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Der Anschlag [2002]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 20. August 2002
Genre: Thriller / Unterhaltung

Originaltitel: The Sum of All Fears
Laufzeit: 123 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2002
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Phil Alden Robinson
Musik: Jerry Goldsmith
Darsteller: Ben Affleck, Morgan Freeman, James Cromwell, Liev Schreiber


Kurzinhalt:
Der russische Präsident stirbt überraschend; über die politischen Vorlieben seines Nachfolgers Nemerov (Ciaran Hinds) ist nicht viel bekannt. Der überraschende Wechsel an der politischen Spitze der Ostnation ruft bei den Verantwortlichen der CIA Unbehagen und allerlei Spekulationen hervor. Der CIA-Direktor William Cabot (Morgan Freeman) zieht den unerfahrenen Analytiker Jack Ryan (Ben Affleck) hinzu, um Licht ins Dunkel zu bringen. Doch dann geschieht das Undenkbare: Mitten im Football-Stadion einer amerikanischen Großstadt wird eine Atombombe gezündet.
Für den CIA ist der Fall klar: die Russen haben der größten Streitmacht der Welt einen empfindlichen Schlag verpasst und die USA unter Leitung von Präsident Fowler (James Cromwell) planen einen vernichtenden Gegenschlag. Sie ahnen jedoch nicht, dass hinter dem Anschlag eine terroristische Neonazigruppe steckt, die die beiden Supermächte gegeneinander ausspielen will.
Als Ryan beginnt, die wahren Zusammenhänge zu erkennen, läuft ihm bereits die Zeit davon, einen dritten Weltkrieg abzuwenden.


Kritik:
Der Filmcharakter Jack Ryan ist kein Neuling in Hollywood, vor 12 Jahren feierte er sein Leinwanddebüt in Jagd auf Roter Oktober [1990], verkörpert von Alec Baldwin. Nur zwei Jahre später folgte Die Stunde der Patrioten [1992], diesmal wurde Ryan von Harrison Ford gespielt; ebenso in dem weitere zwei Jahre später erschienenen Das Kartell [1994]. Seither war es ruhig um den charismatischen und sympathischen CIA-Analytiker, der wider Willen in alle möglichen Abenteuer hineingezogen wird.

In Der Anschlag wird abermals ein neues Gesicht in die Ryan-Saga eingeführt, Ben Affleck gibt hier einen jüngeren, noch unerfahrenen Ryan zum Besten; allerdings spielt der Film in der heutigen Zeit – das kann zu einigen Verwirrungen führen.
In diesem Film steht auch die Beziehung zu seiner zukünftigen Frau Cathy Muller (Bridget Moynahan) noch am Anfang, wohingegen Jack in Stunde der Patrioten mit ihr bereits ein Kind hat.
Wer sich an diesen Inkontinuitäten nicht stört und sich vorstellt, dass hier nun eine völlig neue Ryan-Reihe aufgebaut wird, sollte sich Der Anschlag nicht entgehen lassen.

Die Story selbst wurde gegenüber der Buchvorlage von Tom Clancy abgewandelt: Bedrohten dort noch islamische Terroristen die Welt, ist im Film eine Neonazigruppe für den Anschlag verantwortlich – den Produzenten war die ursprüngliche Geschichte zu real (vor dem Hintergrund des 11. September 2001), als dass daraus ein unterhaltsamer Sommerfilm werden könnte. Zwar ist die restliche Handlung um die gezündete Atombombe und den drohenden dritten Weltkrieg dennoch ziemlich realistisch, aber die Deutschen als Standard-Bösewichte in amerikanischen Filmen hat man wohl schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen.
Mich persönlich hat das nicht gestört, auch wenn es meiner Meinung nach nicht nötig gewesen wäre und etwas aufgesetzt wirkt. Die Geschichte wird straff erzählt und mit vielen Charakteren, Orten und Handlungssträngen versehen; wer hier nicht aufpasst, dem wird die letztendliche Auflösung unlogisch und gekünstelt erscheinen – was sie definitiv nicht ist.
Dass die Russen nicht wie bei anderen, patriotisch angehauchten Filmen, als unfähige Kriegstreiber dargestellt werden, ist ebenso angenehm. Nemerov handelt, angesichts der Tatsache, dass die USA ihn für den Atomschlag verantwortlich machen, überlegt und nachvollziehbar. Zusammen mit seinen Beratern und Ministern verhält er sich nicht anders, als US-Präsident Fowler es an seiner Stelle tun würde.

