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Die Unfaßbaren (Pilotfilm) [1996]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Dominik Starck  |   Hinzugefügt am 12. März 2003
Genre: Action

Originaltitel: Once A Thief
Laufzeit: 92 min.
Produktionsland: Kanada
Produktionsjahr: 1996
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: John Woo
Musik: Amin Bhatia
Darsteller: Ivan Sergei, Sandrine Holt, Nicholas Lea, Jennifer Dale, Michael Wong


Kurzinhalt:
Mac (Ivan Sergei), Li Ann (Sandrine Holt) und Michael (Michael Wong) arbeiten als Diebe für einen der einflussreichsten Paten in Hongkong, Michaels Vater (Robert Ito), der Mac und Li Ann wie eigene Kinder liebt. Dennoch erlaubt er Michael, Li Ann zu heiraten, obwohl diese mit Mac liiert ist. Das führt zu bösem Blut unter den "Geschwistern" und als Li Ann mit Michael nach Singapur ausreisen und Mac die Leitung einer Waffenschmuggel-Organisation übernehmen soll, beschließt das Paar ihrer Ersatzfamilie den Rücken zuzukehren und aus Hongkong zu fliehen.
Als die beiden das Waffenlager ausrauben wollen, um genug Startkapital für ihr neues Leben zu haben, kommt ihnen Michael in die Quere. Die drei werden getrennt, das Gebäude explodiert und jeder hält den anderen für tot.
Eineinhalb Jahre später: Mac erhält im Gefängnis Besuch von einer mysteriösen Frau (Jennifer Dale), die ihn für ein geheimes Anti-Terror-Team anwirbt, welches von Vancouver aus operiert. Als Mac dort Li Ann sieht, besorgt er sich ihre Adresse, um sie zu überraschen. Anstelle der Frau, die er liebt, trifft er in ihrer Wohnung jedoch auf Victor (Nicholas Lea)- ihren Verlobten! Alle drei werden entgegen ihrem Willen von dem "Direktor" (der Frau aus dem Gefängnis) zu einem Team zusammengestellt, welches gleich bei ihrem ersten Auftrag an einen alten Bekannten gerät: Auch Michael Tang ist in der Stadt …


Kritik:
Der Chinese John Woo gehört zu den weltweit berühmtesten und anerkanntesten Hong-Kong-Regisseuren unserer Zeit, was er nicht zuletzt seinem unvergleichlichen Inszenierungsstil zu verdanken hat. Der Name Woo steht für einen Typus Film, den man zwischen einem Dutzend "Kollegen" sofort erkennen würde und weist damit einen Individualismus auf, der vielen anderen Regisseuren heute fehlt.

Mit Die Unfaßbaren beziehungsweise Once a Thief, wie der Film im Original viel treffender heißt, inszenierte Woo "nur" das Hollywood-Remake seines Hong-Kong-Actionfilms Zong heng si hai von 1990, der in den USA ebenfalls unter dem Titel Once a Thief erschienen ist, und in Deutschland als Killer Target bekannt ist.
Dabei stellte Die Unfaßbaren zugleich auch noch einen Pilotfilm dar, dem eine Serie folgte. Diese aus 22 Episoden bestehende Action-Show überlebte ihre erste Staffel (1997-1998) leider nicht, kann aber für sich in Anspruch nehmen, Woos Stil mehr als gerecht geworden zu sein. Über die Gründe, die zur Absetzung der Serie führten, kann man, wie so oft, trefflich diskutieren, doch zumindest in Deutschland mag es kaum jemanden verwundern, weshalb sie nie ihr Publikum fand und nicht einmal alle Folgen ausgestrahlt wurden. Zum einen war Woo zu jener Zeit in Deutschland noch nicht so bekannt, wie er es heute ist, und zum anderen war der Sendeplatz doch sehr spät am Abend angesiedelt, was auch eine zugegebenermaßen umfangreiche Promotion nicht wettmachen konnte.
Während die Serie also kaum jemandem ein Begriff sein dürfte und schnell wieder von der Mattscheibe verschwand, wurde der Pilotfilm als eigenständiger Spielfilm noch des Öfteren gezeigt, war in den Videotheken auszuleihen und ist jüngst ungeschnitten auf (einer ansonsten reichlich unspektakulären) DVD veröffentlicht worden (in beiden Fällen allerdings unter dem irreführenden Titel John Woo's The Thief, welcher auf einen einzelnen und nicht ein Team von Dieben verweist).
Obwohl Die Unfaßbaren demnach kein mit sehr viel Glück gesegnetes TV-Projekt war, kann sich der Film durchaus sehen lassen und braucht dabei auch den Vergleich mit Woos erster Verfilmung des Stoffs nicht zu scheuen.

