des Thrillers auf das Publikum bleibt damit nicht dieselbe und wer denkt, man hätte beim ersten Mal verstanden, wie die Hintergründe zusammenhängen, der wird nicht nur in Foren im Internet, sondern sogar in eigens zum Film geschriebenen Begleitbüchern neue Hinweise und Theorien finden.

In seiner zweiten größeren Regiearbeit dirigiert Christopher Nolan, der später mit Batman Begins [2005] und The Dark Knight [2008] zwei der erfolgreichsten und erwachsensten Comicverfilmungen inszenierte, Guy Pearce, Carrie-Anne Moss und Joe Pantoliano, die allesamt hervorragend in ihren Rollen aufgehen. Man macht sich während des Films durchaus immer wieder Gedanken darüber, wer denn das eigentliche Opfer ist und wer der hinterhältigste Schurke von ihnen. Die Auflösung kommt so unvermittelt wie unvorhersehbar.
In Nebenrollen sind Stephen Tobolowsky und Harriet Sansom Harris als zunehmend verzweifelteres Ehepaar Jankis zu sehen, von dem Leonard immer wieder erzählt, weil Sammy Jankis' Zustand Leonards so sehr ähnelt. Wenn es Figuren gäbe, mit denen man mitfühlen sollte, dann mit ihnen. Nur wenn sie aus Leonards Erinnerung stammen, kann man sich dann darauf verlassen, wofür sie stehen?


Fazit:
Es ist, als würde Leonard im Fünfminutentakt neu aufwachen und er hat nur die Momentaufnahme, um ihm zu sagen, was gerade geschieht und wie er darauf reagieren soll. Das Puzzle rückwärts zu lösen ist vielleicht Mementos größter Pluspunkt, in der richtigen Reihenfolge wäre der Film zwar nicht weniger atmosphärisch, aber doch konventionell erzählt. So fühlt man sich aber in der Haut des Protagonisten immer in neue Situationen hineingeworfen, ohne zu wissen wieso. Nicht nur deshalb, sondern auch auf Grund der nicht in schwarz und weiß einzuordnenden Figuren, richtet sich das Werk an ein anspruchsvolles Publikum.
Dicht an den erstklassigen Darstellern gefilmt, wirkt Christopher Nolans Film wie viele Independentproduktionen sehr persönlich. Doch aus der eher wenige Personen umfassenden Besetzung einen solch packenden Thriller zu erzählen, ist ihm sehr gut gelungen. Dass die Suche nach dem Anfang der Jagd beim zweiten Ansehen trotz geänderter Ausgangssituation für den Zuseher noch gewinnt, ist den vielen Details zuzuschreiben, die sich erst später offenbaren.


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