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1917 [2019]

Wertung: 5.5 von 6 Punkten  |   Kritik von Jens Adrian  |   Hinzugefügt am 27. November 2019
Genre: Kriegsfilm / Drama

Originaltitel: 1917
Laufzeit: 110 min.
Produktionsland: Großbritannien / USA
Produktionsjahr: 2019
FSK-Freigabe: noch nicht bekannt

Regie: Sam Mendes
Musik: Thomas Newman
Besetzung:
Dean-Charles Chapman, George MacKay, Mark Strong, Andrew Scott, Claire Duburcq, Colin Firth, Benedict Cumberbatch, Richard Madden, Daniel Mays, Adrian Scarborough, Jamie Parker, Elliot Baxter, Nabhaan Rizwan, Daniel McMillon, George Verrall


Kurzinhalt:

Nordfrankreich, 6. April 1917. Die deutschen Truppen haben sich beim „Unternehmen Alberich“ während des Großen Krieges von der Front zurückgezogen und eine neue Linie ein Dutzend Kilometer weiter östlich errichtet. Es hat den Anschein, als wären sie auf dem Rückzug, ein Umstand, den der britische Colonel Mackenzie (Benedict Cumberbatch) am nächsten Tag mit einer Offensive nutzen soll. Doch General Erinmore (Colin Firth) liegen Informationen vor, wonach zwei Bataillone der britischen Armee so in einen Hinterhalt geraten würden. 1.600 Soldaten könnten dem zum Opfer fallen. Da eine Kommunikation nicht möglich ist, sollen Lance Corporals Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) 15 Kilometer feindliches Terrain durchqueren und die Nachricht, den Angriff abzusagen, persönlich überbringen. Was sie in dem zerstörten Land erwartet und ob noch feindliche Soldaten stationiert sind, kann niemand sagen. Ihnen bleiben nur wenige Stunden Zeit und für Blake könnte kaum mehr auf dem Spiel stehen: Sein Bruder (Richard Madden) ist unter den Soldaten, die in den Hinterhalt geraten würden …


Kritik:
Sam Mendes’ Weltkriegsdrama 1917 ist nicht nur einer der besten Filme des Jahres und ein handwerklich beeindruckendes Meisterstück, es ist ein wichtiger Film. Die Bedeutung unterstreicht der Filmemacher mit einer Widmung am Ende selbst, wenn er das Drama um zwei Soldaten während des Ersten Weltkriegs seinem Großvater widmet, der Geschichten aus jenem Krieg erzählte. All denjenigen, die damals im Kampf für die Freiheit ihr Leben verloren oder die Schrecken überlebten, wird hier ein Denkmal gesetzt. Es ist eines der packendsten überhaupt.

Am 6. April 1917 wird der in Nordfrankreich kurz hinter der Front stationierte Lance Corporal Blake von seinem Vorgesetzten angesprochen: Er soll jemanden auswählen und sich bei General Erinmore melden. Der betraut die beiden jungen Männer mit einer gefährlichen Mission. Sie sollen rechtzeitig vor dem Morgengrauen 15 Kilometer vermutlich verlassenes, feindliches Territorium durchqueren und dem dort stationierten, britischen Befehlshaber die Nachricht überbringen, den geplanten Angriff nicht durchzuführen. Er würde mit 1.600 Männern in einen Hinterhalt der Deutschen geraten. Unter den Soldaten befindet sich auch Blakes älterer Bruder.
So beginnen Blake und Lance Corporal Schofield ihren Weg querfeldein. Über ein von Leichen, Ratten und gesprengtem Kriegsgerät getränktes Kriegsgebiet, in die Gräben und Einrichtungen der Deutschen bis hin zu den Ruinen einer französischen Stadt. Was 1917 dabei auszeichnet ist, wie Regisseur Mendes dies umsetzt – und was ihm damit gelingt.

