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Easy Virtue - Eine unmoralische Ehefrau [2008]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 30. Juni 2010
Genre: Komödie / Liebesfilm / Drama

Originaltitel: Easy Virtue
Laufzeit: 97 min.
Produktionsland: Großbritannien / Kanada
Produktionsjahr: 2008
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Stephan Elliott
Musik: Marius De Vries
Darsteller: Jessica Biel, Ben Barnes, Kristin Scott Thomas, Colin Firth, Kimberley Nixon, Katherine Parkinson, Kris Marshall, Christian Brassington, Charlotte Riley, Jim McManus, Pip Torrens


Kurzinhalt:
Die Aufregung ist groß, als der ins Ausland gereiste Sohn John (Ben Barnes) zum Anwesen der Whittakers nach England zurückkehrt. Umso größer ist die Entrüstung, als John seine Ehefrau Larita (Jessica Biel) vorstellt. Über die Amerikanerin wurde selbst im Königreich in der Presse berichtet, scheint sie doch wie eine energievolle Frau, die sich selbst in die Männerdomänen der 1920er Jahre vorwagt. Ihr Empfang durch Johns Mutter, Mrs. Whittaker (Kristin Scott Thomas) ist entsprechend kühl, auch wenn Mr. Whittaker (Colin Firth) von ihr begeistert scheint. Für die Töchter Hilda (Kimberley Nixon) und Marion (Katherine Parkinson) steht Larita für jenes exotische Frauenbild, das nicht nur die Köpfe der ortsansässigen Männer verdreht, sondern dem von ihrer konservativen Mutter eingeprägten Verfall der moralischen Werte entspricht.
Nach dem Aufeinanderprallen der unterschiedlichen Weltansichten verschärfen sich die Feindseligkeiten zwischen den Frauen. Und während John immer mehr in die Traditionsverbundenheit seiner Familie zurückfällt, und Mr. Whittaker von seinem Trauma des Ersten Weltkriegs erwacht, graben die Töchter ein Geheimnis aus, das Larita aus ihrer Vergangenheit verfolgt und ihre junge Ehe in Gefahr bringt ...


Kritik:
Mrs. Whittaker hat selbst im Schlafzimmer zahlreiche Bilder ihrer Hunde stehen, aber kein einziges ihrer drei Kinder. Sie ist eine Frau, die mit Strenge ihren Haushalt regiert, sich mit einem Mann herumärgern muss, dessen Lebensmut auf den Schlachtfeldern Europas im Ersten Weltkrieg begraben wurde, und der selbst ihrer Verachtung für ihn nur mit Gleichgültigkeit begegnet. Es muss zermürbend sein, im England der späten 1920er Jahre, wenn man mit ansehen muss, wie der Sohn sich die Hörner in fremden Ländern abstößt und so Erinnerungen an den eigenen Ehemann wieder aufkommen, während die beiden Töchter nicht in der Lage scheinen, einen Mann zu finden, der sie heiraten möchte. Aber würde das Mrs. Whittaker überhaupt wollen? Wer regiert gern ein leeres Haus? Die Ausgangslage, so fröhlich und spritzig sie in Easy Virtue dargebracht wird, ist eine sehr ernstzunehmende und eine, die heute ebenso gültig ist wie vor 85 Jahren, als das Bühnenstück zum ersten Mal aufgeführt wurde. Sie nimmt mit den klassischen Gesellschaftsidealen sogar deutlich mehr Raum ein als die mysteriöse Aura, die Larita schon nach ihrer Ankunft im Anwesen umgibt. Die Wurzeln des Kammerspiels sieht man dieser zweiten Filminterpretation des Stoffes nicht zuletzt an den Dialogen an und man kann sich kaum vorstellen, wie Alfred Hitchcocks Adaption Easy Virtue [1928] als Stummfilm funktionieren sollte. Die verschiedenen Wortgefechte, sei es zwischen Mr. und Mrs. Whittaker, oder zwischen ihr und Larita, oder gar am Essenstisch der ganzen Familie mit dem Diener Furber, entwickeln eine Dynamik, die durch die spitzen Bemerkungen und die subtilen Taktiken auf die Spitze getrieben werden. Man merkt es selbst der verbittert erscheinenden Mrs. Whittaker an, wie fasziniert sie von der lebensfrohen Larita ist, die sämtliche Konventionen jener Zeit auf den Kopf stellt und das Leben selbst in die Hand nimmt, anstatt es sich diktieren zu lassen. Womöglich erinnert es die Familienherrin daran, wie sie sich ihr Leben einst vorstellte, was sie aufgegeben hatte, um den Whittakers ein Überleben zu sichern. Für ihren Mann ist Larita weniger eine Versuchung und man sollte es dem Drehbuch hoch anrechnen, dass ihnen keine Romanze angedichtet wird. Vielmehr steht die junge Frau für ihn für das Leben, auf das er nach dem Überstehen der Schlachtfelder des Krieges ein Anrecht zu haben glaubte – und das er in gewissem Sinne zurückgelassen hat. Sie könnte für ihn eine Möglichkeit bieten, aus dem Gefängnis seines Hauses auszubrechen – zumindest symbolisiert sie für ihn nach all der Zeit ein Ziel.

