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Lovelace [2013]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 21. Februar 2014
Genre: Drama

Originaltitel: Lovelace
Laufzeit: 93 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2013
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Rob Epstein, Jeffrey Friedman
Musik: Stephen Trask
Darsteller: Amanda Seyfried, Peter Sarsgaard, Sharon Stone, Robert Patrick, Juno Temple, Chris Noth, Bobby Cannavale, Hank Azaria, Adam Brody, Chloë Sevigny, James Franco, Debi Mazar, Wes Bentley, Eric Roberts


Kurzinhalt:
Mitten in der Nacht sucht Linda (Amanda Seyfried) ihr Elternhaus auf und bittet ihre Mutter Dorothy (Sharon Stone) unter Tränen, dort ein paar Tage bleiben zu können. Doch die streng gläubige Katholikin lehnt ab. Was würde es für ein Licht auf die Familie werfen, wenn Linda als Ehefrau nicht bei ihrem Mann Chuck (Peter Sarsgaard) übernachtet? Stattdessen soll sie ihm gehorchen.
Dabei weiß ihre Mutter nicht, was Linda für Chuck tun soll. Kaum merklich schlittert die junge Frau in die aufstrebende Pornoindustrie. Als Chuck für sie die Hauptrolle in einem neuen Film aushandelt, können Regisseur Gerry Damiano (Hank Azaria) und die Produzenten Butchie Peraino (Bobby Cannavale) und Anthony Romano (Chris Noth) ihr Glück angesichts dessen, was Linda vor der Kamera tut, kaum fassen. Der billig produzierte Streifen wird ein Straßenfeger, sogar beim Mainstreampublikum. Kaum jemand, nicht einmal Lindas Vater John (Robert Patrick) ahnt, mit welch brutalen Methoden Chuck sie manipuliert und ausnutzt ...


Kritik:
Für eine Biografie ist Lovelace sowohl zu kurz, als auch zu unstrukturiert. Doch das Drama wirft einen wichtigen Blick auf ein Thema, das gerade in der heutigen Zeit, in der mit beinahe jedem Handy Videos aufgenommen und mit einem Klick ins Internet gestellt werden können, an Wichtigkeit und Aktualität nichts verloren hat. Außerdem überzeugen sowohl das 70er-Jahre Flair, also auch die erstklassigen Darbietungen, die dem Mythos von Deep Throat [1972] seinen nostalgischen Glanz nehmen.

Der mehr als vierzig Jahre alte Film markiert bis heute einen Meilenstein: Es war der erste Pornofilm, der weit verbreitet in den Lichtspielhäusern gezeigt wurde und dabei sogar das Massenpublikum ansprach. Und er wird gehandelt als ein Ausdruck und Startpunkt der sexuellen Revolution. Er ist auch der Kern der nur 17 Tage dauernden Karriere seiner Hauptdarstellerin Linda Lovelace (mit bürgerlichem Namen Linda Boreman), deren Lebens- und Leidensgeschichte sich die Filmemacher Rob Epstein und Jeffrey Friedman hier vornehmen.

Dabei beginnen sie weder ganz am Anfang, noch lassen sie sich Zeit mit ihrer Erzählung. Als Linda vorgestellt wird, ist sie bereits 21 Jahre alt. Zwar behauptet der Film, ihre Familie sei im Jahr zuvor auf Grund ihrer Schwangerschaft aus New York nach Florida gezogen, tatsächlich lebte sie mit ihrer Mutter Dorothy und ihrem Vater John bereits seit fünf Jahren dort. Streng katholisch erzogen, ist gerade im Hinblick auf ihr uneheliches Kind, das sie nach der Geburt weggeben musste, der eiserne Griff ihrer Mutter nachvollziehbar. Ob gerechtfertigt, sei dahingestellt. Im Jahr 1970 lernt Linda Chuck Traynor kennen. Sie heiraten wenig später, bis der berüchtigte Deep Throat erscheint, dauert es allerdings noch zwei Jahre. Über die Sprünge zwischen den einzelnen Episoden aus Lindas Leben, schweigt sich Lovelace aus. Ebenso, weshalb der Verlag, der ihre bis dahin einzig wirkliche Biografie Ordeal [1980] veröffentlichte, auf den im Film erwähnten Lügendetektortest bestand. Die zuvor veröffentlichten Bücher waren Teil des Merchandise-Imperiums, der Industrie, die Traynor versuchte, um die durch ihre Rolle in jenem Film berühmt gewordene Lovelace aufzubauen.

