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Die Bourne Verschwörung [2004]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 11. November 2004
Genre: Thriller / Action

Originaltitel: The Bourne Supremacy
Laufzeit: 108 min.
Produktionsland: USA / Deutschland
Produktionsjahr: 2004
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Paul Greengrass
Musik: John Powell
Darsteller: Matt Damon, Franka Potente, Brian Cox, Julia Stiles, Karl Urban, Joan Allen, Oksana Akinshina


Kurzinhalt:
Zwei Jahre sind vergangen, seit sich der ehemalige Agent Jason Bourne (Matt Damon) zusammen mit Marie (Franka Potente) in Indien versteckt und zur Ruhe gesetzt hat. Täglich plagen ihn Albträume und Erinnerungen an eine Vergangenheit, die wie aus seinem Gedächtnis gelöscht scheint. Doch als urplötzlich ein russischer Auftragskiller (Karl Urban) auf ihn angesetzt wird, muss er sich der eigenen Vergangenheit stellen.
Nachdem er die übrig gebliebenen Beteiligten des Projekts "Treadstone" in Deutschland ausfindig gemacht hat, darunter Ward Abbott (Brian Cox) und die ihm vertraute Nicky (Julia Stiles), muss Bourne feststellen, dass er des Attentats auf einen CIA-Agenten beschuldigt wird, bei dem sein Fingerabdruck gefunden wurde. Dabei ging es um den Austausch der Neski-Akten, die mit Bournes Tätigkeiten im Treadstone-Projekt zusammenhängen. Während Jason Bourne immer weiter ermittelt und das wahre Ausmaß des Komplotts erahnt, ziehen seine Widersacher die Schlinge um ihn stetig enger – immerhin wird er nachwievor wegen Mordes gesuchtt, aber die CIA unter Leitung von Pamela Landy (Joan Allen) ist nicht die einzige Partei, die den Agenten ohne Erinnerung lieber tot als lebend fassen möchte.


Kritik:
Angesichts des Einspielergebnisses von Die Bourne Identität [2002] war es nur eine Frage der Zeit, bis sich das Studio an eine Fortsetzung wagen würde; über 200 Millionen Dollar nahm das intelligente Agententhriller-Remake seiner Zeit ein und etablierte obendrein Hauptdarsteller Matt Damon als respektablen Action-Helden.
Wer jene Story interessant und spannend fand, wird bei der Fortsetzung Die Bourne Verschwörung voll auf seine Kosten kommen; wem jedoch (wie der Mehrheit der damaligen Zuschauer) der Inszenierungsstil überhaupt nicht zugesagt, oder wer angesichts der verwackelten Kamera und der hektischen Schnittarbeit schon vor zwei Jahren die Lust am Zusehen verlor, wird hier dasselbe Problem haben – schlimmer noch, inszenatorisch sind die meisten Action-Szenen und viele Dialoge bisweilen eine Qual, und das obwohl ein anderer Regisseur hinter der Kamera Platz genommen hat.
Hatte man noch gehofft, dass zusammen mit Doug Liman (Die Bourne Identität) auch der Werbeclipstil vom Regie-Stuhl verschwunden sei, ist die Ernüchterung umso bitterer: Zwar konnte Regisseur Paul Greengrass mit seinen bisherigen Werken, darunter Bloody Sunday [2002] einige Preise einheimsen (unter anderem den Goldenen Bären), ist von seinem Talent in Die Bourne Verschwörung zumindest handwerklich gar nichts zu sehen – Schauspielführung und Dramaturgie sind durchaus sehr gut, Kamera und Schnitt hingegen derart schlecht, dass man als Zuschauer bisweilen den Blick von der Leinwand nehmen muss, damit einem nicht übel wird (und das ist leider keine Übertreibung). Dafür musste das Studio – wie beim ersten Film – herbe Kritikerschelte einstecken, und die Zuschauer zeigten sich ebenfalls wenig begeistert, dennoch hat Die Bourne Verschwörung bis jetzt weltweit beinahe 270 Millionen Dollar eingenommen und damit seinen Vorgänger deutlich überflügelt.

