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Boy Missing [2017]

Wertung: 4 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 16. April 2018
Genre: Thriller

Originaltitel: Secuestro
Laufzeit: 105 min.
Produktionsland: Spanien
Produktionsjahr: 2015
FSK-Freigabe: ab 16 Jahren

Regie: Mar Targarona
Musik: Marc Vaíllo
Darsteller: Blanca Portillo, Antonio Dechent, Vicente Romero, Marc Domènech, Nausicaa Bonnín, Andrés Herrera, José Coronado, Macarena Gómez, Paco Manzanedo, Sergi Subirà, Marieta Sánchez


Kurzinhalt:

Als Patricia de Lucas’ (Blanca Portillo) Sohn Víctor (Marc Domènech) blutüberströmt, aber glücklicherweise kaum verletzt aufgegriffen wird, ist die erfolgreiche Anwältin schockiert. Bei der Polizei gibt Víctor an, von einem Mann entführt worden zu sein, er sich aber aus dessen Keller befreien konnte. Die Polizisten Requena (Antonio Dechent) und Carreño (Vicente Romero) ermitteln den früher bereits straffällig gewordenen Charlie (Andrés Herrera) als Täter, was Víctor bestätigt. Doch Charlie streitet ab, den Jungen je zuvor gesehen zu haben. Als Charlie versucht, Víctor zur Rede zu stellen, entschließt sich Patricia, den Vater ihres Sohnes, Raúl (José Coronado), aufzusuchen und um Hilfe zu bitten. Raúl besitzt die notwendigen Kontakte und Mittel, um den Täter von ihrem Sohn fernzuhalten. Doch es dauert nicht lange, ehe Patricia erkennen muss, dass nicht alles so ist, wie es scheint – und dass sie einen schrecklichen Fehler begangen hat …


Kritik:
Wer bei Mar Targaronas Thriller Boy Missing erwartet, dass dieser sich um einen verschwundenen oder gekidnappten Jungen dreht, könnte enttäuscht werden. Nicht, weil der wendungsreiche Film enttäuschend wäre, sondern weil der Filmtitel falsche Erwartungen weckt. Denn der damit gemeinte Sohn der erfolgreichen Anwältin Patricia de Lucas wird ganz zu Beginn blutüberströmt von einem Autofahrer aufgelesen und ist somit nicht verschwunden. Die Frage im Raum ist stattdessen, was ist mit ihm geschehen? Der spanische Originaltitel bedeutet – wenn das Wörterbuch nicht täuscht – „Entführung“ oder gar allgemeiner „Raub“. Obwohl dies sehr ähnlich klingt, rückt es den für Genresfans durchweg empfehlenswerten Film in ein ganz anderes Licht.

Patricias Sohn Víctor, dessen Verschwinden gar nicht aufgefallen wäre, erstreckte es sich zeitlich doch nur von morgens, als seine alleinerziehende Mutter ihn bei der Schule abgesetzt hatte, bis zum Nachmittag, als er gefunden wurde, spricht eingangs nicht. Auf Grund einer angeborenen Schwerhörigkeit kann er die Lautstärke seiner Stimme nicht kontrollieren und unterhält sich selbst mit seiner Mutter in einer Mischung aus Zeichensprache und Lippenlesen. Eher widerwillig gibt er den ermittelnden Beamten die Beschreibung eines Mannes, der ihn entführt und in einem Keller eingeschlossen hat, aus dem sich Víctor jedoch wieder befreien konnte. Dank einer Phantomzeichnung ist ein Verdächtiger schnell ausgemacht. Charlie behauptet zwar, den Jungen nie gesehen, geschweige denn entführt zu haben, aber er verstrickt sich auch in Widersprüche.
Wer an dieser Stelle glaubt genau zu wissen, was geschehen ist, wird sich vermutlich auf dem Holzweg befinden. Denn die Story von Boy Missing geht – so viel sei verraten – in eine gänzlich andere Richtung.

