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Identität [2003]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 01. Oktober 2003
Genre: Thriller / Fantasy

Originaltitel:Identity
Laufzeit: 90 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2003
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: James Mangold
Musik: Alan Silvestri
Darsteller: John Cusack, Ray Liotta, Amanda Peet, John Hawkes, Alfred Molina, Clea DuVall, John C. McGinley, William Lee Scott, Jake Busey, Pruitt Taylor Vince, Rebecca De Mornay


Kurzinhalt:
Es scheint wie ein großer Zufall, als sich bei einem schweren Unwetter zehn Reisende in dem von Larry (John Hawkes) geleiteten Motel einfinden – darunter Fahrer Ed (John Cusack) und sein weiblicher Passagier Caroline Suzanne (Rebecca De Mornay), die ihre besten Zeiten als Filmstar hinter sich hat, Polizist Rhodes (Ray Liotta) und sein Gefangener Robert Maine (Jake Busey), das frisch verheiratete Paar Ginny (Clea DuVall) und Lou (William Lee Scott), sowie der leicht zurückgebliebene George York (John C. McGinley) nebst Stiefsohn Timmy (Bret Loehr) und seiner bei einem Unfall verletzten Frau (Leila Kenzle). Ebenfalls dabei ist die zwielichtige Paris (Amanda Peet).
Doch ihr Zusammenkommen scheint einem höheren Zweck zu dienen, denn urplötzlich wird die Gruppe nach und nach dezimiert - ein unbekannter Mörder treibt sein Unwesen.
Aber welches Geheimnis verbindet die Leute miteinander? Lediglich hinter Ed scheint mehr zu stecken, als der schweigsame Fremde zugeben möchte.
Und was soll all das mit dem verurteilten Massenmörder Malcolm Rivers (Pruitt Taylor Vince) zu tun haben, der am nächsten Tag hingerichtet werden soll?


Kritik:
Ein abgelegenes Motel, in dem nacheinander Leute sterben, ein zwielichtiger Motelbesitzer und leicht bekleidete Frauen – nein, hier handelt es sich nicht um ein weiteres Remake des Alfred Hitchcock-Klassikers Psycho [1960], auch wenn Gus Van Sant angeblich schon wieder eines plant.
Regisseur James Mangold nutzt für seinen ungewöhnlichen Thriller Identität die bekannten Versatzstücke allerdings zu seinem Vorteil und erschafft inmitten eines verregeneten Nirgendwos eine spannende und überraschende Jagd nach dem Mörder in der Gruppe, die wirklich vieles versucht, um von dem Tatort zu fliehen. Dass die Story dennoch mit vielen Details gespickt ist, und auch viele neue Ideen mit einbringt, ist sicherlich ein Verdienst von Drehbuchautor Michael Cooney, der neben der Grundhandlung auch komplexe Verwicklungen innerhalb der Geschichte der einzelnen Charaktere unterbringen musste.

Es ist sehr schwer, in von 90 Minuten neun Charaktere vorzustellen und auszuarbeiten, doch das clevere Skript versteht es, genau selbiges zu tun. Die verschiedenen Personen, die sich im Hotel einfinden, erscheinen sicher nicht unbeabsichtigt wie die vielen Facetten einer normalen Persönlichkeit; manchmal schüchtern, manchmal extrovertiert, dann wieder leicht gereizt oder sehr sensibel und leicht verletzbar. Wer allerdings hier eine One-Man-Show von John Cusack erwartet, wird leicht enttäuscht werden, denn obwohl er am meisten zu tun hat, werden alle anderen "Besucher" des Motels mit eingebunden, und das bisweilen auf eine sehr ungewöhnliche Art und Weise. In aller Kürze werden so viele kleine Geschichten erzählt, dass man meinen könnte, die Macher hätten sich viel mehr Zeit nehmen sollen – doch ansich hat Identität genau die richtige Länge.
Ein wirklich origineller und glücklicherweise gelungener Einfall ist die Verknüpfung der einzelnen Personen zu Beginn des Films, hier werden die Schlüsselmomente, in denen die Schicksale der Charaktere aneinander gekettet sind, aus der jeweiligen Perspektive und teilweise in Rückblenden erzählt. Anfangs ist das vielleicht verwirrend, aber dadurch, dass die Stories wie Zahnräder ineinander greifen, macht es regelrecht Spaß, die Verknüpfungen zu erleben.
Drehbuchautor Michael Cooney gelingt es gekonnt, sowohl kleine psychologische Studien über die Motelbewohner anzustellen, als auch eine spannende Mystery-Geschichte zu erzählen, deren Auflösung den Zuschauer doch überraschen kann. Dabei geizt der Autor aber auch nicht mit zum Teil recht heftigen Szenen – die Freigabe ab 16 Jahren ist mehr als nur berechtigt.
Die Geschichte wirkt in sich stimmig und vor allem schon von Anfang an auf das ausgelegt, was sie darstellen soll – das Skript arbeitet dies konsequent aus: Intelligent geschrieben und mit vielen guten Einfällen versetzt, umschifft es viele lang angekündigte Klischees und sorgt hin und wieder für wirkliche Schockmomente.
Von diesem eher kleinen Film könnte sich so mancher Möchtegern-Blockbuster eine Scheibe abschneiden.