Löcher in der Story gab es für mich nicht, alle Charaktere haben ihre Berechtigung und sind für die Handlung wichtig, obwohl das am Anfang nicht sofort ersichtlich war. Auch wenn der Trailer mehr Action vermittelt, als der Film letztendlich besitzt, hatte er dennoch keine Längen. Ansich gibt es nur zwei Actionsequenzen: Zum einen die Explosion der Bombe und ein Angriff von russischen Kampffliegern auf einen US-Flugzeugträger. Der Rest des Films gestaltet sich spannend und vielschichtig. Wem die bisherigen Ryan-Filme gefallen haben, insbesondere Jagd auf Roter Oktober, wird nicht enttäuscht werden, auch wenn Der Anschlag nicht ganz an "den ersten Teil" herankommt.

Die Hauptcharaktere Ryan, Muller, Cabot und Fowler werden gut eingeführt, wobei das Hauptaugenmerk natürlich auf dem CIA-Analytiker liegt. Schade ist nur, dass es nicht alle Nebencharaktere über die kompletten 120 Minuten hinaus schaffen und somit in kommenden Ryan-Filmen nicht mehr auftreten können.
Morgan Freeman verleiht seiner Rolle erneut eine Würde und Weisheit, die viele andere Darsteller nicht vermitteln können. Als neuer Mentor von Ryan wirkt er überzeugend, manchmal witzig, aber immer aufmerksam. James Cromwell, obwohl er schon bessere Rollen hatte, kann vollauf überzeugen und auch sein Präsidentenstab ist hochkarätig besetzt. Vor allem dürfen sie zeigen, dass selbst kleine Rollen durchaus von guten Darstellern verkörpert werden können.
Anfangs sicher gewöhnungsbedürftig, nach der ruhigen und beherrschten Art von Harrison Ford, ist Ben Affleck als der neue Jack Ryan. Leicht unsicher unter den großen Namen der Politik wirkt er jedoch trotzdem kompetent und sich seiner Fähigkeiten bewußt, auch wenn er nur ungern in die Rolle des Weltenretters schlüpft. In manchen Szenen hätte ich mir etwas mehr mimischen Einsatz von ihm gewünscht, alles in allem war er jedoch eine gute Wahl. Wie viele andere Darsteller wird er in seine Rolle hineinwachsen müssen – bestes Beispiel ist Pierce Brosnan, der in seinem ersten Bond-Abenteuer zwar die Zuschauer fesseln konnte, allerdings "spielte" er zu diesem Zeitpunkt den Geheimagenten nur; in seinem letzten Abenteuer "war" er dieser Charakter. So wird es auch Affleck ergehen, sollte er sich entscheiden, weitere Ryan-Filme zu drehen.
Wirklich überraschend und teilweise auch amüsant war Liev Schreibers (Scream 3 [2000]) Auftritt als Agent John Clark, der für CIA-Chef Cabot hin und wieder Aufträge ausführt. Ich hoffe, dass er in kommenden Filmen erneut zu sehen sein wird – zugegeben, ich hatte nicht gedacht, dass er in einer solchen Rolle überzeugen könnte, aber nach einer Minute auf der Leinwand waren alle Bedenken verflogen. Er passt perfekt in die CIA-Agenten-Rolle und verleiht dem Charakter mit seiner Mimik etwas leicht Verspieltes, aber doch Professionelles.

