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Kleine Germanen [2018]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 11. März 2019
Genre: Dokumentation / Animation

Originaltitel: Kleine Germanen
Laufzeit: 86 min.
Produktionsland: Deutschland
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Mohammad Farokhmanesh, Frank Geiger
Musik: Siegfried Friedrich
Personen: Dr. Gudrun Heinrich, Prof. Dr. Michaela Köttig, Alice Blum, Bernd Wagner, Judith Götz, Andreas Peham, Mag. Verena Fabris


Hintergrund:

Rechte Gewaltausschreitungen, die in den vergangenen Jahren Berichterstattungen prägen, legen die Schlussfolgerung nahe, es handle sich hierbei um ein neues Phänomen. In ihrem Dokumentarfilm arbeiten die Macher auf, wie sich Kinder entwickeln, die in einem demokratiefeindlichen Umfeld aufwachsen. In ihrer Erziehung den Prinzipien rechtsextremer Ideologie unterworfen, ist das fremdenfeindliche Gedankengut längst in der Mitte der jeweils nächsten Generation und damit auch der Gesellschaft angekommen. Unbeobachtet.
Experten schildern die Wirkung und Auswirkungen dieser Erziehung auf die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Ebenso kommen Vertreter und Vertreterinnen des rechten Spektrums zu Wort. Durchzogen wird der Film von animierten Sequenzen des Mädchens Elsa, das in jungen Jahren von ihrem Großvater indoktriniert wird. Die Macher begleiten ihren Weg über mehr als drei Jahrzehnte, in denen sie ihre eigenen Kinder nach denselben Prinzipien erzieht, und aus dem auszubrechen kaum möglich scheint.


Kritik:
So verspielt, beinahe amüsant der Titel der Dokumentation Kleine Germanen klingen mag, beim Thema vergeht das Lachen rasend schnell. Die Filmemacher Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger widmen sich darin einer weitgehend unbeobachteten und ebenso unauffälligen Parallelgesellschaft, deren Zugehörigkeit nicht vererbt, aber mit der kindlichen Erziehung weitergegeben wird. Dass eine solche „völkische“ oder wie sie hier immer wieder genannt wird, „germanische“ Gesinnung heute zwar nicht neu, aber dafür umso salonfähiger geworden ist, macht es nur noch erschreckender.

Sieht man sich die Berichterstattung über verschiedenste Gruppen an, die allesamt dieselben Parolen skandieren und damit den ihnen gemeinsam innewohnenden Fremdenhass selbst entlarven, könnte man meinen, dass sich diese Bewegungen erst in den vergangenen vier Jahren gebildet haben und sich ihre Anhängerinnen und Anhänger bis dahin ihrer Überzeugungen gar nicht bewusst waren. Doch Kleine Germanen zeichnet in der Geschichte von „Elsa“ ein anderes Bild. Eines, wonach diese Gesinnung bereits seit Jahrzehnten wächst und gedeiht – und ihre Mitglieder jetzt lediglich aus dem Schatten getreten sind.
Elsa und was ihr widerfahren ist, so klärt eine Texttafel vor der Dokumentation auf, basiert auf Tatsachen. Die Einblicke in ihr Leben sind als Animationssequenzen umgesetzt und beginnen in den frühen 1970er-Jahren, als das Mädchen Elsa mit ihrem Großvater Spiele spielte und er ihr Geschichten vorlas. Spiele, in denen sie sich als SS‑Soldatin gegen die Bösen wehren musste. Geschichten, in denen Juden als Ratten der Gesellschaft bezeichnet wurden. Sie steht für ganze Generationen an Kindern, denen ein Gedankengut in den Kopf gepflanzt wurde, das irgendwann auf einen Nährboden trifft.

