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Der goldene Handschuh [2019]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 11. Februar 2019
Genre: Drama / Horror

Originaltitel: Der goldene Handschuh
Laufzeit: 115 min.
Produktionsland: Deutschland / Frankreich
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: ab 18 Jahren

Regie: Fatih Akin
Musik: FM Einheit
Darsteller: Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm, Jessica Kosmalla, Barbara Krabbe, Tilla Kratochwil, Uwe Rohde, Marc Hosemann


Kurzinhalt:

Im Jahr 1970 begeht Fritz Honka (Jonas Dassler) in seiner Wohnung in Hamburg seinen ersten Mord. Vier Jahre später folgen drei weitere. Dabei wirkt der schmächtige Mittdreißiger auf seine Mitmenschen eher unauffällig. Durch Misshandlungen und Unfälle entstellt, ertränkt er seinen Alltag in Kaschemmen in St. Pauli, wo er auch seine Opfer trifft. Zu diesen zählen beinahe Gerda Voss (Margarethe Tiesel) und ebenso die Putzfrau Helga Denningsen (Katja Studt), die Honka während seiner Tätigkeit als Nachtwächter kennenlernt. Aber selbst als er dem alles vernebelnden und enthemmenden Alkohol abschwört, die Versuchung bleibt für ihn stets groß – übertroffen nur durch die Enttäuschungen, auf die er mit immer neuer Gewalt reagiert …


Kritik:
Fatih Akins Porträt einer Reihe von grausamen Frauenmorden durch Fritz „Fiete“ Honka in Hamburg-St. Pauli in den 1970er-Jahren ist vermutlich eines der intensivsten, die es zu diesen wahren Begebenheiten gibt. Aber nicht nur deshalb ist Der goldene Handschuh ein schwieriger Film. Das ist er auch, weil er nicht an der Figur an sich interessiert ist, sondern lediglich daran, was für unmenschliche Grausamkeiten sie begeht. Dass es dem Filmemacher ebenso wenig um die Opfer geht, über die man kaum etwas erfährt, macht die Antwort auf eine wichtige Frage nur umso schwerer: Was will er überhaupt?

Bereits die erste Einstellung verlangt vom Publikum starke Nerven – und einen ebenso starken Magen. Darin ist zu sehen, wie Honka eine Frau an den Beinen zusammenbindet und versucht, sie in einen Müllsack zu packen. Schließlich zerstückelt er sie mit einer Handsäge in der Wohnung und schafft Teile der Leiche in einem Koffer fort. Andere deponiert er in seiner Wohnung hinter der Wandverkleidung. Nach diesem Mord springt die Erzählung aus dem Jahr 1970 vier Jahre nach vorn und präsentiert Honka als Teil einer ganzen Gesellschaft, die abseits des „normalen Lebens“ zu existieren scheint. Es gibt sie vielmehr auf den Straßen und in den Kneipen St. Paulis. Eine von diesen ist Zum Goldenen Handschuh, ein Sammelbecken für gescheiterte Existenzen, Abgehängte und Verlierer der Gesellschaft, die sich selbst, verflossene Liebe und das grausame Elend dieser Welt bis in die Morgenstunden beweinen.

Sieht man die hungrigen Blicke dieser Personen, wenn sie eine Flasche Hochprozentiges sehen, wie ihre Augen gebannt auf dem flüssigen Gold haften bleibt, während sie alles um sich herum auszublenden scheinen, dann verrät das mehr über sie, als es Dialoge könnten. Diese Menschen verbringen die Tage im ständigen Suff, wobei sie – obwohl sie alle im Goldenen Handschuh sind – nicht in derselben Welt zu existieren scheinen. Jeder sinniert über seine eigenen vernebelten Gedanken, wenn ihre Äußerungen mit denen anderer „Gäste“ thematisch übereinstimmen, ist es eher zufällig denn beabsichtigt.
Alles hier ist schmuddelig und heruntergekommen: Die Straßen, die Wohnungen, die Kleidung und die Menschen selbst. Vermutlich sogar ihre längst vergessenen Träume. In dieser Umgebung trifft Fritz Honka die meisten seiner Opfer, die er mit nach Hause nimmt, um sie weiter betrunken zu machen. Dann will er Sex mit ihnen, was weder in seinem, noch in ihrem Zustand irgendwo hinführt. Die folgende Gewalt entstammt meist seinem persönlichen Frust.