Das gilt auch in Bezug auf James Mangolds Inszenierung, der nicht nur mit Cop Land [1997] bewies, dass er eine sehr gutes Gefühl für Charaktere und Spannung besitzt. In Identität lässt er den Darstellern immer genug Raum, um ihr Können aufzufahren, ohne einzelne von Ihnen zu vernachlässigen.
Die Charaktere versuchen konstant das Geheimnis über die Morde zu lösen und stellen sich dabei nicht dämlicher an, als man es als Zuschauer tun würde.
Die Spannung wird nicht zuletzt durch den ständig prasselnden Regen bedrohlich aufrecht erhalten, der hier eindeutig als allzeit präsentes Stilmittel eingesetzt wird. Kombiniert mit ruhigen Kameraeinstellungen und einem zurückhaltenden Szenenaufbau ergibt sich eine wirklich fesselnde Mischung aus Kamera- und Schnittarbeit, die die Leichen ganz bewusst nicht so lange und ekelerregend wie möglich zeigt, sondern sich stattdessen auf die Atmosphäre des Motels verlässt.
Das düstere Ambiente lässt die Gänsehautstimmung schon nach kurzer Zeit aufleben – und die befürchteten Klischees bleiben wie gesagt ebenfalls aus.

Dass John Cusack ein guter Darsteller ist, braucht er nicht mehr zu beweisen, ebensowenig wie Ray Liotta, der sich leider in so vielen Filmen unter Wert verkauft. Hier bekommen beide Stars die Möglichkeit, sich gegenseitig zu hervorragenden Leistungen anzutreiben. Beide wirken anfangs undurchschaubar, und obwohl die Sympathien eindeutig bei Cusack liegen, weiß man lange Zeit doch nicht so recht, ob man ihm tatsächlich trauen kann. Seine aufgeweckten Augen und die Tatsache, dass der Zuschauer ihm beim Nachdenken beiwohnen kann, ihm im wahrsten Sinne des Wortes zusehen kann, wie er das Puzzle zusammenzusetzen versucht, ziehen einen sofort in seinen Bann.
Liotta hingegen bleibt undurchschaubar und versteht es, durch seine schneidenden Blicke und seine aufbrausende Art dies auch vor der Kamera umzusetzen.
In Amanda Peet fanden die Produzenten eine intelligente und fähige Darstellerin, die hier einiges von ihrem Repertoire zeigen darf – zwar wäre da sicher mehr drin gewesen, sie überzeugt aber dennoch voll und ganz. Ebenso wie Clea DuVall, die auf die Rolle der schüchternen und undurchschaubaren Außenseiterin festgelegt scheint, die sie bereits in Faculty - Trau keinem Lehrer [1998] und Durchgeknallt - Girl, interrupted [1999] bekleidete. Alfred Molina, der nächstes Jahr dem Spider-Man ans Kostüm will, ist nicht lange genug zu sehen, um einen außergewöhnlichen Eindruck zu hinterlassen, sein Charisma spricht allerdings für ihn.
Nebencharaktere gibt es wahrlich zuhauf, darunter William Lee Scott, John Hawkes und Jake Busey, die ihre Rollen gut verkörpern und nichts hätten besser machen können. Eine wirklich schwere Nuss ist es, Rebecca De Mornay in ihrem selbstironischen Kurzauftritt als verzickte Darstellerin zu erkennen.
