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Das Glücksprinzip [2000]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 31. Dezember 2003
Genre: Drama

Originaltitel: Pay It Forward
Laufzeit: 123 min.
Produktionsland: USA
Produktionsjahr: 2000
FSK-Freigabe: ab 12 Jahren

Regie: Mimi Leder
Musik: Thomas Newman
Darsteller: Kevin Spacey, Helen Hunt, Haley Joel Osment, Jay Mohr, James Caviezel, Jon Bon Jovi


Kurzinhalt:
Arlene McKinney (Helen Hunt) versucht sich mit zwei Jobs über Wasser zu halten, um den Lebensunterhalt für sich und ihren Sohn Trevor (Haley Joel Osment) zu bestreiten – doch deshalb ist sie nie zuhause und Trevor sichtlich vereinsamt. Als der neue Lehrer Eugene Simonet (Kevin Spacey) an seine Schule kommt, und den Kindern eine seltsame Hausaufgabe gibt, nämlich sich etwas auszudenken, um die Welt besser zu machen, und diese Idee in die Tat umzusetzen, blüht Trevor auf.
Er hat sich vorgenommen, drei Menschen etwas Gutes zu tun, und diese drei sollten dann erneut drei Menschen einen Gefallen erweisen. Doch das Prinzip scheint einfacher, als seine Umsetzung.
So muss Trevor erkennen, dass er seine alkoholkranke Mutter nicht mit dem von Brandnarben gekennzeichneten Lehrer Simonet verkuppeln kann – obwohl es alle wollen. Und doch wird seine Idee des "Weitergebens" ihr Leben für immer verändern.


Kritik:
Nachdem sie schon zahlreiche Engagements hinter der Kamera in Fernsehfilmen und -serien hatte, wurde Mimi Leder mit der erfolgreichsten Ärzteserie der Welt, Emergency Room - Die Notaufnahme [1994-2009], endlich über ihre Filme hinaus bekannt. Mit einem enormen Einfühlungsvermögen und einem Geschick für eine interessante Kameraführung gelang ihr der Durchbruch, sowohl als Regisseurin, als auch als Produzentin.
1997 wählte Steven Spielberg sie aus, den ersten Film der neu gegründeten Produktionsfirma DreamWorks SKG zu drehen: Projekt – Peacemaker [1997]. Trotz Darsteller wie Nicole Kidman und George Clooney, sowie eines brisanten Themas, blieb der 50 Millionen Dollar teure Film hinter seinen Erwartungen zurück – in den Vereinigten Staaten spielte er nicht einmal seine Kosten ein. Ihr nächster Film, Deep Impact [1998], war dagegen schon ein richtiger Erfolg, wenn auch beim Publikum nicht so geliebt, wie der thematisch ähnlich angehauchte, aber deutlich lautere Armageddon - Das jüngste Gericht [1998], der trotz des späteren Starttermins mehr Geld einspielte. Bei solchen Saisonfilmen (zwei Filme selben Themas laufen im selben Sommer an) war es eher ungewöhnlich, dass der spätere mehr einspielte. Leder führte auch bei der kurzlebigen Thriller-Serie John Doe [2002-2003] Regie, inszenierte zuvor allerdings noch Das Glücksprinzip, eine Romanverfilmung, die zwei der bekanntesten Darsteller vereinte, die beide 1999 so zu sagen über Nacht weltberühmt wurden. Haley Joel Osment, Kinderstar und anscheinend Naturtalent, jagte den Zuschauern an der Seite von Bruce Willis in The Sixth Sense [1999] einen Schauer über den Rücken – der Lohn war eine Oscarnominierung. Kevin Spacey hatte vor American Beauty [1999] zwar schon eine Menge hervorragender Filme gedreht (L.A. Confidential [1997], Die üblichen Verdächtigen [1995], Sieben [1997]), doch erst als gebrochener Kleinbürger, der einen Neuanfang in seinem Leben wagt, errang er den Oscar für die Hauptrolle. Für Die üblichen Verdächtigen bekam er die Trophäe für die beste Nebenrolle allerdings auch schon.
Zwei Stars, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und als wäre das nicht genug, auch noch Helen Hunt, die für Besser geht's nicht [1997] völlig zurecht auch schon den Oscar bekam. Und doch spielte Das Glücksprinzip seine Kosten in den USA nicht einmal wieder ein.

