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Für alle Fälle Fitz: "Tod eines Knaben" [1993]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 26. März 2006
Genre: Drama / Krimi

Originaltitel: Cracker: "One Day a Lemming Will Fly"
Laufzeit: 98 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 1993
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Simon Cellan Jones
Musik: Roger Jackson
Darsteller: Robbie Coltrane, Christopher Eccleston, Barbara Flynn, Lorcan Cranitch, Geraldine Somerville, Kieran O'Brien, Tess Thomson, Amelia Bullmore, Christopher Fulford, Frances Tomelty, Lee Philip Hartney, Tim Healy, Wesley Cook, Trevyn McDowell, Tom Urwin


Kurzinhalt:
Nachdem Judith (Barbara Flynn), die Ehefrau des Psychologen Fitz (Robbie Coltrane), wieder zu Hause eingezogen ist, beginnt der schwierige Prozess der erneuten Annäherung, den der wortgewandte Analytiker nicht wirklich einfacher gestaltet.
Der neue Kriminalfall, zu dem ihn DCI Bilborough (Christopher Eccleston) hinzuzieht, scheint da beinahe wie eine willkommene Abwechslung: Kurz nachdem der 14-jährige Tim von seinen getrennt lebenden Eltern Julie Lang (Frances Tomelty) und ihrem Mann (Tim Healy) als vermisst gemeldet wurde, wird die Polizei auf den Fundort der erhängten Leiche aufmerksam gemacht. Es dauert nicht lange, bis das Einsatzkommando, darunter DS Penhaligon (Geraldine Somerville) und DS Beck (Lorcan Cranitch), einen schwer Tatverdächtigen ausgemacht hat: Tims Lehrer Nigel Cassidy (Christopher Fulford), von dessen Schuld selbst Fitz überzeugt ist.
Er beginnt, Cassidy zu verhören, um aus ihm ein Geständnis herauszubekommen, auch wenn dieser sich zunächst standhaft weigert. Als er aus Mangel an Beweisen freigelassen wird, formiert sich in Kürze ein Mob, um den vermeintlich Schuldigen selbst zu richten – Bilborough wird von seinen Vorgesetzten und den Medien unter Druck gesetzt und benötigt schnelle Ergebnisse.
Deshalb setzt Fitz alles daran, Cassidy zum Reden zu bringen – wobei er sich derart in seine Überzeugung hineinsteigert, dass er andere Möglichkeiten gar nicht mehr in Betracht zieht ...


Kritik:
Nicht von ungefähr greift Serien-Erfinder und Drehbuch-Autor Jimmy McGovern in seinen Für alle Fälle Fitz-Krimis schwierige Themen auf. Er nutzt die Gelegenheit, seinen markanten Hautcharakter anhand schrecklicher, wenngleich leider nicht ungewöhnlicher Verbrechen reifen, und den Zuschauer an dieser Entwicklung teilhaben zu lassen. Aber obwohl der gewichtige Fitz im Zentrum der Geschichte steht, nimmt sich der Autor zusätzlich die Zeit, sowohl Opfer, als auch Täter zu porträtieren, und erzählt im dritten Cracker-Film, "Tod eines Knaben", gleichzeitig ein Drama, das tragischerweise für viele Familien Realität geworden ist, und das die Gemeinschaft der betroffenen Ortschaften ebenso prägt, wie die ermittelnden Polizisten.
Während die Dialoge dieses Dilemma sehr gut einfangen, stören dagegen die unterkühlt wirkenden Darsteller-Leistungen von manchen Beteiligten und die mitunter sprunghafte Geschichte, bei der man das Gefühl nicht los wird, als wären Schlüssel-Momente ausgelassen worden.

