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Glaubensfrage [2008]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 16. Februar 2009
Genre: Drama

Originaltitel: Doubt
Laufzeit: 104 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2008
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: John Patrick Shanley
Musik: Howard Shore
Darsteller: Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Viola Davis, Alice Drummond, Audrie J. Neenan, Susan Blommaert, Carrie Preston, John Costelloe, Lloyd Clay Brown, Joseph Foster, Bridget Megan Clark


Kurzinhalt:
1964 in der katholischen St. Nicholas Schule in der Bronx führt die strenge Direktorin Schwester Aloysius (Meryl Streep) die übrigen Nonnen und die Schule mit eiserner Hand. Dies umso mehr, seit mit Donald Miller (Joseph Foster) das erste farbige Kind an der Schule unterrichtet wird. Doch die vermuteten Gehässigkeiten durch die übrigen Schüler bleiben großteils aus. Hauptsächlich, weil der charismatische Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman) schützend seine Hand über den Jungen hält und ihn auch als Messdiener in die Gruppe integriert.
Bis die junge Schwester James (Amy Adams) in ihrem Unterricht ein seltsames Verhalten bei Donald feststellt und bemerkt, wie sich auch Pater Flynn ihm gegenüber ungewohnt benimmt. Mit ihrem Verdacht, dass sich der Priester dem Jungen genähert hat, wendet sie sich an Schwester Aloysius, für die der Fall sofort offensichtlich erscheint. Doch Pater Flynn gesteht ihr gegenüber nicht und auch von Donalds Mutter (Viola Davis) erfährt sie keine konkreten Tatsachen.
So setzt Schwester Aloysius alles daran, Pater Flynn unter Druck zu setzen, die Schule zu verlassen. Aber bleiben nicht bei aller Überzeugung ohne handfeste Beweise immer noch Zweifel an der Schuldigkeit des Priesters?


Kritik:
Auf welche Weise es Meryl Streep gelingt, ihre Figur der Schwester Aloysius bedrohlich und doch nicht bösartig erscheinen zu lassen, ist mehr als beeindruckend. Man würde ihr vom ersten Moment an zutrauen, dass sie die Schüler in ihrem Büro foltert und das, obwohl man nie sieht, dass sie (abgesehen von einem Klaps auf den Hinterkopf, wenn während des Gottesdienstes geschlafen wird) Hand an die Kinder anlegen würde. Es genügt allein die Vorstellung, was sie zu tun in der Lage wäre, um einem wenn schon nicht Respekt, dann wenigstens Angst vor ihr einzuflößen. Die preisgekrönte Darstellerin geht in der Rolle der Schuldirektorin auf und wandert gekonnt auf dem feinen Grat, ob ihr nun die Erhaltung er konservativen Methoden der Schule wichtig sind oder aber das Wohl des vermutlich belästigten Donald Miller am Herzen liegt. Ihre Motive sind nie eindeutig, auch wenn man als Zuschauer ihre Ablehnung des dubios erscheinenden Pater Flynn durchaus teilt.
Dessen Absichten und Motive scheinen nie wirklich klar und auch wenn man viele Einblicke in seinen Alltag bekommt, was wirklich in dem Priester vorgeht, bleibt sein Geheimnis. Ob er sich dem Schüler nun genähert hat oder nicht und weswegen er darum bemüht ist, viel Zeit mit den Jungen zu verbringen, wird nicht geklärt. Man soll als Zuschauer die Antworten darauf selbst finden oder sich seine eigenen Vorurteile zurechtlegen. Dass es Philip Seymour Hoffman gelingt, seiner Figur in den wenigen Streitgesprächen mit Streep zudem den Anschein des Opfers zu verleihen, das sich lieber selbst preisgibt, als andere für sich einstehen zu lassen, ist eine erstklassige Leistung, die von dem intensiv agierenden Mimen vorgetragen wird.
Die große Kunst von Autor und Regisseur John Patrick Shanley, der für sein 2004 zum ersten Mal aufgeführtes Bühnenstück gleichen Namens nicht nur viele Preise, sondern darunter sogar den Pulitzer Preis gewonnen hat, besteht darin, die Streitgespräche zwischen den verschiedenen Figuren mit so viel Energie zu versehen, dass man sich auch jenseits der Leinwand wie elektrisiert fühlt. Beinahe so, als würde man sich als Kind in einem Raum mit zwei streitenden Erwachsenen wiederfinden, deren Gespräche man an sich gar nicht hören sollte. Dass die Dialoge mit einem Feinschliff versehen sind, der jedem einzelnen Satz mehrere messerscharfe Bedeutungen verleiht, liegt vermutlich am Ursprung im Theaterbereich. Auch, dass sich in den Dialogen viele Monologe verbergen, ist wohl darin zu sehen. Die Beteiligten werden durch das pointierte Drehbuch in gewissem Maße zu Höchstleistungen gezwungen, was auch bei Viola Davis zu sehen ist, die für ihre wenigen, dafür aber nicht weniger fordernden Minuten im Film ebenso für einen Oscar nominiert wurde, wie die beiden Hauptdarsteller und Amy Adams. Sie stellt die offensichtlichste Verbindung zum Publikum her, bleibt als verständnisvolle und menschliche Lehrerin der Schule, die sich auch gegen die Direktorin stellt, ein emotionaler Anker für den Zuschauer. Bis sie erkennt, dass ihre Gutmütigkeit und ihr Vertrauen in die Schüler missbraucht werden. Dann greift sie zu den einzigen Methoden, die funktionieren und die Schwester Aloysius schon so lange umsetzt, dass sie bei ihr zum Teil ihrer Persönlichkeit wurden. Den Fall von Schwester James mitzuerleben, zu beobachten, wie sie dem immer ähnlicher wird, was sie zu vermeiden hoffte und wie ihr Bestreben Guts zu tun letztlich in genau dem Gegenteil endet, ist das eigentliche Drama von Glaubensfrage.

