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Die Vögel [1963]

Wertung: 6 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 26. Oktober 2011
Genre: Horror

Originaltitel: The Birds
Laufzeit: 119 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 1963
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Alfred Hitchcock
Tondesign: Bernard Herrmann
Darsteller: Tippi Hedren, Suzanne Pleshette, Rod Taylor, Jessica Tandy, Veronica Cartwright, Ethel Griffies, Charles McGraw, Doreen Lang, Ruth McDevitt, Joe Mantell, Malcolm Atterbury, Karl Swenson, Elizabeth Wilson, Lonny Chapman


Kurzinhalt:
Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen ist die selbstbewusste Melanie Daniels (Tippi Hedren) von dem ebenso solide auftretenden Mitch Brenner (Rod Taylor) nicht nur beeindruckt, die Tatsache, dass der charismatische Mann bewusst einen Scherz auf ihre Kosten gemacht hat, weckt ihren Ehrgeiz. Sie fährt zu ihm nach Hause, außerhalb von San Francisco, um sich zu revanchieren. In dem kleinen Küstenort Bodega Bay wohnt Mitchs Mutter Lydia (Jessica Tandy) mit seiner jüngeren Schwester Cathy (Veronica Cartwright), die am Wochenende Geburtstag feiert.
Nachdem Melanie auf ihrem Rückweg zum Hafen von einer Möwe am Kopf verletzt wird, entschließt sie sich, nicht sofort zurückzufahren und mietet sich bei der Lehrerin Annie Hayworth (Suzanne Pleshette) ein - eine von Mitchs ehemaligen Freundinnen. Doch was ein ruhiges Wochenende werden sollte, wandelt sich schnell zum wahr gewordenen Alptraum, als immer mehr Menschen von den Vögeln angegriffen werden. Nicht nur, dass man ihrer kaum Herr wird, was, wenn sich dieses Verhalten der Tiere nicht nur auf Bodega Bay beschränkt?


Kritik:
Es ist ein Moment, der sich in die Erinnerung eines jeden jungen Zuschauers einprägt, wenn Tippi Hedren als Melanie Daniels eine letzte Krähe beobachtet, die an ihr vorbeifliegt, um auf einem Klettergerüst zu landen, auf dem inzwischen geschätzt über Hundert Krähen sitzen – vor wenigen Minute waren dort gar keine gesessen. Kaum ein Film, der inzwischen 50 Jahre alt ist, bietet so viele merkenswerte Szenen wie Alfred Hitchcocks Die Vögel. Es fallen einem viele ein, von der leichten aber nicht weniger gelungenen Unterhaltung zwischen Melanie und dem etwas undurchschaubaren Mitch Brenner zu Beginn, bis hin zum legendären Vogelangriff auf die Hafenanlage im beschaulichen Bodega Bay nahe San Francisco. Dabei beginnt Altmeister Hitchcock seinen Thriller, wie er in selbst kategorisiert, beabsichtigt langsam, rückt seine Charaktere in den Mittelpunkt, die uns interessieren, und derentwegen wir später auch mitfiebern. Wir treffen auf die aufreizende und überraschend selbstbewusste Melanie, die es nicht auf sich sitzen lassen mag, dass sie von dem ebenso selbstüberzeugten Mitch vorgeführt wurde. Darum macht sie sich auf, zu ihm nach Hause zu fahren, um ihm einen Denkzettel zu verpassen. Soweit läuft auch alles nach Plan, und je schwerer sich Melanie zu bekommen gibt, umso fester beißt sich Mitch an ihren Angelhaken. Dabei lernen wir durch Melanies Augen auch Mitchs Umfeld kennen. Angefangen von der Lehrerin Annie, die sich zu Mitch wohl noch stärker hingezogen fühlt, als es umgekehrt der Fall ist. Mitchs jüngere Schwester Cathy, die ihren Geburtstag über das Wochenende feiern möchte, und ihre gemeinsame Mutter Lydia, die sich nach dem Tod ihres Mannes so sehr auf Mitch verlässt, dass sie niemanden in seiner Umgebung duldet, der ihre gemeinsame Zeit einschränken könnte. Hinzu kommen die verschiedenen Bewohner von Bodega Bay, deren Alltag von einer so vornehm wie Melanie gekleideten Frau schon durcheinander gewirbelt wird. Ihr Leben bekommt eine unerwartete Wendung, als sich Angriffe von Möwen, Krähen und anderen Vögeln häufen, die auf beunruhigende Weise organisiert scheinen. Melanie wird auf dem Rückweg vom Haus der Brenners angegriffen, auch der Kindergeburtstag nimmt so eine unschöne Wendung. Eine Erklärung hat weder die Polizei, noch Mitch dafür, dem wir zutrauen würden, so etwas zu wissen. Im Gegenteil, statt dass man erfahren würde, was vor sich geht, werden die Attacken immer brutaler, bis sogar ein erstes Todesopfer zu beklagen ist. Was folgt bringt Melanie und die Brenners auf engstem Raum zusammen. Dass hier die Emotionen hochkochen ist nachvollziehbar, und wenn die Dorfbewohner Melanie vorwerfen, sie habe das Übel über sie gebracht, kann man nicht einmal ein Argument dagegen halten, auch wenn es schon früher vorgekommen sein soll.