Pruitt Taylor Vince, der Genrefans aus seiner beeindruckenden Rolle in der Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI [1993-2002]-Episode "Unruhe" bekannt sein könnte, fällt sicherlich durch seine Augenkrankheit auf, die im Fachausdruck als "Nystagmus" bezeichnet wird – zu Deutsch: Augenzittern. Dieser Nervenkrankheit hat er es zu verdanken, dass er den beunruhigendsten Blick hat, den man sich als Zuschauer nur vorstellen kann. Dabei übersieht man allerdings gern, dass er hervorragend spielt. Für seine Leistung in der Thriller-Serie Murder One [1995-1997] wurde er zum Beispiel mit dem Emmy ausgezeichnet. Er stellt den Massenmörder Malcolm Rivers in den wenigen Szenen mit einer Intensität dar, dass es einem bisweilen regelrecht Angst machen kann; es ist allerdings schade, dass er immer wieder in solche Rollen gedrängt wird, er wäre anderen ohne Zweifel ebenfalls gewachsen. In Identität ist er eines der darstellerischen Highlights, auch wenn er nur einen verhältnismäßig kurzen Auftritt hat.
Mehr Arbeit hat der gern übersehene Nebendarsteller John C. McGinley, der unter anderem aus Intensity - Allein gegen den Killer [1997], The Rock - Fels der Entscheidung [1996] und auch Get Carter - Die Wahrheit tut weh [2000] bekannt ist. Hier spielt er ergreifend einen geistig leicht zurückgebliebenen Stiefvater und Ehemann. Vielleicht gelingt ihm ja nach seiner Rolle in der Serie Scrubs [seit 2001] noch endlich der große Wurf auf der Leinwand; man gönnt es ihm.
Die Darstellerriege, obwohl keiner der hochbezahlten Hollywoodgrößen an Bord ist, und ansich (abgesehen von John Cusack) kein offenkundiger Publikumsmagnet, wurde sorgfältig und mit Bedacht nach Talent, und nicht nach Namen ausgewählt.

Auszeichnungen erhielt Identität bislang noch keine, eine wäre aber sicher angebracht, auch wenn der dafür Verantwortliche erstaunlicherweise durch Abwesenheit glänzt: Alan Silvestris Score für den Thriller ist so ungewöhnlich wie beunruhigend. Erinnert er zu Beginn noch an Schatten der Wahrheit [2000] wandelt sich das Bild sehr schnell zu einem minimalistischen und atmosphärisch dichten Soundtrack, der hervorragend zu den Szenen passt und doch großteils gar nicht zu hören ist. Die restliche akustische Untermalung übernimmt der viel erwähnte Dauerregen im Film.
Das Hauptthema, das Silvestri komponierte, besteht prinzipiell aus verschiedenen kleinen Themen, die im Verlauf des Films sowohl zusammen, als auch einzeln gespielt werden – der unterschwellige Bass trägt dabei ebenso zur Stimmung bei, wie die exzellent eingesetzten und gänsehauterzeugenden Streicher – was zweifellos nicht unbeabsichtigt an Psycho erinnert. Doch Silvestri kopiert nicht einfach; statt ein pompöses Orchester aufzufahren, verunsichert er die Erwartung der Hörer mit einem zurückhaltenden und doch sehr melancholischen Score, der die Zerrissenheit der eigentlichen Hauptperson gekonnt einfängt und einen als Zuhörer daran zurückdenken lässt, dass John Ottmans (Komponist von Halloween H20: 20 Jahre später [1998] und X2 – X-Men 2 [2003]) Musik früher auch so gut war – vielleicht kann er es ja noch immer, aber Silvestris Musik an Gänsehautstimmung zu übertreffen, ist wirklich schwer.
Soundtrack-Fans sollten in den Score auf CD reinhören, es kann nicht schaden!

