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Hugo Cabret [2011]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 20. November 2012
Genre: Fantasy / Unterhaltung / Drama

Originaltitel: Hugo
Laufzeit: 126 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2011
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Martin Scorsese
Musik: Howard Shore
Darsteller: Ben Kingsley, Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz, Sacha Baron Cohen, Helen McCrory, Jude Law, Emily Mortimer, Christopher Lee, Ray Winstone, Michael Stuhlbarg, Frances de la Tour, Richard Griffiths


Kurzinhalt:
So sehr der Erste Weltkrieg die Erwachsenen geprägt hat, den Jahren danach fiel die Kindheit ihrer Söhne und Töchter zum Opfer. Der zwölfjährige Hugo Cabret (Asa Butterfield) verlor seinen Vater (Jude Law), als er diesen am meisten gebraucht hätte. Sein Onkel Claude (Ray Winstone) nimmt ihn auf und mit in den Bahnhof Gare Montparnasse in Paris, wo er für die Bahnhofsuhren zuständig ist. Doch der Trinker Claude verschwindet und lässt Hugo, der seither nicht mehr zur Schule gehen durfte, allein. Sein einziger Lichtblick ist eine mechanische, einem Menschen nachempfundene Figur, die sein Vater entdeckt hatte und die er mit ihm wieder Instandsetzen wollte. Nun fällt die Aufgabe Hugo allein zu, basierend auf Notizen, die sein Vater hinterlassen hat.
Um Ersatzteile für die Figur zu finden, bestiehlt Hugo unter anderem den Spielwarenladenbesitzer Georges Méliès (Ben Kingsley), bis dieser ihn erwischt und das Notizbuch konfisziert. Hugo soll es sich zurückerarbeiten und führt für Méliès Reparaturen aus. So lernt er dessen Patenkind Isabelle (Chloë Grace Moretz) kennen und Méliès Ehefrau Jeanne (Helen McCrory). Es scheint, als verbinde Hugo mehr mit der Familie, als er glaubt und um hinter das Geheimnis des mechanischen Menschen zu kommen, braucht er Isabelles Hilfe. Nur darf sie der Stationsvorsteher (Sacha Baron Cohen) des Bahnhofs nicht entdecken, denn er liefert aufgegriffene Waisenkinder direkt an die Waisenhäuser aus ...


Kritik:
Beworben wurde Hugo Cabret als wundervolles Familienabenteuer in 3D, wie man es nie zuvor gesehen haben soll und von einem Meister des Films auf unvorhergesehene Weise zum Leben erweckt. Trotz des Preisaufschlags für die unbequemen 3D-Brillen war Martin Scorseses Film, ungeachtet des Lobs und der langen Vorbereitung, eine finanzielle Enttäuschung. Dabei kann man sich dem Lob durchaus anschließen und muss gleichzeitig festhalten, dass dem liebevoll ausgestalteten Märchen ein breites Zielpublikum fehlt. Stattdessen, so scheint es zum Beginn des dritten Akts, erzählt Scorsese einen Film, wie er ihn sich als Kind gern angesehen hätte. Er verpackt eine Ode an das Kino selbst in ein traumhaftes Gewand und spricht damit die Erwachsenen im Publikum an, die wie er damals durch die Filme inspiriert, zu träumen begannen. Doch ein Großteil des jungen Publikums heute ist vom Internet seit der Geburt, von Smartphones und actiongeladenen Fernsehserien geprägt, so dass allein die Freude auf ein Abenteuer, wie sie hier Hugo und seine einzige Freundin Isabelle befällt, sie nicht begeistern kann. Man ist es heute eben gewohnt, alles in Klickweite zu haben.

Der zwölfjährige Hugo lebt zu Beginn der 1930er Jahre allein im Bahnhof Gare Montparnasse in Paris. Als sein Vater starb und er zu seinem Onkel in den Bahnhof zog, der dort die Uhren wartete, starb ein Teil von Hugo mit ihm. Oder vielmehr, es ging ein Teil von seiner Lebensfreude in eine mechanische Figur über, die sein Vater auf dem Dachboden eines Museums gefunden hatte. Gemeinsam bastelten sie daran, dass die Figur wieder funktionierte, doch ehe die beiden sie fertig stellen konnten, geschah ein Unglück. Nun hat es sich Hugo zur Aufgabe gemacht, neben den Bahnhofsuhren auch den mechanischen Mann funktionstüchtig zu bekommen. Der Bahnhof ist dabei seine Welt, angefangen von den verwinkelten Gängen hinter den Ladenfronten, mit dem Stationsvorsteher als sein größter Feind, da er herumtreibende Kinder an die Waisenhäuser gibt. Die gesuchten Ersatzteile für den mechanischen Mann leiht sich Hugo ungefragt auf unbestimmte Zeit von manchen Kioskbesitzern aus, darunter von Georges Méliès, der ihn eines Tages dabei erwischt und das Notizbuch von Hugos Vater einbehält. Darin befinden sich Zeichnungen, die Hugo benötigt, um die mechanische Figur reparieren zu können.

