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Die Frau in Schwarz [2012]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 16. September 2012
Genre: Horror / Fantasy / Drama

Originaltitel: The Woman in Black
Laufzeit: 95 min.
Produktionsland: Großbritannien / Kanada / Schweden
Produktionsjahr: 2012
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: James Watkins
Musik: Marco Beltrami
Darsteller: Daniel Radcliffe, Ciarán Hinds, Janet McTeer, Tim McMullan, Cathy Sara, Aoife Doherty, Jessica Raine, Misha Handley, Sophie Stuckey, Liz White, Alisa Khazanova, Ashley Foster, Shaun Dooley, Mary Stockley, Roger Allam, Andy Robb


Kurzinhalt:
Arthur Kipps (Daniel Radcliffe) hadert mit seinem Schicksal. Dabei wird er mehr gebraucht als je zuvor. Sein Arbeitgeber, Mr. Bentley (Roger Allam) sendet ihn aufs Land, um dort den Nachlass von Mrs. Drablow zu verwalten. Es ist Arthurs letzte Chance, seinen Posten zu behalten. Doch in Crythin Gifford angekommen, ist einzig der wohlhabende Mr. Daily (Ciarán Hinds) ihm gegenüber aufgeschlossen. Die anderen Dorfbewohner reagieren verschlossen bis ablehnend und raten ihm an, nach London zurückzufahren. Sie machen nicht den Eindruck, als wollten sie ihm drohen – sondern als würden sie ihn warnen.
Doch beim Anwesen von Mrs. Drablow in den unwegsamen Marschen angekommen, erkennt Arthur, welche Arbeit vor ihm liegt. Als er beginnt, sich durch die vielen Unterlagen zu wühlen, macht sich in ihm das Gefühl breit, als wäre er nicht allein. Wenig später sieht er zuerst in den verwilderten Gärten, dann auch im Haus eine in schwarz gekleidete Frau. Schließlich hört er Geräusche im Stockwerk über sich. Dann ereignen sich tragische Zwischenfälle im Dorf und Arthur bekommt am eigenen Leib zu spüren, wovor ihn die Bewohner warnen wollten ...


Kritik:
Kann man es den Zuschauern zum Vorwurf machen, wenn sie in der Hauptfigur von Die Frau in Schwarz, dem von Daniel Radcliffe verkörperten Anwalt Arthur Kipps, nicht den gebrochenen Charakter erkennen, sondern "nur" Harry Potter? Nach mehr als einem Jahrzehnt, in dem der charismatische Mime durch die Rolle des Zauberlehrlings weltweite Bekanntheit erfahren hat, präsentiert er sich in einer internationalen, größeren Produktion dem Publikum. Er spielt eine Figur, die nicht nur durch ihr Aussehen und ihr Auftreten den Tod mit sich trägt. Arthur Kipps tut dies nicht, weil er es möchte; er scheint dafür auserkoren. Radcliffe macht den Eindruck, obgleich sehr jung, als wäre ihm die Rolle auf den Leib geschrieben. Und das nicht nur, weil dieser Aspekt seines Charakters Harry Potter gemein ist.

Kipps hat es, das erkennt sogar sein Arbeitgeber an, nicht leicht. Und wir würden es ihm gönnen, dass er Glück findet in einer Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts, in der es mehr glücklose als glückliche Menschen zu geben scheint. Er wird ausgeschickt, das Anwesen der verstorbenen Mrs. Drablow zu erfassen und die Gründlichkeit, mit der er sich der Aufgabe widmet, scheint nicht nur damit zusammenzuhängen, dass seine berufliche Zukunft davon abhängt. So reist Arthur mit dem Zug aufs Land und dort weiter in das neblige, abgelegene Örtchen Crythin Gifford, das am Marschland liegt. Das Anwesen von Mrs. Drablow liegt erhöht auf einer kleinen Insel in den Marschen und wird bei Flut vom übrigen Festland abgeschnitten.
Wie kommt es, dass wir uns kultiviert und zivilisiert nennen, und der Anblick von Öl- oder Petroleumlampen, nebligen Mooren und überwucherten, verlassenen Anwesen uns immer noch einen Schauer über den Rücken jagt? Es ist beinahe, als würde sich das Publikum von Die Frau in Schwarz gruseln, noch bevor Arthur es tut. Und die Tatsache, dass er überhaupt in jenes Haus dort hineingeht, lässt ihn entweder unendlich mutig oder unendlich töricht erscheinen.

