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Gran Torino [2008]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 22. April 2009
Genre: Unterhaltung / Drama / Thriller

Originaltitel: Gran Torino
Laufzeit: 116 min.
Produktionsland: USA / Australien
Produktionsjahr: 2008
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Clint Eastwood
Musik: Kyle Eastwood, Michael Stevens
Darsteller: Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Ahney Her, Brian Haley, Geraldine Hughes, Dreama Walker, Brian Howe, John Carroll Lynch, William Hill, Brooke Chia Thao


Kurzinhalt:
Nach dem Tod seiner Frau zieht sich der kauzige Walt Kowalski (Clint Eastwood), der schon früher nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, weiter zurück und begegnet all denjenigen, die einen Rat für ihn haben, oder ihm wie der Priester Janovich (Christopher Carley) Hilfe anbieten, schroffer wie sonst ohnehin. Aber während er seine Tage mit dem Instandhalten seines Hauses, seines 1972er "Gran Torino" oder mit Besuchen bei seinem ebenso kauzigen Frisör Martin (John Carroll Lynch) verbringt, macht sich in seiner Nachbarschaft eine Gang breit, die den Nachbarsjungen Thao (Bee Vang) rekrutieren möchte.
Nachdem dieser allerdings seinen Einstand, nämlich Walts Gran Torino zu stehlen, vermasselt, bedrängen sie ihn noch mehr. Und während Walt sich zaghaft mit Thaos Schwester Sue (Ahney Her) anfreundet, spitzen sich die Gewalttätigkeiten gegen Walts Nachbarn zu.
Beinahe schon unfreiwillig nimmt er Thao unter seine Fittiche und steigt mit seinem couragierten Auftreten gegenüber den Gangs in seinem Viertel zu einem Helden auf. Doch verfolgen ihn die Geister aus seinem Kriegsdienst in Korea ohnehin schon, ohne dass er sich mit seinen aus Asien stammenden Nachbarn befasst. Als die Gewalt jedoch überhand nimmt, muss sich Walt entscheiden. Und Teil der Angelegenheit ist er bereits, seit er das erste Mal eingeschritten war ...


Kritik:
Wenn man Gran Torino als "alte-Säcke-Film" bezeichnet, dann ist dies nicht beleidigend gedacht, oder gar negativ. Im Gegenteil. Mit einer herrlich frischen, altmodischen Art des Filmemachens präsentiert Hauptdarsteller, Regisseur und Produzent Clint Eastwood, der dieses Jahr 79 Jahre alt wird, eine Geschichte, die in dieser Art von niemandem sonst hätte erzählt werden können.
Dreh- und Angelpunkt ist dabei der griesgrämige Walt Kowalski, der sich damit abgefunden hat, dass er kein Blatt vor den Mund nehmen muss, und darum allen Menschen das ins Gesicht sagt, was er sich denkt – ob es diejenigen nun interessiert oder nicht. Es verblüfft einen als Zuschauer sehr, wenn man gerade angesichts der vielen rassistischen Kommentare in Gran Torino aus dem Lachen nicht mehr herauskommt. Doch das mag daran liegen, dass die trockene, sarkastische Art, mit der Eastwood diese Dialoge zum Besten gibt – und diesbezüglich steht ihm der ebenfalls charismatisch auftretende John Carroll Lynch als schimpfwortgewandter Frisör in nichts nach – der politischen Korrektheit unserer heutigen Zeit einen so offensichtlichen Dämpfer verpasst, dass man kaum anders kann, als zu staunen. Es ist schlicht kaum vorstellbar, dass manche Sätze in einem heutigen Film so noch fallen dürfen.
Andererseits trifft Kowalski mit diesen Klischee beladenen Sprüchen gerade dann ins Schwarze, wenn sich die Opfer seiner verbalen Attacken genau den Klischees entsprechend verhalten. Seien es nun die Gangs, die sich gegenseitig zu Gewalttaten aufschaukeln und immer dann am stärksten sind, wenn sie zu dritt oder mehr auf einen Einzelnen einprügeln, einem unverfroren und couragiert auftretenden Mann aber nicht die Stirn bieten können. Oder die Jugendlichen, die sich lieber einer gewalttätigen Bande anschließen, als einmal für ihre Entscheidung einzustehen. Somit bedient er mit seinen Klischees nur diejenigen, welche die Anderen vorgeben. Das mag zwar im ersten Moment, wenn eine rassistische Tirade losgetreten wird, kaum Beachtung finden, spiegelt sich aber gerade dann wider, wenn Kowalski hinter die Fassaden seiner neuen Nachbarn blickt und erkennt, dass sich hinter den Hmong weit mehr verbirgt (und ihr politischer Hintergrund ein ganz anderer ist), als er im ersten Moment dachte. Dann verändert sich auch sein Verhalten ihnen gegenüber.