Gerade im Hinblick darauf, dass der vorherige Fall des Psychologen Fitz, "Mörderische Liebe", mit zweieinhalb Stunden sehr lang geraten ist, und nicht zuletzt deshalb eine überragende Charakter-Tiefe aufwies, verwundert es ein wenig, dass der Abschluss der ersten Staffel der schonungslosen Krimi-Serie deutlich kürzer ausfällt.
Autor McGovern verleiht seinen Figuren zwar dennoch viele Facetten und entwickelt die bekannten Charaktere konsequent weiter – der Krimi gerät dabei indes völlig ins Hintertreffen. Stattdessen konzentriert sich die Episode auf das ohne Frage sehr wichtige Thema des gesamten Trauerprozesses, durch den die Angehörigen der Opfer jenen unvorstellbaren Verlust überhaupt erst verarbeiten müssen. Wie schmal der Grat zwischen Trauer und Wut ist, fängt das Krimi-Drama in anschaulichen Sequenze ein, in denen sogar Polizeifahrzeuge von erbosten Anwohnern belagert werden.
Diese Dynamik, angeschürt von unbedachten Äußerungen von Seiten der Ermittlungsbehörden, wird sehr plastisch und realistisch geschildert, wohingegen die Reaktionen der direkten Familienangehören infolge mangelnder Emotionalität zu Beginn nicht so recht zu überzeugen vermögen. Dafür führt McGovern mit Nigel allerdings eine Figur ein, deren Schicksal tatsächlich berührt, und die trotz einer gewissen Zurückhaltung dem scheinbar überlegenen Fitz überraschend Widerstand leistet – und beobachtet man beim Finale denjenigen Moment, in dem Nigel seinen alles entscheidenden Entschluss fasst, kann man an der Vorlage den gelungenen Tempowechsel nur bewundern. Die Szenen zwischen Nigel und Fitz beinhalten somit auch die besten Dialogzeilen des Falles, und die fast greifbare Spannung wird durch Jimmy Becks Anwesenheit und bissige Einwürfe noch verstärkt.
Trotzdem kann man nicht umhin, sich über manche Story-Elemente, plötzlich entwickelnde, stärkere Anziehungen unter den Personen und beispielsweise dem Fehlen von sich eigentlich anbietenden Szenen wie einer Unterredung zwischen Fitz und seiner Ehefrau Judith nach einem gewaltsamen Angriff auf den Psychologen, zu wundern. So entsteht unweigerlich der Eindruck, als wäre der Fall nachträglich auf die vorgegebene Länge zusammengekürzt worden – und das, obgleich die Spannungskurve im Mittelteil insofern einen Knick erfährt, als dass der mutmaßliche Täter ja bereits gefasst ist, und man lediglich auf ein Geständnis wartet.
Die psychologischen Feinheiten, die sich in "Tod eines Knaben" offenbaren, sind nach wie vor bemerkenswert und stehen aufgrund ihrer Vielschichtigkeit denen der bisherigen Episoden in nichts nach; allerdings hätte man all das ein wenig leichter zugänglich gestalten und in einer etwas packenderen Folge unterbringen können. Im Endeffekt wirkt die Erzählung nicht nur wegen der sich sehr langsam entfaltenden Gefühlsbindung für die Hinterbliebenen des Opfers etwas zäh. Das Ende überrumpelt den Zuschauer dann aber mit einer der einfallsreichsten und erschreckendsten Wendungen schlechthin.