Berücksichtigt man das Budget von Identität, so muss man sich in mancher Hinsicht wirklich wundern: Mit knapp 30 Millionen Dollar Produktionskosten und einem Einspielergebnis von über 50 Millionen Dollar war der Film zwar erfolgreich, aber nicht so sehr, wie er es verdient hätte.
Doch trotz des geringen Budgets konnten die Macher in einem sehr großen Studio von Sony bei Culver City drehen – genau davon sieht man als Zuschauer glücklicherweise rein gar nichts. Die Kulissen sind hervorragend gelungen und überzeugen in jeder Einstellung. Mehr als das, gerade bei solchen Produktionen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der ständig präsente Regen und das herrschende Gewitter künstlich wirken und so die Atmosphäre ruinieren, aber auch hiervon ist nichts zu sehen. Selten schien das Wetter in einer kleinen Produktion so real, wie hier.
Dass man in anderen Maßstäben dachte, beweist die Tatsache, dass mehrere Enden gedreht wurden, um die eigentliche Auflösung geheim zu halten. Die US-DVD zeigt einen alternativen Schluss und eine erweiterte Einführung der Charaktere, knapp fünf Minuten an zusätzlichem Material sind insgesamt zu sehen. Hoffentlich wird das genauso bei der hierzulande erscheinenden Disc der Fall sein.

Auch Identität scheint die Tradition fortzusetzen, dass kleinere Filme inzwischen deutlich besser synchronisiert sind, als die großen Hollywood-Kracher – zu verdanken ist das unter anderem Dialogregisseur Joachim Tennstedt; selbiger ist niemand anders als der gewohnte Sprecher von John Malkovich, Billy Crystal und Michael Keaton. Hier war er zwar nicht als Sprecher aktiv, scharte aber eine Reihe sehr begabter Leute um sich:
Andreas Fröhlich lieh John Cusack glücklicherweise einmal mehr seine Stimme, was allein den Film schon über den Durchschnitt rettet, ebenso bei Ray Liotta, der von Udo Schenk gesprochen wird. Amanda Peet wird von Andrea Solter vertont, die im Film deutlich besser klingt, als noch im Trailer.
Sehr überzeugende Arbeit leisten auch Erich Räuker für John C. McGinley, Lutz Schnell für Pruitt Taylor Vince, sowie der Rest der Synchronsprecher.
Man kann ansich nicht umhin, sich zu bedanken, denn die deutsche Fassung von Identity ist wirklich gelungen und macht genauso Spaß. Wenn nur bei anderen, großen Filmen aus Übersee soviel Sorgfalt und Können an der Tagesordnung wäre.

Nach nur 90 Minuten ist der Trip in die Identität schon wieder vorbei; manche mögen sagen, der Film sei zu kurz, doch er zeigt genau das, was er zeigen wollte. Die Spannung steigt mit jeder Minute, in der sich die Schlinge um die Beteiligten enger zieht, und die eingekesselte Truppe dezimiert wird.
Regisseur Mangold versteht es, diese Spannung aufrecht zu erhalten, ohne sie durch ein gekünsteltes Action-Finale zu zerstören. John Cusack spielt zwar nicht oscarverdächtig, die Arbeit scheint ihm aber Spaß gemacht zu haben; seine Schauspielkollegen sind allesamt gut aufgelegt und passen ausgezeichnet in ihre Rollen.
Manche Szenen verlangen sicher einen etwas stärkeren Magen, auch wenn die Kamera nicht zu lange auf den Opfern verharrt. Doch ansich lebt Identität von seiner Spannung, und davon gibt es glücklicherweise genug.


Fazit:
Actionszenen gibt es nicht viel, und doch ist in James Mangolds Film allerlei geboten: Referenzen zu bekannten Genre-Werken wie Psycho sind sicher nicht unbeabsichtigt, aber obwohl sich viele Klischees anbahnen, gehen die Macher selbigen gekonnt aus dem Weg und zeigen dem Zuseher damit, dass "die Geschichte sich nicht wiederholen muss".
Dank der spannungs- und überraschungsreichen Story, gut aufgelegter und talentierter Darsteller, einem besonnenen Regisseur und der wirklich hervorragenden Musik von Alan Silvestri ist Identität eine uneingeschränkte Kinoempfehlung für alle, die sich gern ein wenig gruseln und auch in der Lage sind, ihr Denkzentrum beim Film einzuschalten. Denn gerade die Lösung des Puzzles selber zu erarbeiten, ist hier Aufgabe des Zuschauers.


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