In ihrer Autobiografie schildert sie, wie Chuck sie zu Dingen zwang, die sie nicht tun wollte, wie er ihre Vergewaltigung organisierte und sie mit Waffengewalt bedrohte. Lovelace wirkt im ersten Drittel hier ungemein beschönigend, schildert den Aufstieg der unschuldigen Linda zu einer Pornoikone und dreht dann die Zeit zurück, blickt erneut auf bestimmte Momente und zeigt die zweite Seite der Medaille. Dadurch steigt die Abscheu gegenüber Chuck Traynor zwar ungemein schnell an, doch verschweigt der Film somit, wie er Linda dazu zwang und wodurch er seine Macht über sie erhielt. Es wäre, um solche Strukturen erkennen zu können, viel sinnvoller zu beleuchten, wie sie sich im Alltag einschleichen, anstatt dies geballt vorzuführen.

Die Geschichte dieser jungen Frau kann bedauerlicherweise stellvertretend für viele erzählt werden. Sei es in Bezug auf die Pornoindustrie, Prostitution oder Drogenhandel. Hätten sich die Filmemacher die Zeit genommen, daraus eine vollständige Biografie zu entwickeln, auch die Skepsis aufzuzeigen, mit der ihr selbst "Kollegen" nach ihrer Buchveröffentlichung entgegen getreten sind, die Widersprüche zu porträtieren, in die sie sich später verstrickt hat, dann hätte aus Lovelace ein ebenso vielschichtiges, wie in Bezug auf den Charakter intimes Porträt werden können. Doch dies ist weder in der Kürze der Zeit möglich, noch scheint es die Absicht hinter der Produktion zu sein.

Das ist umso tragischer, da sowohl die hervorragende Ausstattung überzeugt, wie auch die Besetzung, angeführt von Amanda Seyfried, die gerade in den leisen, den vermeintlich kleinen Momenten so viel offenbart. Sei es, dass sie bei Chucks Wutausbruch im Restaurant nicht mehr zusammenzuckt, dass ihre Augen beginnen zu leuchten, wenn sie nach dem Dreh beim Fotoshooting ihre Bilder und damit zum ersten Mal sieht, wer sie sein könnte. Zu sehen, wie sie als Linda ausgenutzt wird, ist anstrengend und bisweilen sehr aufwühlend. Umso mehr, als sie nicht in der Lage ist, sich daraus zu lösen.
Peter Sarsgaard andererseits war nie so unsympathisch wie hier, wohingegen Sharon Stone kaum wiederzuerkennen ist. Sowohl ihr, als auch Robert Patrick als Lindas Vater John gelingen in den wenigen Szenen sehr starke Momente, die mit kaum etwas vergleichbar sind, was sie bisher gezeigt haben. Schon ihretwegen ist Lovelace sehenswert.


Fazit:
Erzählt ein Produzent Chuck, dass Linda sehr wertvoll sei, und ihm dieses Produkt gehöre, ist das für ihn wörtlich zu verstehen. Und für sie auch, das sieht man an ihrem Blick. Was er dieser Frau antut – dabei spart Lovelace vieles aus – ist ein Verbrechen. Mag sein, dass die Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman ihr Drama als Warnung sehen, um andere junge Menschen dafür zu sensibilisieren, wenn sie ausgenutzt werden. Und um zu mahnen, wie schwer es ist, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Doch hierfür wäre eine durchgängige Struktur ihrer Erzählung sinnvoll, anstatt mit Sprüngen vor und zurück die Entwicklung dieser Abhängigkeit auszuhebeln.
Von allen Beteiligten erstklassig gespielt, machen die Darsteller und die Atmosphäre das Drama aus. Auch wenn einige Momente durch geschliffene Dialoge und eine bedrohliche Stimmung packen, man hat nach den schnellen 90 Minuten nicht das Gefühl, Linda Boreman besser zu verstehen oder zu kennen. Das zermürbende Thema ist dennoch wichtig und nicht reißerisch dargebracht, eignet sich aber thematisch nicht für ein ganz junges Publikum.


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