So interessant das im Grunde zwar ist, es ist auch so ruhig, beinahe langsam erzählt, dass dem Publikum viel Zeit bleibt sich zu fragen, was beispielsweise Charlies illegale Aktivitäten wohl mit alledem zu tun haben. Aber da die Geschichte nicht aus Sicht der Polizei erzählt ist, sondern hauptsächlich aus Patricias, führen diese Überlegungen nicht weit. Die Anwältin muss dabei erkennen, dass ihr die Situation nach einer folgenschweren Entscheidung sehr schnell und immer mehr entgleitet. Dabei führt das Drehbuch von Autor Oriol Paulo (Regisseur u.a. von The Body - Die Leiche [2012] und Der unsichtbare Gast [2016]) zahlreiche Figuren ein wie eben Charlies Geschäftspartner oder Patricias Kontakt zur Polizeiarbeit, deren Interaktion mit den Hauptcharakteren im ersten Moment wichtig erscheint, aber letztlich keine Rolle spielt und vor allem nicht entsprechend erklärt wird. So muss man sich am Ende sogar die Hintergründe zur Auflösung, die mit einer unerwarteten Wendung in den letzten Minuten daherkommt, selbst zusammenpuzzeln.

Das eigentliche Problem daran ist, dass sich Boy Missing nicht entscheidet, ob Hauptfigur Patricia nun eine gute oder böse Person sein soll. Sieht man, welche Entscheidungen sie fällt und in welcher Geschwindigkeit, wirkt sie abgebrüht und beinahe skrupellos. Andererseits erwartet das Skript, dass man mit ihr mitfiebert, wenn sie sich in einen immer unüberschaubareren Schlamassel verstrickt.
Das funktioniert in Kombination mit der zwar atmosphärischen, aber nur selten packenden Inszenierung nur bedingt. Am eigentlichen Handwerk gibt es zwar nicht wirklich etwas zu bemängeln, Ausstattung, Kamera und Schnitt brauchen sich vor einer Hollywoodproduktion nicht zu verstecken. Auch die Besetzung ist überaus gelungen, angeführt von einer starken Blanca Portillo und Marc Domènech. Aber die einzelnen Aspekte wollen nicht so richtig zusammenpassen, so dass der Eindruck bleibt, die undurchsichtige Story würde sich zu wenig festlegen, was sie eigentlich sein möchte.

Boy Missing ist für das Heimkino bei „OFDb Filmworks“ erschienen. Die Blu-ray-Veröffentlichung überzeugt wie gewohnt durch eine kristallklare Bild- und Tonqualität, wobei letzterer sowohl in deutscher als auch spanischer Sprachfassung in DTS-HD Master Audio 5.1 vorliegt. Deutsche Untertitel stehen beim Film und dem nicht synchronisierten Bonusmaterial zur Verfügung. Die Synchronfassung ist jedoch erfreulich gelungen. Die Extras umfassen neben Programm-Tipps den Trailer und ein Making of, das Einblick in die Arbeit hinter der Kamera bietet. Bildergalerien und Interviews mit den Akteuren sind ebenfalls an Bord. Leider sind weder ein Audiokommentar von Drehbuchautor Oriol Paulo, noch Regisseurin Mar Targarona enthalten und auch Entfallene Szenen sucht man vergebens. Fans des Thrillers werden dennoch bestens bedient.


Fazit:
Dass Thriller immer dann am besten gelingen, wenn das Publikum die Auflösung nicht kommen sieht, ist unbestritten. Nur genügt die Unvorhersehbarkeit alleine nicht, wenn es keine Figuren gibt, mit denen man tatsächlich mitfiebert. Genrekenner werden den letzten Story-Kniff bei Boy Missing zwar erahnen und er ist auch nicht weit hergeholt, doch hätte man die Zusammenhänge früher andeuten können, ohne sie zu verraten. So macht es den Eindruck, als würde Filmemacherin Mar Targarona mit vielen Nebenfiguren unnötige Storyelemente vorstellen, während die an sich wichtigen absichtlich verschwiegen werden, um die „Überraschung“ zu erhalten. Die ruhige, wenn auch stimmungsvolle Erzählung lässt dem Publikum dabei viel Zeit, über all das nachzudenken. Handwerklich ist der wendungsreiche Thriller tadellos umgesetzt und lohnt nicht zuletzt dank der guten Besetzung für Genrefans. Nur beschleicht einen hinterher das Gefühl, dass hier nicht die beste Version der Geschichte erzählt wird.

Blu-ray-Wertung:
4 von 6 Punkten
Boy Missing ist seit dem 22. März 2018
als DVD und Blu-ray bei OFDb Filmworks erhältlich!
 


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