Was er in jenem Anwesen vorfindet, unterscheidet sich nicht wesentlich von denjenigen Geschichten, die man so oder ähnlich schon unzählige Male gehört hat. Dabei lenkt Regisseur James Watkins sein Hauptaugenmerk sowohl auf diejenigen Teile der zugrundeliegenden Story um die Figuren, wie auch auf die eigentliche Atmosphäre. Wäre es nicht um die eingängige und düstere Musik von Marco Beltrami, wäre all das vermutlich nicht so effektiv wie es ist. Doch zusammen genommen, auch dank der sehr guten Darbietungen der jungen Nebendarsteller und des immer gelungen beisteuernden Ciarán Hinds, ergibt es eine erstklassig schaurige Stimmung. Daniel Radcliffe lässt seinen eigentlich geerdeten Arthur Kipps zwischen Selbstzweifel und Schrecken pendeln – es fehlt ihm im letzten Drittel einzig eine zu erwartende Panik, die bei den Zuschauern längst eingesetzt hätte.
Von einem Fluch zu sprechen, der die Bewohner von Crythin Gifford heimsucht, wäre nicht ganz treffend, doch die seltsamen Geschehnisse, denen regelmäßig Kinder zum Opfer fallen, besitzen ein System, das einen beinahe verzweifeln lässt.

Die ruhigen Charakterzeichnungen und das dementsprechend angemessene Finale heben Die Frau in Schwarz über viele Genrekollegen hinweg. Aber auch wenn der Film glücklicherweise ohne ausschweifende Gewaltschilderungen auskommt, die Altersfreigabe sollte man ernst nehmen.
Die Wirkung der Geschichte ist dabei sowohl dem gruseligen Anwesen zu verdanken, wie auch den schaurigen Aufnahmen in dem großen Haus, das mit seinen im Schatten gelegenen Nischen, den langen, mit Wandteppichen oder Gemälden behangenen Gängen, den Spielfiguren und den schweren Türen all das in sich vereint, was wir uns unter einem Geisterhaus vorstellen würden. Nur, dass es diese Elemente nicht plakativ einsetzt, sondern teilweise so nebensächlich, dass man sie beinahe übersehen könnte.

Insofern ist es geradezu tragisch, dass wir die Hintergrundstory in Bilderfetzen erzählt bekommen, während wir sonst alles aus Sicht von Arthur erleben. Und auch die klischeehaft veränderte Stimme in einer Schlüsselszene steht der greifbaren Umsetzung im Weg. Dagegen ist das Ende vielmehr ein mutiger Schritt.
Es sind nur Kleinigkeiten, die Die Frau in Schwarz daran hindern, ein großartiger Film zu sein. Allein, dass er viele Vertreter seines Genres um Längen übertrifft macht ihn allerdings schon sehenswert.


Fazit:
Sieht man zu Beginn in London und in den letzten paar Minuten, dass Filmemacher James Watkins kein unbegrenztes Budget zur Verfügung hatte, ist es umso erstaunlicher, was ihm dazwischen gelingt. Sein Porträt eines von Trauer zerrütteten und gleichzeitig dadurch geeinten Dorfes ist ebenso überzeugend wie in seiner Wirkung spürbar. Das mehrstöckige Haus, in dem Arthur Kipps an seine Grenzen geführt wird, entwickelt nicht zuletzt dank der Titel gebenden Figur eine eigene Persönlichkeit. Der Film zieht seine Stärken ebenso aus der Zeit, in der er spielt, wie auch aus der Landschaft, in der er angesiedelt ist.
Hauptdarsteller Daniel Radcliffe kann sein im letzten Jahrzehnt angeeignetes Image zwar nicht vollständig abschütteln, aber er verleiht der introvertierten Figur eine Verletzlichkeit, die das Publikum bindet. Als atmosphärisches Fantasydrama besitzt Die Frau in Schwarz zwar einige Momente und Entscheidungen, die man sich anders wünschen würde, doch dank der erstklassigen, spannenden Umsetzung, trüben diese kaum den stimmigen Gesamteindruck.


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