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Lüge und Wahrheit - Shattered Glass [2003]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 26. Juli 2005
Genre: Drama / Unterhaltung

Originaltitel: Shattered Glass
Laufzeit: 95 min.
Produktionsland: USA / Kanada
Produktionsjahr: 2003
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Billy Ray
Musik: Mychael Danna
Darsteller: Hayden Christensen, Peter Sarsgaard, Chloë Sevigny, Rosario Dawson, Melanie Lynskey, Hank Azaria, Steve Zahn, Mark Blum, Simone-Elise Girard, Chad Donella


Kurzinhalt:
Im Jahr 1998 gehört The New Republic zu den einflussreichsten Politmagazinen der USA, zudem werden dort traditionell junge Journalisten entdeckt und gefördert. Der jüngste und charmanteste ist Stephen Glass (Hayden Christensen), Anfang 20, der mit seinem witzigen Schreibstil und extravaganten Themen nicht nur die gesamte Redaktion für sich gewonnen hat. Doch nachdem der Chefredakteur Michael Kelly (Hank Azaria) nach einem Streit mit dem Besitzer des Magazins seinen Platz räumen muss, bekommt der nicht sonderlich beliebte Chuck Lane (Peter Sarsgaard) den Posten. Der sieht sich einer ungewöhnlichen Situation gegenüber, als der Reporter Adam Penenberg (Steve Zahn) einer Online-Zeitung bei ihm Anfragen bezüglich Glass' letztem Artikel einreicht. Penenberg war nicht in der Lage, die beschriebenen Personen oder Konferenzen ausfindig zu machen.
Je weiter Penenberg beim New Republic nachgräbt, umso unglaubwürdiger werden Stephen Glass' Ausführungen, und auch Chuck hegt Zweifel an der Echtheit der Recherchen, als sämtliche Telefonnumern bei Anrufbeantwortern enden, Ortsbeschreibungen sich als falsch erweisen und Stephen sich weiter in Widersprüchen verstrickt; doch als Chuck Lane die übrige Redaktion darauf anspricht, sieht er sich mit Anfeindungen konfrontiert. Während er sich gegen seine eigene Mannschaft behaupten muss, ist er gleichzeit darum bemüht, den Schaden möglichst gering zu halten, denn sollte Stephen Glass seine Artikel nur erfunden haben, sähe sich The New Republic einer Katastrophe gegenüber.


Kritik:
Es gibt bisweilen Entscheidungen von deutschen Filmverleihern, die man nur schwer nachvollziehen kann – oder auch soll. Während jeder drittklassige Teenie-Horror-Film heutzutage in die Kinos geworfen wird, um wenig später schon auf DVD zu erscheinen, zieren sich die Verleiher auch zwei Jahre nach Kinostart des ungewöhnlichen Dramas Shattered Glass immer noch. Zwar war der Film mit einem Einspielergebnis von unter drei Millionen Dollar weltweit alles andere als ein Erfolg, lief jedoch auch in den USA nur in sehr wenigen Kinos und nahm dort am Eröffnungswochenende immerhin knapp 10.000 Dollar pro Kino ein.
International hätte der Film dabei sicherlich große Chancen, seine Zuschauer zu finden, schon deswegen, weil auf Grund des schwierigen Themas ein eher kleines Publikum angesprochen wird. Dass manche Zuseher durch den berechtigten Gewinn Hayden Christensens bei der Goldenen Himbeere für Star Wars: Episode II - Angriff der Klonkrieger [2002] abgeschreckt werden, stimmt zweifellos, allerdings zeigt der zum Drehzeitpunkt erst 22jährige eindrucksvoll, dass seine zahlreichen positiven Nominierungen für Das Haus am Meer [2001] kein Zufall gewesen sind. Hinzu kommt ein interessantes, da auf Tatsachen basierendes Thema, das geschickt auf mehrere Erzählebenen aufgeteilt wird, und deshalb durchweg für Überraschungen sorgt.

