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Für alle Fälle Fitz: "Mord ohne Erinnerungen" [1993]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 11. März 2006
Genre: Drama / Krimi

Originaltitel: Cracker: "The Mad Woman in the Attic"
Laufzeit: 94 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 1993
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Michael Winterbottom
Musik: Julian Wastall
Darsteller: Robbie Coltrane, Christopher Eccleston, Barbara Flynn, Lorcan Cranitch, Geraldine Somerville, Kieran O'Brien, Tess Thomson, Adrian Dunbar, Paul Copley, David Crellin, Alan David, Daryl Fishwick


Kurzinhalt:
Als Psychologe ist es Dr. Edward "Fitz" Fitzgerald (Robbie Coltrane) gewohnt, Menschen blitzschnell einzuschätzen und ihre wunden Punkte zu erkennen. Seine eigenen kennt er nur allzu zu gut: er isst zuviel, er trinkt zu viel, er raucht zu viel – und er spielt zu viel. Dies bringt seine Ehefrau Judith (Barbara Flynn) so weit, dass sie mit der gemeinsamen Tochter Katie (Tess Thomson) das Haus verlässt, wohingegen der ältere Sohn Mark (Kieran O'Brien) mit Fitz zurückbleibt.
Als wären die plötzliche Trennung und die immens hohen, von Fitz verursachten Schulden nicht schon schlimm genug, wird auch noch eine seiner Studentinnen ermordet aufgefunden. Die Polizei hat sogar recht schnell einen Verdächtigen, Thomas Kelly (Adrian Dunbar), in Gewahrsam.
Doch Kelly kann sich an nichts aus seinem vorherigen Leben erinnern, und erst nachdem Fitz mit den Eltern der Ermordeten Kontakt aufgenommen hat, zieht ihn Chef-Ermittler Detective Chief Inspector David Bilborough (Christopher Eccleston) als Berater hinzu. Fitz ungewöhnliche Methoden überraschen dabei nicht nur Bilborough, sondern auch bei dessen Kollegen Jimmy Beck (Lorcan Cranitch) und Jane Penhaligon (Geraldine Somerville).
Aber je mehr Zeit Fitz mit Kelly verbringt, umso mehr gelangt er zu der Überzeugung, dass der Mann ohne Gedächtnis nicht der wahre Täter ist – und stößt damit bei Polizei und Hinterbliebenen auf eine Mauer aus Unverständnis ...


Kritik:
Es gibt kaum einen Preis, für den die Krimi-Serie Für alle Fälle Fitz nominiert war, den sie nicht auch bekommen hat. Selbst zehn Jahre, nachdem der (bislang) letzte Fall um den eigentlich unsympathischen Sympathieträger Eddie "Fitz" Fitzgerald über die internationalen Bildschirme flimmerte, erfreut sich die markante, renommierte Serie großer Beliebtheit. Erfinder Jimmy McGoverns (Heart - Jeder kann sein Herz verlieren [1999]) Drehbücher wurden zum Teil selbst beim (zu Recht kurzlebigen) US-Remake Immer wieder Fitz [1997-1998] verwendet, und der Autor war für seine Arbeit an Für alle Fälle Fitz gar für den britischen "Oscar", den "British Academy of Film and Television Arts Award" (BAFTA), nominiert.
Mit "Mord ohne Erinnerungen" gab die erfolgreiche Serie ihren Einstand, und verdeutlicht dabei schon im Serien-Auftakt gekonnt, was Zuschauer und Kritiker an ihr zu schätzen wissen. Statt Hochglanz-Optik und erfolgreichen, schönen Menschen als Hauptfiguren, wirken die Beteiligten aus dem Leben gegriffen, selbst die Räumlichkeiten scheinen echt, und erwecken den Eindruck, als hätten die Personen bereits jahrelang darin gelebt. Was Cracker, wie die Krimiserie prägnant im Original heißt, von der Konkurrenz in beispielhafter Weise abhebt, sind die pointierten Dialoge, die bisweilen in gleichem Maße amüsant und packend sind, die Darsteller fordern und ihre Charaktere präzise auf den Punkt bringen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass neue Reihen im Laufe der ersten Episoden ihren letzten Schliff erhalten; Ideen und Konzepte, mit denen die Macher im Pilot-Film aufwarten, finden bei Zuschauern oft nicht den gewünschten Anklang und werden fortan entsprechend abgewandelt und angepasst. Viele Serien beginnen wie abendfüllende Filme damit, den Zuschauer in das Leben einer Figur einzuführen, sie in ihrem Glück zu beschreiben, um fortan zu zeigen, wie ihr Leben aus den Fugen gerät.
Drehbuch-Autor Jimmy McGovern geht in "Mord ohne Erinnerungen" einen gänzlich anderen Weg und präsentiert dem Zuschauer seine Hauptfigur "Fitz" nicht in einem sorgenfreien Zustand, allerdings auch nicht auf seinem Tiefpunkt angekommen, sondern – und das machen die Verhaltensweisen und die Entwicklung der Episode deutlich – auf einem sehr steilen und schnellen Weg in Richtung Abgrund. Als Trinker, Kettenraucher, Spielsüchtiger und Zyniker hat Fitz zunächst nicht viele Sympathien auf seiner Seite, dennoch wird recht schnell klar, dass hinter der hemmungslosen und egoistischen Person ein brillanter Kopf steckt, dem es auf faszinierende Art und Weise gelingt, in den Geist von Patienten oder Verdächtigen einzudringen. Dabei mag es ihm vereinzelt an Taktgefühl mangeln, aber allein die Tatsache, dass er sich um andere bemüht, bei der Aufklärung der Morde helfen möchte, und für seine Meinung sogar dann einsteht, wenn sie bei der Polizei unpopulär geworden ist, ringt dem Zuseher Respekt für diese Figur ab, die zwar in der Lage ist, andere Menschen in Sekundenschnelle zu durchschauen und genauso schnell zu verurteilen, aber seine eigenen Süchte und Abhängigkeiten nicht zu kontrollieren vermag – obgleich Fitz sich ihrer wohl bewusst ist.
McGovern erschuf bereits in den ersten 20 Minuten einen so facettenreichen und vielschichtigen Charakter, wie man ihn derart kompromisslos selten in filmischer Form erlebt hat. Dass es ihm gleichzeitig, allein durch kleine Dialoge und Andeutungen gelingt, den übrigen Figuren (allen voran Jane Penhaligon) ebenfalls Tiefe zu geben, und auch in wortlosen Szenen durch Verhalten und Körpersprache Ausdruck zu verleihen, ist erstaunlich und bewundernswert. Selbst der Krimi-Anteil, der zugegebenermaßen recht spät in Fahrt kommt, und bei weitem nicht den Stellenwert einnimmt, wie die psychologische Analyse der einzelnen Beteiligten, überzeugt mit authentischen Details und einer entsprechend realistischen, gänzlich unreißerischen Ermittlungsarbeit.