Einige Namen aus der Filmcrew sind schon von Die Bourne Identität bekannt; einer von ihnen ist Drehbuchautor Tony Gilroy, der bereits die erste Bourne-Geschichte (basierend auf dem Buch von Autor Robert Ludlum) adaptiert hat. Romanautor Ludlum selbst, der die Reihe als Trilogie konzipierte, erlebte leider keine der neuen Kino-Verfilmungen, er starb im Jahr 2001 an einem Herzinfarkt.
Hatte Teil eins noch recht viel aus der Vorlage übernommen, ist die größte Gemeinsamkeit der Fortsetzung mit dem Buch ihr Titel (im englischen Original). Inhaltlich unterscheiden sich die Werke in so vielen Punkten, dass man den Film ansich als eigenständige Kreation bezeichnen kann. Statt eines Attentats auf den chinesischen Vizepräsidenten, geht es hier um ganz andere Verstrickungen; Schauplätze im Nahen Osten und einen Gefängnisaufenthalt suchen Kenner des Romans genauso vergebens. Gilroy betrachtete die Vorlage vielmehr als Inspiration und strickte seine eigene Fortsetzung zum zwei Jahre alten Kassenknüller. Dabei führt er sowohl neue Charaktere ein, baut außerdem vertraute gekonnt aus, erweitert Bourne um eine wenig rühmliche Vergangenheit und macht ihn zur Marionette eines intrigenreichen Komplotts.
Gilroy gelingt es, Bourne trotz seiner Vergangenheit immer noch sympathisch erscheinen zu lassen. Seine Handlungen werden Jason Bourne regelrecht abverlangt, der Agent befindet sich lange Zeit in der Defensive und muss sich in den ersten 30 Minuten permanent verteidigen, wodurch man als Zuschauer sehr schnell mit ihm mitfiebert, und die Spannungsschraube immens angezogen wird. Zudem nutzt das Drehbuch die europäischen Städte hervorragend aus, um der Hatz durch die "alte Welt" einen interessanten, fast schon heimischen Look zu verleihen. Seien es nun die Verfolgungsjagden durch Berlin oder Moskau, oder Bournes kurzer Besuch in Neapel – selbst wenn viele Örtlichkeiten nur kurz vorkommen, werden die bekannten Wahrzeichen, wie der Alexanderplatz in Berlin, wirklich toll eingebunden und verleihen dem Film somit ein realistisches Flair. Die Dialoge sind pointiert, einfallsreich und natürlich – wer glaubt, er könne den Verlauf bestimmter Schlüsselszenen anhand des Trailers erraten, liegt glücklicherweise vollkommen falsch.
Tony Gilroy kann man zu seinem Skript unumwunden gratulieren, es bietet eine der besten und härtesten Agententhriller-Vorlagen der letzten Jahre und erweist sich sogar als besser als das von Teil eins. Fans der Vorlage mögen damit nicht viel anfangen können; wer den Film allerdings alleinstehend betrachtet, wird trotz einiger Ungereimtheiten in der Story (kleinere Sprünge und Löcher sind eben doch vereinzelt bemerkbar) seinen Spaß haben.
Eine der besten Szenen – den Dialog zwischen Bourne und Irena Neski – haben sich die Macher übrigens für den Schluss nach dem eigentlichen Finale aufgehoben.

Dass die Verantwortlichen so viele Akteure des ersten Films zu weiteren Auftritten in Die Bourne Verschwörung bewegen konnte, ist nicht nur schön, sondern stellt vor allem eine erfreuliche Kontinuität zwischen den Filmen her. Sogar Oscar-Preisträger Chris Cooper (Adaptation [2002]) konnte man wieder für ein kleines Cameo gewinnen, und Julia Stiles hat zwar nicht so viel zu tun, schlüpft aber routiniert in ihre bekannte Rolle.
Ebenfalls schon im letzten Film vertreten war Brian Cox, der hier einen wichtigen Part übernommen hat, und daran sichtlich Gefallen findet. Er mimt mit einer Hingabe, die man insbesondere bei seinem Auftritt in Troja [2003] schmerzlich vermisst hat. Zwar gibt es in Bezug auf sein Aussehen kaum Gemeinsamkeiten mit dem Historiendrama, vergleicht man ihn äußerlich noch mit seiner Figur in X2 – X-Men 2 [2003], kann man kaum glauben, dass es in allen drei Filmen ein und derselbe Darsteller sein soll.
Matt Damon trägt den zweiten Bourne-Film genauso souverän, wie den Vorgänger. Der Mime bringt sowohl die ruhigen, als auch actionreichen Szenen voll zur Geltung, spielt sein Charisma sichtlich aus und geht in der Rolle vollends auf.
An seiner Seite steht einmal mehr Franka Potente, die aber nur eine Nebenrolle inne hat, und der man ihre "Unlust" glücklicherweise nicht anmerkt. Hätte sie nicht von vorne herein für zwei Filme unterschreiben müssen, wäre sie beim zweiten Teil vermutlich nicht dabei gewesen, gestand die gebürtige Deutsche im Nachhinein.
Neu vertreten ist unter anderem Karl Urban, der Filmfans aus Der Herr der Ringe [2001-2003] bekannt sein dürfte – mit seiner dortigen Rolle als edelmütiger Éomer hat der russische Auftragskiller in Die Bourne Verschwörung (samt überzeugendem Akzent) allerdings nicht das Geringste gemein; Urban ist kaum wiederzuerkennen und agiert mit einer solchen Intensität, dass einem beinahe Angst wird. Eine bessere Besetzung hätte man sich nicht wünschen können.
Als Gegenpol zu Cox und würdige Gegenspielerin von Matt Damon ist Joan Allen zu sehen, die schon in Rufmord – Jenseits der Moral [2000] bewies, dass sie in einem von Männern dominierten Film ohne Weiteres bestehen kann. Die charismatische Schauspielerin hat einige herausragende Momente und stiehlt ihren Kollegen bisweilen fast die Schau; ihr Einstand im Bourne-Universum ist wirklich geglückt.
Der gesamte Cast (auch Oksana Akinshina, die hier nur einen Kurzauftritt hat) ist sehr gut ausgewählt und stimmig zusammengestellt worden. Dabei kam es den Machern positiverweise nicht auf große Namen an, sondern darauf, dass die Akteure überzeugend spielen können – und diese Anforderung erfüllen alle Beteiligten tadellos.