Das Drehbuch basiert auf einem Artikel H.G. Bissingers und wurde von Regisseur Billy Ray verfasst, der an sich nur in Rückblenden die Geschichte seines Protagonisten erzählt. Interessant ist hierbei, dass Ray dem Zuschauer die zahlreichen Vertuschungsversuche von Stephen Glass vollkommen vorenthält, vielmehr soll man sich ebenso wie die übrigen Angestellten des New Republic entscheiden, ob man nun Glass' Ausführungen Glauben schenkt, oder aber auf Seite von Chuck Lane steht, der sich im Film mit seiner gesamten Belegschaft konfrontiert sieht. Die Ausgangslage erinnert weniger an ein Drama, als wie an eine Biografie mit humoristischen Einlagen, und es gelingt Billy Ray sehr gut, Glass für den Zuschauer sympathisch zu gestalten.
Auch seine Verwandlung, seine zunehmende Unsicherheit und Panik, wenn er mit ansehen muss, wie sein wohl konstruiertes Netz aus Lügen und Täuschungen in sich zusammen fällt, wird gut heraus gearbeitet. Das einzige, was Stephen Glass in diesem Falle fehlt, ist ein richtiger Hintergrund. Über seine familiären Verhältnisse wird nur kurz etwas erwähnt, und auch irgendwelche Beziehungen werden nur angedeutet. Er als Charakter, mit seiner witzigen, charmanten, jugenhaften Art, ist hingegen sehr gut gelungen. Ebenso Chuck Lane, der jedoch weit weniger Dialog besitzt, sondern dessen Zweifel und Ängste um das Magazin hauptsächlich durch die Mimik des Darstellers verkörpert werden.
Während das Finale mit Chuck und Stephen ohne Zweifel zu den Höhepunkten des Films zählt – wie die meisten Szenen der beiden Figuren –, vermisst man als Zuseher ein wenig die Dramaturgie, denn auch wenn im Film nie Langeweile aufkommt, und es sicherlich beabsichtigt war, Glass' Täuschungen nicht zu portraitieren, hätte darin ein besonderer Reiz bestanden, ihm bei seinen Vertuschungen zuzusehen, auch hätten sich hieraus spannende Szenen konstruieren lassen, die womöglich die Authentizität der Geschichte beeinflusst hätten.
Insgesamt gibt es am Drehbuch jedoch kaum etwas auszusetzen, Billy Ray gelang eine erstklassige Charakterisierung, die dank einiger überraschender Auflösungen am Schluss auch nicht langweilig gerät. Die pointierten Dialoge, sowie witzige Nebenhandlungen wie diejenige um Adam Penenberg lockern das eigentlich ernste und auch beunruhigende Drama gekonnt auf.

Wer wie die meisten Hayden Christensen nur aus seinem Star Wars-Auftritt kennt, wird sich wundern, wie er für eine ansich anspruchsvolle und vielschichtige Rolle engagiert werden konnte – sein Spiel bei Shattered Glass überzeugt allerdings nicht nur durch sein bisweilen schon naives, gezwungen freundliches Auftreten seinen Kollegen gegenüber, sondern gewinnt besonders dann an Farbe, wenn er mit Ko-Darsteller Peter Sarsgaard aneinander gerät. Christensen verkörpert gekonnt die verschiedenen Facetten seiner Figur, sein sehr emotionales Finale ist sogar exzellent gespielt und führt man sich die Doppelseitigkeit seines Charakters vor, der sich zwar ständig bei allen Menschen für etwaige Fehler entschuldigt, aber in keiner Sekunde zu bereuen scheint, dass er durch seine Lügen ein ganzes Magazin beinahe in den Abgrund getrieben hat. Ihm zuzusehen ist eine Erfahrung, die insbesondere den Kritikern von Star Wars – Episode II ans Herz gelegt sei; Christensen überzeugt mit einem mimisch ausgefeilten, sowohl sprachlich wie gestikulär sehr gut abgestimmten Spiel, das hervorragend zu seiner Filmfigur passt.
Ihm ansich mehr als ebenbürtig und auch zurecht mehrfach ausgezeichnet wurde Peter Sarsgaard, von dessen Talent hoffentlich noch mehr zu sehen sein wird. Sein mimisches Spiel verdeutlicht den Zwiespalt, in dem sich seine Figur eigentlich befindet, und die durch sein verschlossenes Verhalten nicht mit Worten ausgedrückt wird. Wenn ihm aber die ersten ernsthaften Zweifel an Glass' Unschuld beim Telefongespräch mit Penenberg kommen, oder auch wenn ihm die Implikationen des Betrugs offenbart werden, darf Sarsgaard auch in Wortgefechten zeigen, was in ihm steckt. Er zählt zu den großen Überraschungen des Films und wird Zuschauern durch seine Leistung sicherlich lange im Gedächtnis bleiben.
Dass dabei die übrigen Darsteller mehr oder weniger in den Hintergrund treten müssen, steht außer Frage, aber auch Chloë Sevigny, Rosario Dawson, Melanie Lynskey und der an sich nur in einem Kurzauftritt zu sehende Chad Donella machen ihre Sache durchweg gut. Bei zwei Nebendarstellern wird jedoch besonders gut deutlich, dass sie trotz der recht wenigen Engagements in ernsten Rollen selbige häufiger annehmen sollten: Steve Zahn lockert in seiner Rolle das Geschehen nicht nur merklich auf, sondern kommt in seinen Szenen auch besonders gut zur Geltung – schade nur, dass er in der zweiten Filmhälfte kaum zu sehen ist.
Anders hingegen Hank Azaria, der hier ein Charisma besitzt, wie in noch keiner Produktion zuvor; dass er die Szenen mit Hayden Christensen klar dominiert, ist dem Jungdarsteller nicht anzulasten, gegen den als Mentor überzeugend auftretenden Azaria muss er den Kürzeren ziehen.
Bei einem so jungen Cast – immerhin sind die Reporter des New Republic-Magazins durchschittlich nur 26 Jahre alt – so viele talentierte Darsteller für bisweilen nur kleine Rollen zu bekommen, ist eine Kunst, die man den Casting-Verantwortlichen hoch anrechnen muss. Ihnen gelang eine exzellente Besetzung unterschiedlicher, facettenreicher Akteure, die nicht nur zusammen sehr gut harmonieren, sondern sich auch sehr gut ergänzen.

