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Dunkirk [2017]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 6. August 2017
Genre: Kriegsfilm / Drama

Originaltitel: Dunkirk
Laufzeit: 106 min.
Produktionsland: Großbritannien / Niederlande / Frankreich / USA
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Christopher Nolan
Musik: Hans Zimmer
Darsteller: Fionn Whitehead, Damien Bonnard, Aneurin Barnard, Lee Armstrong, James Bloor, Barry Keoghan, Mark Rylance, Tom Glynn-Carney, Tom Hardy, Jack Lowden, Will Attenborough, Kenneth Branagh, James D'Arcy, Cillian Murphy


Kurzinhalt:

Ende Mai 1940 sitzen mehr als 300.000 britische und französische Soldaten im nordfranzösischen Dünkirchen fest. Die Wehrmacht hat sie eingekesselt, der Seeweg ist auf Grund der Luftangriffe überaus gefährlich. Von britischer Seite aus startet eine groß angelegte Evakuierung durch zivile Boote, während kleine Einheiten der Royal Air Force den Luftraum freihalten sollen. Die Piloten Collins (Jack Lowden) und Farrier (Tom Hardy) geraten selbst unter Beschuss, als ihre Unterstützung am dringendsten benötigt würde. Unterdessen nimmt der Bootsbesitzer Mr. Dawson (Mark Rylance) auf seinem Weg nach Dünkirchen mit seinem Sohn Peter (Tom Glynn-Carney) und dessen Freund George (Barry Keoghan) einen auf einem Wrack gestrandeten Soldaten (Cillian Murphy) auf. Am französischen Strand koordiniert Commander Bolton (Kenneth Branagh) die Rettungsmission, bei der einige Soldaten, darunter auch Tommy (Fionn Whitehead), bereit sind, alles zu tun, um so schnell wie möglich evakuiert zu werden. Doch alle Wege führen sie wieder zurück …


Kritik:
Wenn sich ein Filmemacher wie Christopher Nolan anschickt, seinen ersten auf Tatsachen basierenden Film umzusetzen, der sich zudem um die Schlacht um Dünkirchen dreht, werden nicht nur Filmfans rund um den Globus hellhörig. Dunkirk ist zweifellos einer der sehnlichst erwarteten Kinostarts dieses Sommers. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass kaum jemand, der den Film zum ersten Mal sieht, ihn vollends verstehen wird. Der Grund ist nicht, dass die Geschichte tatsächlich kompliziert wäre, sie wird nur unnötig kompliziert erzählt.

Wer mit den bisherigen Werken des Regisseurs vertraut ist, den wird es nicht überraschen zu hören, dass die Nacherzählung der bis dahin größten militärischen Evakuierung an der nordfranzösischen Küste des Ärmelkanals alle von Nolans Stärken vereint – ebenso wie seine Schwächen. Der Film deckt die Zeit von Ende Mai bis 4. Juni 1940 ab, in der von der vorrückenden Wehrmacht eingekesselte britische sowie französische Soldaten in Dünkirchen festsaßen. Mehr als 300.000 von ihnen wurden evakuiert – teils mit zivilen Booten, die von der britischen Küste aus gestartet waren.

Dunkirk erzählt seine Geschichte nicht linear. Mehr sollte man über die Erzählweise jedoch nicht verraten, mit der Ausnahme, dass dies für Christopher Nolan kein neues Terrain ist. Memento [2000] wurde chronologisch rückwärts erzählt, Inception [2010] hingegen mit mehreren Erzählebenen, in denen die Zeit unterschiedlich schnell verstrich. Der Unterschied zu Dunkirk ist jedoch, dass der Regisseur nicht im Vorfeld erläutert, wie er seinen Film strukturiert. Von ohne Kontext unverständlichen Einblendungen zu Beginn abgesehen, erschließt es sich erst im Verlauf des Films, dass was man sieht, nicht chronologisch strukturiert ist. Es ist, als wollte sich der Filmemacher diesen erzählerischen Kniff offenhalten, um sein Publikum zu überraschen. Tatsächlich ist es jedoch eher verwirrend und macht es umso schwieriger, die verschiedenen Erzählstränge zeitlich einzuordnen.