Mit TV-Budget vollständig im kostengünstigen Vancouver (Kanada) gedreht, erzählt der Film im Grunde die gleiche Geschichte wie sein Vorgänger, in dem Asiens Superstar und Woo-Veteran Chow Yun-Fat (Tiger & Dragon [2000]) einen der Diebe gab.
Wie meist bei Woo geht es um Themen wie Loyalität, Liebe, Freundschaft und Ehre, was in diesem Fall alles hervorragend in der Dynamik des Trios Li Ann, Mac und Michael – beziehungsweise später Victor – verdeutlicht wird. Eine klassische Dreiecksbeziehung und die Zugehörigkeit zu verschiedenen Wurzeln, sich verändernde Beziehungen – dies alles wird hier angesprochen und glaubwürdig umgesetzt.
Dreh- und Angelpunkt ist dabei Li Ann. Während die Liebe von Mac und das Verlangen von Michael zum ersten Bruderzwist führen, entspringen die Streitigkeiten im späteren Team Mac/Victor ebenfalls der Liebe der beiden Männer zu derselben Frau, die sich nicht für einen von ihnen entscheiden kann.
Wenig logisch ist aber in diesem Zusammenhang von treffender Symbolik eine Szene während des Finales, in der sich die drei Männer gegenseitig mit ihren Pistolen bedrohen bis Li Ann in die Mitte des Dreiecks tritt und jeder von ihnen widerwillig seine Waffe zu Boden legt.
Darüber hinaus ist die Story um die Bildung einer Spezialeinheit und der Versuch der Tang-Familie, in Kanada Fuß zu fassen, etwas dünn, und sind die Dialoge nicht alle gelungen. Prinzipiell bildet sie aber lediglich den Hintergrund für die elementaren Gefühle der Figuren in einem Spiel zwischen Liebe und Tod, ohne dabei so melancholisch zu werden, wie viele andere Werke des Regisseurs (so auch das wesentlich härtere Original).

Einen großen Teil seiner Qualitäten verdankt der Film dahingegen zweifelsohne seinen Hauptdarstellern, die in den oft sehr witzigen Wortgefechten genug Charme an den Tag legen, um dem Zuschauer Spaß zu machen.

Ivan Sergei (The Opposite of Sex – Das Gegenteil von Sex [1998]) sorgt als Sprüche reißender Draufgänger Mac Ramsey immer wieder für Schmunzler, während Nicholas Lea in der Rolle des eher pflichtbewussten Ex-Polizisten Victor einen hervorragenden Konterpart darstellt.
Der Kanadier Lea ist den meisten sicher als durchtriebener Alex Krycek aus Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI [1993-2002] bekannt, wo er zu einem absoluten Fan-Liebling avancierte. Obwohl seine Figur hier etwas länger als Sergeis Mac braucht, um sich beim Publikum beliebt zu machen (anfangs erscheint er nur wie ein grimmig dreinschauender Konkurrent), gäben die beiden jungen Männer auch ein hervorragendes Team für ein Buddy-Movie ab.
Doch damit gibt sich Woo nicht zufrieden und so ist die Dritte im Bunde die bezaubernde Sandrine Holt (Rapa Nui – Rebellion im Paradies [1994]), die Auslöser für etliche Eifersüchteleien sein darf.
Alle drei haben genau die richtige Mischung aus augenzwinkerndem Charme, gutem Aussehen und Agilität, dank derer sie sowohl in den ruhigen Szenen zwischen Witz und Ehrgefühl, als auch im vollen Körpereinsatz glaubhaft wirken.
Die vierte Hauptfigur der nachfolgenden Serie ist Jennifer Dale als "der Direktor", die immer wieder einen sehr schrägen Humor beweist und diesen mit strenger Ernsthaftigkeit spielt, die sie nur umso amüsanter macht.
Bei der Besetzung dieser Rollen bewiesen die Casting-Büros einiges Geschick, denn zwischen den Darstellern stimmt die Chemie beinahe von Start weg, etwas, was man zwar stets erhofft, was aber nicht immer funktioniert.
Auch Agent Dobrinsky taucht in der Serie noch hin und wieder auf, wird dort aber nicht mehr von Nathaniel DeVeaux gespielt sondern dem jüngeren Howard Dell.
Ergänzt wird das Ensemble hier von Michael Wong als Michael Tang, der einen passablen Gegner mit schneller Handkante abgibt, sowie zwei "Gaststars", die man häufig in Serien, die in Vancouver produziert werden, zu Gesicht bekommt: Robert Ito, der den Hongkong-Paten Mr. Tang mimt, kann mit über sechzig Gastauftritten in Serien wie Akte X, Kung Fu [1972-1975 / 1993] und zweimal in Highlander [1992-1997] aufwarten, war daneben aber auch in einer Reihe von Filmen wie Lethal Point – Zwei gnadenlose Profis [1995] und Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension [1984] zu sehen. Der zweite Mann ist Alan Scarfe, hier in der Rolle des korrupten Bankiers Graves, der unter anderem in Ein Mountie in Chicago [1994-1999], Highlander und Star Trek – Das nächste Jahrhundert [1987-1994] Gastauftritte hatte, und in Seven Days – Das Tor zur Zeit [1998-2001] zum Maincast gehörte.

