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Die dunkelste Stunde [2017]

Wertung: 5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 2. Dezember 2017
Genre: Drama / Biografie

Originaltitel: Darkest Hour
Laufzeit: 125 min.
Produktionsland: Großbritannien
Produktionsjahr: 2017
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: Joe Wright
Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Gary Oldman, Lily James, Ben Mendelsohn, Kristin Scott Thomas, Stephen Dillane, Samuel West, Jordan Waller, Ronald Pickup, Charley Palmer Rothwell, Hannah Steele, Anna Burnett, Nicholas Jones, Richard Lumsden


Kurzinhalt:

Als Winston Churchill (Gary Oldman) am 10. Mai 1940 durch König George VI (Ben Mendelsohn) zum Premierminister des britischen Empire ernannt wird, wäre der damals 65jährige Politiker an sich an seinem lang verfolgten Ziel angekommen, wären die Umstände andere. Denn angesichts der Bedrohung durch die auf dem europäischen Festland unaufhaltsam vorrückende Wehrmacht, wurde sein Vorgänger Neville Chamberlain (Ronald Pickup) zum Rücktritt gezwungen. Er selbst scheint der Kandidat, der am ehesten von allen Seiten akzeptiert wird, auch wenn seine eigene Partei nicht hinter ihm steht. Mit dem Rückhalt seiner Frau Clementine (Kristin Scott Thomas) und der jungen Sekretärin Elizabeth Layton (Lily James) an seiner Seite, muss es Churchill gelingen, nicht nur die Bürger des Landes, sondern auch die Soldaten an der Front und die Politiker von seinem Kurs zu überzeugen. Der ist allerdings mit vielen weiteren Opfern verbunden und stößt auf Widerstand von außen, wie von innen …


Kritik:
Die dunkelste Stunde von Joe Wright ist keine Biografie des britischen Staatsmanns Winston Churchill, der zweimal Premierminister wurde und Großbritannien von 1940 bis 1945 durch den Zweiten Weltkrieg führte. Vielmehr zeichnet der Filmemacher anhand weniger Wochen im Jahr 1940 das Porträt eines Mannes, der zu keiner schwierigeren Zeit an die Macht hätte kommen können und sich gleichermaßen so isoliert in seinem Amt sah, dass er an sich zum Scheitern verurteilt war. Zuzusehen, weshalb er es nicht tat, ist nicht nur lehrreich, sondern inspirierend.

Es ist Mai im Jahr 1940. Unter Adolf Hitler erklärte Deutschland Europa den Krieg und fällt sowohl im Osten des Kontinents ein als auch in Frankreich und Belgien. Selbst wenn Großbritannien als Insel bislang noch großteils verschont blieb, die Befürchtungen im britischen Parlament sind groß, dass der jetzige Premierminister Neville Chamberlain das Land nicht genügend gegen die Bedrohung durch die Nazis gewappnet hat. Ein Rücktritt wird ihm nahegelegt. Der einzige Nachfolger, von dem die Machthaber ausgehen, dass auch die Opposition ihn anerkennen wird, ist Winston Churchill, dem jedoch niemand zutraut, die Herausforderungen, die auf ihn warten, zu meistern.

Die Widerstände, denen sich Churchill entgegensieht, könnten nicht größer sein, zum einen außenpolitisch, aber auch innenpolitisch, da seine eigene Partei nicht ihm, sondern den Anweisungen seines Vorgängers folgt. Filmemacher Wright bringt dies in einer gelungenen Bildersprache zum Ausdruck, indem er seine Hauptfigur in vielen Momenten im Bild isoliert, stellenweise dadurch, dass was am Rand geschieht vollkommen ausgeblendet wird. Das jedoch nicht auf eine plakative, sondern eine subtile Art, die herausstellt, dass Churchill allein auf einem bereits vor Amtsantritt verlorenen Posten steht. Die Inszenierung, die in Bezug auf die Be- und Ausleuchtung der einzelnen Szenen stellenweise an ein Bühnenstück erinnert, ist bemerkenswert. Einige Übergänge sind so unterschwellig, dass man sie beinahe übersieht, die Charaktere allesamt hervorragend eingefangen. Anstatt Die dunkelste Stunde reißerisch zu inszenieren, werden die Momente von der Kriegsfront auf eine zurückhaltende Art und Weise präsentiert.

