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Long Shot - Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich [2019]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 9. Mai 2019
Genre: Komödie / Liebesfilm

Originaltitel: Long Shot
Laufzeit: 125 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Jonathan Levine
Musik: Marco Beltrami, Miles Hankins
Darsteller: Charlize Theron, Seth Rogen, June Diane Raphael, O’Shea Jackson Jr., Ravi Patel, Bob Odenkirk, Andy Serkis, Randall Park, Tristan D. Lalla, Alexander Skarsgård


Kurzinhalt:

Nachdem die kleine Zeitung, für die Vollblut-Journalist Fred (Seth Rogen) gearbeitet hat, von einem großen Konzern aufgekauft wird, kündigt er aus Protest. Sein Freund Lance (O’Shea Jackson Jr.) versucht, Fred auf andere Gedanken zu bringen, und als sie bei einer Veranstaltung am Abend auf Außenministerin Charlotte Field (Charlize Theron) treffen, ist Fred hin und weg. Als sie noch Kinder waren, war Charlotte Freds Babysitterin. Inzwischen ist sie eine der bekanntesten und einflussreichsten Frauen des Landes und Anwärterin, dem US-Präsidenten Chambers (Bob Odenkirk) im Amt nachzufolgen. Für ihre kommende Wahlkampagne hat sie sich ein Herzensprojekt vorgenommen. Sie engagiert Fred als Redenschreiber, zum Missfallen ihrer Beraterin Maggie (June Diane Raphael). Aber während Charlotte in Freds Gesellschaft im privaten Bereich merklich aufblüht, droht nicht nur ihre Umweltinitiative auf Druck von Lobbyisten zu scheitern, ihr Umgang mit Fred birgt großes Potential, ein Publicity-Desaster zu werden …


Kritik:
Filmemacher Jonathan Levine wird dem Titel seiner neuen Komödie, Long Shot - Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich, erfreulicher- und überraschenderweise mehr als gerecht. Die Prämisse, wie sich eine politische Figur in jemanden verliebt, der nach außen hin nicht als „präsentabel“ gilt, ist nicht wirklich neu. Doch den Drehbuchautoren gelingt es, das Konzept nicht nur dadurch auf den Kopf zu stellen, dass es eine Frau ist, die ein politisches Amt mit Ambitionen auf die Präsidentschaft bekleidet, sondern weil es ihnen gelingt, dem Humor eine politische Ebene hinzuzufügen.

Dabei sind die Einblicke in den politischen Alltag, die Herausforderungen, Aufgaben und den durchgetakteten Tagesablauf überzeichnet und überspitzt, aber sie helfen, dem Publikum begreiflich zu machen, welche Aufgabe es ist, in einer solchen Position zugleich ein halbwegs normales Leben zu führen. Dabei spickt das Drehbuch die vielen verbalen Schlagabtausche nicht nur mit allerlei, teils brisanten politischen und gesellschaftlichen Kommentaren, es zeigt, dass sich auch vom Herzensprojekt der Hauptfigur am Ende gerade einmal ein Drittel dessen umsetzen lässt, was sie sich ursprünglich vorgenommen hatte. Der Rest geht im Realisierungsprozess in Form von Kompromissen und Zugeständnissen verloren.

Bis es soweit ist, stellt Levine seine beiden Hauptfiguren vor, die zwar als Nachbarn aufgewachsen sind, aber unterschiedlicher nicht sein könnten. Fred Flarsky ist Journalist für eine unabhängige Zeitung, der sich mit ganzem Körpereinsatz in seine Recherchen wirft. Dass das um seine Unabhängigkeit stolze Blatt von einem großen Medienkonglomerat aufgekauft wird, das den aktuellen Präsidenten ins Amt gehievt hatte, widerstrebt ihm so sehr, dass er kündigt. Unterwegs mit seinem Freund Lance trifft Fred auf Charlotte Field, die einst seine Babysitterin war und mit der ihn ein für Fred hochpeinliches Erlebnis verbindet. Charlotte ist inzwischen Außenministerin der Vereinigten Staaten und soll dem jetzigen Präsidenten – einem einstigen Fernsehstar ohne staatsmännische Qualitäten – nachfolgen.
Die Parallelen zum politischen Amerika sind unübersehbar, aber deshalb nicht weniger treffend. Im Gegenteil.