Dank der exzellenten Vorlage werden alle Darsteller merklich gefordert – insbesondere natürlich Robbie Coltrane, der dem ansich wenig sympathischen Fitz nicht nur ein Gesicht, sondern von Anfang an eine richtige Persönlichkeit verleiht. Aufgrund der vielschichtigen, bisweilen auf subtile Weise verräterischen Mimik, seiner grundsätzlichen Körperhaltung und dem allgemeinen Auftreten hat man nie das Gefühl, er würde die Figur des Fitz nur spielen; vielmehr scheint es, als wäre ihm die Rolle tatsächlich auf den Leib geschrieben worden.
Dass die übrigen Beteiligten sicherlich in Coltranes Schatten stehen, stört aber schon deshalb nicht, weil sie alle etwas zu tun bekommen, und insbesondere Barbara Flynn, die nur kurze Auftritte als Fitz' Ehefrau Judith hat, bietet einen überraschend resoluten Gegenpol zur einnehmenden Persönlichkeit Fitz'.
Von den Ermittlern wird – eher unerwarteterweise – Geraldine Somervilles Jane Penhaligon am meisten eingebunden, die zwar nicht allzu viel Dialog zu bewältigen hat, indes gerade in ihrem wortlosen Auftritt beim Finale durch eine exzellente Körpersprache zu überzeugen weiß.
Christopher Eccleston, der noch recht wenig von seinem Talent zeigen darf, gefällt ebenso, und hinterlässt einen sehr guten Eindruck.
So auch Lorcan Cranitch, dessen Jimmy Beck wohl am "ungeschliffensten" bleibt, und der durch sein raues Verhalten angesichts der Verbrechen die menschlichste Reaktion zeigt.
Die wenigen Momente von Fitz' Film-Kindern Kieran O'Brien und Tess Thomson sind nicht weniger gelungen und den Akteuren darf man insofern gratulieren, als dass sie überzeugend in diese Familie hineingeboren wirken.
Eine überragende Leistung zeigt darüber hinaus Adrian Dunbar, dem die schwierige Aufgabe oblag, einen Mordverdächtigen mit Amnesie zu verkörpern. Thomas Kellys Frustration angesichts des mangelnden Erinnerungsvermögens und seine eigenen Zweifel an seiner Unschuld kommen hervorragend zur Geltung, und trotz der zurückhaltenden Mimik zieht der nordirische Darsteller den Zuschauer auf seine Seite.
An ihm schließt die übrige Besetzung an, die keine Wünsche offen lässt und durchweg sehr gut ausgewählt wurde.