Denn um mit Schwester Aloysius mitzufiebern oder aber sich auf Pater Flynns Seite zu fühlen, erfährt man von beiden Figuren zu wenig. Zur Direktorin werden einige Hintergründe angedeutet, die aber nie aufgelöst werden. Auch bei den Schülern, insbesondere bei Jimmy, der gegenüber Schwester James ausfallend wird, scheint es Elemente in der Geschichte zu geben, die verloren gegangen sind und nicht weiter beachtet werden.
Donald Miller und was wirklich zwischen ihm und Pater Flynn vorgefallen ist, berührt nicht in dem Maße, wie es bei einem solchen Drama an sich angebracht wäre. Dafür bleiben die Figuren zu skizzenhaft und die einzige Person, mit der man mitfühlt – Schwester James – als Nebenfigur unterentwickelt.

Regisseur und Autor John Patrick Shanley kleidet sein Drama in authentische Bilder mit einer beinahe schon Furcht einflößend realistischen Atmosphäre, doch nimmt einen die Erzählung trotz der Bilder, der stimmungsvollen Musik von Howard Shore und der Leistungen der Beteiligten nicht so sehr mit, wie es bei Dramen wie Sleepers [1996] oder der verstörenden TV-Produktion Gestohlene Kindheit [1997] der Fall war.
Das mag zwar daran liegen, dass Shanley seine Aussage mit dem "Zweifel" unterstreichen wollte, doch hätte Doubt, so der Originaltitel, das Potential für ein ergreifenderes Porträt jener Zeit und jener Thematik besessen.


Fazit:
Es ist ein überaus schwieriges Thema, das Regisseur und Autor John Patrick Shanley in seiner Theaterstückadaption vorstellt. Kaum ein Zuschauer wird dem nicht voreingenommen gegenüberstehen und Pater Flynn nicht schon verurteilen, ehe er überhaupt die Möglichkeit bekam, sich dazu zu äußern. Dass die Filmemacher damit einen Lernprozess beabsichtigen, ist völlig klar, nur verliert dieser etwas an Aussagekraft, wenn auch am Ende nicht geklärt wird, ob das Vorurteil nun berechtigt ist oder nicht.
Kraftvoll getragen von einem intensiven Spiel aller Beteiligten ist Glaubensfrage ein authentisches, beklemmendes Drama mit einem Tabuthema, das trotzdem nicht so sehr auf eine emotionale Weise packt. Bei den Streitgesprächen vibriert die Luft zwischen den Akteuren, doch ein Mitgefühl für das selten zu sehende, vermeintliche Opfer stellt sich seltsamerweise nur bedingt ein.


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