Zwar gibt es nicht übermäßig Action in dem Film, Spezialeffekte schon; glücklicherweise sind sie mindestens gut, meistens sogar sehr gut. Sei es das Zünden der Bombe, der Angriff auf den Flugzeugträger oder die Überreste von Baltimore (wo die Bombe detonierte): Sowohl die Make-Up-Künstler, als auch die Computereffekte können vollends überzeugen. Schade nur, dass von der Explosion der Atombombe im Film nicht mehr zu sehen ist als im Trailer! Da wurde ich das Gefühl nicht los (wie an ein paar anderen Stellen auch), dass den Machern das Budget von weniger als 70 Millionen Dollar einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Geschadet hat es dem Film im Ganzen nicht, ich hätte trotzdem gerne mehr gesehen.

Die Inszenierung ist – mit Ausnahme von ein paar stark verwackelten Kamerafahrten und Schnittfolgen – sehr gut und vor allem ohne Patzer gelungen. Sowohl bei dem Höhepunkt des Films, der Explosion in Baltimore, als auch beim Finale schaffen Kamera und Schnitt eine beklemmende Atmosphäre und mitreißende Spannung.
Bis auf die angesprochenen Wackel-Szenen geht die Übersicht nie verloren. Gerade am Ende des Films wird mit dem Einsatz von dezenten Zeitlupen, Schnitt und Musik eine fast schon anspruchsvolle Ästhetik erreicht, die ich nicht ohne weiteres so erwartet hätte.
Jerry Goldsmiths Musik passt sich den Szenen hervorragend an. Am beeindruckendsten fand ich die mit Trommeln untermalte Nationalhymne, die vor dem Footballspiel in Baltimore vorgetragen wird. Feuchte Handflächen sind nicht ausgeschlossen!

Als Film gehört Der Anschlag zu den besten Thrillern in diesem Genre seit einiger Zeit. Die saubere Inszenierung und die guten darstellerischen Leistungen – auch von dem russischen Präsidenten-Schauspieler Ciarán Hinds und Michael Byrne als sein Ratgeber Anatoli Grushkov – sowie die Geschichte ansich, die deutlich mehr Denkarbeit von Seiten des Zuschauers erfordert, als das oftmals der Fall ist, heben den Film weit über den Durchschnitt. Als Jack-Ryan-Abenteuer fand ich ihn außerdem deutlich überzeugender als Das Kartell.
Ich glaube nicht, dass der Film vielen (besonders jungen und ungeduldigen) Leuten gefallen wird, manche werden ihn unrealistisch und langweilig finden. Wer aber lange Zeit auf einen nachdenklichen, ruhigen und doch spannenden Thriller gewartet hat, sollte an Der Anschlag nichts auszusetzen haben.

Für unaufmerksame Zuschauer ist der Film ebenso wenig geeignet wie für Kinder, die FSK-Freigabe ist schon aufgrund des Themas und einiger härterer Szenen geradezu lachhaft. In Skandinavien sah man das offensichtlich ein und gab dem Film eine Freigabe ab 15 Jahren.


Fazit:
Es ist erfreulich, dass auch groß angekündigte Blockbuster heute noch halten können, was sie versprechen. Angesichts der vielen Enttäuschungen in den letzten Jahren ist das eine wirkliche Überraschung.
Der Anschlag bietet alles, was man von einem unterhaltsamen Kinoabend erwartet, sofern die Zuschauer bereit sind mitzudenken. Ben Affleck ist auf den ersten Blick nicht der geborene Ryan, aber ihm passen die neuen Schuhe ganz gut und mit der Zeit wird er sicher in sie hineinwachsen. Ich freue mich auf den nächsten Ryan-Film, in der Hoffnung, dass es nicht wieder acht Jahre dauert.


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