Regisseur Michael Winterbottom zählt zu den unscheinbarsten Regisseuren Englands, dabei genießt er einen ausgezeichneten Ruf. Früher hauptsächlich im TV-Bereich tätig, zog es ihn immer wieder auf die große Leinwand, für die er Filme wie Herzen in Aufruhr [1996] (wieder mit Christopher Eccleston) inszenierte und vor nicht allzu langer Zeit mit Code 46 [2003] eine ungewöhnliche Science-Fiction-Vision umsetzte. Winterbottom bereitete unter anderem die preisgekrönte Literatur-Verfilmung Gottes Werk & Teufels Beitrag [1999] vor, ehe er das Projekt kurz vor Drehbeginn verließ.
Für "Mord ohne Erinnerungen" durfte er leider noch nicht auf das heutzutage (zu Recht) beliebte 16:9-Format zurückgreifen, doch hätte ihm dieses Bildverhältnis sicher eine ansprechendere Optik ermöglicht.
Kamera und Schnitt erzeugen durch ihre ruhige Führung und gleichzeitig lange Kamerafahrten durch die Gebäude und Räumlichkeiten, sowie infolge der interessanten Schnittfolge beim Finale, wenn der Täter schließlich enthüllt wird, ohnehin das Gefühl, als wären sie sorgfältig zusammengestellt und durchdacht. Die entstehende Bildersprache wirkt dabei mitunter so klaustrophobisch, wie sie an geeigneten Stellen die Figuren vereinsamt erscheinen lässt. Ohne auf Ekel-Effekte bei dem Fund der Leiche oder der Obduktion oder zu setzen, wird die Arbeit der Ermittler dennoch wirklichkeitsgetreu vermittelt, obgleich aufgrund der Geschichte kaum inszenatorische Spannungsmomente möglich oder notwendig sind – diese konzentrieren sich vielmehr auf die Dialoge, die jedoch ebenfalls so geschnitten sind, dass immer die richtige Reaktion des Gesprächspartners eingefangen wird.
Handwerklich gibt es am Pilot-Film von Für alle Fälle Fitz nicht das Geringste zu bemängeln.

Die gesungenen Jazz-Stücke von Carol Kidd tragen zum unvergleichlichen Flair der Reihe in gleichem Maße bei, wie Julian Wastalls ruhige, kaum wahrnehmbare, nichtsdestotrotz sehr stimmungsvolle Instrumental-Kompositionen das Geschehen gekonnt untermalen.
Dabei gibt sich der Score teilweise sehr orchestral, anderenorts wieder eher elektronisch, aber nie aufdringlich oder unpassend.

Es entsteht nicht zuletzt durch die besonnene Umsetzung, die erstklassigen Darsteller und die realistischen, weil bewohnten Sets der Eindruck, als wollten die Macher stellenweise eine Dokumentation über den Polizei-Alltag drehen. Den Fokus allerdings auf einen im Grunde gebrochenen Charakter zu legen, der sich seiner Probleme durchaus bewusst ist, und dennoch nicht in der Lage sieht, sie zu ändern, ist ein neuartiger und in der Konsequenz der Durchführung sehr mutiger Ansatz.
Autor Jimmy McGovern zeichnet lebensnahe Figuren, die von einem beeindruckenden Ensemble dementsprechend verkörpert werden. Der Krimi-Aspekt spielt nur eine untergeordnete Rolle, stattdessen konzentriert sich der Serien-Erschaffer darauf, seine zukünftigen Hauptcharaktere vorzustellen. Und das gelingt ihm effektiv und mitreißend. "Mord ohne Erinnerungen" ist für sich genommen schon ein wirklich sehr guter Film, der in Sachen Vielschichtigkeit auf eine Roman-Vorlage schließen lassen würde – als Serien-Auftakt ist er aber ebenso makellos wie "appetitanregend", zumal die Macher bereits hier beweisen, dass sie vor Veränderungen an den Figuren nicht zurückschrecken.


Fazit:
Versierte Krimi-Fans mögen angesichts der etwas spärlichen, allerdings mit einigen Überraschungen versehenen Ermittlung in "Mord ohne Erinnerungen" möglicherweise enttäuscht sein, betrachtet man Für alle Fälle Fitz aber nicht als reine Krimi-Unterhaltung, sondern vorrangig als Charakter-Studie mit Drama-Elementen, erstaunen sowohl die vielen unterschiedlichen Protagonisten, die Autor und Serien-Erfinder Jimmy McGovern in seinem Auftakt mit einbindet, als auch speziell die kompromisslose Umsetzung seiner Hauptfigur Fitz.
Von Robbie Coltrane charismatisch und schwindelerregend realistisch verkörpert, verfällt man bereits in den ersten 45 Minuten dem profilierten Psychologen, der als gleichermaßen tragische, wie brillante Figur etabliert wird. Dank der sehr guten, routinierten Inszenierung mit zahlreichen ruhigen Einstellungen und aussagekräftigen Bildkompositionen gelingt Regisseur Michael Winterbottom eine authentische Atmosphäre, in der er seinen Akteuren viel Raum zur Entfaltung gewährt.
Alles zusammen ergibt einen faszinierenden Serien-Beginn mit messerscharfen Dialogen und einem hohen Unterhaltungswert, der den Mangel an Spannung im unterrepräsentierten Krimi-Anteil nebensächlich werden lässt.


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