Um für ihre kommende Kandidatur entsprechend Rückenwind aufzubauen, plant Charlotte eine Umweltinitiative, die sich dem Schutz der Bienen, der Wälder und der Meere verschreibt, und will politische Unterstützung rund um den Globus gewinnen. Für ihr Team sucht sie einen Redenschreiber und holt Fred ins Boot. Dass sich zwischen beiden eine Liebesgeschichte entwickelt, ist nicht wirklich überraschend, wohl aber, welche Wege Long Shot dabei geht. Es gibt in etwa in der Mitte der etwas zu langen zwei Stunden eine inhaltliche Wendung, die so abstrus ist, dass man meinen könnte, es wäre eine Traumsequenz. Doch die Macher kommen damit durch, weil sie zuvor zwei Figuren aufbauen, die unterschiedlicher kaum sein könnten und sich gerade deshalb so hervorragend ergänzen.

Als Idealist, der nach dem Verkauf der Zeitung erkennen muss, dass all seine Überzeugungen ihn keinen Schritt weitergebracht und die Welt auch kein Stück besser gemacht haben, ist Seth Rogen toll besetzt. Er verleiht dem mitunter arg hektischen Fred eine ungefilterte Natürlichkeit, so dass seine ruhigen Momente umso mehr Gewicht bekommen. Dem gegenüber steht eine fantastische Charlize Theron, die als Außenministerin ein solches Vertrauen ausstrahlt, dass es nicht überraschen würde, sie hätte auch in Wirklichkeit gute Chancen auf ein solch hohes politisches Amt. Dass Rogen die gemeinsamen Szenen mit seinem Humor nicht kapert, sondern merklich in den Hintergrund tritt und Charlotte als Figur Raum gibt, wertet nicht nur die Entwicklung der Charaktere auf. Es herrscht eine spürbare Chemie in den Momenten dieser beiden Personen auf der Leinwand, dass es Spaß macht, zuzusehen. So ertappt man sich auch selbst beim Grinsen und wünscht diesen so ungleichen Menschen, dass es mit ihnen irgendwie funktionieren könnte.

Sei es durch ihre Einführung zu Beginn, oder die immer wieder eingestreuten Einblicke in den Alltag der Außenministerin, Long Shot gelingt das Kunststück, eine Person, die im wahren Leben weit weg von der Normalität des Publikums ist, menschlich nahbar zu machen. Würden Politiker und Politikerinnen diesen Film sehen, könnten sie vermutlich sich selbst, ihre Vorstellungen, Enttäuschungen und Wünsche darin entdecken.
Vor allem findet Jonathan Levine abseits der teils derben Wortwitze und des unverblümten Humors viele ebenso amüsante, aber dabei leise Situationen, die gleichzeitig den politischen Prozess im Hintergrund nahebringen. Die vielen kleinen gesellschaftskritischen und bösen Kommentare heben gerade mit ihrem aktuellen Bezug das Niveau der Komödie über andere Filme dieser Art. Dass die Macher sogar dem als besonders liberal bekannten Hollywood, das eher im politischen Spektrum der Demokraten verortet wird, einen Spiegel vorhalten und der Gruppe der Republikaner das Klischee der waffenstarrenden Rückwärtsgewandten nehmen, ist ein besonderer Pluspunkt, der dem heimischen Publikum jedoch zu großen Teilen nicht auffallen dürfte.

Mit etwas mehr als zwei Stunden ist Long Shot - Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich ein wenig zu lang nicht nicht aller Humor ist universell gelungen. Doch das verzeiht man einem Film gern, der das vielleicht ungleichste, aber gerade deshalb so passende Paar des Kinojahres präsentiert. Die beiden Protagonisten präsentieren sich in Bestform und erwecken eine Geschichte mit viel Herz und Verstand zum Leben. Das ist nicht nur witzig, sondern auch einfach schön anzuschauen.


Fazit:
Auf Grund des Alters von Charlotte und Fred wartet Regisseur Jonathan Levine mit zahlreichen Anleihen an die Pop-Kultur der 1990er-Jahre auf. Das geht soweit, dass die beiden Szenen mit Roxettes Klassiker „It Must Have Been Love“ jeweils emotionale Höhepunkte des Films sind – und einmalig stimmungsvoll obendrein. Von dem tollen Soundtrack profitiert der Film generell. Auch wenn es mit dem Erzählrhythmus, der sich wiederholenden politischen Situation und der zum Ende des zweiten Akts etwas langsamen Entwicklung der Figuren einige Kritikpunkte geben mag, dies ist eine der besten, ungewöhnlich romantischsten und dabei doch nachdenklichen Komödien der letzten Zeit. Durch die positive Botschaft am Ende, die auch ein wichtiges Signal geben kann, stimmt Long Shot angesichts des jetzigen Zustands der amerikanischen Präsidentschaft im Speziellen und der politischen Landschaft im Allgemeinen sogar gewissermaßen hoffnungsvoll.
Dank der hervorragenden Besetzung in bester Spiellaune, des intelligenten Drehbuchs und der ansteckend lockeren Atmosphäre garantiert Long Shot - Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich den bislang spaßigsten Kinoabend des Jahres. Klasse!
 


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