Wer sich seit dem ersten Film ebenfalls gebessert hat, ist Komponist John Powell, der erneut viel mit Synthesizern arbeitet und Themen aus Die Bourne Identität verwendet; wurden die Stücke da bisweilen noch zu laut eingespielt und verliehen den Szenen einen aufgesetzten Touch, passen sie in der Fortsetzung exzellent zu den Bildern, und untermalen sowohl die ruhigen Dialoge mit melancholischen, düsteren und atmosphärischen Klängen, überraschen in den Actionszenen aber ebenso mit tempo- und einfallsreichen Melodien.
Powell vollbrachte das Kunststück, den Score des ersten Films zu adaptieren, ihn mit neuen Motiven zu erweitern und ihn exzellent auf den zweiten Film abzustimmen. Ihn kann man zu seiner Leistung nur beglückwünschen; die Musik eignet sich hervorragend zum Hören auch ohne den Film.

Inszenatorisch war bereits Teil eins der Bourne-Reihe für manche Zuschauer eine Strapaze; wer nun hofft, dass die Verantwortlichen aus ihren Fehlern gelernt hätten (und für die Kameraführung mussten sie schon damals herbe Kritik einstecken), der irrt leider. Nicht nur, dass derselbe Kameramann und derselbe Cutter erneut engagiert wurden, man hat sich mit Mitchell Amundsen noch einen weiteren Kameramann ins Boot geholt, der bereits am desaströsen Bad Boys II [2003] beteiligt war.
Dass Oliver Wood sein Handwerk eigentlich beherrscht und tolle Bilder einfangen kann, hat er nicht erst mit Face/Off – Im Körper des Feindes [1997] bewiesen, ist doch Stirb Langsam 2 - Die Harder [1990] ein weiterer von ihm fotografiertes Film – der zweite Cutter Richard Pearson leistete zudem bei Welcome to the Jungle [2003] eine routinierte, obgleich nicht preisverdächtige Arbeit. Christopher Rouse hingegen zerschnitt bereits Die Bourne Identität und hat hier abermals gewütet.
Das bedeutet, dass nunmehr beinahe alle Szenen mit Handkameras (scheinbar ohne "Wackel-Kompensation", die inzwischen sogar einfache Camcorder bieten) aufgezeichnet wurden, in den Dialogen schüttelt es die Kamera genauso durch, die Perspektive folgt den Akteuren Treppen hinauf oder hinunter, erzittert dabei bei jeder Stufe und schlingert im Innern der Autos regelrecht hin und her, ohne je das Geschehen genau im Fokus zu haben. Ein abschreckendes Beispiel ist der Faustkampf Bournes mit einem anderen Agenten, von dem man schlichtweg nichts zu sehen bekommt, sondern die Aktionen der Kämpfer nur erahnen kann. Die Verfolgungsjagd durch Berlin ist dahingehend schon ein wenig besser, wohingegen man bei der ansich erstklassigen Verfolgungsjagd durch Moskau sehr starke Nerven und viel Phantasie braucht, um mitzubekommen, was überhaupt geschieht. Wem bei Karussell-Fahrten leicht übel wird, sollte den Film (und das ist nicht im Scherz gemeint) ernsthaft meiden. Nicht einmal im anfangs ebenfalls problematischen Strange Days [1995] war es derart schlimm. Einzig das Gespräch des Hauptcharakters mit der jungen Irena ist dahingehend sauber eingefangen.
Sinn und Zweck dieser Technik ist es zweifelsohne, den Zuschauer in die Lage von Jason Bourne zu versetzen, ihn dadurch direkt am Geschehen teilhaben zu lassen. Aber selbst wenn der Ansatz durchaus nobel ist, krankt die Durchführung schon an einem einfachen Denkfehler, der den Machern wohl nicht in den Sinn kam: Während die Hauptfigur ihren Kopf frei bewegen, mindestens 180 Grad der Umgebung erkennen und verarbeiten kann, ist man als Zuschauer ausschließlich auf die dunklen, verwackelten Bilder der Kameraleute angewiesen. Man wird so visuell in einem Maße gegängelt, wie es die Situation sicher nicht erfordern würde. Man stelle sich eine Achterbahnfahrt mit geschlossenen Augen vor, in etwa so wirken manche Szenen immer noch, wenn man die Bilder Tage später Revue passieren lässt.
Nun gibt es viele Zuschauer die über die inszenatorischen Schwächen nicht hinwegsehen können, für die der Film damit regelrecht zerstört ist – und die haben aus ihrer Sicht ohne Frage recht. Wer sich aber inzwischen durch den in modernen Filmen leider immer häufigeren Einsatz von Handkameras an das Gewackel gewöhnt hat, wird den Szenen etwas mehr abgewinnen können. Alle anderen werden mit Die Bourne Verschwörung schlicht nicht glücklich werden.