Wie skandalös und faszinierend exotisch der übrige, ansässige Adel die junge Amerikanerin empfindet, kann man sich vorstellen. Sie umgibt eine Aura wie die eines wilden Tiers im Zoo, gefangen im Käfig des Whittakerschen Anwesens. Die Oberflächlichkeit jener Gesellschaft mag verachtenswert erscheinen, wenn man sich nicht vor Augen führt, wie zerbrechlich ihre Contenance tatsächlich ist und wie zerrüttet das, was darunter liegt. Niemand aus dem Dorf, von Mr. Whittaker abgesehen, ist aus dem Krieg zurückgekehrt, Generationen von Erben sind in Kämpfen für Etwas gestorben, das sie selbst nicht verstanden und kehrten zurück in eine Zeit, die sich durch die Maschinenentwicklung so schnell änderte, dass sie ihre Heimat gleich zwei Mal nicht wieder erkannten. Die wirtschaftlich schwierigen Zeiten, die vor ihnen liegen, lassen erahnen, dass was den Whittakers widerfährt sich bald wiederholen wird. Insofern ist der Ausgang auch nicht zu versöhnlich, sondern vielmehr ein wünschenswertes Ende, bei dem Schlimmeres erspart bleibt.
Easy Virtue ist ein erfrischender Film mit einer sarkastischen, aber nicht bissigen Art von Humor, einer Liebesgeschichte, die in ihrer Hoch-Zeit beginnt und im Laufe der knapp eineinhalb Stunden an den unterschiedlichen Traditionen und Konventionen zerbricht und mit leisen, gesellschaftskritischen Untertönen, die heute denselben Stellenwert einnehmen wie damals. Den Film als Romantikkomödie zu verstehen, heißt ihn missverstanden zu haben. Regisseur Stephan Elliott, dessen größter Erfolg bislang Priscilla - Königin der Wüste [1994] gewesen ist, legt sich bewusst nicht auf ein Genre fest und schafft es genau damit, das Publikum zu unterhalten und zu überraschen.


Fazit:
Eine Frau sollte ihr Leben nach dem Mann ausrichten, den sie heiratet; so könnte man das damalige Gesellschaftsbild zusammenfassen. Heute ist die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau zwar fortgeschritten, aber die Zwänge sind dieselben geblieben. Wer möchte schon irgendwo eingestehen, dass er für den Partner/die Partnerin Kompromisse eingeht? Ist das nicht ein Zeichen der Schwäche? Schon aus diesem Grund spiegelt Easy Virtue ein allzeit gültiges Dilemma wider. Was Larita bei den Whittakers widerfährt, wie sie gegen eine angestammte Familientradition verliert, ist erstklassig gespielt, allen voran von Kristin Scott Thomas und Colin Firth. Als starke Frau überzeugt Jessica Biel, der lediglich eine hinter ihren Mauern verborgene Verletzlichkeit fehlt, die angedeutet, aber nie spürbar wird.
Exzellent ausgestattet erfrischen an dem als Zeitzeugnis dargebrachten Film vor allem die spritzigen Dialoge und die pointenreichen Wortgefechte. Aber es sind die ernsten, gesellschaftskritischen Untertöne, die haften bleiben und den stilsicher inszenierten Epochenfilm über andere Independentproduktionen hinaus heben. Wer sich darauf einlässt wird augenscheinlich leichtfüßig unterhalten, aber mit Hintersinn.


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