Durch sehr lange Einstellungen und eine perfekte Schnittarbeit hat es den Eindruck, als wäre 1917 in einer langen Einstellung gedreht. So begleitet die Kamera die Figuren auf ihrem Weg durch eine Landschaft, die, wäre es nicht um einige zerstörte Bauernhöfe oder den Rauch am Horizont, stellenweise beinahe unberührt scheint. Aber sie ist auch bei ihnen, wenn sie durch Schlamm und Krater robben, an Stacheldraht vorbei oder an der Frontlinie unter Beschuss geraten. Das Tempo, das der Filmemacher durch diese unnachgiebige Umsetzung bereits nach wenigen Minuten erreicht, wenn Blake seine Befehle erhält, sorgt dafür, dass der eigene Puls spürbar schneller wird. Wie die Figuren, kann man sich nicht abwenden. Der Blick des Publikums ist dabei, abhängig vom gewählten Blickwinkel, sogar noch eingeschränkter als der der beiden Soldaten im Zentrum der Geschichte. Diese einzigartige Perspektive macht das akute Geschehen nicht nur unvorhersehbar, da das Publikum im selben Moment wie die tragenden Figuren die Situation erkennen kann und auf eventuelle Bedrohungen reagieren muss, sorgt es für eine Beklemmung, wie man sie in dieser Art Film trotz der Thematik nur selten vorfindet.

Taucht 1917 in das Kriegsgeschehen bei Nacht ein, ist es, als habe man eine andere, alptraumhafte Welt betreten. Und doch, zeigt Sam Mendes in einer der wenigen Situationen, in denen man innehalten kann, eine Szene mit einem Baby inmitten all der unmenschlichen Grausamkeit, dann scheint dies ein Zeichen der Hoffnung und der Unschuld, wie die Welt sie mit dem Großen Krieg verloren hatte. Ob sich die Ereignisse, die der Filmemacher hier beschreibt und nach dem realen Rückzug der Deutschen Streitkräfte auf die Siegfried Position im Frühjahr 1917 spielen, tatsächlich so oder ähnlich zugetragen haben, spielt am Ende keine Rolle. Der Erste Weltkrieg ist nicht in dem Ausmaß dokumentiert, wie dies bei den Kriegen seither der Fall ist. Statt minutiös wahre Ereignisse nachzuspielen, gelingt dem Regisseur, was Menschen in diesem Konflikt damals erlebt haben müssen, spürbar zu machen. Er tut dies auf eine Art, dass man sich dem Gezeigten nicht entziehen kann. Wirft man danach einen Blick auf den Kalender, muss man sich unweigerlich fragen, weshalb die Menschheit in 100 Jahren so wenig dazugelernt hat, so dass sich die Schicksale der Soldaten wie der Opfer des Krieges auch heute noch wiederholen.


Fazit:
Wie anstrengend die Dreharbeiten vor allem für die beiden Protagonisten gewesen sein müssen, mag man sich kaum vorstellen. Die langen Einstellungen lassen zumindest nicht erkennen, dass sich George MacKay und Dean-Charles Chapman nicht selbst in all jene Situationen begeben mussten. Die Besetzung, flankiert von namhaften Beteiligten wie Mark Strong, Colin Firth und Benedict Cumberbatch, ist hervorragend und verleiht dem Geschehen ebenso wie den Schicksalen eine packende Authentizität, selbst wenn die Charaktere kaum definiert werden. Die handwerkliche Umsetzung wird von einer meisterhaften Kameraführung, einem unsichtbaren Schnitt und einer beeindruckenden Musik abgerundet, von der Ausstattung ganz zu schweigen. 1917 ist nicht nur einer der besten Filme des Jahres, sondern einer der wichtigsten. Regisseur Sam Mendes wirft einen Blick auf ein Kapitel der Menschheitsgeschichte, das nicht lange genug zurückliegt, als dass seine Auswirkungen nicht mehr spürbar wären, oder die Lehren, die daraus gewonnen werden sollten, sich heutzutage widerspiegeln müssten. Doch diese Zeit und alles, was damit verbunden ist, entgleitet uns zusehends, da die letzten Zeitzeugen von uns gegangen sind. Nicht zu vergessen, das ist die Aufgabe derjenigen, die überlebten – und derer, die ihnen nachkommen. Dazu leistet 1917 nicht nur einen sehenswerten Beitrag, sondern versetzt sein Publikum unmittelbar an die Seite jener Soldaten. Greifbarer kann dies nicht geschildert werden.
 


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