Regisseur Billy Ray, der zwar mit zahlreichen Drehbüchern (Volcano [1997]) in Hollywood bereits bekannt war, für den Shattered Glass aber das Regiedebut darstellte, kleidet seinen ruhigen Film in bedachte Bilder mit zwar interessanten Einstellungen, doch der eigentliche Reiz der Inszenierung liegt in der Szenenaneinanderreihung, sowie den Collagen bei Glass' Erzählung. Mit seiner verschachtelten Erzähltechnik verleiht Ray seinem Film eine Dynamik, die ohne große Spannungsszenen auskommt, aber nie enttäuscht.
Dass er bei den fordernden Szenen auf seine Darsteller zählen kann, ist sicher von Vorteil, aber er manipuliert seine Zuseher nie mit ausgewalzten, emotionalen Offenbarungen, sondern geht in einigen Einstellungen gewollt auf Distanz.
Handwerklich ist Shattered Glass sehr solide geraten, wartet mit einigen äußerst interessanten Kameraeinstellungen auf, doch die Szenenkomposition ist es, die den Film sichtlich über den Genredurchschnitt hinweg hebt. So sucht sich der Regisseur ganz absichtlich genau diejenigen Perspektiven aus, die der Zuschauer auch sehen soll, ohne dass er zuviel von der Auflösung erfahren darf. Der Off-Kommentar stört zudem nicht, sondern ist vielmehr notwendig, um die Zusammenhänge, und Glass' Verständnis seiner eigenen Handlungen zu verdeutlichen.

Komponist Mychael Danna hat der Meinung vieler Zuschauer nach die Stimmung des düsteren Thrillers 8mm - Acht Millimeter [1999] mit einem so schwierigen und schwer zugänglichen Score eingefangen, dass man eher davon abgestoßen wurde, als in den Film zu versinken – auch sein Soundtrack zu Hulk [2003] stieß beim Studio auf Ablehnung, so dass Danny Elfman engagiert wurde, den Film neu zu vertonen (nur wenige von Dannas Stücken blieben erhalten); dass er als Komponist Talent besitzt sah man nicht zuletzt am empfehlenswerten Drama Der Eissturm [1997].
Sein Ansatz bei Shattered Glass ist zwar ebenfalls sehr minimalistisch, dabei aber nicht im geringsten disharmonisch, sondern vielmehr dezent und abwechslungsreich, die verschiedenen Themen werden ansprechend abgewandelt und nie aufdringlich eingespielt. Der Höhepunkt des Scores ist jedoch ebenfalls das Finale im Film, wobei Danna hier mit einer bittersüßen Melodie sowohl den Zwiespalt in Chuck Lanes Figur zum Ausdruck bringt, als auch die versteckte Erlösung von Stephen Glass, der sich nun nicht weiter um den Erhalt seiner Lügenkonstruktion kümmern muss, sondern von diesem Laster (jedoch nicht seinen ganzen anderen Fälschungen) endlich befreit wird. Dieser Mix zweier Themen ist sehr gut gelungen, wie der übrige Score, der allerdings sehr subtil ausgefallen ist, und im Film selten groß wahrgenommen wird.