Die Darsteller danken die zahlreichen Charakter-Momente mit durchweg hervorragenden Leistungen, wobei Robbie Coltrane diesmal nicht in dem Maße gefordert ist, wie noch im letzten Fall, auch wenn es ihm mühelos gelingt, seiner nuancierten Figur Tiefe zu verleihen. Er verkörpert selbst die lediglich angedeuteten, hintergründigen Attribute des Charakters gekonnt und sorgt so für ein detailliertes, natürliches Bild von Fitz, der trotz seiner Fehler und seiner offenkundigen Arroganz menschlich und letztlich sympathisch bleibt, nicht zuletzt, weil er – getreu dem Rat, den er seinen Patienten stets auf den Weg gibt – mit den Konsequenzen seiner Fehler leben muss.
Am meisten wird in "Tod eines Knaben" jedoch Christopher Eccleston in den Mittelpunkt gerückt, dem ein ebenso temperamentvolles, wie natürliches Spiel gelingt, das seine zuvor eher distanzierte Figur inmitten eines emotionalen Chaos dem Zuschauer vollauf nahe bringt, und ihn auf seine Seite zieht. Eccleston leistet hervorragende Arbeit und trägt seine Szenen merklich; er verleiht Bilborough nun wirklich jenes Charisma, das man von einem Einsatzleiter erwarten würde, das bislang aber nur selten durchblitzen durfte.
Lorcan Cranitch hat hier ebenfalls mehr zu tun und macht seine Sache wie gewohnt sehr gut, wobei seine Figur auf viel subtilere Art und Weise voran gebracht wird, als es bei anderen in der Serie der Fall ist. Behutsam trägt Drehbuch-Autor Jimmy McGovern eine Schicht nach der anderen ab und legt so den Charakter von Jimmy Beck blank – Cranitch überzeugt in der schwierigen Rolle problemlos und ist Fitz mittlerweile eher gewachsen, als in den bisherigen Fällen.
Barbara Flynn und Geraldine Somerville spielen gewohnt routiniert und engagiert, obgleich beide mehr im Hintergrund bleiben.
Von Amelia Bullmore, die als Ecclestons Filmgattin einen kurzen Auftritt genießt, ist zu wenig zu sehen, und auch Trevyn McDowell hat nur einen ganz kurzen Auftritt.
Die zu Beginn reservierte Darbietung von Frances Tomelty, Tim Healy und Lee Philip Hartney verwundert zwar – wie die Eltern des Opfers aber im Gespräch mit Fitz aufbrechen, ist nicht nur exzellent geschrieben, sondern gleichermaßen gut gespielt. Während ihre Figuren so angelegt sind, dass einem der Zugang zu ihnen unnötig schwer gemacht wird, sind die Darsteller ohne Frage talentiert und gehen in ihren Rollen auf.
Den Abschluss der durchweg exzellenten Besetzung bildet Christopher Fulford als Fitz' Gegenspieler Nigel, der schon seit Anfang der 1980er Jahre in Film und Fernsehen vertreten ist, und unter anderem im Thriller D-Tox - Im Auge der Angst [2002] neben Sylvester Stallone agierte. Fulford verleiht seiner mysteriösen und durchaus bemitleidenswerten Filmfigur ein Charisma, das dem Hauptprotagonisten Paroli bietet. Die Tragik wird gerade im letzten Drittel deutlich und hebt Für alle Fälle Fitz dadurch und dank der außergewöhnlichen Darbietung spürbar von ähnlich gelagerten Genre-Serien ab.

An der Umsetzung durch TV-Regisseur Simon Cellan Jones, der neben vielen TV-Projekten das preisgekrönte Drama Some Voices [2000] mit dem kommenden James Bond-Darsteller Daniel Craig (München [2005]) inszenierte, gibt es ebenfalls wenig auszusetzen, auch wenn die Collage zu Beginn etwas erzwungen scheint. Mit einem stärkeren Fokus auf den Überlebenskampf des Opfers wäre hier zweifellos eine stärkere Einbeziehung der Zuschauer möglich gewesen, anstatt hin und her zu springen und immer wieder bloße Schnipsel aus den Erlebnissen der Figuren zu präsentieren.
Der restliche Krimi wartet allerdings mit einigen langen Kamerafahrten und ein paar sehr einfallsreichen, weil "sprachgewaltigen" Perspektiven auf. Die Darsteller werden zwar in den Mittelpunkt gerückt, das Leid der Figuren aber dennoch nicht in Großaufnahme eingefangen – vielmehr lässt der Regisseur den Akteuren genügend Raum und vermeidet jeden Anflug von Voyeurismus.
Der TV-Krimi gibt sich routiniert und stellenweise überraschend innovativ, und erhält während der Verhörszenen die aus den ersten beiden Fällen bekannte, klaustrophobische Stimmung, die darüber hinaus auch zur Geltung kommt, wenn sich Fitz zusammen mit Nigel und Penhaligon dem Mob gegenüber sehen.
Handwerklich ist "Tod eines Knaben" gut gelungen und hätte sicherlich vom cineastischen Flair des 16:9-Formats zusätzlich profitiert.