Neben dem Zusammenwirken der Charaktere ist das wichtigste tragende Element bei Die Unfaßbaren zweifelsfrei John Woos Regie, die all seine bekannten Markenzeichen auch hier einfließen lässt. Es gibt eine ganze Reihe von Standbildern, Zeitlupen-Aufnahmen (meist während der Kampfszenen), die obligatorischen Tauben (ein immer wieder verwendetes Symbol des Chinesen, auch wenn man das Tier hier fast suchen muß) sowie Patt-Szenen, in denen sich zwei oder mehrere Gegner gleichzeitig mit Waffen bedrohen.
Während Woo sicher kein besonders guter Regisseur ruhiger Filme wäre (was man unter anderem auch in Windtalkers [2002] feststellen konnte), ist seine Action hier wie immer hervorragend und oftmals atemberaubend. Dabei geht es jedoch nicht halb so brutal zu, wie man erwarten könnte; die meisten Kampfszenen halten sich in Punkto Grausamkeiten und überflüssigem Bluteinsatz sehr zurück, sicherlich ein Tribut an die hauptsächlich beabsichtigte TV-Auswertung.
Ohnehin trotzen die Actionszenen von Woo oftmals jeder physikalischen Grundlage, muten wie verträumt choreographierte Tanzeinlagen an und wirken lässig und elegant. Gerade das macht sie aber zu etwas besonderem und stilistisch schön anzusehen.
Zwar reichen die Actioneinlagen dieses Pilotfilms (schon aus Budget-Gründen) bei weitem nicht an sein (Hollywood)-Meisterwerk Face/Off – Im Körper des Feindes [1997] heran, doch Streifen wie Blackjack – Der Bodyguard [1998] übertrifft er um Längen.

Etwas störend wirkt die Musik von Amin Bhatia, die sich oft zu sehr in den Mittelpunkt des Geschehens spielt, wobei eben auffällig ist, dass sie meist nicht sonderlich gut mit der Dynamik der jeweiligen Szene harmoniert.

Wer den Original-Once a Thief kennt, wird hier nicht übermäßig viel Neues zu sehen bekommen, da zumindest das Grundthema das gleiche geblieben ist. Szenen, wie der Einbruch von Mac und Vic bei Michael und ihr amüsanter Versuch, sich über einen Kronleuchter an ein Gemälde von Rembrandt zu hangeln, sind dem geneigten Woo-Fan somit auch bereits vertraut und man könnte den Autoren Glenn Davis und William Laurin hier plumpe Plagiaterie vorwerfen, wenn Mac nicht feststellen würde, er habe "das mal in einem Film gesehen", was dem ganzen Unternehmen einen leicht selbstironischen Touch verleiht und Die Unfaßbaren nicht in direkte Konkurrenz zu seinem Vorgänger stellt.

 
Fazit:
Nicht Woos Meisterwerk, dennoch bietet der Film alles, was man von eineinhalb Stunden TV-Action-Unterhaltung erwarten kann:
Rasante Action, Liebe, Loyalität, eine ganz leichte Melancholie und schlagfertiger Witz, getragen von einem sympathischen Trio in verzwickter Dreiecksbeziehung.


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