Die Pseudologie beschreibt das krankhafte Verlangen eines Menschen, zu lügen – ob Stephen Glass nun unter dieser Krankheit leidet, sei dahingestellt, seine Lügen waren, so gibt es zumindest an, daher motiviert, dass er beliebt sein wollte; seine Artikel sollten von den Lesern geliebt werden. Deswegen erfand er zuerst ein Zitat, später ein Fakt, dann ganze Personen und Orte – für den Erhalt seiner Lügen richtete er Telefonanschlüsse, E-Mail-Adressen und sogar eine Webseite ein, bewog auch andere Menschen, an seinen Lügengeschichten teilzunehmen.
Die Tatsache, dass er dies relativ lange aufrecht erhalten konnte liegt (so gibt er ebenfalls selbst an) daran, dass erfundene Personen, die von erfundenen Skandalen betroffen sind, für gewöhnlich keine Beschwerdebriefe schreiben. Erschreckend hieran ist nur, wie sowohl in Shattered Glass, als auch in einem 2003 geführten Interview mit Stephen Glass deutlich wird, dass er trotz Therapien, einem Jurastudium und einem veröffentlichten Buch keine Reue zeigt, er sein Fehlverhalten zwar erkennt, es aber nicht für nötig erachtet, sich persönlich bei den Menschen zu entschuldigen, die er ins Unglück stürzte. In seinem Fall mag das noch harmlos ausgegangen sein, in anderen Bereichen des Lebens sind solch psychisch kranke Menschen aber höchstgefährlich.
So portraitiert Billy Ray in seinem Spielfilmdebut nicht nur eine Randgruppe, die kaum beachtet wird, sondern kratzt auch empfindlich am Image des unfehlbaren und integren Journalismus, der zugegebenermaßen viel von seiner Makellosigkeit eingebüßt hat. Dem beizuwohnen ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch aufschlussreich und erschreckend glaubhaft verkörpert – wer die Gelegenheit hat, Shattered Glass anzusehen, sollte sie sich nicht entgehen lassen ... und das ist nicht gelogen.


Fazit:
Steht es schwarz auf weiß, so ist es die Wahrheit – so ein Volksglaube; erschreckend nur, dass viele sich nur aus einer Quelle mit vier Buchstaben informieren und denjenigen Überschriften am meisten Glauben schenken, die am größten geschrieben sind.
Der Image-Verlust des New Republic-Magazins, das als eines er einflussreichsten in den USA galt, war unvorstellbar, als veröffentlicht wurde, wie viele Artikel Stephen Glass während seiner Zeit beim Politmagazin gefälscht oder teilweise erfunden hatte. Dies jedoch nicht reißerisch in Szene zu setzen, sondern das Drama um die Figuren, Chuck Lanes Bestreben, das Magazin überhaupt am Leben zu erhalten, aufzuzeigen, sowie Stephen Glass Figur weder als Sympathieträger in den Mittelpunkt zu rücken, noch ihn zu verteufeln, war die Absicht von Regisseur und Autor Billy Ray, dem mit seinem Skript dieser Drahtseilakt sehr gut gelang.
Dank der hervorragenden Darstellerleistungen, allen voran von Peter Sarsgaard und Hayden Christensen, die sich hervorragend ergänzen und zwei völlig unterschiedliche Figuren verkörpern (deren Sympathiewert im Laufe des Films gekonnt ausgetauscht wird), sowie der routinierten Inszenierung und der klug erzählten Handlung, die den Zuschauer bis zum Schluss interessiert hält, gehört Shattered Glass zu den besten und trotz witziger Einlagen im Grunde ernstesten Vertretern des Genres. Gerade deshalb ist er ausgesprochen empfehlenswert – man kann nur hoffen, dass die deutschen Verleihfirmen das ebenfalls erkennen.


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