Die Vögel nimmt sich Zeit für die Figuren, anstatt gleich mit dem zu überfallen, was wir wissen, das passieren wird. Wir sehen die Anzeichen und spüren die Hilflosigkeit, und wenn das Unvorstellbare geschieht sind wir schockiert, angesichts der Ohnmacht, sich gegen den Angriff der Tiere zu wehren. Regisseur Hitchcock beginnt dabei im Kleinen, konfrontiert die Charaktere individuell mit etwas Unbegreiflichem, ehe er es auf die gesamte Gemeinschaft ausweitet. Überraschenderweise kehrt er für das Finale wieder zu den Anfängen zurück, beschränkt sich auf einen klaustrophobisch kleinen Raum, in dem Melanie zusammen mit Mitch, Lydia und Cathy ausharren muss.

Die Szenen sind meisterhaft komponiert, ziehen die Schlinge immer enger um den Hals der Menschen, ohne dass ihr Hintergrund und ihre Ängste dabei in Vergessenheit geraten würden. Dabei verzichtet der Filmemacher vollständig auf eine musikalische Untermalung. Allein die Geräusche der Vögel, sei es ihr Flügelschlag oder ihr Ruf, genügen für eine beklemmende Stimmung. Hat man dabei einmal gesehen, was sie anrichten können, versteht man auch den angsterfüllten Blick Tippi Hedrens, wenn sie einen ganzen Schwarm vor der Schule warten sieht. Sie führt eine Besetzung an, in der es mehr weibliche als männliche Hauptrollen gibt. Suzanne Pleshette steht ihr in nichts nach, während Jessica Tandy sanfte Erinnerungen an eine nie tatsächlich erscheinende Mutterfigur aus Hitchcocks wohl bekanntestem Thriller weckt. Veronica Cartwright ergänzt den Cast zurückhaltend, während Rod Taylor Hedren in den rechten Momenten genügend Platz bietet, sich zu entfalten. Ihnen gelingt das Kunststück, an einer Geschichte Interesse zu wecken, die letztlich nicht durch die beteiligten Menschen fesselt, aber ihretwegen umso mehr.


Fazit:
Auch wenn sich die Geschichte sehr viel Zeit lässt, bis der erste Vogelangriff stattfindet, sobald Melanie Daniels in Bodega Bay eintrifft, empfinden wir ein Gefühl, als schwebe sie in Gefahr. Regisseur Alfred Hitchcock gelingt ein zuvor überraschend beschwingter Film, dessen heitere, beinahe verspielte Stimmung sich so schlagartig und unwiderruflich wandelt. Hervorragend gefilmt, mit vielen einfallsreichen Perspektiven gespickt, dass Filmstudenten hier seitenweise analysieren können, und stets packend erzählt, verliert die Geschichte doch nicht die Figuren aus dem Sinn.
Stattdessen werden sie in eine außergewöhnliche Situation versetzt, auf die sie wie wir alle reagieren. Die Vögel ist nicht nur dicht und atmosphärisch erzählt, ob trotz oder auf Grund einer fehlenden Begleitmusik sei dahingestellt, sondern einfallsreich und stellenweise beklemmend umgesetzt. Dass der Filmemacher dem Publikum außerdem eine Einblendung des "Ende"-Schriftzugs am Schluss verwehrt, unterstreicht das unangenehme Gefühl, das einem auch hinterher noch bleibt.
Ist Psycho [1960] bereits ein bahnbrechender Film, Die Vögel ist Hitchcocks Meisterwerk.


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