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Blind Side - Die große Chance [2009]

Wertung: 4.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 27. November 2011
Genre: Drama / Unterhaltung

Originaltitel: The Blind Side
Laufzeit: 129 min.
Produktionsland: USA / Kanada
Produktionsjahr: 2009
FSK-Freigabe: ab 6 Jahren

Regie: John Lee Hancock
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Sandra Bullock, Tim McGraw, Quinton Aaron, Jae Head, Lily Collins, Ray McKinnon, Kim Dickens, Adriane Lenox, Kathy Bates, Catherine Dyer, Andy Stahl, Tom Nowicki, Libby Whittemore, Brian Hollan, Melody Weintraub, Sharon Morris, Omar J. Dorsey, Paul Amadi


Kurzinhalt:
Leigh Anne Tuohy (Sandra Bullock) ist eine erfolgreiche Innenarchitektin in Memphis, Tennessee und mit dem überaus erfolgreichen Sean Tuohy (Tim McGraw) verheiratet. Finanziell muss sie sich keine Sorgen machen und eigentlich müsste es sie auch nicht kümmern, doch als sie den großgewachsenen Michael Oher (Quinton Aaron), der erst vor kurzem an die christliche Schule kam, auf der ihre Kinder Collins (Lily Collins) und S.J. (Jae Head) sind, mit kurzen Hosen und einem T-Shirt bekleidet in einer kalten Nacht am Straßenrand sieht, kann sie nicht anders und spricht ihn an. Nach Hause kann oder will er nicht. Die einzige andere Kleidung, die er hat, trägt er in einem Plastikbeutel bei sich. Darum nimmt Leigh Anne ihn auf, gibt ihm ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Obwohl Michael alles andere als dumm ist, sind seine Noten vernichtend, bis die Lehrerin Mrs. Boswell (Kim Dickens) dahinter kommt, mit Michael die Tests mündlich durchzuführen.
Als er sich in der Schule verbessert nimmt ihn Coach Cotton (Ray McKinnon) in das Football-Team auf. Michael scheint dafür geboren, Football zu spielen, auch wenn er viele Fehler macht. Doch mit Leigh Annes Hilfe scheint ihm alles zu gelingen, wobei die Privatlehrerin Miss Sue (Kathy Bates) für seine schulischen Leistungen zuständig ist. Allerdings bleibt die Frage, was Michael selbst für sich möchte – und ob er sich von seiner Vergangenheit mit einer drogenabhängigen Mutter wirklich losgelöst hat ...


Kritik:
Der oscarprämierte Film Blind Side - Die große Chance erzählt gleich zwei Mal vom amerikanischen Traum. Zum einen aus der Sicht von dem mittellos aufgewachsenen Michael Oher, der es bis in die Profiliga des American Football geschafft hat, aber auch von Leigh Anne Tuohy aus, die als selbstbewusste, wohlhabende weiße Frau ihre christlichen Werte in die Tat umsetzt und den farbigen Michael in ihrer Familie aufnimmt, ihm ein Dach über dem Kopf gibt und ihn dabei unterstützt, der zu werden, der er schließlich wird. Das Schöne für Hollywood daran: Die Geschichte basiert auf wahren Ereignissen. Schon deshalb kann man Blind Side den Inhalt nicht zum Vorwurf machen, doch findet Regisseur John Lee Hancock auf komplexe Sachverhalte nur einfache Antworten, die meist den Kern der Thematik gar nicht berühren. So sehen wir beispielsweise die resolute Leigh Anne, die in einer Runde mit ebenso gut betuchten Damen anbringt, sie möchte sich für das Armenviertel am anderen Ende der Stadt einsetzen – auch ihrem Mann macht sie später den Vorschlag, eine Stiftung zu gründen –, worauf ihre Freundinnen reagieren, als würde sie aus einem Schuldkomplex heraus handeln. Viel wichtiger wäre doch anzugehen, woher diese Ghettoisierung kommt und was man dagegen unternehmen kann, um den jungen Menschen dort eine Perspektive zu bilden. Wie es Michaels Bruder, dem er in einem Restaurant begegnet, gelungen ist, aus diesem Hintergrund auszubrechen, wird gar nicht behandelt. Des Rätsels Lösung kann es nicht sein, dass ein jeder guter Christ ein Kind aus ärmeren Verhältnissen bei sich aufnimmt und als den eigenen Sohn oder die eigene Tochter großzieht. Vor allem, was würde aus dem Kind werden, wäre es nicht zum Profisportler geboren?