Auch sonst verabschiedet sich Dunkirk von der konventionellen Art, wie Antikriegsfilme üblicherweise aufgebaut werden. Von den meisten Soldaten erfährt man nicht einmal einen Namen, Hintergrundinformationen ebenso wenig. Es gibt kein letztes Bekenntnis, bevor sie dem Tod entgegengehen und im ganzen Film sind keine Soldaten des nationalsozialistischen Deutschland zu sehen. Dennoch ist die Präsenz des Feindes immer spürbar. Dies beginnt bereits ganz am Anfang, wenn ein Trupp britischer Soldaten durch das verlassene Dünkirchen streift, über dem Flugblätter abgeworfen wurden, die verkünden, dass die Soldaten eingekesselt sind. Von einer Sekunde auf die andere wird der Trupp unter Feuer genommen. Es ist ein Moment, der elektrisiert, auch dank der pulsierenden Musik von Hans Zimmer, dessen Rhythmus den Film vorantreibt und eine Spannung erzeugt, wenn das Schicksal der Männer auf der Leinwand zwar schockiert aber nicht mitreißt.

Die Entscheidung des Regisseurs, diesen verängstigten, verzweifelten Männern ein Gesicht, aber in dem Sinn keine Stimme zu verleihen (es gibt wenig Dialog zu hören), macht das Gezeigte nicht weniger erschütternd, aber auf die überschaubare Lauflänge von nicht einmal zwei Stunden weit weniger spannend. Man sieht wie der Soldat Tommy alles daran setzt, um von der Küste weg zu kommen, wie er zusammen mit einem anderen Soldaten auf ein zu evakuierendes Schiff flieht, dann auf ein weiteres und stets an jenen Strand zurück muss. Ein weiterer Erzählstrang handelt von Mr. Dawson, der mit seinem Sohn und dessen Freund in einem privaten Boot von der englischen Küste nach Dünkirchen fährt, um dort eingeschlossene Soldaten an Bord zu nehmen. In einem weiteren macht sich der Pilot Farrier mit seinen beiden Flügelmännern auf den Weg nach Frankreich, um die Jagdbomber daran zu hindern, die Rettungsboote oder die Männer am Strand unter Beschuss zu nehmen. Man sieht dies, aber man wird kein Teil davon.

Dass Christoper Nolan sein Handwerk versteht, hat er in seinen bisherigen Filmen eindrucksvoll bewiesen. Auch Dunkirk lebt von seinen Bildern, die eindrucksvoll komponiert sind. Die Perspektiven sind überlegt und erzeugen insbesondere in den Luftkämpfen eine grausame Authentizität. Auch einzelne Szenen wie der Beschuss eines Rettungsschiffes durch einen feindlichen Torpedo oder das nach einer Notwasserung untergehende Flugzeug, in dem noch der Pilot eingeschlossen ist, sind packend umgesetzt. Nur gibt es keinen entsprechenden Spannungsbogen, der sich über den gesamten Film aufbaut oder steigert. Am Ende fühlt sich Dunkirk bedeutend länger an, als er an sich dauert. So eindrucksvoll der Film von einem technischen Standpunkt aus ist, ohne tatsächliche Bezugspersonen ist er dies auf einer menschlichen Ebene nur bedingt.


Fazit:
Regisseur Christopher Nolan erzählt die Evakuierung von mehreren hunderttausend Soldaten aus Nordfrankreich mit dem für ihn typischen Gespür einer überwältigenden Optik. Es sind Bilder, die man nicht so schnell vergisst und eine Geräuschkulisse, die einen bei dem Angriff auf die ausharrenden Soldaten am Strand förmlich erschlägt. Dennoch besitzt Dunkirk in keinem Moment eine solch nahegehende Vehemenz wie bestimme Abschnitte aus dem zermürbenden Der Soldat James Ryan [1998]. Schlichtweg aus dem Grund, weil Nolan keine Verbindung des Publikums zu seinen Figuren aufbaut. Die Darsteller lassen keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Männer in jenen Tagen um ihr Leben fürchteten und in ihrem Überlebenskampf zu allen Mitteln griffen. Doch davon abgesehen verlangt der Filmemacher ihnen kaum etwas ab. Erst im Verlauf des Films wird offensichtlich, dass die Geschichte auf eine komplizierte Art und Weise erzählt wird – nicht, da es für die Erzählung notwendig gewesen wäre, sondern um dem Film einen künstlerischen Anspruch zu verleihen. Technisch in allen Belangen hervorragend umgesetzt, lässt Dunkirk dabei einen emotionalen Bezug zu den Charakteren und dem Geschehen schmerzlich vermissen.
 


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