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Green Book: Eine besondere Freundschaft [2018]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 25. August 2019
Genre: Drama / Komödie

Originaltitel: Green Book
Laufzeit: 130 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2018
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Peter Farrelly
Musik: Kris Bowers
Besetzung: Viggo Mortensen, Mahershala Ali, Linda Cardellini, Sebastian Maniscalco, Dimiter D. Marinov, Mike Hatton, P.J. Byrne, Joe Cortese, Maggie Nixon, Von Lewis, Jon Sortland, Don Stark


Kurzinhalt:

Im Jahr 1962 arbeitet Tony Vallelonga (Viggo Mortensen) in einem New Yorker Nachtclub als Türsteher. Als der für zwei Monate schließen muss, findet er bei dem gefeierten Pianisten Dr. Donald Shirley (Mahershala Ali) einen Job als Fahrer, der ihn auf einer achtwöchigen Tournee in die Südstaaten begleitet. Was Tony zu Beginn nicht ahnt, Shirley ist Afroamerikaner, die in den Südstaaten nach wie vor als Bürger zweiter Klasse behandelt werden. Obwohl es ihm schwerfällt, von seiner Familie, vor allem seiner Frau Dolores (Linda Cardellini) so lange getrennt zu sein, nimmt er den Auftrag an. Je weiter sie gen Süden kommen, umso offener werden die Anfeindungen gegenüber Shirley und umso direkter die Schikane. So stellt sich Tony zunehmend die Frage, weshalb Shirley dies überhaupt auf sich nimmt. Der Künstler erduldet Tonys Meinung nach mehr Erniedrigungen, als er sich gefallen lassen sollte. So verändert die Tour auch Tonys Einstellungen …


Kritik:
Peter Farrellys Green Book: Eine besondere Freundschaft ist vermutlich das unterhaltsamste und lustigste Rassismusdrama, das Hollywood seit geraumer Zeit hervorgebracht hat. Mit Mahershala Ali und Viggo Mortensen fantastisch besetzt sowie einer greifbar authentischen Ausstattung versehen, gelingt dem Filmemacher das Kunststück, die alltäglichen Vorurteile und die Ausgrenzung von Afroamerikanern in den Südstaaten der frühen 1960er-Jahre greifbar zu machen. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind dabei kaum zu übersehen.

Inwieweit sich die Ereignisse in Green Book tatsächlich so zugetragen haben, wie sie hier geschildert werden, sei trotz des Hinweises zu Beginn, dass die Geschichte von wahren Geschehnissen inspiriert sei, dahingestellt. Doch die nach Veröffentlichung vorgebrachten Ungenauigkeiten der geschichtlichen Darstellung spielen insoweit keine wirkliche Rolle, da sie die Aussage des Films nicht beeinflussen. In dessen Zentrum steht der von italienischen Einwanderern abstammende Frank Vallelonga, genannt Tony Lip, der als Türsteher in New York City im Jahr 1962 arbeitet. Als der Nachtclub, in dem er tätig ist, wegen Renovierungsarbeiten für zwei Monate schließen muss, ist er auf der Suche nach Arbeit und trifft so auf den Musiker Dr. Donald Shirley. Der plant eine achtwöchige Tournee tief in die Südstaaten, wo er jeweils für ein ausgewähltes Publikum spielen soll. Das Ungewöhnliche daran: Shirley ist Afroamerikaner und die Klientel in den Südstaaten, in denen Farbige nach wie vor ausgegrenzt werden, ausschließlich weiß. Tony geht auf Shirleys Angebot ein und so beginnt ein Road Trip, in dem sich die beiden unterschiedlichen Männer näher kennenlernen.