Elsas Werdegang zieht sich durch die Dokumentation wie ein roter Faden, begleite sie über erste Kontakte zur rechtsextremen Szene in ihrer Jugend und folgt ihr bis in ein Familienleben, in dem ihre Kinder nach den germanischen Lehren erzogen wurden. Abwechselnd lassen die Regisseure Experten zu Wort kommen, auch Angestellte von Hilfsorganisationen und Aussteiger-Programmen. Sie erklären, wie sich eine solche Indoktrinierung auf junge Menschen auswirkt und weshalb sie im normalen Alltag kaum zu entdecken sind. Prof. Dr. Köttig stellt dabei fest, dass Ideologie mit Emotion verknüpft wurde und vor allem Mädchen darin regelrecht gefangen sind. Folgt man Elsa durch die verschiedenen Stadien ihres Lebens, lässt sich beobachten, wie sich das tatsächlich auswirkt.
Die Experten kommentieren abseits der Kamera. Dafür gibt Kleine Germanen Anhängern und Vertretern des rechten Spektrums viel Zeit und Raum, ihre Anschauungen in Person vorzutragen, sie mit oberflächlichen oder gar objektiv falschen Aussagen zu begründen. Eine ehemalige NPD-Funktionärin ist dabei, ebenso Verleger und Publizistin der „Neuen Rechten“, und auch ein Vertreter der „Identitären Bewegung Österreich“. Erschreckend ist dabei nicht nur, dass diese Personen geradezu unsichtbar „gewöhnlich“ aussehen, es sind auch viele junge Menschen dabei.

Tragisch ist, dass ihre sogenannten Argumente nicht hinterfragt oder entkräftet werden. Die Regisseure Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger lassen sie vielmehr unkommentiert und werten nicht. Das ist gerade dann gefährlich, wenn sie ihre Anschauungen und Überzeugungen nach erstrebenswerten Charaktereigenschaften vortragen dürfen; dazu zählen Stärke, Gehorsam oder Disziplin. Doch Kleine Germanen verweist nicht einmal darauf, welche Attribute bezeichnenderweise fehlen: Kreativität, Individualität, Aufgeschlossenheit oder Toleranz. Stattdessen sollen die Kinder folgen, nicht hinterfragen.

Die Macher zeigen, wie Kinder in Ferienlagern rechtsextremer oder völkischer Vereinigungen indoktriniert werden. Fernab der öffentlichen Berichterstattung und in Anbetracht des Verbots mancher Gruppierungen ins Ausland verlagert. Die Dokumentation richtet das Augenmerk auf eine Parallelgesellschaft, die bedeutend umfangreicher und organisierter zu sein scheint, als man vermuten oder befürchten würde. Aber die Macher gehen nicht soweit, sich ihre innere Struktur im Detail anzuschauen, sie von innen heraus zu beleuchten. Vielmehr bleibt Kleine Germanen an der Oberfläche dessen haften, was man aus der Ferne beobachten kann. So behalten diese Vereinigungen eine gefährlich mystische Atmosphäre. Ähnlich verhält es sich mit Elsas „Wandlung“, bei der ein fader Beigeschmack bleibt. Es wird nie deutlich, ob sie selbst einen Sinneswandel erfahren, oder einzig für ihre Kinder gehandelt hat. Dass die Macher diese Frage nicht einmal stellen, ist ein Versäumnis, das nachwirkt.


Fazit:
Dass Aussteiger aus dieser Gesellschaft nicht nur ihr Umfeld, sondern insbesondere in dem hier vorgestellten Fall sogar ihre Familie verlieren, wenn die Indoktrinierung bereits in jenem Umfeld stattgefunden hat, arbeiten die Macher der Dokumentation sehenswert heraus. Sie stellen am Ende die Frage, wie man Kinder aus einem solchen Käfig des zerstörerischen und feindlichen Gedankenguts befreien kann. Eine Antwort darauf liefert Kleine Germanen nicht. Die Regisseure Mohammad Farokhmanesh und Frank Geiger zeigen ebenfalls nicht, mit welch subtilen Methoden diese Anschauungen heute vermittelt werden. Allein die Frage zu stellen, ist bereits mehr als wichtig. Aussagen nicht zu hinterfragen und keine Lösungswege aufzuzeigen, wird der Brisanz des Themas allerdings nicht gerecht. Insofern ist der Dokumentarfilm mehr Taktgeber als Richtungsweiser. Als solcher ist er gleichermaßen erschreckend wie aufrüttelnd.
 


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