Die musikalische Begleitung, die erneut von Roger Jackson stammt, vermag indes nicht in gleichem Umfang zu überzeugen. Von dem immerhin von Jackson persönlich bei "Mörderische Liebe" eingeführten Thema für Fitz und Judith ist nichts mehr zu hören, und das für "Tod eines Knaben" geschriebene neue Motiv wiederholt sich allzu oft, ohne dass es wirklich im Gedächtnis haften bleibt.
Der restliche Score ist durchaus atmosphärisch, setzt aber keine neuen Akzente und lässt die Figuren überraschenderweise gerade in den fordernden Szenen allein, obgleich sich hier eine dezente Untermalung angeboten hätte. Im Ergebnis hinterlässt die Musik zwar keinen schlechten Eindruck, wirkt jedoch etwas uninspiriert und nur wenig tatsächlich auf die Episode zugeschnitten.

Den Abschluss der ersten Staffel von Für alle Fälle Fitz endgültig einzuschätzen, fällt zugegebenermaßen schwer: Einerseits sind die Charakterisierungen wieder sehr gut geworden, und das schwierige Thema handhabt Autor Jimmy McGovern erwartungsgemäß gekonnt, gewinnt ihm mit den daran beteiligten Parteien zudem immer wieder neue Facetten ab und wartet mit einer Wendung zum Schluss auf, die einen als Zuseher in der Tat kalt erwischt. Gleichzeitig wirkt der Krimi-Anteil des Falles selbst aber unterrepräsentiert und einige Sprünge innerhalb der Geschichte verstärken das Gefühl, als wäre der TV-Film nachträglich auf eine kürzere Laufzeit beschränkt worden. Außerdem ist "Tod eines Knaben" nicht in dem Maße spannend oder fesselnd, wie die beiden letzten Krimis.
Aus dem schwierigen und tragischerweise stets aktuellen Thema wäre ohne Frage mehr zu machen gewesen, das hat McGovern in den letzten Krimis bereits bewiesen. Legt man allerdings auf die Charakter-Entwicklungen Wert, wird man als Stammzuschauer nicht enttäuscht – und nicht zuletzt dank der ausgezeichneten Darsteller-Leistungen kann das Staffel-Finale gefallen.


Fazit:
Bewusst sucht sich Autor und Serien-Erfinder Jimmy McGovern stets problematische und aktuelle Themen heraus, die er in seiner Erfolgsserie Für alle Fälle Fitz behandelt. Währenddessen entwickelt er aber auch seine Hauptfigur und die Nebencharaktere ständig weiter, die hier allesamt sehr gefordert sind.
Die Stärke der ungewöhnlichen Krimis lag bislang immer darin, Charakter-Profile zu erstellen und fernab der klischeebeladenen Pfade herauszukristallisieren. Eben das gelingt dem Autor auch in "Tod eines Knaben", und insbesondere durch die ausgezeichneten Dialoge wird die jeweilige Situation für den Zuschauer spürbar. Doch berührt gerade das Schicksal der Hinterbliebenen überraschend wenig, was vor allem an der kühlen Reaktion der Beteiligten liegt. Erst später greift McGovern die vielschichtigen Figuren wieder auf und baut ihre Trauer zu einem tragenden Element des TV-Films aus.
Die überragenden Darsteller sind es, die auch den etwas schleppenden Mittelteil mühelos tragen, und selbst dann überzeugen, wenn es dem Zuschauer durch die ungewohnte Regie-Arbeit und die etwas einfallslose Musik nicht ganz so leicht gemacht wird, wie in den bisherigen Episoden. Die mutige Auflösung ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben.


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