Dabei wäre es ein Leichtes, Green Book zu einem drückenden, bewegenden Drama zu machen. Stattdessen geht Filmemacher Peter Farrelly, der bislang eher mit zotigen Komödien wie Dumm und Dümmer [1994] oder Verrückt nach Mary [1998] verantwortlich zeichnete, einen anderen Weg und gestaltet die Atmosphäre, die Unterhaltungen der beiden Männer erfrischend leichtfüßig. Er tut dies, ohne die Ungerechtigkeiten, die Shirley auf Grund seiner Hautfarbe regelmäßig in den Südstaaten entgegenschlagen, in ihrer Bedeutung zu schmälern.
Dabei ist Tony selbst keine einfache Figur. Obwohl seine rassistischen Vorurteile seine Äußerungen und sein Handeln nicht in dem Maße bestimmen mögen, wie das sogar bei anderen Mitgliedern seiner großen Familie der Fall sein mag, sieht der die farbige Bevölkerung dennoch nicht als Teil „seiner“ Gesellschaft. Ob sie für ihn, wie für viele Menschen, denen sie auf ihrer Reise begegnen, Menschen zweiter Klasse sind, wird zwar nicht deutlich, aber er bezieht sich immer wieder auf „ihre Leute“, wenn er mit Dr. Shirley über andere Afroamerikaner spricht.

Es dauert allerdings sehr lange, ehe bei der Tour der Moment kommt, an dem sich Shirley entscheiden muss, ob er seinen Prinzipien treu bleibt und dafür in Kauf nimmt, einen Auftritt nicht wahrnehmen zu können, oder ob er sich den Ausgrenzungen, die er erfährt, beugt. Zwar rühmt sich die weiße Oberschicht, ihn für ein Konzert im Club zu begrüßen, dort essen darf er jedoch nicht – Farbige sind nicht willkommen. In einem anderen Moment soll er die im Garten liegende Toilette für die Angestellten benutzen, da die Badezimmer im Haus den Weißen vorbehalten sind. Viele dieser Momente und kleine Kommentare, Blicke oder Gesten, die Shirley auf der Reise von anderen erfährt, sind wie Nadelstiche, gegen die er sich erstaunlicherweise nicht wehrt.
Die Frage, die Green Book ihn jedoch nicht beantworten lässt, ist allerdings, weshalb nicht?

Sowohl von Viggo Mortensen in der Rolle des aufmerksamen und beherrschten Tony, der nichtsdestotrotz in der Lage ist, mit Gewalt zu antworten, wenn es nötig sein sollte als auch von Mahershala Ali als schweigsamer, in sich gekehrter Dr. Shirley fantastisch gespielt, beleuchtet Regisseur Farrelly die zweitgenannte Figur, ohne sie zu ergründen. Sein Werdegang wird kurz genannt und es wird gezeigt, wie er in New York in einer anderen Welt – nicht nur im Vergleich zu den Afroamerikanern, denen er auf der Tour begegnet, sondern auch im Vergleich zu Tony und seiner Familie in der Bronx – lebt. Aber was wirklich in ihm vorgeht, welche Überwindung es ihn kosten muss, den vornehmen Weißen, die sich mit seiner Anwesenheit brüsten, ohne ihn jedoch zu akzeptieren, ihre Scheinheiligkeit nicht vorzuhalten, wird erst sehr spät deutlich.
Das schmälert nicht das Porträt dieser beiden Männer oder dessen, was sie im Herbst 1962 auf sich genommen haben. Es lässt aber merklich die Tiefe vermissen, die man nicht nur erwarten würde, sondern die sie auch verdienen.


Fazit:
Dass Peter Farrellys Film mehr als zwei Stunden dauern soll, mag man kaum glauben. Trotz des Themas so leichtfüßig erzählt, vergeht die Zeit gefühlt bedeutend schneller. Und das, obwohl die Erzählung ihre Dramaturgie am stärksten aus der geografischen Lage der Orte zieht, in denen der Musiker auftritt. Mit jeder Station wird die Ausgrenzung spürbarer, der Rassismus offener, als gehöre es zum guten Ton, eine „Tradition“ aufrecht zu erhalten, die seit jeher ungerecht und menschenverachtend gewesen ist. Dank der preiswürdigen Darsteller wird die freundschaftliche Beziehung dieser beiden Männer greifbar, selbst wenn man ihre Entstehung nicht in dem Maße sehen, als vielmehr spüren kann. Für ein Rassismusdrama ist Green Book: Eine besondere Freundschaft überraschend selten bedrückend und es gibt viele lustige Momente. Dass dies die Aussage nicht schmälert, ist den Machern hoch anzurechnen. Mag sein, dass die Beobachtungen hier nicht neu sind, doch das macht es nicht weniger wichtig, sie sich in Erinnerung zu rufen. Oder sich an diejenigen Menschen zu erinnern, die sich bewusst dafür eingesetzt haben, daran etwas zu ändern.
 


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