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Insomnia [2002]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 27. Oktober 2002
Genre: Thriller

Originaltitel: Insomnia
Laufzeit: 118 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2002
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Christopher Nolan
Musik: David Julyan
Darsteller: Al Pacino, Martin Donovan, Hilary Swank, Maura Tierney, Robin Williams


Kurzinhalt:
Nightmute in Alaska ist ansich der letzte Ort, an dem man einen Mord an einer 17-jährigen vermuten würde. Die örtlichen Behörden sind mit der Situation völlig überfordert, weswegen zwei Cops aus Los Angeles, Will Dormer (Al Pacino) und Hap Eckhart (Martin Donovan), zu dem Fall hinzugezogen werden.
In Los Angeles ist man froh, beide loszuwerden, läuft doch eine interne Ermittlung gegen den legendären Polizisten Dormer und seinen Partner Eckhart.
In Nightmute angekommen sehen sich die beiden dem ersten Problem gegenüber: In dieser Jahreszeit wird es so weit im Norden nie Nacht, es ist immer hell – was Dormer enorme Schlafschwierigkeiten bereitet.
Es gelingt ihnen fast, den Täter (Robin Williams) des Mädchens in eine Falle zu locken, und als sie ihn zu Fuss im Nebel verfolgen, erschiesst Dormer auf Grund der schlechten Sichtverhältnisse seinen Partner.
In Panik vertuscht er den Unfall und lässt es so aussehen, als wäre der Kindermörder es gewesen.
Doch der hat Dormer gesehen und nimmt telefonischen Kontakt mit dem Cop auf. Als wäre das nicht genug, kommt die junge Polizistin Ellie Burr (Hilary Swank) der wahren Natur von Haps Tod langsam, aber sicher auf die Spur.


Kritik:
"Wer hier in Alaska lebt, ist entweder hier aufgewachsen, oder vor etwas hierher geflohen.", so sagt es im Film Maura Tierney als Hotelbesitzerin Rachel Clement. Wieso man angesichts der malerischen Landschaft, die einem als Zuseher sprichwörtlich den Atem raubt, nicht freiwillig dorthin ziehen soll, ist auf den ersten Blick unverständlich.
Und doch verbergen sich unter der perfekten Oberfläche Geheimnisse, die man auf den ersten Blick nicht erkennt: ein Mädchen wird regelmäßig von ihrem Freund verprügelt, ein Mord geschieht und fast jeder Ansässige hat eine Vergangenheit, die er nur bedingt mit jemand anderem teilen möchte.

In diesem Szenario spielt Christopher Nolans dritter Spielfilm. Nach seinem Überraschungshit Memento [2000] waren Zuschauer und Kritiker gespannt, welches Projekt sich der Jungstar aussuchen würde. Mit dem Remake eines norwegischen Thrillers (Todesschlaf [1997]) hatte wohl niemand gerechnet.
Zusammen mit Weltstars wie Al Pacino, Robin Williams und Hilary Swank schuf Nolan einen eindrucksvollen Film, der vor allem durch seine Reife und seine Ruhe überzeugen kann.

Die Story ist vielschichtig und sehr gut herausgearbeitet – einzig die manchmal fehlenden Überraschungen könnte man ihm vorhalten, doch darauf ist diese Charakterstudie überhaut nicht ausgelegt.
Dass die internen Ermittlungen gegen die Starcops aus L.A. etwas mit der Story zu tun haben würden, war von vorneherein klar, doch inwieweit es Dormers Handlungen beeinflussen würde, ist nicht nur äußerst interessant zu sehen, sondern teilweise auch wirklich unvorhersehbar.
Bei dem Versuch, seinen Fehler vor Ort zu vertuschen, gerät der prominente Polizist immer weiter in Schwierigkeiten, und doch kann man es als Zuschauer nachempfinden. Wer hätte an seiner Stelle anders gehandelt? Die Motivation aller Charaktere wird während des Filmes eindeutig, man kann sie als Zuschauer nachvollziehen und sich mit den Personen identifizieren – ein Pluspunkt, der vielen Filmen heutzutage leider entgeht.

Auch dem Bösewicht Robin Williams ergeht es ähnlich. Auf die Art und Weise, wie er die Tat beschreibt, wird dem Publikum zumindest verständlich, wie er seine Beherrschung verlieren konnte.

Sehr interessant ist auch der Charakter von Hilary Swank, die die junge Polizistin Ellie spielt: Sie verehrt Dormer und muss mitansehen, wie ihr Idol vor ihren Augen zerfällt.

Alle Charaktere, jeder Darsteller, bekommt in diesem Film etwas zu tun, einen Hintergrund, eine Vergangenheit – eine Persönlichkeit, die es dem Zuschauer ermöglicht, sich in ihre Rolle hinein zu versetzen.