Aber woher kommt seine grundsätzliche Missachtung für, sein unbändiger Hass gegenüber Frauen, denen er jede Individualität, jede Menschlichkeit abspricht? Er schändet und misshandelt sie, wobei die ständige Gewalt gegen Frauen hier in einer kaum vorstellbar grafischen Form wiedergegeben wird. Es sind abstoßende Szenen, die sich hier abspielen, und als wäre das nicht bereits widerlich genug, scheint es keine Motivation (welch kranker Natur sie auch entsprungen sein mag) seinerseits zu geben. Der goldene Handschuh stellt Honka lediglich als erwachsene Bestie vor. Wie es zu seinem entstellten Äußeren kam, wird ebenso wenig erwähnt, wie dass er zwei Mal verheiratet war. Fatih Akin erzählt einen Film ohne irgendeine Bezugsperson und wirft einen Blick in eine abgrundtief hässliche und hässlich abgründige Welt. Als Milieustudie ist das gleichermaßen erschütternd wie hoffnungslos zermürbend. Aber sieht man Honkas Verhalten, muss man sich fragen, wieso nie jemand aufmerksam geworden ist. Gab es keinerlei Ermittlungen? Keine Anzeigen durch seine Beinahe-Opfer, die entkamen? Sind die Nachbarn nie hellhörig geworden? Tatsächlich gab es all das, aber es sind Elemente, die der Film vollkommen ausblendet. Bedauerlicherweise.

In der Rolle von Gerda Voss, die vom Alkohol entmündigt, Honka nicht nur ihre Tochter schriftlich verspricht, sondern sich auch einverstanden erklärt, mit allem, was er ihr antun könnte, ist Margarethe Tiesel schlicht großartig. Die gesamte Besetzung unterstützt die dichte Atmosphäre, die auf bedrückende Art und unumwunden authentisch erscheint. Das zeichnet den Film ebenso aus wie die stimmige Darbietung im Zentrum, die von einem immens starken Jonas Dassler definiert wird. Seine Verkörperung dieser hier seelenlos dargestellten Figur fesselt auch dann, wenn man feststellt, dass es davon abgesehen, nichts Greifbares zu entdecken gibt.


Fazit:
Es ist, als würden sich in dieser Straße, dieser Kneipe, die dem Film seinen Titel verleiht, die abgehängten Verlierer und verlorenen Seelen, sei es der Nachkriegszeit oder aller anderen Abgründe versammeln. Sie alle sind dem Alkohol verfallen, in der Hoffnung, das Unerträgliche erträglich zu machen, ohne erkennen zu können, dass wenn die Wirkung nachlässt es nur noch schwerer auszuhalten ist. Der wahre Horror liegt darin, dass es kein Entkommen zu geben scheint – und zumindest in der Erzählung von Fatih Akin auch keine Ursache. Woher rührt Honkas menschenverachtender Hass gegen Frauen? An dieser Frage ist der Filmemacher ebenso wenig interessiert, wie an der Figur im Zentrum. Er stellt Honka als seelenloses Monster vor, doch Monster werden zumeist erschaffen und nicht als solche geboren. Aber über den Werdegang Honkas bis zu dieser ersten, schockierenden Szene, wird kein Wort verloren. Auch darüber nicht, was mit ihm nach dem Gezeigten geschah. Als Porträt oder Biografie ist der Film weder geeignet, noch gedacht. Stattdessen konzentriert sich Der goldene Handschuh auf die grausamen Morde, die mit einer unnachgiebigen Intensität geschildert werden. Das ist verstörend, beängstigend authentisch und beklemmend dargebracht. Ein Blick in eine Welt, in der niemand gewinnt. Auch das Publikum nicht.
 


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