Es ist bei Jugendfilmen oft der Fall, dass die Kinder die Guten darstellen und die Erwachsenen die unverständigen Bösen. Doch abgesehen davon, dass Hugo neben Isabelle das einzige Kind ist, das hier überhaupt in den Mittelpunkt gerückt wird, in Georges Méliès trifft Hugo auf jemanden, der ebenso vom Schicksal gezeichnet ist, wie er selbst. Dass Méliès hierfür einen Weltkrieg überlebt hat und Hugo dies trotz seiner jungen Jahre in sich vereint, macht sie beide umso tragischer. Es liegt die Vermutung nahe, dass ein Film mit dem Titel Hugo Cabret sich hauptsächlich um diese Figur dreht. Interessanterweise verlagert sich der Schwerpunkt in der zweiten Filmhälfte auf den Kioskbesitzer Georges Méliès und zeigt, wie sich eine Figur selbst zu retten vermag, dadurch dass sie etwas Selbstloses für jemand anderen tut. Dies gelingt dem Drehbuch ebenso subtil, wie gleichzeitig der Reiz herauszufinden, wozu der mechanische Mann erschaffen wurde, durch einen ganz anderen ersetzt wird.

Wie Martin Scorsese die Geschichte von Hugo erzählt, ist gleichzeitig faszinierend und begeisternd. Seine Botschaft an das Publikum und seine Liebe zum Film wird dabei so unmissverständlich deutlich, dass die erwachsenen Zuseher ihm nur beipflichten können, während das junge Publikum von der gezeigten Epoche und den Entbehrungen des Protagonisten gefesselt wird.
Einen Großteil trägt hierzu das fantastische Aussehen von Hugo Cabret bei. Kostüme, die Kulisse des Bahnhofs, die verschlungenen Schleichwege hin zu den zahlreichen Bahnhofsuhren, all das weckt Erinnerungen an Idealvorstellungen, die man als Kind von einem Abenteuer hatte. Sieht man überdies Ausschnitte von beinahe verloren gegangenen Meilensteinen des Films, ist die Illusion perfekt. Dass die Figuren im Bahnhof, sei des der Stationsvorsteher, die Blumenverkäuferin oder die Hundebesitzerin samt ihrem Verehrer, allesamt überzeichnet sind, ist Teil dieser Illusion, die ein Schicksal wie das von Hugo vermutlich überhaupt erst erträglich macht.

Zum vielerorts gelobten 3D von Hugo Cabret kann an der Stelle keine Aussage getroffen werden, außer dass der Film in klassischem 2D eine ebenso tolle Optik bietet. Der 3D-Effekt wird vermutlich mehr von der Tatsache ablenken, dass viele Einstellungen sehr künstlich wirken, doch sieht man es als Teil von Scorseses Konzept, ist dagegen nichts einzuwenden. Zumal die Aussage des Films hierdurch nicht beeinflusst wird. Und es ist selten genug, dass 3D-Produktionen überhaupt eine besitzen.


Fazit:
Man weiß nach den zwei Stunden nicht, ob Regisseur Martin Scorsese sich selbst in der Figur des Hugo oder des Georges Méliès wiedererkennt – oder vielleicht in beiden. Er verleiht ihnen eine Tiefe, die für eine solche Art Film eher ungewöhnlich ist und versieht sein Werk mit einer Aussage, die Filmfans wie er einer ist ohne zu zögern unterschreiben können. In Ben Kingsley und Asa Butterfield findet er eine ideale Besetzung, ergänzt durch die beunruhigend wandelbare Chloë Grace Moretz, Sacha Baron Cohen in einer ungewöhnlichen Rolle, Helen McCrory, Jude Law, Emily Mortimer und Christopher Lee, die einen Cast abrunden, den man so namhaft meist nur auf mehrere Filme verteilt wiederfindet. Dass Michael Stuhlbargals Rene Tabard an Regisseur Steven Spielberg erinnert, kommt vermutlich auch nicht von ungefähr.
Hugo Cabret ist voll von schönen Momenten, beeindruckenden Bildern und einer Atmosphäre, die sich zwischen traumhaftem Abenteuer und surrealem Realismus bewegt. Das ergibt einen mit Fantasyelementen gespickten Film, der sich überraschenderweise mehr an ein erwachsenes Publikum richtet. Zumal sich das letzte Drittel auch inhaltlich nicht als kindgerechte Unterhaltung eignet, weil die eigentliche Bedeutung für sie schlicht unverständlich ist. Für alle gilt die Faszination der magischen Details und wie die Bilder und Geschichten der ersten Filme, an die man sich erinnern kann, die eigene Fantasie beflügelten. Diese Würdigung des Mediums gelingt Scorsese außergewöhnlich gut, doch hierfür ein Publikum zu finden ist dementsprechend schwer.


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