Es liegt, wie so oft, nicht an den Darstellern, die ihre Rollen mehr als nur überzeugend verkörpern, vielmehr ist es dem adaptierten Drehbuch zuzuschreiben, das sich auch bei oberflächlicher Betrachtung viel zu glatt, zu sehr auf Oscarkurs poliert und zu berechnend anfühlt. Das ändert sich zwar kurz vor Schluss, wenn die Geschichte eine überraschende Wendung nimmt, doch in der letzten Szene wird der Film dem Roman in einer Art und Weise untreu, wie es die Kenner der Vorlage nur schwer nachvollziehen können.
Das Setting des sich quasi selbst erziehenden Jungen, der sich großteils alleine durchschlägt und mitansehen muss, wie seine Mutter immer mehr (wenn auch heimlich) dem Alkohol verfällt, ist dabei wirklich gut umgesetzt und auch ergreifend geschrieben. Ebenso die Art und Weise, wie die beiden Erwachsenen versuchen, sich einander näher zu kommen, ohne dabei einen Fehler zu begehen. Doch es fehlen großteils die Dialogpassagen oder Szenen, in denen dem Zuschauer wirklich unbehaglich wird, in denen man eine Gänsehaut bekommt und man die Spannung der Situation wirklich spürt. Wirklich gelungen ist das nur, als Arlene die Beherrschung verliert und ihren Sohn ohrfeigt, oder als sie voller Wut und Angst in den Telefonhörer brüllt. Wie die Charaktere ist man auch als Zuseher sprachlos – und man kann mit beiden Beteiligten mitfühlen.
Die eigentliche Konfrontation zwischen Arlenes Ex-Mann Ricki und Eugene fehlt hingegen völlig; und auch Arlenes Bekenntnis beim Busbahnhof, von wo aus Trevor ausreißen will, kann nicht so recht überzeugen. All diese Dialoge hat man schon unzählige Male gehört, das macht sie nicht wirklich schlecht, aber abgenutzt.
Auf diese Weise pendelt sich das Drehbuch zwischen gut und Durchschnitt ein, ohne je wirklich nachzulassen, aber auch ohne wirkliche Höhepunkte aufzubauen. Dass dabei immer wieder ein Schnitt zum Reporter Chris Chandler gemacht wird, der rückwirkend herauszufinden versucht, wie es eigentlich zum Prinzip des "Weitergebens" kam, soll wohl die Geschichte um die Familientragödie auflockern – wirkt im Endeffekt aber eher störend, da man immer das Gefühl hat, man bewege sich in zwei verschiedenen Zeitrahmen (immerhin findet die Recherche später statt, als das, was Trevor erlebt), ohne in einen je wirklich eintauchen zu können.
Leslie Dixons Drehbuch – sie schrieb auch schon die Vorlage für die Neuverfilmung der Thomas Crown Affäre [1999] – wirkt wie eine Mischung aus American Beauty und Der Club der toten Dichter [1989], ohne je an die Klasse oder die Originalität von einem von beiden heranzureichen.