Es fällt sehr leicht, diese Fragen bei Blind Side nicht zu stellen, schon weil es eine Geschichte ist, die uns mit einem guten Gefühl entlässt, die Hoffnung macht und eine Perspektive bietet. Vor allem tragen Sandra Bullock als resolute Leigh Anne Tuohy und Quinton Aaron als Michael Oher den Film so routiniert, dass man nicht das Gefühl bekommt, man würde ihnen beim Schauspielern zusehen. Das erklärt vermutlich am besten Bullocks Oscar, den sie für die Rolle bekam, während sie mit ihrem Auftritt in L.A. Crash [2004] effektvoller in Erinnerung blieb. Hier spielt sie nicht nur entgegen ihrem Image, sondern nimmt so rundum Leigh Annes Wesenszüge an, dass wir Sandra Bullock darunter kaum mehr erkennen. Doch ist es letztlich die Geschichte von Michael Oher, die uns bewegt. Und das nicht, weil er eine schlimme Kindheit hinter sich hat, oder weil er als großgewachsener Junge auffällt, Ansprüche an ihn gestellt werden, die er nicht erfüllen kann. Vielmehr berührt sein Schicksal, weil er es still und introvertiert erträgt, er seine Enttäuschungen nicht in Aggression wandelt, die er wahllos an anderen auslässt. Seine einzige Unberechenbarkeit ist, dass er sich nie zu wehren scheint, sondern alles erduldet. Darum ist es uns so unangenehm wie ihm, wenn er durch die Tests in der Schule, oder später durch Fragen der Untersuchungsbeauftragten in die Ecke gedrängt wird. Nicht nur, dass wir uns mit ihm identifizieren, wir wünschen uns, dass ihm etwas Gutes widerfährt. Dass Leigh Anne Tuohy es sich zum Ziel setzt, sein Leben zum Besseren zu wenden scheint im ersten Moment wie ein Wunder und das persönliche Glück, die Zufriedenheit, die sie selbst dadurch erfährt die Lektion, die all diejenigen Menschen lernen sollten, deren Gegenfrage auf eine Bitte immer lautet "was habe ich davon?".

Wie dicht sich Blind Side letztlich daran orientiert, was tatsächlich geschehen ist, sei dahingestellt. Es gelingt den Darstellern und dem Regisseur, ein sehr authentisches Gefühl zu erzeugen, dessen hoffnungsvolle Aussage sich auf das Publikum überträgt. Dass hinter der Umsetzung letztlich nicht viel mehr steckt, als ein Sportlerdrama, das mit allen genregängigen Höhen und Tiefen daherkommt, sollte man dem Film nicht zum Vorwurf machen. Dies zurückzustellen gelingt John Lee Hancock nicht zuletzt dadurch, dass er am Ende Bilder der richtigen Tuohy-Familie samt Fotos von Michael Oher beim Footballspielen und seiner Privatlehrerin Miss Sue einblendet. Damit lässt er zumindest bis zum Ende des Abspanns die Stimmen all derjenigen verstummen, die der Meinung sind, dass eine solche Geschichte unmöglich wahr sein kann. Zweifellos ist sie es zu selten, manchmal aber doch.


Fazit:
Die ersten Erfolge sieht Leigh Anne Tuohy sofort, nachdem sie Michael Oher in ihre Familie aufgenommen hat. Es folgen die Rückschläge, die es in solchen Filmen immer gibt, ehe am Ende alles so ausgeht, wie es in solchen Filmen ausgehen muss. Dass die Geschichte, die in Blind Side erzählt wird auf Tatsachen basiert, verleiht ihr ein nicht zu leugnendes Gewicht. Die Darsteller sind es, welche die Figuren so zum Leben erwecken, dass uns kein Zweifel an ihren Absichten kommt.
Doch reduziert der Film den sozialen Hintergrund auf eine einfache Lösung, als könne man damit alles erreichen. Das ist bisweilen nicht nur naiv, sondern auch klischeehaft dargebracht. Dass es dennoch funktioniert liegt an dem positiven Gefühl, das Die große Chance vermittelt, und das auch nachwirkt, wenn der Film vorüber ist. Doch kann man sich nicht dagegen wehren, dass mit einer vielschichtigeren Herangehensweise auch ein ergreifenderer Film möglich gewesen wäre.


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