Eine wirkliche Wandlung durchlebt Eastwoods Figur dabei nicht wirklich, vielmehr entdeckt man als Zuschauer, der man ihn zu Beginn als verbitterten Griesgram empfindet, neue Facetten an einem Mann, der in seinem Leben viel gesehen und viel getan hat. Dabei auch viele Dinge, auf die er nicht stolz ist. Seine steinerne Fassade, die mit der Zeit zu bröckeln beginnt, verkörpert der Darsteller auf eine so gekonnte Art und Weise, dass man mitunter sprachlos bleibt, wenn sich Pläne in ihm zusammenbrauen, vor deren Ausmaß man sich beinahe schon fürchtet. Umso wichtiger und richtiger sind dabei die letzte Erkenntnis und der letztliche Ausgang der Konfrontation. Er verkörpert, dass Kowalski aus seiner Vergangenheit gelernt hat und er denselben Fehler nicht nochmals begehen wird.
Angesichts des Zitats Eastwoods, dass Gran Torino sein letzter Film vor der Kamera gewesen sein soll (derzeit inszeniert er einen Film über Nelson Mandela), mag man Kowalskis letzte Entscheidung auch als Resümee der über 50 Jahre dauernden Schauspielkarriere Eastwoods sehen. Damit zieht er einen Schlussstrich und trifft eine definitive Aussage zu vielen mitunter auch gewalttätigen Rollen, die er in jener Zeit verkörperte. Innerhalb der Geschichte ist es ein Reifungsprozess, bei dem man nicht genau weiß, ob er nun von Anfang an so gewesen ist, oder sich erst im letzten Drittel ergab.

Tadellos und charismatisch gespielt vom Regisseur und Hauptdarsteller, stehen neben Christopher Carley als unermüdlichem Priester gerade die Rollen der Hmong hervor. Ahney Her, die gerade zum Schluss hin eine der schwierigsten Schicksale durchspielt, macht ihre Sache ausgesprochen gut und auch Bee Vang, der als Thao zu Beginn schüchtern und zurückhaltend bleibt, ehe er in Kowalski jemanden findet, an dem er sich orientieren kann, überzeugt gerade im letzten Drittel durch eine makellose Darbietung.
Was man sowohl an den Darstellern, wie an den Dialogen bemerkt ist die Natürlichkeit, mit denen Eastwood selbige einfängt. Insbesondere die Gespräche wirken natürlich durch sich überlappende Gesprächsteile, die nicht einstudiert wirken, sondern so, als würden sich die Figuren ihre Texte in den Moment gerade überlegen. Das zusammen mit dem leider nicht unrealistischen Hintergrund der Geschichte machen Gran Torino zu einem Film, der an manchen Stellen aufwühlt, während andere heiterer nicht sein könnten.

Handwerklich ohne Fehl und Tadel umgesetzt zeigt sich nicht nur der 1972er Ford "Gran Torino", dem der Film seinen Namen verdankt, in einwandfreien Bildern. Fernab von der Hektik und Wackelkamera der heutigen Regisseure kleidet Eastwood seinen Film in aussagekräftige, wohl überlegte und komponierte Bilder, die aber in ihrer Wirkung nicht überfrachtet wirken. Mit Licht und Schatten spielt er dabei ebenso wie mit den Blickwinkeln selbst. Auch die musikalische Untermalung durch Eastwoods Sohn Kyle überzeugt – bleibt aber wie bei vielen Filmen des Regisseurs spärlich.
Aufmerksame Zuschauer sollten beobachten, wie oft Walt Kowalski im Film eine Waffe abfeuert – eine klarere Aussage hätte Clint Eastwood am Ende seiner Schauspielkarriere kaum treffen können. Dabei verbergen sich hinter Gran Torino viel mehr Aussagen als nur diese. Doch um sie zu verstehen benötigt es auf jeden Fall ein reiferes Publikum, als es die deutlich zu niedrige FSK-Freigabe in Aussicht stellt.


Fazit:
Am augenscheinlichsten steht Walt Kowalski als alter Griesgram für ein archaisches, gewaltgeprägtes und voreingenommenes Fossil, das seinen rassistischen Ressentiments immer und überall ein Ventil verleiht. Bei genauerem Hinsehen jedoch spricht er mit seinen zuerst verletzenden Sprüchen genau diejenigen Klischees an, die seine Opfer seiner Tiraden auch selbst freiwillig bedienen. Zudem steht er für Zivilcourage, anstatt sich im Haus zu verkriechen, für Hilfsbereitschaft, anstatt zuzusehen, wie sich jemand anders nicht zu helfen weiß. Ob er dabei ein Held ist, sei dahingestellt, denn in seiner Vergangenheit gibt es Kapitel, in die man besser nicht eingeweiht wird.
So ergibt sich bei Gran Torino eine überraschend vielseitige Charakterisierung nicht nur einer Figur, sondern mehrerer. Immerhin nehmen die verschlossenen Hmong von nebenan ebenso viel Zeit in der Geschichte in Anspruch. Dabei gelingt dem Filmemacher eine Geschichte mit einer wichtigen Aussage und einem Fazit, das vielleicht dem von Eastwoods ganzer Schauspielkarriere entsprechen soll. Und gerade in unserer heutigen Zeit gibt es sehr wenige Filme, bei denen man gleichzeitig so herzhaft lachen kann – und von ernsten Momenten gleichzeitig so erdrückt wird. So beweist Clint Eastwood hier eindrucksvoll, dass die "alten Hasen" noch nicht zum "alten Eisen" gehören müssen. Und dem beizuwohnen ist nicht nur ein Privileg, sondern Etwas, das man sich nicht entgehen lassen sollte.


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