Im Zentrum steht Gary Oldman, der für seine Darbietung, die viele verschiedene Charakteristika seiner (mitunter sprunghaften) Filmfigur abdeckt, eine unvorstellbare Transformation durchmacht. Durch Prothesen und Maske erhielt der Darsteller die physische Erscheinung des deutlich fülligeren Churchill. Doch damit nicht genug, klingt Oldman – im Englischen Original – mitunter verblüffend wie der damalige Premierminister. Die Maskenarbeit ist schlicht brillant und sollte zumindest eine Oscar-Nominierung wert sein, ebenso wie Gary Oldmans facettenreiche Tour de Force. Diese ist in der Tat so eindrucksvoll, dass man sie gesehen haben sollte und bedenkt man, wie viel seiner Mimik unter der Maske verschwindet, ist es eine umso bemerkenswertere Leistung.
Die weitere Besetzung steht dem in nichts nach, angefangen von Lily James, die den Blick von außen auf die politische Situation in jenen Tagen repräsentiert, aber auch Kristin Scott Thomas und Ben Mendelsohn machen ihre Sache ausgesprochen gut. Dass sie alle in Die dunkelste Stunde nur Nebenrollen bekleiden, ist dem Inhalt geschuldet, aber deshalb werden sie nicht weniger gefordert.

Filmemacher Joe Wright gelingt das Kunststück, einen Anti-Kriegsfilm zu erzählen, in dem der Krieg nicht im Mittelpunkt steht, aber deshalb die Beklemmung nicht weniger spürbar wird. Das dialoglastige Drama ist stellenweise überraschend humorvoll erzählt – manche Kommentare sind dabei so trocken wie die Getränke, die Churchill bereits in den Morgenstunden zu sich nimmt –, verliert jedoch nie aus dem Blick, in welch geschichtlichem Kontext die Ereignisse stattfinden. Im Ergebnis ist dies durchaus anspruchsvoll, ohne darauf ausgelegt zu sein. Für ein Publikum, das bereit ist, sich darauf einzulassen, hält Die dunkelste Stunde einen stellenweise spannenden Einblick in die inneren Abläufe der Politik jener schicksalshafter Wochen bereit. Dass dies nicht umfassend ist, versteht sich von selbst, sehenswert ist es allemal. Auf Grund des engen Fokus der Erzählung und der Tatsache, dass man nur selten die Auswirkungen der Handlungen der Politiker zu sehen bekommt, ist sie nur manchmal jedoch wirklich packend.


Fazit:
Für eine Biografie deckt Regisseur Joe Wright in seinem Drama eine zu kurze Zeitspanne ab. Stattdessen präsentiert er ein Charakterporträt des Staatsmannes Winston Churchill, das maßgeblich durch sein Verhalten und die drei großen Reden geprägt wird, die er im Verlauf der Ereignisse des Films hält. Die Facetten der Privatperson Churchill werden dabei zwar angedeutet, aber nicht umfassend vorgestellt. Angesichts der Widerstände von innen wie von außen wandelt sich Die dunkelste Stunde stellenweise in einen historischen Politthriller, der nicht nur fantastisch pointierte Dialoge bereithält, sondern in langen Einstellungen seinen Darstellern viel abverlangt. Hervorragend gespielt, allen voran von Gary Oldman als Winston Churchill, ist die klare Empfehlung, das Drama wenn möglich im englischen Original, ggf. mit deutschen Untertiteln, anzusehen. Nicht nur, dass seine Betonung Oldmans Verwandlung komplettiert, die Sprache der Dialoge allein ist schlicht umwerfend.
Selbst wenn die Geschehnisse hier nur stellenweise mitreißen, ihnen beizuwohnen ist nicht weniger beeindruckend.
 


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