An den Darstellern liegt das nicht, Helen Hunt, die hier deutlich älter und fahler wirkt, als in Cast Away – Verschollen [2000], spielt meisterhaft ergreifend, wurde dafür aber nicht einmal mit einer Nominierung belohnt. Kevin Spacey schafft es sogar, unter der aufwändigen und mimisch sicher limitierenden Maske, seinen Charakter voll auszuleben, was ihm allein durch seine Haltung, seine Gestik und seine zögerlichen Bewegungen gelingt – und Haley Joel Osment scheint die Kinderrolle wie angegossen, auch wenn ein paar Dialoge nicht ganz zu seinem Charakter passen wollen (anders, als in The Sixth Sense).
Von der restlichen Besetzung fällt insbesondere Jay Mohr auf, der in seinen Rollen eigentlich nie fehlplatziert ist, aber doch nie über sich hinauswächst.
Jon Bon Jovis Auftritt ist zwar nicht lang, strapaziert dafür die Nerven der Zuschauer auch nicht übermäßig – dass er spielen kann, hat er in bewiesen. Hier muss er allerdings nicht viel tun, außer seinen durchtrainierten Oberkörper in engen T-Shirts zeigen: Was Frauen wie Arlene eben schwach werden lässt.
Einer der interessantesten Darsteller, auch wenn er hier nur unscheinbar zu sehen ist, ist zweifelsohne James Caviezel, der bereits in Der Schmale Grat [1998] und Frequency [2000] überzeugte, und der in Die Passion Christi [2004] die wohl umstrittenste und forderndste Hauptrolle überhaupt zu meistern hat. Hier spielt er den zu bekehrenden Obdachlosen tadellos.
Der restliche Cast wird von Kinderdarstellern und einigen bekannten Gesichtern abgerundet, die zwar keinen bleibenden Eindruck hinterlassen, aber alle überzeugen können.

Bei der erstklassigen Hauptbesetzung verlangt es allerdings auch nach einer ansprechenden Inszenierung, doch da scheint Mimi Leder bis auf wenige Szenen ihre glückliche Hand verlassen zu haben. Zwar erlaubt sich die Umsetzung keine Patzer, doch bis auf die Einstellung mit dem Schulhof am Schluss, in dem das verletzte Kind liegt (und diese wirkt identisch von The Sixth Sense am Anfang übernommen), bleibt keine Kamerafahrt wirklich in Erinnerung. Die Totale vor dem Abspann ist dabei nicht wirklich originell, sondern vielmehr zweckmäßig.
Lange Kamerafahrten, interessante Einstellungen, oder gar wirklich mitreißende Schnittfolgen gibt es nicht, die Dialoge sind meist statisch eingefangen und vermitteln nicht das Gefühl, als wollte die Kamera die Einsamkeit der Charaktere widerspiegeln, oder ihre Annäherung.
Auch wenn ein Drama sicher nicht eine hektische Handkamera und unendlich lange Einstellungen benötigt, was ein perfekt ausgependelter Schnitt und eine einfallsreiche Kamera ausmachen, sieht man an American Beauty eindrucksvoll. Hier allerdings, wünscht man sich das mehr, als dass man es sieht.

Thomas Newmans Score trägt zweifellos seine Handschrift und erinnert bisweilen auch frappierend an American Beauty, und doch wirkt seine Vertonung eher wie eine Routinearbeit. Das Thema kristallisiert sich erst nach einer Weile heraus, ist dann aber immer zu erkennen, obwohl er sich in den aufwühlenden Szenen sichtlich zurückhält.
Auch wenn Newmans Scores nicht die abwechslungsreichsten sind, allein mit Road to Perdition [2002], American Beauty, Der Pferdeflüsterer [1998], Erin Brockovich [2000], The Green Mile [1999] und Rendezvous mit Joe Black [1998] hat er einige hervorragende Soundtracks komponiert, dich auch alle ihre persönliche Note besitzen. Beim Glücksprinzip kann man das leider nicht sagen.