Erkennt man das Potential, das durch die wirklich grausige Inszenierung verschwendet wurde, muss man sich zwangsläufig wütend die Haare raufen. Nicht nur, dass viele Zuschauer schon nach dem ersten Film sagten, dass der Stil in den Action-Szenen unerträglich sei, die Macher haben ihn für die Fortsetzung sogar noch gesteigert.
Wer die Umsetzung nicht mag, wird auch keine Freude an der spannenden Geschichte und den gut gelaunten Darstellern haben, die das zweite Bourne-Abenteuer zu einem der inhaltlich härtesten und besten Agententhriller der letzten Jahre machen. Die Story ist außergewöhnlich komplex und temporeich, die Schauspieler alle sehr engagiert und überzeugend, die Musik von John Powell passt diesmal tadellos – einzig Kamera und Schnitt machen Action, Kämpfe und Dialoge bisweilen zur Tortur.
Sollten sich die Macher durchringen können, die Bourne-Trilogie im Kino zum Abschluss zu bringen, kann man nur hoffen, dass sie endlich auf einen Regisseur zurückgreifen, der das Potential richtig auszunutzen vermag. Ein gar nicht ungeeigneter Kandidat wäre Roger Spottiswoode, der sich nicht erst mit James Bond 007 - Der MORGEN stirbt nie [1997] einen Namen als routinierter Auftragsregisseur gemacht hat.
Im derzeitigen Zustand hat die ärgerliche handwerkliche Umsetzung einen der vielversprechendsten Filme des Jahres für zahlreiche Kinobesucher regelrecht kaputt gemacht.


Fazit:
Drehte sich Die Bourne Identität noch darum, wer Jason Bourne eigentlich ist, ergründet Die Bourne Verschwörung, wer er früher war – das Konzept ist dabei nicht neu, allerdings in ein so mitreißendes und einfallsreiches Drehbuch verpackt, dass man der spannenden Story gern erliegt. Die Darsteller danken es mit großem Arbeitseifer und erwecken ihre vielschichtigen Figuren glaubhaft zum Leben; die Dialoge und die ansich sehr gut aufgebauten Actionszenen tun ihr Übriges, um Paul Greengrass' Film zu einem der inhaltlich besten Agententhriller der letzten Jahre zu machen.
Was dem Film künstlerisch das Genick bricht, ist die wirklich grauenhafte Inszenierung: Handkamera ohne Bildstabilisierung, ein zitteriges und hektisches Geschnipsel, das dem Zuschauer immer nur Fetzen der Handlung zeigt, und in den actionreichen Passagen sogar bis zu drei Mal pro Sekunde (!) einen Szenenwechsel vollführt. Zwar streut der Regisseur wenigstens ab und an übersichtliche Einstellungen ein, Spaß beim Zuschauen stellt sich dennoch nur bei dem Publikum ein, das diese wackelige Kamera gewöhnt ist, sie akzeptiert – oder die fehlenden Schnipsel im Geist ergänzen kann.
Alle anderen, denen beispielsweise bei MTV oder auf dem Karussell übel wird, sollten von der Wertung zwei Punkte abziehen, leider.


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