Untermalt wird dies durch eine Landschaft, die man sich traumhafter nicht vorstellen könnte. Gletscherlandschaften mit unendlich viel Wald, rauhe Seen und kilometerlange Straßenstrecken ohne eine Menschenseele. Ob dies nun ein Alptraum oder eine wünschenswerte Vorstellung ist, sei jedem selbst überlassen.
Eingerahmt von dem nie enden wollenden Tag ergibt das eine grandiose, leicht melancholische Kulisse für einen der besten Thriller der letzten Jahre.

Kamera und Schnitt gelingt es, in den ruhgien Szenen diese Landschaftsaufnahmen zu nutzen, um dem Zuschauer einen Eindruck der Umgebung zu vermitteln. Die Größe und die Einsamkeit sind beeindruckend  und friedlich, aber ebenso irgendwie unheimlich und furchteinflößend.
Spannende Szenen sind bisweilen schnell geschnitten, aber übersichtlich; mit einem unglaublichen Gespür für Szenen- und Spannungsaufbau. Beispielsweise bei der missglückenden Festnahme des Täters im Nebel, oder der Verfolgungsjagd über die auf dem Fluss treibenden Baumstämme. Für den Zuschauer ist es fast unmöglich, nicht auf der Kante seines Kinosessels festzukleben.

Sehr interessant und eindringlich geraten sind die "Filmschnipsel", die immer wieder eingestreut werden, um Dormers Sicht der Dinge, getrübt durch seinen Schlafmangel, zu zeigen. Hier sieht man als Zuschauer immer genug, um zu verstehen, was man gesehen hat, aber nie zuviel, als dass man außergewöhnliche Gewaltdarstellung zu Gesicht bekäme.
Es ist beunruhigend und übt doch eine Anziehungskraft auf den Zuschauer aus, der man sich schwer entziehen kann. Vor allem übertreiben es die Macher damit nicht, so dass man das Interesse daran verlieren würde.

Allem zugrunde liegt einer der atmosphärischsten und zurückhaltendsten Scores, die ich seit langem gehört habe. David Julyan, der bereits die denkwürdige Musik für den Thriller Memento komponierte, schuf eine bedrückende und immens schweißtreibende Komposition, die niemals aufdringlich ist und sich perfekt an die Szenen angleicht.

Das Drehbuch kann mit einigen Überraschungen innerhalb der Szenen aufwarten, ist aber großteils geradlinig erzählt. Die Dialoge beeindrucken durch die psychologische Durchdachtheit, die ebenfalls an den Gesten und Mimiken der Personen erkennbar ist.
Es wird auf so viele Details wert gelegt, dass es schier unmöglich ist, alle aufzuzählen. Schon der Name des Ortes, in dem das Verbrechen geschieht, ist sorgfältig ausgewählt: Nightmute – für eine Kleinstadt, in der die Sonne nicht untergeht, und die am Ende der Welt liegt.

Regisseur Nolan nimmt sich viel Zeit für die Einführung der Charaktere und fängt gekonnt ihr Auftreten mit der Kamera ein.
Als Zuschauer soll man sich offensichtlich selbst fragen, wie weit man für seine Ideale gehen würde, wie man selbst an Stelle der Hauptcharaktere handeln würde. Eine einfache Antwort kann ich für mich persönlich in Bezug auf Swanks und Pacinos Charakter nicht fällen.

Das Katz-und-Maus-Spiel erreicht für mich dennoch den Höhepunkt nicht in den actionreichen und immens spannenden Sequenzen, sondern vielmehr in den Gesprächen, die Al Pacino und Robin Williams miteinander führen.
Gerade hier wird die Klasse der Darsteller offensichtlich. Williams als Bösewicht ist beeindruckend intensiv und real, Pacino sieht man den Spaß an der Rolle sichtlich an – er spielt ebenso grandios wie in Heat [1995] oder Insider [1999].
Auch die anderen Darsteller spielen, als wollten sie sich gegenseitig übertreffen, Hilary Swank gibt nach ihren unterschiedlichen Rollen die unerfahrene, aber äußerst clevere Polizistin zum besten. Martin Donovans Auftritt ist zwar nicht sehr lang, dafür spielt er nach seinen Auftritten in zahlreichen mittelmäßigen Filmen endlich wieder wirklich gut.
Die Nebendarsteller – darunter auch die Jungstars des Films – stehen dem in nichts nach.

Ein reifer Film für ein reifes Publikum – seit Road to Perdition [2002] der heißeste Kinotipp des Jahres!


Fazit:
Spannend, hervorragend gespielt, grandios gefilmt und intelligent geschrieben.
Mag sein, dass viele der genannten Vorzüge bereits von der norwegischen Vorlage herrühren, doch mit Insomnia geht Regisseur Nolan meines Erachtens auf dem Pfad weiter, den er zuletzt mit Memento beschritt: Unbeeindruckt von dem Erfolg der MTV-Übelkeit-Komödien macht er Thriller für Erwachsene, in denen die Charaktere im Vordergrund stehen.
Eine reife Regiearbeit und ein Film, den man gesehen haben muss – schon angesichts der vielen Enttäuschungen, die in den Kinos unter dem Werbetitel "Blockbuster" liefen.


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