Die deutsche Synchronisation ist im Übrigen auch sehr gut gelungen, was vor allem den Sprechern von Kevin Spacey (Till Hagen) und Helen Hunt (Madeleine Stolze) zu verdanken ist. Insbesondere bei Hunt hat das Tonstudio eine deutlich bessere Wahl getroffen, als noch bei Besser geht's nicht, der für die deutsche Fassung zurecht scharfe Kritik einheimste – Jutta Speidel war als Sprecherin der Hauptdarstellerin schlicht nicht geeignet. Wieso sie allerdings für Was Frauen wollen [2000] wieder engagiert wurde, anstatt erneut auf Madeleine Stolze zurück zu greifen, verstehe wer will.
Auch der Sprecher von Haley Joel Osment kann überzeugen, gleichwohl er nicht an Osments Darbietung im Original Englisch heranreicht.

Kenner des Buches wird eines allerdings schnell auffallen: im Gegensatz zur Vorlage ist in der Verfilmung Trevors Lehrer kein Afro-Amerikaner, und trägt auch nicht den Namen Reuben St. Clair. In der Tat wurde die Rolle zuerst Denzel Washington angeboten, der wegen anderer Verpflichtungen allerdings absagen musste. Als Kevin Spacey an Bord der Produktion kam, wurde der Name des Lehrers in Eugene Simonet umgeändert.
Ebenfalls missfallen wird denjenigen, die den Roman kennen die Tatsache, dass eine entscheidende Dialogszene am Schluss des Films fehlt; während sich dort die Menschenmenge ebenfalls versammelt, wird ihr gesagt, sie sollen fortgehen und das Prinzip des "Weitergebens" ausleben – es ist unverständlich, weswegen dies im Film nicht vorkommt, da es genau die Kernaussage der Geschichte ist.

Es ist manchmal wirklich schwer festzustellen, wieso ein Film sein Potential nicht auszuschöpfen vermag. Im Falle von Das Glücksprinzip liegt es weniger daran, dass sich die Beteiligten keine Mühe geben würden, vielmehr befolgen sie die Standard-Formel für ein manipulatives, ergreifendes und gut gespieltes Drama gänzlich. Und doch bleibt es weit hinter seinen Möglichkeiten zurück.
Arlenes schnelle Erkenntnis und die Tatsache, dass sie ihre Sucht so schnell in den Griff bekommt, ebenso wie ihr Ex-Mann, der nur kurz auftritt um die Geschichte ein wenig in die Länge zu ziehen und zu "verkomplizieren", sind Standard-Zutaten für ein Drama – die alle schon zu oft gesehen wurden.
Es fehlt das Konfliktpotential, das nur in einer Szene ausgeschöpft wird, nämlich als Eugene Arlene ins Gesicht fragt, was das Problem mit Frauen ist, die sich von ihren Männern schlagen lassen – in dieser einen Szene wird kurz deutlich, dass mehr in der Geschichte steckt, als anfänglich zu sehen ist, und dass mehr Themen tangiert werden, als das "Weitergeben". Und doch wird der Konflikt nicht ausgelebt oder eine Lösung aufgezeigt, vielmehr geht all das bedauerlicherweise in dem tränenreichen Finale mit unter.


Fazit:
Manchmal kann man alle Zutaten des Rezepts in den angegebenen Mengen mit beifügen – und hinterher stellt man doch fest, dass es nicht so aussieht wie auf dem Bild der Verpackung. Nur ist es im Falle eines Filmes leider nicht möglich, am Ende noch zu kaschieren. Regisseurin Mimi Leder hat eigentlich alles richtig gemacht, und dabei doch übersehen, dass dem Drehbuch die entscheidenden, mitreißenden Momente fehlen, die dem Drama einen persönlichen Touch verleihen und eine Verbindung zum Zuschauer aufbauen.
Die Darsteller spielen oscarreif und engagieren sich sichtlich; der Rest ist auch nicht schlecht, im Gegenteil. Nur hat man das Gefühl, man hat die Zutaten in anderen, besseren Dramen schon besser umgesetzt gesehen. Das Glücksprinzip selbst ist wenige Minuten nach dem Anschauen schon wieder vergessen.


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